Hadmut Danisch

Ansichten eines Informatikers

Texas

Hadmut
12.12.2020 1:52

Oh. Ein Leser schreibt mir:[Fehlerkorrektur/Nachtrag]

Hadmut,

lach nicht. Die nehmen drüben Verfassungsstreue teilweise noch extrem ernst.

Zum Beispiel war der Staat Texas ganze sieben Jahre lang eine unabhängige Republik, weder Mitglied der Vereinigten Staaten noch von México.

Beim freiwilligen Anschluss an die Vereinigten Staaten behielt sich Texas im Beitrittsvertrag schriftlich das Recht vor, jederzeit nach einseitiger (!) Erklärung die Union wieder verlassen zu können.

Das können und dürfen sie auch heute noch, ganz legal.

Nichts ist undenkbar dort. […]

Das wäre jetzt natürlich ein Riesen-Gag, wenn die erst die meisten High-Tech-Firmen von Kalifornien nach Texas verschieben – viele machen das ja, manche gehen auch in andere Staaten, ich glaube Oregon und sowas – die ganzen IT-Fachleute dort zusammenziehen und sich dann aus den vereinigten Staaten abmelden und einen eigenen Staat aufmachen.

Es hieß ja schon einige Male, dass wenn Kalifornien ein eigenständiger Staat wäre, sie unter den 10 größten Volkswirtschaften der Welt wären – ich glaube, mich erinnern zu können, dass sie auf Platz 7 wären. Mal schnell gegoogelt – Capital 2019:

Wäre Kalifornien ein eigenes Land, wäre es eine der Top-Wirtschaftsmächte der Welt. Der westliche US-Bundesstaat generierte 2018 ein nominales Bruttoinlandsprodukt in Höhe von knapp 3 Billionen US-Dollar. Damit läge Kalifornien weltweit auf Platz fünf – hinter den USA, China, Japan sowie Deutschland und noch vor dem Vereinigten Königreich. Im US-weiten Vergleich folgen weit abgeschlagen die Bundesstaaten Texas (1,8 Billionen Dollar) und New York (1,7 Billionen).

Das wäre die Frage, ob und wie lange Texas da noch abgeschlagen ist, wenn die High-Tech-Firmen von Kalifornien nach Texas umziehen. Wenn der Unterschied nur 1,2 Billionen Dollar beträgt, dann müssten da lediglich 600 Milliarden Dollar Bruttoinlandsprodukt von Kalifornien nach Texas umziehen, damit Texas vor Kalifornien rutscht. Und das ist für deren Verhältnisse nicht allzu viel.

Und da ist Corona noch gar nicht eingerechnet. Da wird einiges an Umsätzen verloren gehen.

Und rechnet man, dass IT-Spezialisten in der Gegen um das Silicon Valley leicht 200.000 Dollar im Jahr oder mehr bekommen (sich aber trotzdem keine Wohnung leisten können), würden 10.000 abgewanderte IT-Spezialisten schon reichen, um alleine schon 200 Milliarden Bruttoinlandsprodukt zu verschieben. [Fehlerkorrektur siehe unten]

Und dann kommt dazu, dass ja nicht nur deren Gehälter verschoben sind, sondern die ja auch ihren Lebensunterhalt, Miete usw. woanders bezahlen und sofort die Mieten sinken.

Ich könnte mir also vorstellen, dass relativ flott Texas nahe an Kalifornien rückt oder sogar überholt und damit in den USA auf Platz 1 rutscht.

Und wenn die dann dieses alte Recht herausholen und aus den vereinigten Staaten wieder austreten… wird das lustig.

Ich hatte ja vor einiger Zeit schon mal die Vermutung geäußert, dass wir über kurz oder lang die ersten Staaten bekommen, die keien regulären Staaten im herkömmlichen Sinne mehr sind, sondern von Firmen wie Google, Amazon oder Facebook besessen und betrieben werden, und man dann dort Wohnung und Vollversorgung wie einen Account bekommt. Nichts mehr mit Demokratie und Gesetzen, man ist dann Kunde und bekommt ab und zu mal die neuen 70.000-seitigen AGB zugeschickt. Hier auf „Akzeptieren” klicken. Keine Konkurrenz, kein Wettbewerb mehr, sämtliche Einkäufe nur noch über Amazon, dafür die Straßen so geleckt wie das Foyer einer Google-Niederlassung. Niemand braucht mehr eine Kamera, weil man sowieso durchgehend aufgenommen wird und die KI einem alle schönen Fotos in die Mailbox legt.

