Hadmut Danisch

Ansichten eines Informatikers

Die Corona-Entrümpelung

Hadmut
4.6.2021 14:16

Geht Euch das auch so?

Nein, ich bin kein Messie.

Ich bin eigentlich im Gegenteil so ein Aufräum- und Einsortier-Freak, und liebe es eigentlich (was allerdings viele Menschen beachtlicherweise gar nicht mögen) wenn das Zeugs in sauber beschrifteten Behältern einsortiert ist und man es findet, wenn man es sucht. Es macht mich immer ganz kirre, wenn ich mal was suche und nicht finde (was bei den Mengen von Zeugs, das ich habe, vorkommen kann), was dann zu spontanen einstündigen Aufräumaktionen führt (was nicht immer dazu führt, dass ich fand, was ich suchte, aber hinter meist etwas fand, wonach ich im Moment gerade nicht suchte, aber wieder irgendwas frisch durchsortiert, geprüft und ausgemistet ist.

Und ich mag große, freie Flächen. Freier Boden, freie Tische. Zugegeben, habe ich nicht immer, oft sieht es bei mir auch durcheinander aus, denn wenn ich gerade was mache, breite ich mich auch gerne aus und lasse das alles – gerne auch mehrtägig oder auch mal mehrwöchig – rumliegen. Das ist nämlich der Grund, warum ich große freie Flächen so liebe. Nicht, weil das immer so sein müsste, sondern weil ich sie so gerne habe, wenn ich etwas machen will, und sie nutzen will. Nichts finde ich schlimmer, als verschiedene Dinge zu machen (ich mache oft verschiedene Dinge abwechselnd durcheinander) und keine getrennten Flächen dafür zu haben, sie vermischen zu müssen.

Deshalb finde ich kleine Wohnungen auch so schrecklich arbeitsintensiv.

Es gibt Leute, die sagen, sie wollen keine große Wohnung, das wäre ihnen zu viel Arbeit beim Putzen und Aufräumen.

Bei mir ist es genau umgekehrt.

Ich will keine kleine Wohnung. Denn das ist mir zu viel Arbeit beim Putzen und Aufräumen.

Weil ich dann nämlich nicht den Platz habe, etwas angefangenes liegen zu lassen, bis es fertig ist, sondern ständig auf- und hin- und her- und einräumen muss, um mit dem Platz klarzukommen. Ich hatte ja schon auch kleine Wohnungen. Ich brauche nicht viel Platz zum Wohnen an sich. Aber zum Arbeiten. Zum Machen. Zum Ausprobieren. Zum Zeugs unterbringen.

Ich liebe große, freie Flächen. Nicht nur, weil man sie viel besser reinigen, absaugen, wischen kann, denn ich mag auch solche Staubansammlungen nicht. Auch der Übersichtlichkeit wegen. Denn was ich noch weniger mag, als etwas nicht zu finden: Es nicht zu finden, dann zu suchen, es immer noch nicht zu finden und am Ende festzustellen, dass es genau da war, wo es hingehört, und wo ich zuerst geguckt habe, weil ich es da erwartet hätte und es da hingeräumt hätte (und es auch genau da war), ich es nur aus Gründen optischer Unsichtbarkeit irgendwie nicht gefunden habe. Deshalb habe ich im Wohnzimmer schwarze Schränke, weil sie besser aussehen, im Arbeitsbereich aber dasselbe Modell an Schränken, aber in weiß. Weil es mir auf den Nerv geht, wenn man in den Schrank guckt, und irgendwas an Technik, die heute oft schwarz ist, nicht sieht oder findet, weil es im Schwarzen absäuft. Ich habe mal eine halbe Stunde meinen Geldbeutel gesucht, obwohl er direkt vor meiner Nase offen auf meinem Schreibtischstuhl lag. Aber die beiden schwarzen Stoffe waren sich so ähnlich und der Stuhl stand so außerhalb des direkten Lichtes, dass er fast unsichtbar war. Sowas nervt mich.

Ich möchte in diesem Zusammenhang auf meinen Fundamentalepos von 2007 (Frühzeit dieses Blogs) zu der Frage verweisen, was eigentlich Ordnung ist. Und das es verschiedene, sich mitunter sogar gegenseitig ausschließende Anforderungen gibt, die unter dem Oberbegriff Ordnung zu finden sind. Und wie so oft, besonders auch in der IT-Sicherheit, muss bei der Wahl der Methode immer auch die kanonische Methode betrachtet werden, gar nichts zu tun. Es könnte in besonderen Einzelfällen durchaus die optimale Methode sind, gar nicht aufzuräumen und bei Bedarf zu suchen, wenn der Aufwand dabei geringer als beim Aufräumen ist.

