Hadmut Danisch

Ansichten eines Informatikers

Standort, Zeitpunkt, Nachbearbeitung

Hadmut
18.10.2020 21:05

Über den Unterschied zwischen einem Amateur- und einem Profifoto. [Sorry, Schreibfehler im Link korrigiert / Nachtrag]

Ist zwar eine Werbeseite, aber trotzdem interessant: Ein Leser hat mich auf diese Seite aufmerksam gemacht, auf der von 14 bekannten Örtlichkeiten aus den Social Media je ein einfaches Knips- und ein Profifoto gegenübergestellt werden.

Die Auswahl ist zwar gut, aber das Geschwätz dazu sehr dünn. So ein „das ist langweilig, und nur wenige können es wie der da” hilft einem nicht weiter. Wenn’s was bringen soll, muss man schon erklären, warum das anders wirkt.

Zu den Hauptunterschieden gehören meines Erachtens

  • Der Standort und Blickwinkel, teils aus nicht allgemein zugänglichen Positionen
  • Der Zeitpunkt (Licht, Wetterzustand, Stimmung, Besucherdichte)
  • Teils sehr massive Nachbearbeitung bis hin zur Bildfälschung, manches kann man so gar nicht fotografieren, während die Amateurfotos zwar langweilig, aber ehrlich sind
  • Manchmal eben auch die Profikamera und -objektive, etwa wenn man den Kontrastumfang erkennt oder die Linien gerade sind und nicht stürzen, was inzwischen in gewissem Umfang aber auch durch Nachbearbeitung möglich ist.

Sonderlich fair ist so ein Vergleich nicht, weil eben auch nicht dabei steht, wieviel Aufwand die Leute jeweils getrieben haben in Geld, Arbeitszeit, Reisemitteln, Zugangsmöglichkeiten, Ausrüstung, Ausbildung, Nachbearbeitung.

Trotzdem kann man einiges draus lernen, wenn man sich die Bilder paarweise anschaut und sich wirklich überlegt (und merkt), was der Fotograf beim zweiten Bild jeweils anders gemacht hat. Lehrreich ist das allemal.

Man muss sich allerdings schon klarmachen, dass auch nichts von nichts kommt.

Ich hatte mal in einer Fotozeitschrift ein endgeiles Foto einer Brücke gesehen. Und mir überlegt, warum der das Foto so toll hinbekommt und ich nicht. Dann stand aber im Text, dass der die Stelle ewig lang ausbaldowert hat und sich dann eine ganze Woche an dieser Brücke rumgetrieben und die Nächte um die Ohren geschlagen hat, nur um dieses eine Foto hinzukriegen. Um da zu sein, wenn der Morgennebel genau stimmt.

In Neuseeland habe ich in einer Buchhandlung einen perfekten Bildband mit sagenhaften Super-Fotos gesehen und mich gefragt, warum der das hinkriegt und ich nicht. Der Buchhändler sagte mir, er kennt den Typen, und ich solle mal die Buchklappe sehen. Der lebt da und hat die Stellen über Jahre ausgekundschaftet und beobachtet. Das war ein mehrjähriges Projekt, diese Bilder zu machen. Der musste zu jedem Motiv herausfinden, was die perfekte Jahreszeit und die perfekte Tageszeit ist.

Ich stand mal in Neuseeland am berühmten Mirror Lake, ein See, in dem man schöne Spiegelungen einer Bergkette dahinter sehen kann, das wirkt dann symmetrisch. Abends mit dem Wohnmobil auf den Parkplatz gestellt, um halb 4 aufgestanden und mit Stativ und Fotoausrüstung eine halbe Stunde bei Dunkelheit und Kälte über den letzten Trampelpfad durch den Wald gestapft, um rechtzeitig vor Morgengrauen dort zu sein, weil das nur im Morgengrauen funktioniert, kam an dem Tag aber einfach nicht gut, Licht passte nicht gut. Außerdem war die Situation tatsächlich nur für vielleicht zwei Minuten sichtbar.

