Hadmut Danisch

Ansichten eines Informatikers

Warum werden Sachen gebaut, die man nicht beherrschen kann?

Hadmut
18.11.2019 21:39

Ein älterer Informatiker lädt gerade seinen Ärger über alles in einer Mail bei mir ab.

Ich versichere ihn hiermit meines vollen kollegialen Mitgefühls.

Hallo Hadmut,

ich weiss, du kannst nix dafür, aber irgendwo muss ich meinen Frust mal los werden.

Ich bin wie du Informatiker, nur ein paar Jährchen älter (Baujahr 58). Meine Lebenserfahrung: Elektronische Geräte ohne Software liefen immer tadellos, elektronische Geräte mit Software haben Fehler ohne Ende.

Meine neueste Anschaffung: ein Fernseher [Marke von mir gelöscht, tut hier nichts zur Sache], Android TV. Nach nicht mal einer Woche Betrieb stelle ich bereits 2 Fehler fest: Aufnahmen auf HDD verschwinden irgendwann, und irgendwann fängt das Bild an zu ruckeln. Nach einem Reboot sind die verschwundenen Aufnahmen wieder sichtbar, und das ruckeln ist für eine Weile weg. Was ist denn das für ein Scheiss? Wieso kann Hardware in Kombination mit Software nicht funktionieren? (philosophische Frage).
Ich hab das in meinem Leben noch nicht erlebt, das Consumer-Elektronik mit Software funktioniert. Wenn man Glück hat vielleicht nach dem 100. Update, aber dann ist das Ding hoffnungslos veraltet.

Wenn die Herren Ingenieure den Scheiss nicht stabil zum laufen kriegen, wieso bauen sie dann nicht einen Timer ein, der das Gerät täglich um Mitternacht einmal neu bootet?

Warum werden Sachen gebaut, die man nicht beherrschen kann? Ich könnt mich sowas von Aufregen über diesen ganzen modernen Elektronikschrott. Wie wird das erst, wenn man Machinelearning und AI in diesen Dreck einzieht? Dann sind die Bugs nicht mal mehr über ein Update behebbar, und niemand ist mehr verantwortlich, die Maschine hat es ja selbst gelernt.

Naja, dahinter stecke viele Gründe.

Ich hatte als Kind den unstillbaren Drang, alle möglichen kaputten und ausgemusterten Geräte, egal ob Küchenmixer, Bügeleisen, Kopiergerät oder Waschmaschine, auseinanderzunehmen und mir anzusehen, um zu verstehen, wie sie funktionieren. Damals ging das noch, da war alles elektromechanisch. Man konnte die Welt noch mit Schraubenziehern und Schraubenschlüsseln, in sehr seltenen Fällen auch etwas Gewalt, erforschen. Und sie manchmal sogar reparieren.

Ich erinnere mich noch mit quietschender Freude daran, dass ich mal im Alter von – ach, ich weiß nicht mehr so sechs, sieben, acht Jahren, es muss so um 1972, 73 gewesen sein, keine Lust hatte, zum langweiligen Einkauf mitzugehen und deshalb eine Stunde oder so alleine in einem zum Abbruch bestimmten und längst vom Strom abgeklemmten Vorkriegshaus in den ehemaligen, leeren Geschäften im Erdgeschoss zu bleiben. Klein-Hadmut konnte man allein lassen, vorausgesetzt, die Werkzeugkiste war dabei. Ich fand es nämlich damals schon schade, die schönen Steckdosen (heute würde ich sagen, wertloser Schrott, weil Steckdosen billig sind und die schon angegilbt und mit Farbe überstrichen waren) mit abreißen zu lassen, und hatte eigentlich nur vor, die alle schön rauszuschrauben. Weil ich aber nicht bei allen die Schrauben aufbekommen habe, hatte ich mal dran gezogen und wider alle Planung und zu meinem großen Vergnügen festgestellt, dass der Putz so alt und bröselig war, dass man die Unterputz-Stromleitungen (obwohl Nachkriegs verlegt) einfach so aus der Wand reißen konnte. Da kam alles mit. Und Hadmut allein zuhaus. Also dachte ich mir, gut, jetzt finden wir es raus, und ging der Sache auf den Grund, indem ich da in diesen zwei Geschäften im Erdgeschoss mal die komplette Elektrik (das war damals noch nicht so viel) aus der Wand holte, mir das genau anguckte und die Steckdosen in einem Eimer sammelte. Ich dachte, ich täte ein gutes Werk (und sie tauchten tatsächlich neulich noch in einem Keller wieder auf, wo sie seither – natürlich ohne je wieder benutzt worden zu sein – noch auftauchten). Immerhin bekam ich damals ein enormes Verständnis dafür, wie Dinge und Elektrik und Sicherungen und so weiter funktionieren. Und Ärger. Denn aus irgendwelchen Gründen, die ich damals nicht verstand, gab es draußen vor den Fenstern einen Menschenauflauf und irgendwer hatte sogar die Polizei gerufen, weil ein Kind rabiat an den Stromleitungen rumwerkte. Die wussten ja nicht, dass da kein Strom mehr drauf war, und ich bekam eine Standpauke, dass das so nicht vereinbart gewesen sei, dass ich schon mal das Haus abreiße. Die Vereinbarung hatte sich eigentlich auf zwei schon ausgebaute Steckdosen auf er Fensterbank bezogen, was ich aber anders verstanden hatte. Nicht, dass man mir das nicht zugetraut hätte, aber was sollen denn die Leute denken?

