Hadmut Danisch

Ansichten eines Informatikers

„Was ist, wenn Gott existiert?“

Hadmut
30.12.2021 13:50

Leser fragen – Danisch antwortet.

Eigentlich hatte ich diesen Blogartikel vor Weihnachten geschrieben, ihn dann aber doch bis nach Weihnachten liegen gelassen, weil ja nicht alle Weihnachten nur als Konsum-, Fress- und Familienkrachorgie feiern, sondern es manche noch als religiöses Ding betrachten. Zum Jahresendaufräumen muss es aber nun raus.

Ein Leser mäkelte zu meinen Ausführungen zum Gehirn:

Hallo Herr Danisch,

es ist schön, daß Sie sich mit dieser Fragestellung beschäftigen, wenn auch etwas begrenzt, denn einen wesentlichen Punkt lassen Sie außer acht: Was ist wenn Gott existiert?

Ich antworte in mehreren Schritten.

Die Unsinnigkeit der Frage

Nur weil etwas als Frage formuliert ist und ein Fragezeichen am Ende trägt, ist es noch lange keine sinnvolle Frage, deren Sinnverantwortung man auf den Gefragten abwälzen kann. Es ist grundsätzlich abzulehnen, wenn einer unsinnige Fragen stellen, die er sich nicht überlegt hat, um dann die Unklarheit seiner Frage dem Befragten anzulasten oder als Klärungsbedarf aufzubürden.

Es ist unsinnig, sich einfach willkürlich irgendetwas auszudenken, was weder greifbar definiert ist, also nicht mal die Frage verständlich ist, noch es irgendeinen Gedankengang dorthin gibt, den der Befragte zum Gegenstand seiner Überlegung machen könnte.

Die Frage ist so sinnvoll, wie die Frage, was wäre, wenn es morgen den ganzen Tag lang die Zahl 57 regnete.

Oder was wäre, wenn es in einer für uns unsichtbaren Parallelwelt ein Meer aus Käsefondue gäbe.

Oder: 42.

Man kann aus einer falschen Annahme auch keine korrekten, höchstens folgerichtigen Schlussfolgerungen ziehen (dazu unten weiter).

Anders gesagt: Auf eine völlig willkürliche, unsinnige, nicht gedanklich greifbare Frage kann man genauso gar nichts wie jede beliebige Antwort geben.

Ich könnte also sagen, dass wenn es einen Gott gäbe, wir einen verstimmtes Jodeln hören würden. Oder dann 57=192 wäre. Oder das ZDF gutes Fernsehen machen würde.

Die Frage ist so willkürlich und so unscharf, dass man jede x-beliebige Antwort geben kann. Dann wäre blau = Gurke + *Pfeifton*

Wenn man einfach willkürlich unterstellt, dass es „Gott“ gäbe, der sich jeglicher Definition, jeder messbaren, greifbaren Wirkung entzieht, der Beliebigkeit der nicht mitgeteilten eigenen Vorstellung unterliegt, dann kann man so willkürlich antworten, und auch nichts widerlegen.

Die Antwort ist deshalb einfach: Dann gibt es keine Donnerstage mehr.

Vereinfacht: Wenn das Konzept Gott so ist, dass man effektiv gar nichts über ihn weiß, wie soll dann ein „was wäre wenn“ oder „was wäre wenn nicht“ möglich sein?

Anders gesagt: Sag’ erst mal, was „Gott“ eigentlich sein soll, dann sage ich, was wäre, wenn er existierte.

Die temporale Mehrdeutigkeit

Schaut man sich den allgemeinen Sprachgebrauch an, gibt es funktional nicht einen, sondern drei verschiedene Götter:

  • Den Schöpfer und Erschaffer der Welt in der Vergangenheit.
  • Den heimlich Lenker und Fädenzieher der Gegenwart.
  • Den bösartigen Richter nach dem Leben in der Zukunft.

