Hadmut Danisch

Ansichten eines Informatikers

Influencer

Hadmut
2.6.2019 0:46

Ich wunder mich ja über die Naivität.

Es ist ein offenes Geheimnis, dass viele Youtuber sich ihre Follower, Likes und Views schlicht einkaufen. Es gibt jede Menge Firmen, die sowas als Dienstleistung anbieten, und die gäbe es ja nicht, wenn es nicht auch Kunden gäbe.

Wann immer man einen Webserver aufmacht, und ich habe ja gerade meinen neuen Webserver, neulich noch eine Testmaschine und vorher für andere Zwecke noch andere Webserver ins Netz gestellt, kann man einen Effekt beobachten: Noch bevor irgendein DNS-Eintrag auf den Server zeigt oder der Server sonst in einer Weise bekannt gemacht wurde, wenn also noch niemand den Hintergrund oder Zusammenhang kennen kann, wird man mit jeder Menge von Anfragen konfrontiert. Überlicherweise konfiguriert man für sowas dann einen virtuellen Default-Server, damit einem diese Anfragen nicht ins normale Log laufen. Auf meinem, wie auf vielen anderne und auch der vorigen Maschine laufen virtuelle Webserver. Es reicht also nicht, einfach nur bei der IP-Adresse meines Servers anzufragen, der Client muss auch in die Anfrage reinschreiben, dass er was von www.danisch.de haben will, sonst läuft er in den default-Webserver, der alles nur mit einer Fehlermeldung beantwortet. Und der eine andere Log-Datei hat. Deshalb kann man dann unterscheiden und trennen, welche Anfragen wirklich für www.danisch.de gedacht sind und welche nur wildes Rumscannen über IP-Adressen sind. Die laufen dann in verschieden Log-Dateien.

Und dabei fallen zwei Typen von Anfragen auf: Ein ständiger Regen von Anfragen auf die IP-Adresse (der Fragende weiß also nicht, dass da www.danisch.de liegt) nach /, also einfach nur schauen, was da läuft. Und die Anfragen, die hintereinander weg mehrere hundert unsichere php-Skripte ausprobieren wollen, um dann in die Kiste einbrechen zu können, falls das Skript da wäre.

Beachtlich dabei: Diese Anfragen kommen von zufälligen IP-Adressen. Über die Welt verteilt. Ich habe mir mal ein paar angesehen um das auf Angriffsquellen zu untersuchen. Zwar anscheinend überanteilig viel China und Russland, aber ansonsten ständig wechselnde Adressen mit immer exakt demselben Agent-String. Also läuft da weltweit dieselbe Software, offenkundig mit Malware infizierte Rechner, die unbemerkt im Hintergrund irgendwelche Scan-Arbeiten und Einbruchsversuche ausführen.

Mit diesen Malware-Netzwerken kann man völlig problemlos als Nebeneinkunft Clicks und Likes und Views und so weiter erzeugen. Irgendwer schrieb mir, dass man bei Youtube nur 10 Sekunden abrufen muss, damit das als gezählt gilt. Kleinste Handy-Auflösung in Briefmarkengröße reicht.

Bots und Fakes

Ständig wird alles im Netz angezweifelt. Überall stecken natürlich die bösen Russen und die fiesen Nazis dahinter, alles Fake, nichts darf man glauben.

Kommt aber einer der politisch Korrekten daher, dann glauben die alle und sofort die Zahl, die da steht.

Jetzt steht da 14 Millionen.

Mehr als jeder sechste Einwohner des Landes vom Säugling bis zum Greis müsste das Video gesehen haben.

Seltsam nur: Außer mir selbst kenne ich niemanden persönlich, der das Ding gesehen haben will.

Zwei, drei Leser haben geschrieben, dass sie es gesehen haben, aber viele schrieben, dass sie sich entweder über meinen Blogartikel dazu bedanken, weil sie dann das Video nicht mehr schauen müssten, oder es nach 2 Minuten wieder abgeschaltet haben, weil viel zu nervig.

14 Millionen Views und kaumer einer weiß, was drin vorkommt.

In England ist gerade eine aufgeflogen. Eine Influencerin mit fast 3 Millionen Followern auf Instagram und rund 900.000 auf Youtube. Sie wollte reich werden und ein Klamottenlabel gründen, fing erst mal bescheiden mit 36 T-Shirts an. Und bekam sie nicht verkauft. 3 Millionen Follower, aber kann ihnen keine 36 T-Shirts verkaufen.

Der SPIEGEL dreht durch

Der SPIEGEL kommt jetzt damit um die Ecke:

Keine Ahnung, wer die anderen vier sind, nie gesehen.

Rezo macht außer jeder Menge komplett inhaltsloser Suff-und-Schwätzvideos ein Polit-Video, das irgendwie bekannt wird, und in dem macht er auch nichts anderes als dazusitzen und auf ergoogelten Käse zu verlinken. Und daraus machen die „Die neue APO: Wie die Generation YouTube die Deutsche Politik aufmischt”.

In der Ströer-Broschüre stand, Rezo erreiche durchschnittlich 210 Millionen Views im Monat.

Die Realität

Mich schrieb heute ein Webentwickler an, weil er meine Zugriffszahlen, die ich erwähnt hatte, partout nicht glauben wollte. Der dachte, ich hätte die Werbezugriffe mitgezählt, und selbst dann fand er es noch exorbitant hoch, die tatsächlichen Zahlen schlicht für nicht möglich:

Ich habe Kunden, die nach jahrelanger Arbeit sehr stolz sind auf 4000 bis 6000 Zugriffe pro Tag. Insofern wären >100.000 exorbitant viel. Ich arbeite viel mit anderen […] Du wärst mit sechsstelligen Besuchen täglich nicht nur eine andere Liga, sondern eine völlig andere Galaxie. Ich gönne es Dir von Herzen, aber aus professioneller Sicht halte ich das für sehr unwahrscheinlich.

