Hadmut Danisch

Ansichten eines Informatikers

Über das Wesen der Klotür an und für sich unter besonderer Berücksichtigung nordamerikanischer kultureller Aspekte

Hadmut
19.6.2019 2:58

Gut, dass wir das geklärt haben.

[ Dissertation zur Erlangung des Dr. phil. in Kultur- und Sozialwissenschaften ]

Die Problemstellung der Klotür , genauer gesagt, deren kulturspezifische Stellung auf oder zu hat zu umfangreicher Korrespondenz und wissenschaftlicher Auseinandersetzung seitens der Leser geführt.

Ich denke, ich kann diese schwierige Materie nun durchdringen und ein vertieftes Verständnis für die kulturuelle Motivation unterschiedlicher Umgangsformen mit der Klotür aufbringen. Die Klotür lässt sich auf einer Metaebene als semaphorische Metapher eines tief verwurzelten Männlichkeitskultes verstehen und als Ausdruck herkömmlich stereotyper Geschlechterrollen deuten.

Zu Recht weist Leser A darauf hin, dass die offene Klotür nicht etwa auf Nachlässigkeit beruhe, wie der gewöhnliche Europäer annehmen würde, sondern in den USA generell Türen offenbleiben um den Eindruck zu verhindern, man habe etwas zu verbergen. Dem ist beizupflichten. Schon lange ist aus der Industrie bekannt, dass Bewerbungs-, Personal- und Arbeitsgespräche bei offener Tür oder in gläsernen Kästen stattfinden, damit jeder sehen kann, was darin passiert.

Leser B verweist auf die Parallelen zum Wohnungsbau der Niederlande, wo man ganze Wohnungen so baut, dass man „durchschauen” kann, was darin vor sich geht, was seine gemeinsame Ursache darin fände, dass beide Länder zutiefst puritanisch seien:

Der verbindende Punkt ist nun, dass beide Länder zutiefst puritanisch geprägt sind. Die Logik dahinter dürfte (laut Max Weber) sein: in den puritanischen Gemeinschaften bekehrt man sich genau einmal, und dann wird erwartet, daß man weiterhin ein Leben ohne Verfehlungen und Sünden führt (anders als bei den Katholiken, die beichten gehen und daher viel entspannter sind). Passieren trotzdem Verfehlungen, so war die Bekehrung nicht echt, und man selber ist ein Heuchler, also das absolut allerletzte.

Somit steht man als Puritaner ständig unter dem Druck ein absolut tadelloses Leben zu demonstrieren: mir kann jederzeit jeder bei allem zuschauen, niemand wird an mir je etwas Unanständiges finden!

Wie gesagt, als soziologische These gibt es das seit 100 Jahren, aber daß es sich sogar auf’s Sch…n erstreckt, made my day!

Leserin C wirft die Geschlechterfrage auf:

Verhalten Frauen sich denn genauso, was die Klogewohnheiten angeht?

Ich höre immer Frauen in Amiland sind da eher “schamert”, wobei ich selbst noch nie da war, kenne das nur aus zweiter und dritter Hand.

Falls Frauen sich *nicht* so verhalten, stellt sich die Frage, wie der Unterschied zustande kommt. Revierverhalten? So eine Art “Markierung” durch das “Männchen”?

Im Tierreich kommt das ja oft vor, daß durch Ausscheidungen markiert wird, und der Mensch ist ja biologisch auch ein Tier. Ich hab mich mit dem Thema noch nie im Detail befasst, aber mir ist schon aufgefallen, daß es hier in D Männer gibt, die nicht spülen wenn sie Stuhlgang hatten. (von Julian Assange ist bekannt daß er das oft so macht). Oder hier in der WG: Manche der Kerle gehen ins Bad und lassen die Tür auf während Benutzung – zwar nur beim Zähneputzen o.ä., also nix mit nackig, aber trotzdem, man geht rein, weil die Tür nicht geschlossen ist, und dann ist da schon jemand. Das hatte ich jetzt schon bei mehreren Mitbewohnern. Und ja, die waren alle kaukasisch. Ich bin hier die einzige Frau, meine Mitbewohner, jeweils 3, waren bisher alle männlich, und wechseln oft. Die WG hier ist freilich nicht 100 % vergleichbar mit deiner Situation, aber die Küche und das Bad sind Revier-Gebiete die man sich teilen muss, also ist es schon ähnlich.

Und gerade dieses “sich-Mitteilen-Müssen” von dem du da erzählst, das klingt schon so, als sei das auch so eine Art Revier-Verhalten.

Vielleicht ist es ja so, daß darum auch die Tür auf bleiben kann? Nach dem Motto: Wenn jeder schon von Weitem *hört*, daß ich hier drin brin, wissen alle die sich nähern schon Bescheid bevor sie mich *sehen* können. Das wäre typisches Revier-Verhalten.

