Hadmut Danisch

Ansichten eines Informatikers

Wie hätte „ich als Sicherheitsexperte“ entschieden?

Hadmut
18.6.2021 19:58

Leser fragen – Danisch weiß es auch nicht.

Ein Leser fragt:

Hallo,

du hast bestimmt die Greenpeace Aktion beim EM Spiel in München mitbekommen.

Behörden & Politik wird vorgeworfen, leichtsinnig entschieden zu haben, falls die offizielle Version mit dem “haben das Greenpeace Logo erkannt” überhaupt stimmen sollte.

Wie hättest du als Sicherheitsexperte entschieden und warum?

Abdrängen oder gar Abschuss auf Verdacht? Oder durchlassen, falls die Identität 100% bestätigt ist und Terror ausgeschlossen werden kann? Oder auch mit bestätigter Intention den Weiterflug unterbinden, weil im Stadion zu viel schief gehen könnte (Seilkamera, Zuschauer, Spieler, Propeller etc)?

Würde mich interessieren. Meine Vermutung wäre Leichtsinn qua Inkompetenz, aber ich bin auch kein Profi in sowas.

Weiß ich nicht.

Es ist sehr schwer, hier in Ruhe am Schreibtisch zu sitzen und eine Viertelstunde darüber nachzudenken, was man getan hätte, wenn man nur ein, zwei Sekunden Zeit zum Nachdenken gehabt hätte. Ich mag das ja auch nicht, wenn man Leute wegen eines Verhaltens, bei dem sie sehr schnell reagieren mussten, dann in aller Ruhe, ohne Bedrohung und in Kenntnis aller Umstände verurteilt, er oder sie hätte so und so handeln müssen. Mir fehlt da grundsätzlich dieses Verständnis dafür, vom Sofa aus zu entscheiden, wie man gehandelt hätte. Das kann ich nicht sagen, weil ich nicht in der Situation war und vom Sofa und in Ruhe, ohne Adrenalin, das immer ganz anders aussieht.

Ich war mal in einer entfernt ähnlichen Situation. Ich hatte im Grundwehrdienst mal einige Wachen im Erfahrungssschatz und war deshalb gegen Ende des Wehrdienstes schon „Stellvertretender Wachhabender“, deshalb für die ganze Wache, also 24 Stunden, eine Pistole am Koppel, war gedanklich schon längst an der Uni, und kam zufällig gerade völlig entspannt von der Kantine vom Mittagessen zurück an die Wache, als direkt vor mir etwas richtig schief lief. Obwohl wir den Leuten beigebracht hatten, zur Kontrolle der Papiere niemals in das Fahrzeug hineinzugreifen, sondern sich die Papiere immer herausgeben zu lassen, hatte ein Anfänger der gerade an der Schranke die Kontrollen machte, in einen Zivil-PKW reingegriffen und der Fahrer hatte die elektrisch betriebene Scheibe hochgefahren und ihm die Arme eingeklemmt (ich habe keine Ahnung, warum die Sicherheitsschaltung, die da normalerweise die Scheibe wieder runterfährt, nicht funktionierte). Der ließ einen Schrei los und der Fahrer fuhr an, schleifte den so ein, zwei Meter mit sich mit. Dazu muss man wissen, dass einige der benachbarten Kasernen zuvor überfallen worden waren, sie in einer den UvD niedergeschlagen, gefesselt und erheblich verletzt hatten. Da stand ich dann aber sofort mit gezogener durchgeladener Knarre vor dem Auto und hatte den angebrüllt, den Motor auszumachen und die Flossen hochzunehmen. Ich muss dabei sehr überzeugend ausgesehen haben, denn dem Typ am Steuer lief sofort die Farbe aus dem Gesicht und ringsherum gingen einige in Deckung. Eine ganz seltsame Situation, in der man von einer Sekunde des zufriedenenen Verdauens auf die andere urplötzlich Chef am Platz ist und merkt, dass alle außer einem selbst plötzlich eine Riesenangst haben. Ich bin mir ziemlich sicher, dass ich geschossen hätte, wenn der noch weiter gefahren wäre, zumal ich ja selbst vor dem Auto stand. Ist halt immer so eine „was wäre wenn“-Frage. Zu seinem Glück hatte ich dem aber enorme Angst eingejagt und der hat sofort kapituliert und alle Anweisungen befolgt. Stellte sich heraus: Der war einfach nur a) Depp und b) Sohn der Betreiberin eines der Mannschaftsheime, lieferte gerade für Mutti Lebensmittel im Kofferraum an und wollte sich über die Wache lustig machen, weil da gerade wieder so ein lächerlicher Anfänger stand. Der fand sowas einfach witzig, Krisensituationen zu provozieren. Und war vorher schon zweimal durch derlei Blödsinn negativ aufgefallen, aber nie so gefährlich. Der hatte überhaupt nicht damit gerechnet, dass da – rein zufällig – noch ein Zweiter rumlaufen und die Knarre am Gürtel haben würde. Der Schwachsinn hätte an dem Tag sehr leicht tödlich enden können. Denn wenn man vor einem Fahrzeug steht, hat man nicht so viele Möglichkeiten, den Fahrer nur ins Bein zu schießen oder sowas. Da ist nur Kopf. Der bekam dann auch Hausverbot. Der Kasernenkommandant meinte danach, es sei nochmal gut gegangen, aber zu schießen wäre auch in Ordnung und angebracht gewesen.

