Hadmut Danisch

Ansichten eines Informatikers

Ein Nachmittag in Philadelphia

Hadmut
29.6.2019 22:53

Ich hatte es ja schon erzählt: Auf dem Flug von Berlin nach New York hatte ich fast 8 Stunden Aufenthalt am Flughafen in Philadelpha.

Eigentlich hatte ich geplant, den Anschlussflug am späten Abend nach New York La Guardia nicht zu nehmen und stattdessen direkt von Philadelphia mit dem Bus nach New York zu fahren, was mir nicht nur a priori Geld (der Bus von Philadelpha nach Manhattan ist billiger als die Fahrt vom Flughafen in New York und hätte fast direkt am Hotel geendet) und viel Zeit gespart hätte, sondern a posteriori aufgrund des Ärgers mit dem Shuttledienst am Flughafen La Guardia noch mehr Geld und Zeit. (Ich habe später die Reviews bei TripAdvisor über SuperShuttle gelesen und festgestellt, dass das keine Ausnahme war, dass die mich da einfach nicht befördert, sondern kommentarlos auf ewig haben sitzen lassen, sondern dass es unzählige Beschwerden dieser Art gibt. Scheint irgendwo zwischen Saft- und Betrugsladen zu liegen.)

Ich hatte dann aber unterwegs von der Fluglinie erfahren, dass das nicht so geht, wie ich mir das vorgestellt hatte, denn wenn man einen Flug nicht antritt, dann löscht der Computer nicht nur (wie ich dachte) den Rest der Reise, also die Anschlussflüge, sondern der gesamten Buchung. Und ich hatte hin- und Rückflug zusammen gebucht, hätte damit also den Rückflug verloren. Hätte ich getrennt gebucht, dann hätte das so funktioniert. Also beschloss ich da ganz kurzfristig und ungeplant, vor allem unvorbereitet, einen Tagesausflug nach Philadelphia zu machen, und zwar mit dem Nahverkehrszug, mit dem ich auch zum Bus gefahren wäre, nur zwei Stationen weiter. Das Problem war eben, dass ich mich überhaupt nicht darauf vorbereitet hatte und eigentlich nicht wusste, wo man da eigentlich hinfährt, und wo es sicher ist, denn Philadelphia gilt (oder galt) als ziemlich kriminell. Ich war bei meiner USA-Reise 1999 schon mal mit dem Reisebus einen Nachmittag lang da, konnte mich aber praktisch gar nicht mehr daran erinnern, nur so ganz dumpf an die Liberty Bell. Ein schnelles Googeln nach Sehenswürdigkeiten brachte auch an erster Stelle die Liberty Bell, und weil ich jemanden vom Flughafen fragte, was man da so machen kann, und der mir sagte, ich wäre mit 8 Stunden Aufenthalt und dem allerschönsten Wetter, das man sich vorstellen kann, einfach der perfekte Passagier für einen Sightseeing-Besuch in der Innenstadt, etwa die Liberty Bell.

Also auf zur Liberty Bell.

Manches sah noch so aus wie in dumpfer Erinnerung (ich habe die wenigen alten Bilder noch rausgekramt, Digitalbilder auf dem Qualitätsstand von 1999, aber es sah nicht nur ähnlich, sondern sehr ähnlich aus), aber eigentlich war alles ganz anders, weil sie danach den gesamten Bereich dort komplett neu gebaut haben. Wo früher alte Gebäude standen, ist jetzt ein (mehr oder weniger) schöner Park mit modernen Museums- und Ausstellungsgebäuden und eben der Liberty Bell. Dummerweise ist die Glocke zwar geschichtsträchtig, aber kaputt. Man hatte damals schon nach gewisser Zeit Haarrisse entdeckt, dann versucht, sie zu reparieren, ich krieg’s nicht mehr zusammen, erst durch Löten und als dann der Riss noch schlimmer wurde, durch Trennbohrungen, die ein Ausbreiten verhindern sollten, und die man dann zunietete, bis die Glocke völlig „kaputtrepariert” worden war. Die geht gar nicht mehr, sie klingt nicht mehr, und selbst beim Versuch würde sie wohl ganz brechen, was keiner riskieren will. Deshalb hängt sie nur mit einem Stützgestell im Museum und macht keinen Mucks mehr.

Im Glockenturm hängt derweile eine schöne, neue, größere Glocke. Als ich nach der Statik fragte, ob man da in den alten Turm einfach so eine neue Glocke habe hinein hängen können, hieß es: „Gute Frage!” und die Antwort sei Nein. Der Turm hält die neue Glocke im Betrieb nicht aus. Deshalb kann sie nicht geläutet, sondern nur mit dem Schlegel angeschlagen werden. Wäre nicht mehr so toll wie früher, aber so sei’s halt. Fotografieren schwierig, weil alles rappelvoll.

Sicherheitsprobleme sah ich da gar nicht, außer vielleicht in ein paar schrägen Nebenstraßen, im Gegenteil, das wirkte alles einigermaßen aufgeräumt und bürgerlich (von den Teilnehmern der LBQT-Queer-Regenbogen-Parade mal abgesehen, die waren freizügiger gekleidet, als ich das in den USA für möglich gehalten hätte, da haben sich die Sitten offenbar gelockert.)

Ein Zwischenstopp in Philadelphia ist also (tagsüber) kein Problem, sondern eine Chance, sich eine (inzwischen wohl wieder) interessante Stadt anzuschauen, auch wenn die immer noch ihre Probleme hat. Ein längerer Aufenthalt lohnt sich da wohl nicht, aber so ein Kurzabstecher schon … man sollte ihn halt vorbereiten und nicht so ad hoc mal losdackeln. Siehe etwa hier oder hier oder hier. Immerhin ist Philadelphia der Ort, an dem die Declaration of Independence und die Constitution geschrieben wurden.