Hadmut Danisch

Ansichten eines Informatikers

Bikini-Mindestmaße

Hadmut
14.10.2020 21:38

Von der Veränderung einer Gesellschaft.

Vor noch gar nicht allzu langer Zeit ging ein wesentlicher Teil der Deutschen schlicht nackt baden, und nahm daran, so mir berichtet wurde, keinerlei Schaden.

Ich war als Kind elterlich bedingt so im ein oder anderen FKK-Camp, vor allem Jugoslawien, und habe nur insoweit Schaden genommen, als ich mir einen entsetzlichen Sonnenbrand am Hintern geholt habe, weil ich bäuchlings mit der Luftmatratze mit Guckfenster auf dem Meer rumgepaddelt bin, Fische geguckt habe, und damit Hautpartien Sonne und Salzwasser exponiert habe, die das nicht gewohnt waren. Ich kann mich noch erinnern, als dann mal beim Abendessen die Miss Koversada gewählt wurde und ein Diskussion ausbrauch, ob es vertretbar sei, die Kandidatinnen nackt vor den anwesenden Kindern (wie mir) auftreten zu lassen, wobei die Gegenmeinung obsiegte, dass die Kinder selbige Kandidatinnen seit zwei Wochen ständig, pausenlos und ausschließlich nackt gesehen haben, und nicht nachvollziehbar sei, warum das jetzt spontan anders sein sollte, warum man sie jetzt plötzlich nicht mehr nackt sehen dürfen sollte, nur weil nachher eine Miss Koversada genannt wird.

Nach zwei Wochen merkt man das alles nicht mehr so. Ich kann mich an eine Situation erinnern, als ich mit Vater und dem Vater der Familie im Nachbarbungalow im Segelboot unterwegs war, da um eine Insel segelten, schon ansetzten, dort anzulanden und eine Erfrischung zu uns zu nehmen, und wunderten uns, warum die uns alle so komisch anguckten. Erst nach einer ziemlichen Weile sind wir drauf gekommen, dass wir Hosen vergessen hatten, und die so komisch guckten, weil da drei Nackte vorbeigesegelt kamen und blöd guckten. Wir hatten zwar in Erwägung gezogen, den Beutel für die Seile zu opfern und unten zwei Löcher reinzuschneiden, um eine Nothose für den zu bauen, der was Kühles zu trinken holt, das hätte aber das Problem nicht gelöst, dass die anderen ja dann auch in den Hafen gemusst hätten.

Ich betone nachdrücklich, dass ich bis auf den Sonnenbrand am Hintern (der wegen eines unmittelbar anschließenden Reitaufenthaltes in Lipiza noch schwer schmerzen sollte) und die Beeinträchtigung meines Rufes bei den mir unbekannten Inselbewohnern keinerlei, insbesondere keinerlei bleibenden Schaden davongetragen habe. Zumindest keinen, der mir bewusst geworden wäre.

Die Niederrhein Therme in Duisburg sieht das zeitgeistlich anders. Und hat(te) Bikinis untersagt, die zu knapp geschnitten sind, wie die WAZ berichtete:

„Im Interesse aller anwesenden Gäste weisen wir Sie ausdrücklich darauf hin, dass unzureichende Badekleidung (String-Tangas, Brazilian Bikinis etc.) in unserer Therme nicht gestattet sind“, heißt es auf neu angebrachten Hinweisschildern. Zwar sei das Verbot nicht neu, so eine Sprecherin der Therme, Mitarbeiter seien aber angehalten, auf das Verbot hinzuweisen. In der Kommunikation mit den Gästen sollen die neu angebrachten Hinweisschilder helfen.