Damals habe ich viel über Elektrik gelernt. Auch die Steuerung einer Waschmaschine, die damals vorne noch so ein Programmdrehrad hatte, hinter dem eine Kunststofftrommel steckte, die per Uhrwerk gedreht wurde und wie in einer Spieluhr über auf der Trommel angebrachte Relief-Spuren die einzelnen Schalter für Motor, Wasser, Pumpe, Ventile steuerte.

Und ein analoges Kopiergerät hat mir in tausend Einzelteilen offenbart, wie das Licht vom beleuchteten Original über einen Spiegeloptik und ein Objektiv auf die per Hochspannung geladene Trommel projiziert wurde.

Und Fernseher und Radios hatten damals noch mechanische Umschalter. Drehknöpfe, mit denen man mechanisch über Poti oder Drehkondensator die Frequenz abstimmen musste, und die dann durch mechanische Schalter umgeschaltet wurden.

Oder um es kurz zu sagen: Ich bin an Analog Native, ich bin noch elektromechanisch aufgewachsen. War ne geile Zeit. Man konnte reingucken, es verstehen, es reparieren oder für etwas anderes verwenden. Man konnte alles noch mit den eigenen Sinnen erfassen – sehen, fühlen, bewegen, zerlegen.

Was man allerdings auch sehen muss:

Elektrogeräte waren damals richtig teuer.

Die gab’s nicht bei Aldi, damals war ein Fernseher ein Möbel, aus Holz. In den frühen Siebzigern hatten wir einen topmodernen Grundig, unseren ersten Farbfernseher, im damals hochaktuellen Raumschiffdesign. Selbst der offenbart mir, als er dann viele, viele Jahre später meiner Obduktion anheimfiel, ein Gehäuse aus lackiertem Holz zu haben. So ein Fernseher war damals eine richtig teure Angelegenheit. Das konnten sich viele nicht leisten, und wenn, dann hatte man genau einen in der Familie. (Zurück in die Zukunft gesehen? Niemand hat zwei Fernseher.) Und der konnte fast nichts. Ein paar Programme, PAL, analog, Witzauflösung.

Ich habe hier neulich für Videozwecke möglichst billige FullHD-Monitore gebraucht. Und im Elektronikmarkt zwei China-Fernseher mit FullHD, DVB-T2, DVB-C, DVB-S, IPS, Videotext, Digitalaufnahme auf USB-Stick, HDMI-Eingang, Fernbedienung und sonst noch einigem Schnack mitgenommen, das Stück zu 79 Euro. 79 Euro. Ja, die haben eine Macke. Wenn man damit ARD schaut, geben sie als Standardton immer den Kanal mit der Beschreibung für Blinde vor, man muss jedesmal manuell umschalten.

Die Geräte sind gleichzeitig viel billiger geworden und haben trotzdem enorm viel mehr Funktionalität und Komplexität. Deshalb haben sie zwangsläufig mehr Fehler, denn sie haben Fehler in Funktionen, die es damals gar nicht erst gab. Damals gab es keine zwei digitalen Tonspuren. Oder irgendwelche Sonderfälle. Damals hat man einen Fernseher eingeschaltet, dann kam das Testbild der Fernsehsender, und wenn man das ordentlich gesehen und es pfeifen gehört hat, dann war der Fernseher in Ordnung. Mehr gab es nicht an Funktion. Da gab es sonst nichts, was nicht gut sein konnte.

