Hadmut Danisch

Ansichten eines Informatikers

Mensch, Roboter, Politiker, Amygdala

Hadmut
7.12.2021 16:53

Leser fragen – Danisch gruselt sich.

Eine Firma namens „Ameca“ hat einen Roboter gebaut (oder vielleicht heißt auch der Roboter und nicht die Firma so), von dem es heißt, dass er menschliche Mimik und Gestik nahezu perfekt, geradezu gruselig tut beherrsche.

(Der hintere Roboter im blauen Pullover sieht noch echter aus.)

Der Leser meint

die aufwendige Bearbeitung von Videos von Politikern, um ihnen etwas anderes in den Mund zu legen bzw. sagen zu lassen, wird bald nicht mehr nötig sein, wenn das Ergebnis des verlinkten Videos weiter entwickelt wird. Dann kann man vielleicht auch nicht mehr erkennen, ob der Politiker bei einem Life Auftritt echt ist oder nicht.

Gut, das war jetzt eigentlich keine Frage, aber genau den Verdacht habe ich bei Joe Biden schon die ganze Zeit.

Und wenn ich mir diesen Roboter anschaue, und mir vorstelle, dass man den richtig anzieht und hautfarben macht, es einigen Zeitgenossen schon gar nicht mehr auffallen würde, dass der nicht echt ist, vor allem, wenn das nur kurze Interaktionen sind, beispielsweise einem jemand zuwinkt, jemanden hereinwinkt oder sowas. Beispielsweise in einem Schaufenster, in der Werbung. Ich war ja gerade auf der Expo, und da hätte ich schon jede Menge Einsatzmöglichkeiten gesehen, zumal die ja ohnehin schon alle die meisten Medientechniken einsetzen. Ich hatte ja erzählt, dass die häufig die Besucherströme begrenzen, indem die die Leute erst mal in ein Minikino setzen, um sich ein Filmchen anzusehen, und damit mit Sitzplätzen pro Filmlaufzeit den Durchsatz begrenzen, ohne dass man das so richtig wahrnimmt. Da laufen die immer selben Abläufe über 6 Monate lang alle x Minuten ab. Da könnte man auch einen Erklärroboter aufstellen, der die Leute draußen in der Warteschlange unterhält.

Kritisch wird das natürlich dann, wenn es zu verwechslungen kommt.

Wäre ich Drehbuchautor bei Columbo und würden die die noch drehen, würde ich eine Folge schreiben, wo der Mörder sei Alibi bekommt, indem in der Robotoer irgendwo vertritt, beispielsweise auf einer Bühne vor Publikum.

Man könnte sowas auch in ein Auto einbauen und dann als Queen ins Publikum winken lassen. Von der Sissi hieß es ja, sie sei eine launische Zicke gewesen, und immer dann, wenn sie gerade mal wieder zu nichts zu gebrauchen war, habe ihr Gatte, der Kaiser, halt die Friseuse in ein Kleid stecken lassen, damit sie neben ihm auf dem Balkon steht und dem Volk zuwinkt.

Oder als Corona-Double, wenn der „echte“ (oder wer auch immer) in irgendeinem Studio steht und „live“ spricht und sich bewegt, und das in quasi-Echtzeit übertragen wird.

Grusel

Warum wirkt das auf manche so gruselig?

Ich vermute, dass das schon wieder mal mit den verschiedenen Gehirnteilen zu tun hat. Der rationale Teil sagt, dass ist ein Roboter mit einem Stück Gummi drüber. Der Sozialteil mit dem Pattern-Matcher erkennt dagegen „freundlicher Mensch“.

Ein ähnlicher Effekt, wie ich ihn vom dem schon oft erwähnten Telefonat mit einem Zwitter erwähnt hatte, wo ich bemerkte, dass das Gehirn sich entscheiden will, aber nicht kann, ob ich mit einer Frau oder einem Mann spreche. Oder bei der Seekrankheit, wo verschiedene Sinnesorgane unterschiedliche Bewegungen melden, die sich nicht in Einklang bringen lassen und deshalb als Vergiftungssymptom (spuck…) gewertet werden.

Interressant wird die Sache freilich besonders dann, wenn die über die echten menschlichen Fähigkeiten hinauskommen und dem Ding beibringen, mittem im Satz die Mimik zwischen Mann und Frau oder zwischen den Ethnien zu wechseln, von Afrikaner auf Asiatin umzuschalten.

Gefahr

Ich erinnere wieder mal an den parasozialen Effekt, der auch Nachrichtensprechern eine Vertrauenswürdigkeit verleiht, weil man sie „kennt“.

Ein Problem ist nämlich, dass man damit tausende von Robotern fertigen kann, die immer gleich aussehen, die wir nicht unterscheiden können, die uns überall als bekannt begegnen. Prinzip: Ronald McDonald.

Stellt Euch mal vor, in jedem Restaurant einer Kette auf der Welt würde überall derselbe Typ stehen, Euer alter Kumpel X, der Euch biometrisch am Gesicht oder am Handy in der Tasche erkennt und persönlich in Eurer Sprache begrüßt und Eure bevorzugten Gerichte kennt und anbietet, Lieblingsmusik spielt und gleich noch an Termine und Sonderangebote erinnert.

Andererseits brauchen wir sowas vielleicht bald gegen den Lehrermangel.

Vor knapp 45 Jahren ist das Gymnasium, auf dem ich damals war, von einer uralten Lehranstalt mit diesen alten Sitzbänken mit Loch für’s Tintenfass, wie man sie aus der Feuerzangenbowle noch kannte, in das damals topmoderne Bildungszentrum umgezogen.

Was war daran so modern?

Wir hatten „Medientische“: Man konnte den Lehrertisch aufschließen und einen Teil öffnen, indem man die Abdeckplatte aufschieben konnte, und dann einen Overhead-Projektor (damals medientechnisch top modern) aus der Versenkung holen, so ähnlich, wie sie im Planetarium den Projektor zu Also sprach Zarathustra aus dem Boden fahren lassen. Etwas albern, aber hat sich mir eingeprägt. Was man in den 70ern eben so unter Multimedia verstand. Lehrertisch mit eingebauter Steckdose.

Ach ja, an der anderen Schule (musste mal wegen Umzugs wechseln) hatten sie einen Rollschrank mit Videokrekorder und Fernseher oben drauf. Einen. Damit haben wir dann Filme auf Englisch gesehen, wenn die Lehrerin gerade mal wieder keinen Bock auf Unterricht hatte oder sonstwie indisponiert oder nicht einsatztauglich war. Im Prinzip schon Lehrerersatztechnik.

Künftig kann man dann bei Fehlstunden des Lehrers dann den Ersatzlehrer als Roboter aus dem Lehrertisch hochfahren lassen.