Hadmut Danisch

Ansichten eines Informatikers

Das Kleid der Elsa

Hadmut
14.6.2019 16:09

Ging mir nochmal so durch den Kopf. [Update: Gib’s bei Youtube auf Video]

Ich habe mich ja gestern einmal quer von links unten nach rechts oben durch das Museum of Modern Art gelangweilt.

Dabei ging mir so vor lauter Langeweile nochmal diese Szene aus dem Musical durch den Kopf, als die da auf der Bühne stand und sang und mittem in Gesang von einem Augenblick auf den anderen ein ganz anderes Kleid anhatte.

Letztlich auch nur ein Bühnenzaubertrick, aber gut gebracht.

Warum aber war das Publikum so aus dem Häusschen? Warum waren die so ergriffen davon? Ich meine, die Szene kam wirklich toll rüber, aber warum? Wie schaffen die es medien- und darstellungstechnisch, die Leute so einzusammeln?

Wie ich so drüber nachdenke, komme ich drauf, dass ich die Sache von der falschen Seite aus betrachtet habe. Ich bin ein Mann und denke männlich, während das Publikum überwiegend weiblich war. Die denken anders.

Ich fand das beeindruckend, wie schnell die der vor aller Augen das Kleid gewechselt haben, wie toll das dargestellt war, aber mehr als „anderes Kleid” war für mich da erst mal nicht wichtig. Dafür hatte ich ja einen sehr guten Platz oben auf der Empore und konnte von oben auf die Bühne sehen und erkennen, dass der Bühnenboden gestopft voll mit Technik war. Von vorne sah das einfach nur wie flacher Boden aus, aber von oben konnte man erkennen, dass da kein halber Meter war, der nicht mit irgendwelchen Klappen, Türen, Schlitzen, Mechaniken vollgestopft war. Das Ding lebt davon, dass dieser schlicht aussehende Bühnenboden vor Technik strotzt, und zum Finale dreht sich das ganze auch noch, damit dann die Darsteller alle auf einem Ring stehen und dem Publikum nochmal singend vorgeführt werden können, während Anna und Elsa sogar noch auf einer Plattform nach oben gefahren werden.

Männerblick halt. Die Technik im Bühnenboden.

Um aber die Wirkung der Szene zu verstehen, muss man weiblich denken.

Die hat vorher ein zwar schönes, aber ganz einfaches, schlichtes Kleid an in gedeckter, stumpfer Farbe (ich glaube, es war dunkelgrün oder sowas) und ohne jeglichen Schnickschnack, Dann singt sie „Let it go!” und das Publikum, das den Text viel besser verstand als ich, wird da emotional mitgenommen auf die Verwandlung der Elsa von der zaghaften Tochter zur strahlenden selbstbewussten Eisprinzessin. Das wird Stück für Stück aufgebaut. Wie auch im Film fliegen da im Gesang erst der Handschuh und dann der Umhang weg, und die ganze Musik, der Tanz, der Text sind darauf aus, die Verwandlung anzukündigen. Das wird systematisch aufgebaut, aufgeladen, vorgespannt.

Und dann im genau passenden Augenblick steht die eben noch verzagte kleine unauffällige Tochter im (anders als im Film) schneeweißen, und vor allem mit unzähligen Glitzersteinen (Swarowski oder sowas) besetzten Show-Kleid da, natürlich mit Scheinwerfern so angestrahlt, dass sie wie schöneste Eiskristalle funkeln, und das weiße Kleid im Scheinwerferlicht strahlt wie sonstwas.

Für mich war das einfach „ein anderes Kleid”, aber das verdammt schnell. Für das Publikum stand da auf einmal die Eiskönigin persönlich auf der Bühne, strahlend im Wortsinn.

Das war die ganz große Emotionalkeule. Das, was ich schon oft beschrieben habe: Interweibliche Emotionalsynchronisation.

Die Geschwindigkeit

Mir ging auch die Frage durch den Kopf, warum es mit anderer Geschwindigkeit wirkt als im Film.

Das hat mit der Laserpistole von Han Solo zu tun.

Würden sie es im Film von einem Bild auf das andere machen, würde das nur wie ein Filmfehler wirken. Deshalb müssen sie im Film eine Veränderung zeigen, zumal sie die Leute im Film nicht so emotional abholen können. Deshalb schießen die bei Star Wars auch mit Laserkanonen. Eigentlich denkt man bei Laser an Lichtgeschwindigkeit, aber das Gegenteil ist der Fall: Die schießen so langsam, dass man die Energie fliegen sehen kann. Gewöhnliche Pistolen sind viel zu schnell. Darth Vader hätte auf Bespin auch alt ausgesehen, wenn Han Solo eine gewöhnliche 38er gezogen hätte.

Deshalb verwandelt sich das Kleid im Film auch langsam, damit man es mit ansehen kann.

Auf der Bühne ist das aber anders. Da will man den plötzlichen Emotionalhammer und da wirkt es ja gerade toll und nicht wie ein Fehler, wenn es blitzartig (=unerklärlich, nicht normal, sondern magisch) geht, die Überraschung kommt. Deshalb hat sie auch kein hellblaues Kleid an wie im Film, sondern den glitzerweißen Show-Strahle-Hammer.

Man muss das lernen, wie man die Leute abholt und einsammelt. Profihandwerk.

Update: Gibt’s bei Youtube.