Ich war aber nicht der einzige, neben mir noch ein paar Leute, teils Profis, die dasselbe Bild machen wollten, Ergebnisse auch nicht besser. Wir haben es verglichen, aber kamen zu dem Ergebnis, dass es auch nicht hilft, Canon oder Nikon zu haben. Ein Profi dabei, der dann sagte, dass er in der Gegend wohnt und dafür halt wochenlang jeden Morgen herkommen muss, um das richtige Licht und die richtige Luftfeuchtigkeit zu erwischen.

Und was eben auch immer wieder übersehen wird: Der Amateur macht ein Foto, oder vielleicht drei, und stellt das dann online.

Der Profi macht 100. Oder 1000. Oder 5000. Und sucht das beste raus.

In Berlin war mal eine Ausstellung eines berühmten Promi-Fotografen, weiß nicht mehr, bin mir nicht mehr sicher, ich glaube, es war Lindbergh.

Ich stehe so in der Ausstellung und denke mir so „Mmmh, also eigentlich kann der nicht fotografieren. Da ist viel Murks darunter.” Und dann stand da irgendwo sein Arbeitstisch aufgebaut, behängt mit jeder Menge Diastreifen und Negativen, darunter zu sehen und markiert irgendein bekanntes Foto von ihm. Schaute man sich aber statt den großen Bildern an den Wänden mal die Streifen am Arbeitsplatz an, wurde sofort klar, dass der nach dem Lotto-Prinzip fotografierte: Hau drauf, jede Menge Mist zusammenfotografiert, und dann einfach aus der Masse per Streuung mal ein gutes erwischt. 99% Ausschuss.

Wobei man ja sagt, dass der Profi nicht besser fotografiert als der Amateur, aber bereit ist, die 99% Schrott nicht zu zeigen. Was jetzt auch nicht ganz stimmt, die bauen ja auch viel auf und inszenieren und suchen, aber ein bisschen was ist schon dran.

Ein australisches Model hat neulich mal in den Social Media entnervt ihren Job offiziell hingeschmissen. Sagte, sie habe keinen Bock mehr auf den Scheiß’. Darunter ein wirkliches Top-Foto von ihr, und die Erklärung, dass sie sich dafür stundenlang habe verrenken müssen und man über 400 Fotos habe machen müssen, bis endlich mal was Ordentliches darunter war. Bis sie mal so da lag, dass die Haut keine unschöne Falte hatte und so weiter.

Und viele Influenzerinnen tun gerne so, als wären sie allein auf Reisen, haben in Wirklichkeit aber an ganzes Team für Fotografie, Medien, Klamotten, Visagisten, dabei. Irgendeine dieser Influenzerinnen, die angeblich immer aus ihrem Jungmädchen-Kinderzimmer gesendet hat, aber das in perfekter Bildqualität, ist mal aufgeflogen, weil man irgendeiner unerlaubt in irgendein professionelles Fernsehstudio eingedrungen ist und unter den Kulissen deren „Kinderzimmer” entdeckt hat.

Was zu schön ist, das ist selten wahr.

Insofern sollte man sich immer auch überlegen, ob man das überhaupt will. Oder einem das den Aufwand wert ist.

Nachtrag: Noch einen, was ich vorhin vergessen habe aufzuschreiben:

Es ist privat ganz nett, aber für andere völlig belanglos, irgenwelche Erinnerungsfotos von irgendwelchen Leute vor irgendeinem Hintergrund zu fotografieren. Es ist enorm wichtig, was im Vordergrund herumsteht. Am besten gar nichts, wenn es nicht etwas optisch herausragendes ist. Also nicht Hund oder Freundin oder sowas. Auch kein Laternenmast. Stört alles.

Ich hatte mal auf einer Reise einen Singapurchinesen dabei, der über Wochen nichts anderes als das immer gleiche, eigentlich selbe Foto gemacht hat: Seine – zwar nette, aber nicht schöne – Freundin, die immer bildmittig und wie Pik Sieben ohne jeglichen Ausdruck und jegliche Ambitionen wie ein nasser Sack vor irgendwas stand. Die konnte man durchklicken und die Freundin stand auf wirklich jedem Foto immer an derselben Position, denselben Gesichtsausdruck, nur die Details und die Kleidung wechselten.

Der Schrott im Vordergrund muss entweder die Hauptstory sein oder raus aus dem Bild.