Hadmut Danisch

Ansichten eines Informatikers

GLSL: Gute Linke – Schlechte Linke

Hadmut
17.10.2021 16:06

Ein Leser moppert:

Meine Eltern zogen Anfang der 90er aus der Sowjetunion (aus dem “sozialistischen Lager”) wegen der Perestroika mangels Alternativen dort nach Deutschland (mein Vater ist Russlanddeutscher und hat Familie hier), ich wurde kurz darauf in Berlin geboren und bin hier in sozial-konservativen Familienverhältnissen aufgewachsen – Gender, Grüne und Hartz IV kommen uns nicht ins Haus, aber z.B. Frau Wagenknecht oder auch die späte humanistische Bildung und Kultur der SU und der DDR werden geschätzt.

Obwohl ich generell Ihre Artikel und Ihre mit uns geteilten Karriere-Erfahrungen und die Einsichten in den Verfall unseres Staates und der Köpfe unserer Mitmenschen schätze, irritiert und stößt mir zuweilen sauer auf, wie Sie alle Linken, “Linken” und Rechten in einen Topf zu werfen scheinen. Mir kommt oft der Gedanke – no hard feelings – dass aus Ihnen der gutbürgerlich sozialisierte Westdeutsche, der sozusagen mit weit durch Anglo-Kulturprägung verrücktem Overton-Fenster (“Red Scare”) anerzogen blind ist gegenüber den Unterschieden zwischen finanzgesteuerten “linken” Gesellschaftsspaltern und Farbrevolutionären (“Trotzkisten” und “Hippies” von gestern, der “grüne Welt-Yuppie” und “Antifant” von heute) und national orientierten, konstruktiven Patrioten linker und rechter Art (im Sinne der Sitzordnung in der französischen Abgeordnetenkammer von 1814).

Nein. Jedenfalls nicht so.

Das kommt dem Leser nur so vor.

Das hat vor allem mathematische und prädikatenlogische Gründe.

Wie schon oft beschreiben, betrachte ich die politischen Lager nicht in kartesischen Koordinaten (entlang einer Geraden oder Fläche oder wie), sondern in Polarkoordinaten. Es gibt eine gesunde Mitte, und dann die politischen Ideologen, die sich nach Entfernung und Winkel zum Nullpunkt unterscheiden. Wobei sich der Winkel zugegebenermaßen auf das Vorzeichen reduziert, solange man im Eindimensionalen bleibt. Ich sagte ja schon oft, dass ich Rechte und Linke für das gleiche halte, nur mit parametrischen Unterschieden.

Daraus ergibt sich zwingend und unausweichlich eine Dichotomie, nämlich innerhalb des gesunden Innenkreises oder eben nicht.

Dichotomien sind, und das ist auch das Problem der Gender-Fraktion, immer da und unvermeidlich, weil jede beliebige Eigenschaft danach unterteilt, ob man sie hat oder nicht. Jedes Prädikat hat eine Komplementärmenge. Das ist zwar ein bisschen vereinfacht gesagt, weil das nicht in jedem Fall entscheidbar und/oder aufzählbar ist, da kommen wir dann in verschiedene Komplexitäts- und Unendlichkeitsklassen, beispielsweise bei der Unterscheidung zwischen rationalen und irrationalen Zahlen. Und die irrationalen Zahlen beschweren sich ja auch nicht, in einen Topf geworfen zu werden.

Oder anders gesagt: Logik ist nicht gerecht oder angenehm.

Zumal ich die ja auch nicht in einen Topf werfe, sondern bei Bedarf durchaus etwa in Leninisten, Maoisten und Nationalsozialisten weiter unterteile. Oder in Differenz- oder Gleichzeitsfeministen. Ich neige nur dazu, nicht alles, was ich jemals geschrieben habe, in jedem neuen Blogartikel zur Erinnerung zu wiederholen. Manchmal unterscheide ich Trotzkisten. Manchmal nicht.

Mir fehlt da aber auch etwas das Verständnis für die Klage, denn unsereiner muss sich ja auch immer in die große Nazi-Tonne werfen lassen. Ich werde ja auch grundsätzlich und ohne Begründung als „rechtsextremer Blogger“ tituliert, falls man mich überhaupt erwähnt (nie mit Namen, wie bei Voldemort, sondern so „ihr wisst schon wer…“). Jemals schon mal was von einer anderen Abstufung als „extrem“ gelesen? Wurde jemals schon mal irgendwie jemand einfach nur als kritisch, unzufrieden, verärgert, irgendwas unterhalb von Wutbürger, oder vielleicht als leichtsrechts, mildrechts, manchmal rechts oder sowas beschrieben?

Der Punkt ist aber auch, dass ich irgendwann mal zu Potte kommen muss. Ein typischer rhetorischer Trick, vom anderen so lange Differenzierung zu fordern, bis sich dessen Aussage völlig zerfasert hat und der vor lauter Differenzierung nicht mehr dazu kommt, zu sagen, was zu sagen wäre. Der typische Einwand „da muss man differenzieren“ führt praktisch immer dazu, dass gar nichts mehr übrig bleibt, weil der Vorwurf zu spezialisiert wird. Zu einzelfallig.

Ich sehe da aber auch nicht ein, stärker zu differenzieren als der Sache nach angemessen. Wenn Linke zusammen rumlinksen, dann kann man sie auch in eine Tonne packen. Mitgegangen, mitgehangen.

Ich betrachte es dann aber auch irgendwo nicht als meine Aufgabe, das große irre-wirre Durcheinander der Linken zu ordnen und ihnen ein Ordnungsschema zu verleihen um sie selektiv von meiner Kritik zu verschonen. Das sollen sie dann schon selbst machen und sich selbst differenzen, distanzieren, abgrenzen.

Fehlte gerade noch, dass ich Linken ihren ideologischen Saustall aufräume. Ich gehe ja auch nicht rum und räume denen die Wohnung auf.

Deshalb spiele ich den Ball zurück: Differenzieren müsste Ihr Euch schon selbst.

Und wenn Ihr mit anderen nicht in einen Topf geworfen werden wollt, dann müsst Ihr Euch halt unterscheiden.

Und so nebenbei bemerkt: Wenn mich jemand schon mit

Mir kommt oft der Gedanke – no hard feelings – dass aus Ihnen der gutbürgerlich sozialisierte Westdeutsche, der sozusagen mit weit durch Anglo-Kulturprägung verrücktem Overton-Fenster (“Red Scare”) anerzogen blind ist gegenüber den Unterschieden zwischen finanzgesteuerten “linken” Gesellschaftsspaltern und Farbrevolutionären (“Trotzkisten” und “Hippies” von gestern, der “grüne Welt-Yuppie” und “Antifant” von heute) und national orientierten, konstruktiven Patrioten linker und rechter Art (im Sinne der Sitzordnung in der französischen Abgeordnetenkammer von 1814).

an- und beschreibt, dann ist er in der richtigen Tonne.

Davon abgesehen habe ich schon oft beschrieben, dass die Sitzordnung und die Unterscheidung „rechts“ und „links“ nur ein rhetorischer Trick ist, um eine Unterschiedlichkeit, Gegensätzlichkeit zu suggerieren. Da werde ich doch nicht selber drauf reinfallen.