Vom Schöpfer und Erschaffer hat man nichts mehr gehört. Hat sich verdrückt wie ein Kindsvater, der den Unterhalt nicht zahlt. Vielleicht existiert der gar nicht mehr. Oder interessiert sich nicht mehr für uns. Vielleicht sind wir ein Fehlentwurf, der im Müll gelandet ist. Vielleicht macht dem das Spaß, ständig neue zu schaffen und zu vergessen. Wie eine Schildkröte, die Eier legt und sich dann nicht mehr darum kümmert. Worauf beruht die Annahme, dass ein Schöpfer unsterblich ist oder selbst noch lebt?

Vielleicht waren das ja auch nur ein paar versoffene Typen, die hier auf der Erde angehalten haben um zu feiern und ihre Bierdosen in die Landschaft geworfen und dabei Aminosäuren hinterlassen haben? Vielleicht sind wir keine Schöpfung, sondern ein Wucherprodukt einer Umweltverschmutzung?

Was wäre, wenn es einen Fädenzieher der Gegenwart gäbe? Dann wäre alles jetzt so, wie es jetzt ist. Sonst nichts. Nicht mehr, nicht weniger. Vor allem ist dann die Frage an den Falschen gestellt. Dann müsste man den nach dem Danisch fragen und nicht mich nach Gott, wenn ich doch dessen Marionette wäre.

Der große Richter nach dem Ende des Lebens? Der allmächtig ist und alles lenkt, und mich dann dafür bestraft, dass ich von ihm gelenkt werde? Dann könnte man eh nichts dran ändern.

Warum sollte aus der Existenz eines Gottes meine Unsterblichkeit in Form eines Lebens nach dem Tod mit ewiger Verantwortlichkeit für die Einhaltung mir nicht mitgeteilter Regeln folgen? Welches auch nur entfernt positive Interesse sollte der haben, mich als unsterblich, als ewig existierend zu erschaffen, um mich dann für alle Ewigkeiten in der Hölle braten zu lassen? Die Verbindung erschließt sich mir nicht.

Der Komplexitätswiderspruch / Das Iterationsproblem

Wäre Gott ein Wesen von höherer oder niedrigerer Komplexität als der Mensch?

Wenn von höherer: Wenn man annimmt, dass es einen Gott geben muss, weil ein Wesen von unserer Komplexität nicht selbst entstanden sein kann, wie könnte dann Gott entstanden sein, ohne seinerseits seinen Schöpfer zu haben. Sollte man dann Gott oder des Gottes Gott anbeten? Und so weiter. Es wäre eine unendliche Iteration, eine unendliche Kette, deren Ende und damit den anzubetenden Gott man nicht finden kann.

Wenn er von geringerer Komplexität wäre: Wer ist dann hier Ober und Unter?

Das Identitätsproblem

Wenn man unterstellt, dass es einen Gott geben muss, woher weiß man dann, dass das nicht wir selbst sind?

Es wird nicht mehr lange dauern, und wir werden in der Lage sein, synthetisches biologisches Leben zu schaffen, selbst Proteine, Zellen und so weiter zu synthetisieren, Lebewesen zu erschaffen, die nicht unserer Welt entstammen und die nicht evolutionär entstanden sind. Die vielleicht in der Lage sind, in der Wüste oder sogar auf dem Mond oder Mars zu wachsen und Nähr- oder Baustoffe zu liefern oder dergleichen. Vielleicht erst mal mit Bakterien, Pilzen, Pflanzen anfangen. Oder was Selbsterfundenem, was nicht in diese Gattung passt.

Steht ja auch nirgens festgeschrieben, dass Leben unbedingt auf Kohlenstoffchemie beruhen muss, könnte ja auch ein simuliertes Bewusstsein sein. Parallelrechner habe ich auch schon gebaut.

Und dann?

Sind dann nicht per Definition wir die Götter?

Anders gefragt:

Angenommen, wir würden es schaffen, irgendein Forscher würde es schaffen, irgendwelche Moleküle, irgendwelche Aminosäuren, Proteine zu basteln, die es bisher nicht gab und die der Evolution nicht zuzuschreiben sind, und die anfangen, sich zu reproduzieren und zu organisieren. Anfang des Lebens.

Angenommen weiter, jener Wissenschaftler würde dabei erwischt, wie er zu seiner Petrischale brüllt „Ich bin der Herr, Dein Gott!“, irgendwelche Regeln diktieren und verlangen würde, ihn anzubeten. Den würden wir doch zeitnah einfangen und abholen. Oder?

