Hadmut Danisch

Ansichten eines Informatikers

9/11

Hadmut
12.6.2019 6:27

Eindrücke.

Heute fing der Tag bewölkt an, sehr ähnlich wie gestern. Während aber gestern Mistwetter draus wurde, war heute ab der Mittagszeit Wetter der Sorte besser-geht-nicht. Strahlend schönes Wetter, angenehm warm, aber nicht zu warm, man blieb so gerade unterhalb der Schwitzschwelle. Ein herrlicher Tag.

Wie also könnte man einen herrlichen Tag besser verbringen als … unterirdisch?

Naja, also die Sache war die. Weil das Wetter so anfing wie gestern und ich dem nicht traute, bin ich erst mal hier um die Ecke in das berühmte Riesen-Fotogeschäft B&H. Enorm, eindrucksvoll, super sortiert, manchmal schwer zu erreichen, weil strikt jüdisch, deshalb haben die an jüdischen Feiertagen, auch Sabbath, schon ab Freitag nachmittags alles zu. Ist es mal offen, ist es toll, aber gekauft habe ich nichts – obwohl sie nämlich meinen, dass sie supergünstige Preise haben, bekommt man alles in Deutschland einfach günstiger.

Als ich da wieder rauskam, war es gegen Mittag und das Wetter noch nicht so ganz auf der Überholspur, also dachte ich mir, jetzt zum Ground Zero. (Bilder folgen noch, bin gerade viel zu müde.)

Und habe gestaunt. Die haben das richtig schön gemacht. Bäume, und wo die beiden Türme standen, zwei solche riesigen Gedenk-Wasserfälle, darunter ein Museum auf den originalen Fundamenten.

Der Park so ein Platz der Ruhe, auch wenn es voll und von der Polizei schwer bewacht ist, und wäre es nicht geschmacklos, makaber und zynisch, würde ich sagen, sieht jetzt viel besser aus als vor dem Anschlag. Das WTC war eine ziemlich hässliche Angelegenheit. Ich war 1999 noch oben.

obwohl das Wetter eigentlich zu schön war, bin ich in die Gedenkstätte mit Museum, weil ich erstens nicht damit gerechnet habe, darin so lange zu bleiben und zweitens mir für einiges Geld einen „New York Pass” gekauft habe, mit dem man in eine ganze Liste von Museen und Veranstaltungen reinkommt, und der sich nur lohnt, wenn man pro Tag mindestens ein bis zwei macht.

Sie haben das ziemlich monumental angelegt. Die Hallen sind einfach riesig. Was damit zusammenhängt, dass sie die auf die original-Fundamente gebaut haben. Man sieht es zwar nicht, aber unausweichlich läuft man offenbar unter diesen Wasserfällen herum. Und sieht, wo diese Säulen, die die Türme außenrum hielten, in den Boden eingelassen waren.

Dazu Ausstellungen und Ausstellungsstücke. Was wohl gar nicht so einfach war, denn da ist eigentlich gar nichts übrig geblieben außer verbogenen und geborstenen Stahlträgern. Das einzige aus dem WTC, woran ich mich noch erinnern kann, sind drei arg lädierte und geschrottete Aufzugtasten aus Edelstahl und ein riesiger Aufzugmotor des größten Aufzuges, dazu ein Stück der Dachantenne. Ansonsten ist da wohl nichts erkennbares übriggeblieben. Teile wie Fensterstückchen, angekokelte Schriftstücke oder sogar Disketten wurden vor dem Einsturz nach außen geschleudert oder vom enormen Luftdruck des Einsturzes, von dem es hieß, dass er Menschen in der Nähe der Türme über 10 Meter einfach weggeblasen hat, in die Gegend gepustet. Flugzeugteile oder Bürogegenstände gibt es, aber aus dem Anschlag am Pentagon.

Und zwei riesige vernichtete Feuerwehrautos.

Man behilft sich mit Hilfs-Erinnerungstücken.

Sie stellen sowas wie Golfbälle, Rollschuhe, ein Sporthemd von Leuten aus, die im World Trade Center gestorben sind.

Obwohl die Stücke selbst dann mit dem Unglück gar nichts zu tun hatten und gewöhnliche Golfbälle oder Rollschuhe sind, ohne irgendetwas besonderes. Ich stand davor und dachte mir, naja, Golfbälle und Rollschuhe habe ich schon mal gesehen. Bringt’s das wirklich?

Als ich dnnn merkte, dass da auch Leute sind, die extrem mit den Tränen kämpfen und die es fast zerreißt. Denen man anmerkt, dass sie daran fast zerbrechen. Die kaum die Fassung bewahren können.

Oben im Eingang ist mir eine separate Eingangsschlange aufgefallen, an der ein Schild hängt: Für Überlebende, Retter, sowie Angehörige der Opfer und der verstorbenen Retter, Und es waren Leute in dieser Schlange. Auch nach 18 Jahren bewegt das die Leute noch immer so sehr.

Was mir aufgefallen ist:

Wie nüchtern und sachlich die Sache trotz solcher emotionaler Ansatzpunkte wie Golfbälle und Rollschuhe ist. Eigentlich nur: So hat man das World Trade Center aufgebaut, so sah es aus, dann sind Flugzeuge reingeknallt und Leute mussten raus und Feuerwehrleute rein, dann ist es zusammengefallen, es gab viele Tote, und andere Helden waren mit Aufräumen befasst.

Nur auf einem Schild am Rande habe ich überhaupt die Bemerkung gesehen, dass es was mit Terroristen zu tun hat. Und in der Ausstellung geht es ein bisschen auch um die Flugzeugentführungen. Wäre es nicht Allgemeinwissen, würde man sonst da nicht erkennen, dass es berhaupt ein Anschlag und kein Unglück war.

Wer die Attentäter waren, warum sie das taten, was der Hintergrund war, wann der Konflikt anfing oder sowas, wird mit keiner Silbe erwähnt (soweit ich sehen konnte).

Alles in allem gut gemacht.

Erst habe ich mich geärgert, dass ich damit einen schönen Nachmittag verbraten habe, war aber dann doch froh darüber, wenn ich hatte fast nicht warten müssen. Aus den vielen Serpentinen der Warteschlange war bei mir nur eine Serpentinenschlange voll, ein paar Minuten warten. Als ich dann aber rauskam, waren ungefähr (gefühlt, nicht gezählt) 20 Serpentinenschleifen gefüllt, also das zwölf- bis zwanzigfache.

Das dauert dann.

Ähnliches mit dem neuen One World Trade Center. Riesige Abfertigungsanlage, wie üblich lange Warteschlangen mit ständigen Schleifen und Winkeln, damit man nie sieht, wie lange man noch warten muss. Heute: Man kam quasi sofort dran.

Die Aussichtsplattform des neuen One World Centers kam mir dann verblüffend bekannt vor: Stil und Machart wie in Dubai beim Burj Khalifa. Jemand sagte dann noch, es sei dasselbe Architekturbüro gewesen.