Will sagen: Unsere Maßstäbe und Erwartungshaltungen haben sich massiv geändert.

Ich hatte mal während meines Studiums Aktfotografie betrieben (analog, auf Dia). Und fand sie gut. Vor meinem Umzug von Karlsruhe nach München – inzwischen digital aufgerüstet – habe ich ausgemistet und die mit dem Projektor mal durchgesehen und war entsetzt, was für ein Scheiß das größtenteils war. Nicht weil die Dias schlechter geworden waren, sondern weil meine Ansprüche sich verändert hatten. Auf einer Schulung für Kameraleute in München sagte mal ein Profikameramann, dass es früher schlechter aber einfacher war. Man hat als Kameramann den Film gedreht, und der Regisseur musste nehmen, was er kriegt. Der hat das erst gesehen, wenn das aus dem Labor kam und das Set längst abgebaut und die Schauspieler weg waren, nicht mehr wiederholbar. Da gab es kein Meckern und Maulen und Motzen, dann war das eben das, was er hatte, und daraus musste er seinen Film machen. Und keine Pixel, dann war der Film eben körnig oder sowas. Ende. Heute (bzw. vor 8 Jahren, als die Schulung stattfand) sagt der Regisseur, alle bleiben stehen, wo sie sind, es darf sich keiner bewegen, dann geht er in den Produktions-LKW und schaut sich das auf dem Riesenmonitor an in Super-Wahnwitz-Auflösung. Und dann kommt der raus und will alles nochmal, weil das dritte Barthaar von links nicht ganz knackscharf war.

Will sagen: Wir haben uns verändert.

Als Kind habe ich mit einer Beroquick fotografiert. An der gab es fast nichts, was kaputt gehen konnte. Man hat einen Film eingelegt, und mit dem Hebel transportiert. Ende. Mehr gab’s nicht. Keine Belichtungsmessung, keine Entfernungsmessung. Einen einfachen Blitz über Synchronkabel konnte man noch draufstecken. Und dann hat man eben fotografiert und das war’s. Und drei Wochen später hatte man dann den Abzug und den hat man genommen, wie er ist. Unscharf, lausig belichtet, schief, trotzdem freu.

Heute hat man Handys von einer Rechenleistung oberhalb eines Rechenzentrums von vor 20 Jahren. Eine Smartwatch hat heute mehr Rechenleistung als die damals für die Mondlandung hatten, und der Bastelprozessor, den ich heute für 2 Euro aus China bestelle (sowas um die 200 MHz, 32 Bit, weiß nicht genau), wäre noch zur Zeit meines Studiums der Rechenhammer schlechthin gewesen. Zu Schulzeiten habe ich Betriebssysteme noch komplett disassembliert im Assemblercode durchgelesen und verstanden.

Damals konnte man noch durch Probieren verifizieren. Ausprobieren – geht. Fertig.

Heute strotzt jedes Zimmer meiner Wohnung vor Mikroprozessoren und ich kann nicht mal sagen, wieviele Geräte ich habe, denen man ein Firmware-Update verpassen kann. Meine neuen Kopfhörer brauchten gerade eines.

Wir wollen immer mehr, wir wollen es immer komplexer, wir wollen immer mehr Funktion, und wir wollen es immer billiger. Und immer schneller. Es gab eine Zeit, da hat ein Kameramodell 10 Jahre gehalten – beim Hersteller im Angebot und beim Benutzer locker mehr. Heute wollen wir Rechenzentren in der Hand und alle zwei Jahre ein neues.

Software war auch damals nicht wesentlich besser, aber wir haben es nicht gemerkt, weil wir damit nichts zu tun hatten. Damals lief sowas in Rechenzentren. Heute merken wir’s am Fernseher.

Und wir werden eben von Amateuren geflutet, Fachkräftemangel. Heute heißt es „Jeder kann programmieren”, Minderheitenförderung und so.

Und wir wollen es optimiert haben.

Meine ersten zwei Autos waren elektromechanisch gesteuert. Unterbrecherkontakt, Verteilerfinger, Zündspule, Vergaser.

Leicht zu reparieren, ich konnte damals problemlos alles selbst reparieren.