Das sind so seltsame Situtationen, über die man einfach nicht vom Sessel aus entscheiden kann, was man getan hätte. Kommt drauf an, was man gegessen hat. Wie das Wetter war. Was mir gerade durch den Kopf ging. Ob gut oder schlecht gelaunt. Es gibt Leute, die behaupten (ich weiß aber nicht, ob das seriös oder frei erfundener Käse ist), dass das Feuern der Neuronen im Gehirn teils sogar auf Ebene einzelner Elektronen entschieden wird, und deshalb auch chaotische und Quanteneffekte eine Rolle spielten. Vielleicht hätte ich mich damals anders verhalten, wenn das alles einfach 7 Sekunden später stattgefunden hätte.

Ich wusste beispielsweise auch nicht, dass die Scharfschützen im Fußballstadion haben.

Ich bin auch kein Scharfschütze, ich weiß nicht, was die da lernen. Wann man schießt und wann nicht.

Ich weiß nicht, ob die nur von oben nach unten oder auch von unten nach oben zielen und mit Angreifern aus der Luft rechnen. Ich weiß nicht, wo der Scharfschütze saß.

Ich halte es für verdammt schwer, jemanden zu treffen, der mit einem Gleitschirm rumfliegt und pendelt, weil er sich selbst nicht unter Kontrolle hat.

Ich halte es für ziemlich problematisch, auf jemanden zu schießen, der vor einer Tribüne mit Menschen rumfliegt, denn selbst wenn man ihn trifft, geht die Kugel durch und in die Leute dahinter.

Ehrlich gesagt, ich glaube nicht – falls das überhaupt stimmt, dass die da einen Scharfschützen hatten, und die das nicht nur gesagt haben, um Nachahmer abzuschrecken – dass ein ausgebildeter Scharfschütze in der Situation geschossen hätte. Also einer von der Polizei und nicht ein Killer. Viel zu unsicher und gefährlich. Es ist etwas völlig anderes, wenn ein Terrorist mit Bombe auf das Spielfeld läuft oder auf der Tribüne sitzt.

Ich halte die Aktion aber für extrem schwachsinnig und gefährlich, das hätte nämlich auch zu einer Panik führen können.

Ich bin mir ziemlich sicher, dass ich dem Knaben ordentlich heimleuchten würde, wenn ich Richter wäre.

Der Flugschein (ich glaube, man braucht für das Gleitschirmfliegen einen) wäre ziemlich sicher weg.

Man müsste sogar prüfen, ob der PKW-Führerschein wegen charakterlicher Uneignung auch weg wäre.

In der Zeitung stand, der sei Chirurg. Da müsste man sich jetzt mal reinlesen, ob das auch zum Entzug der Approbation führen kann.

Und dann natürlich ein Strafverfahren wegen Verletzung des Luftrechtes und Körperverletzung. Ich bin zwar kein Luftrechtskenner, aber an der Stelle dürfte man nicht mal mit einer Drohne unter 250 Gramm rumfliegen. Und der schrabbert da mit dem großen Motor auf dem Rücken und seinen geschätzt über 100kg Gesamtgewicht durch die Zuschauer. Angeblich wollte der einen Ball abwerfen, und ich glaube mich erinnern zu können, dass das Abwerfen von Gegenständen aus einem Luftfahrzeug streng verboten ist.

Die Frage, ob ich in der Situation geschossen hätte, kann ich nicht beantworten. Weder ja noch nein, weil ich die Situation nicht genau kenne. Und die Ausbildung nicht habe. Aber wenn ich ein Fußballstadion gegen Terroristen hätte verteidigen sollen, hätte ich es zumindest sehr deutlich in Erwägung gezogen und die Waffe in Bereitschaft versetzt.

Ich hoffe aber sehr, dass der Blödsinn für diesen Mann sehr heftige juristische Konsequenzen haben wird.

Ich habe für so eine Aktion wirklich gar kein Verständnis. Überhaupt keines.

Zumal mir immer stärker auf den Wecker geht, dass „Aktivisten“ mit krankhaftem Geltungs- und Aufmerksamkeitsdrang glauben, dass für sie die Regeln und Gesetze irgendwie nicht gelten.

Ich habe vor allem ein Problem damit, dass unsere Dumm-Medien solche Aktionen, die Menschen gefährden und verletzen, immer noch als „Aktivismus“ verharmlosen. Ich habe inzwischen ein Problem mit dem Begriff als solchem. Der hier ist irgendwo zwischen Depp und Kriminellem.

Und ich habe die Schnauze sowas von voll von Greenpeace.

Vor drei Jahren hatten die ja in Berlin den großen Stern um die Siegessäule mit gelber Farbe eingesprüht, ein Radfahrer war deshalb gestürzt.

Man sollte Greenpeace als kriminelle Vereinigung einstufen.