Die Amis legen das ja auch sonst verstärkt an den Tag, das Revierverhalten, was du als “extrovertiert” bezeichnest: Alles muß *demonstrativ* und *extrem* gemacht werden, einfach weil die Welt voller Gefahren ist (die haben ja auch dauernd Tornados Waldbrände etc.), der nächste Bürgerkriegt sowieso hinter jeder Ecke lauert, und überhaupt die Verfassung sagt ja ich darf diese 30 Waffen hier in meinem Schrank haben… alle sind potentielle Kinderschänder, darum darf mein Kind nie allein sein, etc. – die sind einfach sehr extrem in all jenen Dingen, die mit Revier-Verhalten zu tun haben (vom entsprechenden Verhalten in Politik und Wirtschaft brauchen wir erst gar nich anzufangen, und ja, das war auch schon vor Trump so).

Vernehmliches Grunzen und lautstarkes Kacken bei offener Tür mit entsprechender stimmlicher Untermalung als Hierarchieverhalten? Als Mitteilung an die anderen, den Anspruch auf die Stellung des Alpha-Rüden zu erheben? Merkmal rangniedrigerer Positionen, leise und unauffällig zu defäkieren, als Analogon zum eingezogenen Schwanz? Stilles Häufchen als Verzicht auf ranghohe Positionen?

Leser D verweist nicht nur auf den bei der Armee üblichen gemeinsamen Donnerbalken (was sich in diesem Kontext als durch Handlung manifestierter Verzicht auf eine vom Dienstgrad abweichende Rangordnung verstehen ließe) vertieft:

Die US-amerikanischen Toilettensitten haben ihre Wurzeln im Calvinismus. Mir erklärte ein amerikanischer Kollege auf meine Frage, warum die keine Türen, sondern nur Trennwände auf der Firmentoilette hätten:

“Damit sich keiner während der Arbeitszeit verpisst, Zeitung liest oder sich einen runter holt.”

Das gehe auf calvinistische Überwachungsmentalität zurück. Er habe als Kind immer die Hände über der Bettdecke lassen müssen.

In US-Haushalten ist es auch durchaus üblich, dass Hunde aus der Kloschüssel saufen, weil die ja so sauber ist.

Die Sitten der Amis waren auch für mich gewöhnungsbedürftig. Einerseits nach unseren Maßstäben eine schamverletztende Ungezwungenheit beim Defäkieren, andererseits verbale Attacken seitens Straßenpassanten, weil ich denen angeblich “in die Augen geblickt hatte”. Nachdem sich solche Vorkommnisse wiederholten, hatte ich dann kapiert, dass sich das nicht gehört – unter Primaten.

Was ich bestätigten kann. 2007 ist mal in Boston einer in der U-Bahn mir gegenüber ausfällig geworden, weil ich ihn einen kurzen Moment angesehen hatte. Er hatte eine fürchtliche vermurkste Zahnprothese im Kiefer, riesengroß, aus strahlendem Gold, aber völlig laienhaft eine Knabberleiste über mehrere fehlende Zähne, auf der die Zahnzwischenräume durch eingekratzte Rillen angedeutet waren. Nur ein kurzer Blick und der fühlte sich im Intimsten verletzt.

Den Gesichtspunkt der durch öffentliche Beobachtung unterbundenen Masturbation greift auch Leser E auf:

allo Hadmut,

öffentliche Klos in den Staaten sind deshalb öffentlichkeitstransparent, damit niemand sich ungestraft dem grässlichen Laster der Masturbation hingeben kann oder – noch schlimmer – den Toilettenverschlag für einen schnellen ehebrecherischen oder unverheirateten Geschlechtsverkehr mit
Partner/in oder – ganz schrecklich kriminell – Prostituierten missbrauchen kann.

Das ist kein Witz.

Ich weiß das aus langjähriger Erfahrung vor Ort.

Bewusste Sehschlitze und kniehohe Offenheit, damit sich jedermann davon überzeugen kann, dass der Einsitzende auch wirklich nur kackt und nicht wichst oder überdies auch wirklich allein ist?

Es erinnert mich daran, dass im Internet neulich schon Fotos von Toilettenanlagen zu finden waren, auf denen die Trennwände und Türen gleich ganz aus völlig (wie Fensterglas) durchsichtigem Glas bestanden. Man beschrieb es als dumme Baupanne, aber vielleicht war es ja gerade so gewollt?