Wobei ich das für anmaßend halte, hier für das Interesse aller Gäste zu sprechen. Ich war zwar noch nicht da und zähle nicht zu deren Gästen, gehöre aber zu jenem Teil der Bevölkerung, der es in der überwiegenden Zahl der Fälle für interessenkonform hält, wenn Bikinis möglichst knapp sind. Ich will einräumen, dass es sachdienlich ist, wenn Bikinis über hinreichend Substanz verfügen, um nicht völlig in der ein oder anderen Schlucht zu verschwinden. Das Modell „Ritzenputzer” ist vielleicht doch etwas übertrieben und ästhetisch auch nicht auf der Siegerstraße. Gleichwohl betrifft das nicht ausschließlich männliche Interessenlage. Mir sind auch Exemplare weiblichen Geschlechts bekannt, die es für wünschenswert erachten, den Bikini außerhalb des Gebrauchs im Geldbeutel unterbringen zu können.

„Stringtangas gehören nicht in ein Wellness- und Gesundheitszentrum“, sagt eine Thermen-Sprecherin.

Das ist wahr. Ein Wellnessbereich, der was auf sich hält, wird nackt betreten.

s habe in der Vergangenheit Beschwerden von Badegästen gegeben, so etwa von Familien mit Kindern, die sich durch zu knappe Bikinis im Schwimmbereich gestört fühlten. „Wir sind ein Standort, wo viele Kulturen aufeinander treffen“, so eine Sprecherin weiter.
„Freizügigkeit wird nicht immer von allen Besuchergruppen toleriert.“

Ach, gar.

Eben hieß es noch, wir hätten jedwede Toleranz zu zeigen und müssten in jeder Hinsicht tolerant und weltoffen sein, und nun wird uns erklärt, was wir zu unterlassen hätten, weil es nicht „von allen Besuchergruppen toleriert” werde?

Wo bleiben da die Toleranzprediger der SPD und der Grünen?

Das gab allerdings wohl einen Aufstand der Indigenen, weshalb man die Schilder wieder entfernte:

Die Freizeit Metropole Ruhr, zu der die Niederrheintherme gehört, hat nach eigenen Angaben diese Schilder am Mittwoch entfernen lassen. Geschäftsführer Jürgen Hecht erklärt, dass die Badeordnung lediglich fordere, dass der Schambereich eines Badegastes im Nicht-FKK-Bereich bedeckt sein müsse. „Dies bedeutet definitiv kein Verbot für Bikinis, Tankinis oder Ähnliches in unseren Bädern und so auch nicht in der Niederrhein-Therme im Revierpark Mattlerbusch.“ Eine reduzierte Badekleidung sei heute Bestandteil des Modespektrums, die teilweise in den hauseigenen Shops auch selber zum Verkauf angeboten würden.

Hecht sagt, dass Mitarbeiter mit den Schildern wohl „übers Ziel hinaus geschossen“ seien. Wer zuvor Kritik an zu knappen Badehöschen im Bad geäußert hat, kann er nicht sagen. Eine Sprecherin hatte am Tag zuvor von Beschwerden – vor allem von Familien mit Kinder – berichtet.

Mit über 300.000 Besuchern jährlich gehöre der Mattlerbusch zu den größten Wellness-Anlagen Deutschlands. Allein wegen der Größenordnung sei es denkbar, dass unterschiedliche Vorstellungen aufeinander treffen. „Ich wünsche mir mehr Toleranz in der Gesellschaft und dass man auch einfach mal wegsieht, wenn einem etwas nicht passt“, sagt der 50 Jahre alte
Hecht.

Den Satz finde ich prächtig: „Eine reduzierte Badekleidung sei heute Bestandteil des Modespektrums”.

Wobei festzuhalten wäre, dass eine Badeordnung, die lediglich das Bedecken des Schambereichs (die Südpol-Feministinnen werden ihm schon noch einheizen, wieso man sich dafür zu schämen habe) fordere, damit Raum für völlig entblößte hintere und vordere Rundungen lässt, und damit eigentlich das oben-ohne-Baden erlaubt.

Wesen und Reichweite der „Toleranz” bedürfen weiterer Erörterung.