Hadmut Danisch

Ansichten eines Informatikers

Amygdala-Gesänge

Hadmut
30.12.2021 13:38

Von Hirn und Schwanz. Und einem Lied, das mir gerade durch den Kopf geht.

Die Zuschriften reißen nicht ab.

Die einen loben mich, die anderen machen mir Vorwürfe.

Manche sind einfach beleidigend.

Manche werfen mir vor, dass ich mich nicht mit allem was ich habe, reinwerfe, um mich in das Thema Corona „einzuarbeiten“. Mal abgesehen davon, dass ich es als Affront auffasse, wenn andere Leute darüber bestimmen wollen, wie ich meine Lebenszeit zu verwenden habe, und woher ich die Zeit noch nehmen soll, da ich ja jetzt schon 7 Tage die Woche, praktisch 365 Tage im Jahr und oft bis morgens um 3 oder 4 am Blog arbeite, jetzt auch noch damit zu beschäftigen (zumal man ja vor gar nicht allzu langer Zeit noch von mir verlangte, mich in „Klima“ „einzuarbeiten“), obwohl ich mit 55 langsam endlich mal damit aufhören wollte, mich ständig und unentwegt irgendwo „einzuarbeiten“, erstaunt mich die Leichtfertigkeit, mit der die Leute den Begriff „einarbeiten“ verwenden. Man kann sich in eine Software einarbeiten. Oder, wenn man schon programmieren kann und nicht grundsätzlich etwas lernen muss, in eine Programmiersprache. „Einarbeiten“ setzt aber immer voraus, dass man die Sache dem Grunde nach schon kennt und sich nur an eine spezielle Inkarnation von irgendwas adaptieren muss. Einarbeiten und Lernen sind zwei grundsätzlich unterschiedliche Dinge. Man kann sich in Virologie nicht „einarbeiten“. Das muss man lernen und studieren. Schon die Wahl des Begriffs offenbart die Oberflächlichkeit im Umgang.

Manche bewegen sich auf der kriegerischen Ebene. Verwenden Floskeln wie „Feigheit vor dem Feind“ und „Schwanz einkneifen“. Ob ausgerechnet ich mir Feigheit vorwerfen lassen müsste, sei dahingestellt. Anzugreifen und zu schießen, bevor man den Krieg verstanden hat, ist für gewöhnlich keine gute Wahl.

Dann gibt es noch die, die mir irgendeine Webseite (nicht selten deren eigene) als „Einstieg“ empfehlen, auf dass ich einfach wiederhole, was sie schon schrieben, und was sie selbst auch nur selektiv von anderen abschrieben. So entstehen dann diese Abschreibe-Ketten, wie man sie von den Geisteswissenschaftlern kennt, in denen jeder für wahr hält, wofür er eine Quelle angeben kann, die es wieder von irgendwem abgeschrieben hat. Evidenz durch Abschreibequantität, dazu dann noch jedesmal selektive Wahrnehmung, ein paar Übersetzungsfehler und noch ein dicker confirmation bias.

Dann gibt es die Diagnostiker, die mir eine tiefe Verzweiflung attestieren wollen. Worüber ich verzweifelt sein solle, bleibt unklar, zumal mir manche, manchmal sogar dieselben, sogar vorwerfen, die ganze Sache nicht ernst genug zu nehmen. Ich sei also zutiefst verzweifelt über etwas, was ich nicht ernst nähme.

Und so viele Bekundungen, wie „enttäuscht“ (oder ähnliches) man doch von mir sei. Man hätte sich doch von mir versprochen, dass ich – und niemand sei dazu so in der Lage wie ich, heißt es immer wieder – die Sache untersuche und analysiere. Komischerweise verbinden die Leute mit der an sich ja schmeichelhaften Erwartungshaltung an mich, dass ich der bin, der etwas analysiert, dass ich dabei zu dem vorgegebenen Ergebnis komme, das Resultat der Analyse also längst feststehe. Die Variante „Ich analysiere ja, aber ich bin noch nicht fertig und noch zu keinem klaren Ergebnis gekommen“ ist in der Analyseerwartung nicht vorgesehen.