Etwas am Thema vorbei, aber nicht minder interessant und aufschlussreich ist der Wissensbeitrag des Lesers F, der sich mehr um die technisch-konstruktiven Aspekte der Tür im Allgemeinen und der Klotür im Besonderen dreht:

Sehr geehrter Herr Danisch,

vieles kann nur verstanden werden, wenn man berücksichtigt, wie früher alle nach USA gekommen sind. Die runden Türknaufe kommen noch aus der Seefahrt. Wer handwerklich was konnte, hatte seine Auskommen in Europa und brauchte nicht auswandern. So kamen nur die Handwerker rüber, die das was auf dem Schiff sie herkannten an Land weiter machten.

Das gilt auch für das waited to be seatet in Lokalen.

Das gilt auch für die Toilette.

Das gilt auch für das Schlange anstehen.

Wer das nicht abkonnte ging wie der Kühbelböck, oder so ähnlich, fiel oder sprang über Bord.

Und wenn man dort fast ein Jahr mal war und viele Wohnungen besichtigt hat, weiß auch:
Diese komische Heizungsleiste am Rand fängt im Wohnzimmer an und hört im Bad auf. Damit es nicht so kalt ist, offene Türe oder sehr viele GlühLampen über dem Spiegel im Bad mindestens 6, das sind dann zugleich die IR-Strahler. Im Sommer, meistens hat nur ein, maximal zwei Räume eine Klimaanlage. Im Bad/Toilette verdampft man fast. Denn da ist keine Klimaanlage. Daher kommt das. So ist das bei der Mittel- und Unterschicht.

Es würde immerhin die Frage beantworten, die mir schon lange durch den Kopf geht, nämlich warum die hier immer diese runden Türknäufe oder so ganz seltsame Türklinken haben. Schiffsbau.

Was das mit wait-to-be-seated zu tun hat, verstehe ich zwar nicht. Aber gut.

In der Gesamtsicht komme ich deshalb zu dem Ergebnis, dass es bei der offenen Klotür darum geht, auf einer Männeretage wie der hiesigen öffentlich kundzutun, dass hier keine sexuellen, gar homosexuellen Handlungen stattfinden, und jeder ordnungsgemäß nur das tut, wozu die Örtlichkeit bestimmt ist.

Und dies nicht nur auf optischer Ebene, die erfordert, dass man hinschaut (was die in den Cubicles ja nicht können), sondern auch per akustischer Broadcast-Mittelung mit urinierens- oder defäkierenstypischer Lautbegleitung wie Stöhnen, Grunzen, Erleichterungsäußerungen. Auf dass nachdrüclich jedem versichert werde, dass der Urheber gerade wirklich genau das tun, wonach es sich anhört, und nicht etwa anderes.

Im Prinzip kommt der offenen Klotür damit eine ähnliche Funktion zu wie dem Pinup-Girl im Soldatenspind oder der Werkstatt: Seht her, ich bin nicht schwul, ich hab’s nur mit Frauen.

Dazu natürlich Markierungsgehabe. Der dickste Hirsch ist der, der am lautesten und brachialsten kackt, den größten Haufen setzt und dazu noch stimmlich die Manneskraft unterstreicht. (Erste Allgemeine Verunsicherung: … und lässt einen fahren, wie Conan der Zerstörer…). Auch ein kräftiger Harnstrahl ist Symbol strotzender Manneskraft. Weil’s vor sich hin tröpfelt, wenn die Prostata altert. Was deshalb möglicherweise auch als Gesundheitssignal an die Damenschaft fungieren könnte: Die Kundgabe, über den vollen, satten Strahl zu verfügen. Dass einen schon der Rückstoß schier umhaut.

Und so muss ich mir dann auch die Frage gefallen lassen, ob meine Abneigung gegenüber extrovertiert aufkackenden Zeitgenossen am Ende nicht einfach die erfolgreiche Wirkung von deren Hierarchieverhaltens ist, das auf mich dahingehend einschüchternd wirkt, dass ich mir denke: Macht Euern Scheiß’ ohne mich! Vielleicht ist das von der Natur genau so vorgesehen. Vielleicht müsste ich, um das Alpha-Männchen zu werden, statt mich dran zu stören, in den Wettbewerb eintreten und brachialer auftreten, lauter grunzen, mehr donnern, enormer kacken, weiter stinken. Dazu röhren wie ein Wasserbüffel in der Brunft. Um das Ansehen der anderen Männer zu erwerben. Auftreten wie ein Sumo-Ringer. Oder Conan, der Zerstörer. Gase absondern, die keinen Zweifel am Alleinbesitzanspruch des ganzen Badezimmers, ach was, der ganzen Etage aufkommen lassen.

Dann beim nächsten Mal. Ich muss vorher noch üben.

Ich denke, das Rätsel um die Klotür kann als gelöst betrachtet werden.

Reisen bildet.