Hadmut Danisch

Ansichten eines Informatikers

Fluchtinstinkte

Hadmut
26.7.2020 14:11

Noch ein Beleg dafür, dass Soziologen richtig falsch liegen und der Mensch eben nicht als unbeschriebenes Blatt zur Welt kommt und dann erst sozialisiert wird.

Es ist in der Gebäudesicherheit (Safety, hier nicht Security) ein bekanntes Phänomen, sich Menschen in Stresssituationen irrational verhalten. Menschen tendieren in Paniksituationen nicht dazu, den nächstbesten Ausgang zu suchen, sondern ein Gebäude auf demselben Weg zu verlassen, auf dem sie es betreten haben. Wie beim Ariadne-Faden. Auch dann, wenn er viel länger ist oder sie in ihr Verderben führt.

Ich habe sowas einmal live miterlebt. In Karlsruhe gibt es einen großen Kinotempel (Filmpalast am ZKM, hier mit Bild) mit ganz vielen Kinosälen, der neu gebaut worden war. Es gibt ein zentrales Gebäude, überwiegend hohl, vier oder fünf jeweils sehr hohe Etagen hoch, in dem es nur Treppen und umlaufende Gänge gibt, wenn ich mich recht erinnere, auch ein paar kleinere Säle, das Gebäude aber ansonsten innen offen ist, man kann von unten in alle Etagen hoch und vo oben runtersehen, weil es keine Etagendecken gibt. Außen an diesem Zentralgebäude sind nach außen weg die großen Kinosäle angebracht, die, weil abschüssig für die Sitzreihen, quasi nach außen in verschiedene Richtungen runterhängen. Unten geht man rein, zahlt an der Kasse, geht durch die Kontrolle, und geht dann über die Treppen hoch bis in die Etage des jeweiligen Kinosaales, betritt diesen von hinten, und geht dann im Saal wieder nach unten bis zur jeweiligen Reihe.

Am jeweiligen unteren Ende der Kinosäle, also nahe der Leinwand, sind Notausgänge, die man auch von außen gut sehen kann. Treppen im Freien, die gut mit Fluchtwegschildern beleuchteten Türen führen direkt raus. Man ist also sofort im Freien und weg vom Hauptgebäude, und vor allem: Sofort an der frischen Luft.

Ich saß im Kino, der Film sollte gerade anfangen: Feueralarm. Evakuierung, alle raus! (Stellte sich dann raus: Fehlalarm. In einem anderen Saal hatten sie eine Lasershow und nicht dran gedacht, dass der künstliche Dampf, den sie dazu erzeugten, die Rauchmelder auslöste.)

Die Leute sind aber nicht etwa, was naheliegend wäre, zum ausgeleuchteten Fluchtwegschild gegagen, sondern alle nach oben. Zur Gefahr hin, nämlich ins Gebäude rein, das im Brandfall verraucht wäre, um erst nach oben zu gehen und sich dort dann im vollen Kinotempel über die Treppen wieder nach unten zu kämpfen und dann unten im Gebäude zu stehen, vielleicht dabei noch selbst zu stürzen oder andere niederzutrampeln.

Ich wollte damals noch Richtung eben dies Notausganges, mit dem man sofort im Freien, von der Gefahr weg und mit eigener Treppe gewesen wäre, die einem keiner streitig macht, wurde aber sogar von Personal (hinterher drauf angesprochen gab sie zu, dass sie nur Popcornverkäufern war und ihr niemand gesagt hatte, was im Brandfall eigentlich zu tun wäre) noch angeschrien, ich dürfe nicht zum Notausgang, sondern hätte ihr zu folgen, damit sie uns alle nach innen und oben (statt nach außen und runter) führt.

Die Leute haben sich in der Paniksituation zwar körperlich noch ruhig verhalten und sind eher gelangweilt, genervt und langsam gegangen, nicht gerannt, aber völlig ignorant stur auf dem Weg raus, auf dem sie reingekommen sind. Durch das Labyrinth zurück. Da vorne ist eine Tür, steht groß „Notausgang” dran, bist gleich draußen – egal.

Ich hatte sogar die Feuerwehr über den Vorfall informiert, weil ich das für gefährlich halte. Feuerwehr: Ja, das ist halt immer so. Das kriegt man aus den Menschen nicht raus.

Eben kam im Ersten ein Bericht über die Wildschweine in Berlin.

Die nicht nur sehr viel kaputtmachen und verwüsten, sondern auch sehr gefährlich werden können. Weil sie nicht nur sehr kräftig und schwer sind, sondern auch diese gewaltigen Hauer haben.

Ein Jäger erklärte, wie es meistens zu solchen bewaffneten Konflikten kommt:

Die Viecher suchen sich einen schönen Garten, dringen in den ein und machen es sich da gemütlich. Die Stelle, durch die sie eindringen, etwa einen Zaun verschieben oder verbiegen, nennt der Jäger einen „Wechsel”. Den markieren sie auch durch Duft.

Kommt nun der Gartenbesitzer und will die Tiere vertreiben, macht er es meistens falsch, weil er die Tiere einfach nur irgendwie rausjagen will, etwa zur Einfahrt und ihnen dabei den Rückweg zum Wechsel verstellt. Die Tiere wollen aber immer auf demselben Weg wieder aus, auf dem sie reingekommen sind, über den Wechsel. Das tun sie dann auch, wenn man sie lässt. Lässt man sie aber nicht, weil man sie in die falsche Richtung treibt oder das Loch schon geschlossen hat, fühlen sich die Tiere gefangen oder in die Enge getrieben und greifen an.

Ich bin mir ziemlich sicher, das es auch Reste dieses instinktiven evolutionär erworbenen Verhaltens sind, die Leute dazu bringen, in Paniksituationen Gebäude unbedingt auf dem Weg verlassen zu wollen, auf dem sie reingekommen sind, obwohl es keinen vernünftigen Grund dafür gibt.