Ansichten eines Informatikers

Wenn Leichen lügen und Kryptographie schlecht ist

Hadmut
17.2.2022 1:32

Noch was Historisches zur Kryptographie.

Es gibt so verschiedene Storys zu den Aktionen der Geheimdienste, die man in den Büchern über Kryptographie im zweiten Weltkrieg liest. Eine war, dass die Briten fast verraten hätten, dass sie die Enigma abhören können, weil sie übermütig wurden. Die Deutschen hatten – so genau bekomme ich es nicht mehr zu sammen, ist schon so lange her, dass ich es gelesen habe – irgendwelche Flüge über das Mittelmeer, irgendwie von Italien nach Afrika oder sowas, und immer wenn die flogen, kamen die Briten zum Luftkampf, weil die die Funksprüche abhören konnten und wussten, wann die fliegen. Radar gab es ja damals noch nicht so, das steckte noch in den Kinderschuhen. Die Deutschen nahmen an, dass die Briten den Luftraum gut beobachten.

Irgendwann gab es aber eine Panne. Die Deutschen hatten einen Flug angekündigt, konnten aber aus irgendeinem Grund nicht starten. Motorschaden oder irgendsowas. Trotzdem kamen die Briten zum Luftkampf. Da war klar, dass die Briten ihre Information nicht aus Beobachtung hatten und dass eigentlich nur das Abhören des Funkes in Betracht kam. Churchill habe getobt. Man hat deshalb einen Spion eingeschleust oder einen, den man schon eingeschleust hat, geopfert und auffliegen lassen, damit die Deutschen einen zur Hinrichtung hatten, den sie dann für den Spion hielten und eine Legende dafür hatten, wie die Briten an die Information gekommen seien, damit sie nicht drüber nachdenken, ob ihre Kryptographie schwach sei.

Man lernt einiges über Kriegstaktik in Büchern über Kryptographie. Kryptographie ist eine Kampfkunst.

Eine andere Story war die von einer Leiche, die die Briten präpariert und ins Mittelmeer geworfen haben, damit die Deutschen sie finden und für einen über Bord gegangenen Offizier halten, und gleichzeitig Falschinformationen über bewusst schlechte Kryptographie verbreiteten.

Gerade finde ich in der WELT einen Artikel über genau diesen Vorgang: Unbekannte Leiche half bei der Landung auf Sizilien

Doch weil die strategische Bedeutung Siziliens unübersehbar war und auch dem deutschen Oberbefehlshaber Süd, Generalfeldmarschall Albert Kesselring, auffallen musste, unternahmen die Alliierten einiges, um ihre Absicht zu kaschieren.

Über verschiedene Kanäle spielte der britische Geheimdienst dem Amt Abwehr Informationen zu, es werde zunächst einen Ablenkungsangriff auf Sizilien oder Griechenland geben, wenig später aber den Hauptschlag gegen Sardinien und Korsika. Das Ziel der alliierten Truppen sei es, so rasch wie möglich französischen Boden zu befreien. Darauf, so ließ ein umgedrehter Agent durchsickern, dränge vor allem der General Charles de Gaulle, die „Nervensäge“.

Um diesen Eindruck beim deutschen strategischen Geheimdienst zu stützen, startete der MI 6 eine gewagte Aktion. Ein Toter aus einem Londoner Leichenschauhaus wurde als vermeintlicher britischer Stabsoffizier ausstaffiert. An die Leiche wurde ein Koffer gekettet, in dem sich täuschend echt wirkende Briefe mit dezenten Andeutungen auf Sardinien und Südfrankreich befanden. Schließlich warf ein U-Boot vor der katalanischen Küste den Köder ins Wasser. Gleichzeitig lancierte der Geheimdienst „versehentlich“ schlecht verschlüsselte Funksprüche, die von der Suche nach einem vermissten Kurier im Mittelmeerraum handelten.

Die Leiche des vermeintliche Majors William Martin wurde an die Küste des neutralen Spaniens gespült und mit einigen Tagen Verspätung dem britischen Militärattaché übergeben. Doch die Unterlagen, die er bei sich gehabt hatte, waren von den prodeutschen spanischen Behörden fotografiert und dem deutschen Attaché übergeben worden.

Damit war die falsche Fährte gelegt. Entsprechend glaubten die deutschen Stäbe, die Eroberung der Pelagischen Inseln und der etwas größeren Inselfestung Pantelleria sei nur ein Täuschungsmanöver. Vor allem die massiv ausgebaute Stellung Pantelleria war zuvor intensiv bombardiert worden.

Am letzten Tag, dem 10. Juni 1943, mussten die Bomber sogar Warteschleifen drehen, bis sie ihre tödliche Fracht abladen konnten – so viele Maschinen waren im Einsatz. Als dann britische Truppen am 11. Juni landeten, waren die etwa 11.000 Italiener und Deutschen in der Festung derartig verstört, dass sie umgehend kapitulierten.

Kryptographie ist nicht nur Mathematik.

Kryptographie ist auch Kampftaktik, die Kampfkunst von der Information.

Man lernt dabei einiges, was auch für die moderne Politik und die modernen Medien noch gilt.

Vor allem aber gab es damals viele Vorgänge, die, wenn man sie heute beschriebe, von Politik und Medien als „Verschwörungstheorie“ oder in Sozioschwätz als „Verschwörungserzählung“ abgetan werden.

Eine Lehre aus der Kryptographie ist, dass es weit mehr Verschwörungen gibt und gab als Ehrliche.