Ich könnte mir gut vorstellen, dass – vorausgesetzt, es geht rechtlich – sich der ganze High-Tech-Bereich administrativ und steuerrechtlich von den Vereinigten Staaten abkoppelt.

Fehlerkorrektur: Boah, da habe ich mich verrechnet. Hat aber nur ein Leser bemängelt: 200.000 Dollar im Jahr pro Experte mal 10.000 abgewanderte Spezialisten sind natürlich nur 2 Milliarden und nicht 200 Milliarden Dollar. Jetzt, wo ich wieder halbwegs wach bin, merke ich es auch.

Ich wollte das beim Bauen des Satzes eigentlich nochmal ergoogeln, wieviele Leute da eigentlich arbeiten und was eine realistische Zahl ist, weil ich an der Größenordnung noch rumgebastelt hatte und mir dann aufgegangen ist, dass ich eigentlich nicht weiß, wieviele Leute da überhaupt arbeiten, was der Maßstab ist. Bin dann aber durch was anderes abgelenkt worden und habe dann vergessen, dass ich an diesem Satz eigentlich noch rumbauen wollte. Shit happens, besonders nachts um zwei.

Wikipedia nämlich schreibt

The San Francisco Bay Area has the largest concentration of high-tech companies in the United States, at 387,000 high-tech jobs, of which Silicon Valley accounts for 225,300 high-tech jobs.

Das ist aber eine Angabe von 2008. Das hat seither bekanntlich stark zugenommen.

Eine aktuellere Angabe von 2019 (und damit kurz vor Corona) ist diese da:

At the end of April, the Bay Area boasted 831,700 technology jobs — 113,000 more than the dot-com peak of 718,700, which was achieved in December 2000, according to research by this news organization that was based on statistics culled from state Employment Development Department data.

Das ist der springende Punkt: Achthunderttausend Jobs allein in der Bay Area, und der Rest von Californien kommt ja noch dazu (hat aber in der Regel niedrigere Gehälter).

Für die Größenordnung von 200 Milliarden Umsatz-Verschiebung müssten die dann schon alle nach Texas umziehen, denn das entspräche einer Schar von einer Million IT-Arbeitern zu je 200.000 Dollar Jahresgehalt.

Unterstellt man mal hypothetisch, dass die Hälfte wegzieht (was ich allerdings schon für eine sehr hohe, aber wegen Corona nicht gänzlich abwegige Schätzung halte), wäre das zwar nur ein Gehaltsaufkommen von etwa 100 Milliarden, aber das muss man wieder hochrechnen, weil jedes Gehalt ja zum Bruttoinlandsprodukt fast doppelt beiträgt: Wenn man es bekommt/verdient und wenn man es wieder ausgibt. Anders gesagt: Wenn die da ein Stück Software verkaufen, zählt es (Bruttoinlandsprodukt) bzw. wenn der Mitarbeiter sein Gehalt bekommt (Einkommensteuer), und wenn der damit bezahlte Mitarbeiter seine Brötchen kauft, zählt es nochmal. Wieviel das letztlich ausmacht, weiß ich nicht, weil die ja von ihrem Geld nicht nur Brötchen kaufen, sondern auch Häuser (und da weiß ich nicht, wie die zählen) oder Autos (kommen aus anderen Staaten).

Das sind zwar dann noch nicht ganz 200 Milliarden, aber dafür leg’ ich (oder genauer gesagt: ein Leser) dann noch den Umzug von Oracle von Kalifornien nach Texas mit drauf:

Und dabei bleibt’s ja auch nicht. Wie gesagt: Eine Verschiebung von 600 Milliarden Bruttoinlandsprodukt von Kalifornien nach Texas würde die Reihenfolge schon ändern.

Nachtrag: Gerade schreibt mir noch ein Leser, wie Oracle das gestern intern selbst formuliert hat:

Today we announced that we are implementing a more flexible employee work location policy. We have also changed the Oracle Corporate Headquarters from Redwood Shores, California to Austin, Texas. We believe these moves best position Oracle for growth and provide our personnel with more flexibility about where and how they work.