Das Religionsproblem

Aus der Existenz eines Gottes folgt noch lange nicht dessen Göttlichkeit.

Wenn es einen Schöpfer gibt, ist das noch lange kein Grund, ihn anzubeten. Vor allem nicht, wenn man nicht weiß, ob er überhaupt noch da ist.

Ein zentraler Denkfehler der Religiösen ist, dass die Existenz eines Gottes, eines Schöpfers nicht die Konsequenz einer Religion nach sich zieht. Der Hauptdenkfehler liegt nicht darin, die Existenz eines Gottes zu unterstellen, sondern jene Schlüsse daraus zu ziehen, in denen sich der Glaube an Gott manifestiert.

Wenn es einen heimlichen Fädenzieher im Hintergrund gibt, sind wir ohnehin aus dem Schneider, weil ja dann er und nicht wir unser Handeln steuert, wir ja gar nicht darüber bestimmen können.

Anders gesagt: Gott ist kein Grund, religiös zu sein.

Er hätte ja auch nichts davon. Selbst dann, wenn es Gott gäbe, würde das nichts daran ändern, dass Religion reine Selbstbefriedigung und ein Produkt der rechten Hirnhälfte ist. Selbst wenn Gott existierte, wäre er trotzdem nur eine Ausrede, ein Vorwand für Religion. Und die „Vertreter Gottes auf Erden“ trotzdem nur Hochstapler, deren Mandat nicht belegt ist.

Wieder anders gesagt: Warum sollte man sich dann religiös verhalten und auf den Papst reinfallen? Selbst wenn man einen Enkel hat, folgt daraus ja nicht, auf jeden hereinzufallen, der kommt, sich als Vertreter seines Enkels ausgibt und Geld haben will. Selbst wenn es einen Gott gibt, sind die Religionsstrukturen trotzdem nahe am Enkeltrick.

Meine Antwort

Was wäre, wenn es Gott gäbe?

Die Antwort: Nichts.

Einfach nichts.

Es würde nichts ändern, keinerlei Unterschied machen. Es wäre völlig egal.

Warum?

Das ergibt sich aus den notwendigen Eigenschaften, die Gott haben müsste, um überhaupt existieren zu können.

Denn er soll sich ja jeder Definition, jeder Auffindbarkeit, jeder Erkennbarkeit, jeder Greifbarkeit, jeder Wirkungsfindung entziehen. Wenn wir ihn aber nicht finden, nicht messen, nicht als Wirklichkeit empirisch wirken lassen können – dann kann er eben auch keine Auswirkung haben. Das Konzept Gott ist so weit hergeholt, müsste auf solchen jeglicher Wechselwirkung mit uns entzogenen Eigenschaften beruhen, dass er auch keine Relevanz aufweisen kann. Die Vorstellung eines Gottes ist so abstrakt, so inhaltlos, so aussagelos, so eigenschaftslos, so unterschiedslos, dass aus seiner Existenz einfach nichts folgen würde. Die Vorstellung ist so ausgedünnt, so jeder Substanz enthoben, dass es keine Wirkung haben kann. Worin sollte sich seine Existenz manifestieren, wenn ja überhaupt nichts an ihm dran ist?

Selbst wenn ein allmächtiger Gott existierte, der die Welt geschaffen hat, der uns, unsere Gehirne geschaffen hat, würde das nicht dazu führen, dass unsere Vorstellung, unsere Religion deckungsgleich ist, auf ihn zutrifft. Es würde nicht zur Richtigkeit von Religion führen. Religion wäre selbst dann noch nur ein Produkt unserer rechten Gehirnhälfte, wenn dieses Gehirn von Gott geschaffen wäre.

Vereinfacht gesagt: Aus der hypothetischen Existenz Gottes folgt nicht, an ihn zu glauben, es folgt nicht Religion daraus. Es folgt einfach gar nichts daraus. Gott taugt nicht als Begründung für Religion.

Es folgt aber als Verhaltenskonsequenz daraus, sich einfach genauso zu verhalten, als ob es ihn nicht gäbe. Das hat dann den Vorteil, dass es in beiden Fällen richtig ist.