Einen Aspekt hatte ich damals allerdings nicht bedacht: Ordnung ist akustisch sehr ungünstig. Je aufgeräumter ein Zimmer ist, desto stärker ist der Hall, desto schlechter klingen Tonaufnahmen. Akustisch am besten klingt meine Abstellkammer, in der einiges rumsteht, die Regale oben mit Kartons und Gerätekoffern bis zur Decke gestellt sind und vor dem Fenster und seinen Scheiben ein Greenscreen-Vorhang hängt. Alles zerklüftet. Akustisch mein bester Raum, weil er nicht hallt. Mein Arbeitszimmer: unbrauchbar. Jedenfalls dann, wenn die Tischflächen aufgeräumt sind, weil das alles dann fürchterlich hallt. Ordnung kann auch heißen: Schallschluckend. Keine vagabundierenden Echos im Raum. Der abgesonderte Schall kommt nicht wieder.

Eine Konsequenz daraus ist, dass es in meiner Wohnung nicht immer voll aufgeräumt ist. Da wäre der Aufwand gegenüber dem Nutzen zu hoch, zumal ich ja auch gerne mal was tue, mich ausbreite. Das ist bei mir eher wie eine Sägezahn-Funktion. Es dümpelt so vor sich hin, und wenn’s mir zu wüst wird, wird wieder aufgeräumt. Mit einer Frequenz, die nach verschiedenen Aspekten und Wertefunktionen sorgfältig optimiert ist.

Es betrübt mich gerade zutiefst, dass meine Wohnung zur Zeit nicht in dem Zustand ist, den ich gerne hätte. Also nicht schlimm, nicht schmutzig, nicht durcheinander. Aber auch nicht aufgeräumt, nicht die freien Flächen.

Corona.

Es ist eine Auswirkung der Pandemie.

Home-Office und sowas.

Jede Menge Zeugs nach Hause bestellt, das dann natürlich rumsteht. Berge von Computer-Zeugs und Kabeln im Einsatz.

Normalerweise habe ich im Wohnzimmer einen schönen großen Esstisch, der immer völlig frei und leer ist, und den ich eigentlich auch nur benutze, wenn Besuch kommt. Alleine esse ich eigentlich nicht an diesem Esstisch. Aber er ist eigentlich immer bereit und leer und sauber.

Jetzt nicht. Alles voller Kabel und Computer und Videomischpult, Greenscreen, LED-Scheinwerfer, weil ich da mal im März 2020 meine Videokoferenzstation für Home-Office aufgebaut habe. Kommt ja kein Besuch während der Pandemie, und muss jetzt halt mal auf die Schnelle sein. Ist ja nur für zwei, drei Wochen. Dachte ich. Steht immer noch alles da. Und wird wohl auch so schnell doch nicht wieder abgebaut. Statt eines schönen, freien Esstisches ein Kabelverhau.

Und die Urlaubsausstattung steht auch rum. Die für den Traumurlaub auf Balkonien. In der Küche stehen ein paar Sachen zuviel, die ich für das Home-Cooking angeschafft hatte. Und auf den Wohnzimmerschränken, wo normalerweise gar nichts steht außer den Boxen, stehen Behälter mit verschiedenen Arten von Gesichtsmasken aus den verschiedenen Phasen der Pandemie.

Vermüllung wäre der falsche Begriff, es ist ja kein Müll. Es sind ja alles gute, nützliche, wichtige, werthaltige, saubere Sachen.

Ich würde es vielleicht Corona-Verdichtung nennen. Auf einmal wurde das, was man normalerweise in der Firma am Arbeitsplatz oder generell draußen und weit weg macht (etwa Urlaub) in die Wohnung hineinverdichtet, die aber nicht größer wurde. Würde ich in der Cloud wohnen, hätte ich noch zwei Zimmer dazubestellt.

Wenn ich so drüber nachdenke, ist die Pandemie für mich nicht vorbei, bevor auch die Wohnung wieder auf dem luftigen Niveau von vorher mit den vielen freien Flächen ist. Aber das wird sie nicht werden. Wir werden noch lange Masken brauchen und wir werden noch lange Videokonferenzen aus dem Home-Office führen müssen. Und den Gartenstuhl, den ich mir gekauft habe, werde ich auch nicht einfach wegwerfen, nur weil die Pandemie irgendwann abflaut und wir wieder in Urlaub fahren können. Die Heißluftfriteuse, die war ein ziemlicher Fehlkauf, die fliegt raus. Das Ding ist Mist. Aber sonst…