Dann gibt es die, die mir Verschwörungsblindheit vorwerfen. Ob ich nicht sähe, was da läuft.

Was ich für frappierend halte, denn damit, „was da läuft“, beschäftigen sich doch schon alle. Wozu braucht man da mich noch?

Ausgerechnet die, die da die große Verschwörung und Diktatur am Werk sehen, ausgerechnet die begeben sich in den totalen Corona-Tunnelblick und sehen sonst nichts mehr. Auf die Idee, dass die Pandemie nicht die Verschwörung, sondern das Ablenkungsmanöver von der Verschwörung sein könnte, kommen sie nicht.

Anders gesagt: All die Krieger, Mahner, Menschen- und Bürgerrechtler und Verschwörungswarner kann man ganz einfach blind, taub und ruhig stellen, indem man ihnen mit ein paar Spritzen vor der Nase rumwedelt. Man muss nur „Impfpflicht!“ rufen und schon kümmern die sich um nichts anderes mehr.

Schon mal auf die Idee gekommen, dass man damit – wie bei jedem Zaubertrick – auch die Aufmerksamkeit lenken kann?

Apropos Spritzen: Als kleines Kind habe ich mal bei einer Ärztin irgendeine Spritze bekommen. Die machten da vorne ein Mords-Brimborium, um die Spritze vorzubereiten und Pi Pa Po zur Erklärung, was jetzt alles kommt, und während man zur Ablenkung vorne guckte, was die denn da treiben und vorbereiten und welche Nadel die da rausholen, hatte man von hinten längst eine Spritze im Hintern, bevor man es überhaupt gemerkt hat. Und dann groß „Auf drei! Eins … Zwei … ist schon längst passiert … schon fertig!“

Wie Kaninchen und Schlange. Zeige den Leuten die Nadel, und sie sehen sonst nichts mehr. Und dann werfen mir einige vor, ich sei der Hypnose erlegen. Gerade, weil ich noch auf anderes als nur diese Spritze achte.

In meiner Jugend habe ich Hühner hypnotisiert. Mein Vater meinte, sie hätten das als Kinder mit einem Kreidestrich auf dem Schnabel gemacht, aber ich habe herausgefunden, dass eine Handbewegung reicht, sich nämlich mit dem gestreckten Zeigefinger gerade auf die Schnabelspitze zuzubewegen, und die Hühner dadurch dazu zu bringen, dass sie das, was ein Angreifer sein könnte, mit den Augen fixieren und dabei in so eine Art Schielen geraten, weil sie auf die Fingerspitze gucken, aus dem sie von selbst nicht mehr rauskommen. Indem man ihre ganze Aufmerksamkeit auf eine einzelne Sache konzentriert, kann man ihre Warnehmung für alles andere abschalten. Man kann die dann wie ein ausgestopftes Huhn einfach hochnehmen und woanders hinstellen. Die sind steif. Die bleiben so, bis man sie durch einen anderen starken Reiz (schütteln, kitzeln, die Flügel aufziehen) „weckt“.

„Sag’ mir, wo Du stehst!“

Wisst Ihr, was mir dabei die ganze Zeit durch den Kopf geht?

„Sag’ mir, wo Du stehst!“

Agitationslied der DDR. Hört sich so an. Es gab mal eine bessere Version auf Youtube mit einem Original-DDR-Video dazu, aber das hat man wohl aus Urhebergründen gelöscht.

Die Leute sind mit dem beschäftigt, was ich so oft schreibe: Die Amygdala sortiert nach Freund und Feind, und will deshalb von jedem ein Gesinnungsbekenntnis, eine Rudelerklärung. Und da haben mich wohl manche als zu ihrem Rudel gehörig angesehen und sind nun „enttäuscht“, weil ich nicht das passende Gesinnungsbekenntnis abgebe, sondern sage, dass ich da noch nicht klar sehe.

Das würde dann auch erklären, warum Leute von mir erwarten, dass ich rezitiere, was andere da schon geschrieben haben.

„Sag’ mir, wo Du stehst!“