Was die Leute damit dann machen, weiß ich nicht. Aber normalerweise will jemand, der auf meine Webseite kommt, auch lesen. Es ist nicht wie bei Facebook oder Youtube, dass den Leuten das in die Timeline gedrückt wird. Und Zugriffszahlen zu fälschen hätte nicht viel Sinn, weil sie ja nicht angezeigt werden.

Aber: Selbst die erwähnten 4000 bis 6000 Zugriffe am Tag sind schon eine Menge, da steckt schon viel Arbeit drin. Das ist die Realität. Und zwar sogar in vielen professionellen Bereichen. Als ich vor drei oder vier Jahren mal auf Auskunft klage, fand ich in den Akten Hinweise darauf, dass die Regierung da mit viel Geld und mehreren Stellen den Betrieb eines Frauenfördergenderwebservers finanziert hatte, der dann im Monat weniger Zugriffe hatte, als ich damals an ein oder zwei Tagen als Feierabendblogger.

Hört sich bitter an, aber so ist die Realität für informative Seiten. In der professionellen Zeitungsbranche ragen nur wenige darüber hinaus. Im Allgemeinen herrscht ernüchterndes Elend, und ich habe das Gejammer von Journalisten darüber persönlich miterlebt, dass sie nur noch anteilig an Klickzahlen bezahlt werden, weil es für ein Grundgehalt nicht mehr reicht.

Will man mehr, braucht man Sonderangebote, Sex, Pornos, dumme Witze, lächerliche Situationen oder sowas. Oder die Unterstützung von ARD, ZDF, Meldungen in der Tagesschau.

Wer also glaubt, dass man mit dem Killefit, der auf Rezos Kanal zu finden ist, 210 Millionen Views im Monat generiert?

Zweieinhalb Klicks für jeden Einwohner Deutschlands vom Säugling bis zum Greis, und trotzdem habe ihn keiner gekannt?

Wer genau soll denn da die Zielgruppe sein?

Mal zum Vergleich die Zuschauerzahlen von „Wetten dass!?”:

Am 6. Oktober 2012 trat Markus Lanz das Erbe von Thomas Gottschalk an und erreichte mit seiner ersten Ausgabe 13,62 Millionen Zuschauer, vor einem Jahr waren es nur noch 6,88 Millionen Zuschauer. In der Zwischenzeit wurde viel über die Zukunft des Formats und des Moderators diskutiert, nun ging die letzte Ausgabe am Samstagabend auf Sendung. Das Finale der großen Samstagabendshow interessierte dabei 9,27 Millionen Zuschauer ab drei Jahren, der Gesamtmarktanteil am Samstagabend lag somit bei 32,5 Prozent. Ein sensationeller Wert im Vergleich zur Entwicklung der fünf Episoden im Jahr 2014. Doch auch die Jungen hegten mit 2,87 Millionen Zuschauern und 27,8 Prozent ein enormes Interesse.

Gut, nehmen wir was Größeres. Fußball. Wir haben nichts Größeres. Wie sieht’s da aus?

Trotz des schwachen Abschneidens bei der Fußball-Weltmeisterschaft hat die deutsche Nationalmannschaft für die drei besten TV-Quoten des Jahres gesorgt. Die DFB-Spiele in Russland waren die mit Abstand erfolgreichsten Fernsehsendungen 2018. Den Höchstwert lieferte mit 27,53 Millionen Zuschauern das Vorrunden-Duell zwischen Deutschland und Schweden. Diese Spiel liegt sehr weit vor dem TV-Gewinner 2017: Das Finale des Confed Cups sahen damals 14,86 Millionen.

Die Dominanz des Fußballs zeigt, dass unter den Top 50 keine andere Sportart ist. Und der erfolgreichste „Tatort“ des Jahres mit Axel Prahl und Jan Josef Liefers aus Münster (12,16 Millionen) käme im Sport-Ranking nur auf Rang 15.

Aber Rezo soll 210 Millionen Views im Monat produzieren.

Die Frage ist die nach der Zielgruppe. Denn kein Leser hatte mir geschrieben, dass er den vorher schon gekannt habe. Aber einige schrieben mir, dass deren Kinder den gekannt hätten. Rezo ist, wenn überhaupt, Kinderfernsehen. Bisher auch auf eben diesem Niveau.

Was locker-flockig zum sonstigen Youtuber-Umfeld passt: Gamer und Beauty-Queens, von letzteren die meisten auf der Straße in der Skala von 1 bis 10 über die 4 nicht hinauskämen und, soweit ich das als Aktfotograf beurteilen kann, sich nicht ernstlich schminken können. Wer also würde sich von einer talentlosen aufgedonnerten 16-Jährigen Schminktips geben lassen, wenn nicht jüngere?

Es gibt in Deutschland etwa 13 Millionen Minderjährige. 16 Klicks pro Monat für jeden Minderjährigen vom Säugling bis zum 17-Jährigen? Lena und Lisa hätte ich das vielleicht zugetraut, als sie noch süß waren. Aber die waren nur süß, die haben nicht viel gesagt, sondern nur Grimassen zur Musik gemacht.

Und nun werden uns diese Leute als die neue „APO” verkauft, die die Regierungen aufmischen.

Und dann heißt es, die SPD wäre besonders abgestürzt, die Grünen wären heute irgendwo stärkste Macht geworden.

Irgendwie werde ich das Gefühl nicht los, dass da irgendwo eine ganz große Sauerei abläuft und „Rezo” nur die Legende abgeben soll, damit man einen vordergründigen Erklärgrund hat.