Hadmut Danisch

Ansichten eines Informatikers

Taschenuhr

Hadmut
3.10.2021 17:18

Mir kam gerade ein Gedanke. [Korrektur: Kienzle, nicht Junghans]

Beim Rumzappen im ZDF auf „Bares für Rares“ gekommen. Man hat den Eindruck, dass im ZDF nur noch Bares für Rares und Kochshows laufen. Zwei Frauen verkaufen zwei goldene Taschenuhren von 19hunderirgendwas.

Mir ging so durch den Kopf, dass es in meiner Jugend noch Taschenuhren gab. Und Westen mit Uhrentäschchen. Man trug auch Kette, als Schmuck und damit man sie nicht verliert. Irgendwo glaube ich mal gelesen zu haben, dass die kleine, fünfte Tasche, die bei Jeans in der rechten Hosentasche eingelassen ist, eine Taschenuhrtasche war. Tatsächlich:

Wer schon mal einen Westernfilm gesehen hat, weiß, dass die Taschenuhr neben dem Colt einst das wichtigste Accessoire des Mannes war. Meist verstauten Cowboys, Arbeiter und Co. ihren Zeitmesser in der Westentasche. Darin war die Uhr aber nicht wirklich gut geschützt und schon war das wertvolle Teil mit Kratzern versehen.

Also nähte Jeans-Erfinder Levi Strauss eine kleine Tasche auf die rechte vordere Hosentasche und löste so das Problem. Die “watch-pocket” (Uhrentasche) war geboren. Laut levisguide.com wurde diese erstmals 1902 bei einer Jeans des Unternehmens eingenäht – und ist seit dem nicht wieder verschwunden. Im Laufe der Jahre ist sie jedoch geschrumpft und um bis zu ein Inch (2,54 cm) schmaler geworden. Im heutigen Sprachgebrauch ist daher eher die Rede von einer “coin-pocket”, also einer Münz-Tasche.

Die Zielseite bei Levis gibt es wohl nicht mehr.

Ich denke ja gerne mal darüber nach, wie sich Technik und Haushaltsgeräte und sowas entwickelt haben. Die Armbanduhr hat die Taschenuhr völlig verdrängt. Ich kann mich auch erinnern, dass mit Aufkommen der Digitaluhren ein paar versucht haben, digitale Taschenuhren anzubieten, die außen altmodisch und innen nach James-Bond-Gadget direkt von Q aussehen, hat sich aber nicht verkauft.

Irgendwie eine völlig vergangene Kulturtechnik, einfach weg.

Bis ich mal weiter drüber nachgedacht habe.

Denn eigentlich war ich seit Kindheitstagen notorischer Armbanduhrträger. Bis meine Lieblingsarmbanduhr, die ich so 15 bis 20 Jahre hatte, Junghans, [Korrektur: Ich hab sie nochmal rausgekramt, war Kienzle, nicht Junghans.] mit DCF77-Empfänger, schlicht, schmucklos, grau, Titan-Design (obwohl eigentlich nur Edelstahl), dann kurz vor Corona den Geist aufgegeben hat. Ich dachte, die Batterie sei leer und habe im Uhrenladen die Batterie wechseln lassen, und dann ging sie kurz drauf gar nicht mehr, ich bin mir aber nicht sicher, ob sie sie da demoliert haben oder die einfach am Ende war, zumal ich die in den letzten Jahren öfters mal auf Null stellen musste. Die Uhr weiß zwar genau, was die Uhrzeit ist, aber nicht immer stimmen die Zeiger mit dem überein, was die Uhr glaubt, wo sie stehen. Rein technisch gesehen ist das ja kein Uhrwerk, sondern ein Rechner mit Steppermotor, der – wie jedes Gerät mit Schrittmotoren, ob nun Nadeldrucker oder was auch immer, eine „Nullfahrt“ braucht, und weil die keinen Nullschalter haben, die ab und zu manuell durch wüste Tastenkombinationen neu eingestellt werden musste, womöglich die Zeiger locker. Ich hatte schon mal eine echte Titanuhr geschenkt bekommen, die teuer aussah, mittelteuer war, aber gar nichts taugte, weil die Zeiger auf ihrer Achse nicht richtig fest steckten und sich bei Erschütterungen auf der Achse drehten, dann also nicht nur eine falsche Zeit anzeigten, sondern gar nicht mehr richtig einzustellen waren, weil dann nicht mehr beide Zeiger zusammen an der 12 vorbeikamen.

Deshalb hatte ich nun zwei Jahre gar keine Armbanduhr. Braucht man im Homeoffice und Lockdown sowieso nicht, ich habe genug Uhren in der Wohnung hängen.

Neulich habe ich mir dann aus Spieltrieb Smartwatches gekauft, eine gut aussehende Mittelteure mit schönem Lederarmband und eine billige aus dem Supermarkt mit Silikonarmband zum Schwimmen gehen. Erstere kann mehr, dafür läuft letztere tatsächlich zwei, drei Wochen mit einer Ladung. Aber: Beide trage ich nur selten, bei Bedarf. Nicht mehr regelmäßig.

Eigentlich brauche ich die Armbanduhr kaum noch, weil ich ja sowieso immer das Handy in der Tasche habe. Und zu meiner Bestürzung festgestellt habe, dass ich bei beiden Smartwatches die Uhrzeit nicht mehr an der Uhr einstellen kann, sondern sie automatisch über die jeweilige Handy-App vom Handy automatisch gestellt werden. Das Handy also das wichtigere und führende System ist. Ist das Handy futsch oder weg, kann man die Uhrzeit an der Uhr nicht mehr stellen oder die Zeitzone ändern. Zumal die teurere Smartwatch nur 2-3 Tage hält und sich dann, wenn ihr Akku leer ist, die Uhrzeit nicht merken oder weiterführen kann und Blödsinn anzeigt, bis sie wieder Kontakt zum Handy hatte.

Wie ich so drüber nachdenke, fällt mir auf, dass die Taschenuhr, die digitale gar, doch nicht tot ist.

Das Handy hat genau die Funktion der früheren Taschenuhr übernommen, ist deren direkter Nachfolger, gibt ja auch Kleidung mit Handy-Tasche, und ist dabei, die Armbanduhr zurückzuverdrängen.

Denn letztlich fragt man sich schon, wofür eine Smartwatch überhaupt gut sein soll. Das ist gar nicht so einfach. Deshalb machen sie da allen möglichen Biokram rein wie Herz- und Sauerstoffsättigungsüberwachung, Schrittezählung, Sporaktivitäten, Schlafüberwachung, weil sie die Armbanduhr nur noch mit solchen Funktionen rechtfertigen können, zumal smart, die das Handy mangels Körperkontakt nicht erfüllen kann.

Nicht die Taschenuhr ist weg. Die Armbanduhr verschwindet.

Oder wird zum reinen Terminal, externen Display des Handys.