Und ich musste es ständig reparieren. Immer den Kofferaum voller Werkzeug und Ersatzteile, öfters mal unterwegs liegen geblieben, zweimal den ADAC gerufen, die Heckleuchten ein ständiges Drama mit Wassereinbruch. Im Winter musste ich noch den Choke ziehen und Tricks anwenden, um die Karre überhaupt zu starten, was nicht immer gelang. Viel Gefühl im Fuß, wie oft man vorher das Gaspedal treten musste, damit genau die richtige Menge Benzin im Vergaser ist. Nicht zuviel, nicht zuwenig. Und extrem dreckig, was Umwelt angeht. Als ich Kind war, musste man Diesel noch vorglühen, bis die Glühkerze im Armaturenbrett glühte.

Meine letzten Autos, Dienstwagen oder Privat, kannten solche Probleme nicht. Einspritzpumpen, elektronische Steuerung, Kennfeldlinien. Man dreht den Schlüssel und das Ding springt von selbst an, bei jeder Temperatur.

Es stimmt also nicht so ganz, dass man heute keine beherrschte Technik produziert. Das Auto läuft und die Kamera macht vollautomatisch (mit Lächelerkennung), was ich als Kind immer selbst machen musste.

Und die Geräte, die bei mir heute nicht fehlerfrei funktionieren (gerade habe ich Probleme mit einem Managed Switch, der sich nicht Firmwareupdaten lässt, und der Hersteller hat es selbst erst nach meinem Hinweis gemerkt, und noch keine Lösung gefunden), die sind nicht schlechter als damals, die gab es damals schlicht nicht. Nicht für ein Vermögen. Der Switch hat 30 Euro gekostet.

Insofern ist es richtig, dass heute vieles nicht funktioniert, aber man sollte dann auch mal die Kirche im Dorf lassen, weil man heute trotzdem für lächerlich geringes Geld enorm viel funktionierende Funktion bekommt. Wenn man nämlich mal positiv das sieht, was die Dinger heute können, und was sie kosten, dann bekommen wir enorm viel für enorm wenig Geld. Ich kann jederzeit Fernsehnachrichten aus Australien per Mausklick gucken, und wenn ich abends im Bett liege, nehme ich gerne von meinem Billig-Wecker vom Discounter um die Ecke noch etwas australisches Radio, um mein Englisch zumindest ein bisschen warm zu halten. In meiner Jugend konnte man nicht mal nach Australien telefonieren, zu weit weg, und in viele andere Länder nur handvermittelt nach Voranmeldung am Tag vorher. Da musste man noch auf dem Amt anrufen und ein Telefonat ins Ausland beantragen, und dann haben die gesagt, wann sie es am nächsten Tag versuchen, und dann hat man da noch das Fräulein vom Amt gehört, die das per Mensch geschaltet haben. Und man musste vorher noch sagen, wie lange es dauern soll, und dann haben die sich in die Verbindung geschaltet um zu hören, ob man noch spricht, oder um zu fragen, wie lange es noch dauert, weil man nicht mal selbst auflegen konnte.

Ich habe mich 1990 mit einem Kumpel in Singapur getroffen. Damals mussten wir noch Tage vorher telegrafieren (wer weiß noch, was das ist?) und Nachrichten bei der Deutschen Botschaft hinterlassen, um uns dort zu finden, und Reiseschecks mitschleppen. Heute steige ich mit Kreditkarte und Handy in den Flieger, und habe Internet am Flughafen und oft sogar im Flugzeug. Und wenn ich ankomme habe ich Roaming und Google Maps.

Apropos Google Maps: Noch zur Zeit meines Studiums und kurz danach hatte ich eine große Sammlung von Stadtplänen. Falk Pläne. Ganzen Regalboden voll. Und wenn ich irgendwohin fahren wollte, kam der Autoatlas dran, manchmal musste ich in die Buchhandlung oder zur Tankstelle fahren, um einen neuen Stadtplan für Stadt X zu kaufen, und mir dann aufschreiben, wie man dahin kommt. Da musste man eine Autofahrt noch richtig planen und vorbereiten. Heute sage ich dem Navi, wo ich hinwill. Und mein Handy erzäht mir dazu, wo es noch freie Parkplätze gibt oder sagt mir, dass ich es bleiben lassen soll, weil ich wegen der Verkehrslage nicht mehr vor Ladenschluss ankomme.

Es stimmt nicht, dass da heute alles so schlecht ist.

Wir haben viel mehr Fehler als früher. Ja. Aber wir haben auch überproportional mehr Nutzen.

Und früher haben wir die Fehler selbst gemacht und die dann eben nicht der Technik angelastet.