Hadmut Danisch

Ansichten eines Informatikers

Warum Kameras schlecht sind

Hadmut
30.3.2019 15:24

Man hat’s mir erklärt.

Ich war heute mal auf so einer kleinen Mini-Kameraausstellung, mal so die aktuellen Modelle in die Hand nehmen und mal durchgucken.

Nein, gekauft habe ich nichts.

Dafür bin ich aufgrund meines überragenden Expertenwissens in der Lage, jedem Herstellervertreter individuell und detailliert zu jedem einzelnen seiner Modelle zu erklären, warum ich sie nicht kaufen werde.

Es war nur eine einzige Kamera vor Ort, bei der meine Antwort lautete „Die ist gut, aber die habe ich schon.” (GH5) Bei der GoPro 7 hätte ich das aus gesagt, aber die hat man mir nicht angeboten.

Bei einigen war meine Antwort, dass ich die einfach überteuert finde, dass da Preis und Leistung nicht zusammenpassen.

Bei vielen aber war meine Antwort, dass da etwas Elementares fehlt. Dass da das Modell vom Produktmanagement irgendwie bescheuert entworfen ist und die Kamera für mich deshalb nicht zu gebrauchen ist.

So verstehe ich beispielsweise überhaupt nicht, wie Nikon es schaffen konnte, bei den ansonsten guten neuen Kameras Z6/Z7, die mir ja ansonsten gut gefallen würden, nur einen Kartenslot und denn dann auch noch als XQD zu verbauen. Es gibt viele Zwecke, für die das in Ordnung ist, aber für mich ist das eben nicht brauchbar. Und es gibt ziemlich viele Leute, die das genauso sehen. Sogar innerhalb der Branche wundert man sich, wie Nikon sowas bauen konnte.

Bei gleich einer ganzen Reihe anderer Modelle anderer Hersteller lautete meine Antwort, dass ein Mikrofon-Eingang fehlt. Ich fühle mich verscheißert, wenn mir einer eine Kamera als Video-tauglich andrehen will, man dann aber auch die eingeboten Popel-Mikrofone angewiesen ist, die durch ein Millimeter-Löchlein irgendwas erlauschen sollen. Ein externer Mikrofoneingang kostet in der Herstellung höchstens einen oder vielleicht einen zweiten Euro mehr, ist aber elementar wichtig.

Oder auch mal so sachen wie fehlende Versiegelung gegen Staub und Wasser.

Der Kracher daran ist, dass nichts von dem, was mir an irgendwelchen Kameras fehlt, meine Sonderwünsche oder Science-Fiction-Vorstellungen oder nicht umsetzbar wären. In nahezu allen Fällen gab es das, was mir fehlte, in Vorgängermodelle schon, wurde aber weggelassen.

Nachdem ich mich da also missbilligend darüber äußerte, dass Kameras faktisch schlechter werden und Eigenschaften nicht mehr aufweisen, die vor kurzem noch selbstverständlich waren, hat mir ein Insider mal den Grund genannt.

Die Kamerabranche ist gerade im Schrumpfen, die müssen verkaufen auf Teufel komm raus.

Dabei geht es um zentrale Marktunterschiede zwischen Europa und Asien.

In Europa erfährt eine Kamera – wohl historisch-traditionell – eine gewisse Wertschätzung, da fasst man seine Kamera als einen Wertgegenstand auf. Deshalb würden Kameras in Europa durchschnittlich 4-5 Jahre benutzt (was verblüffend gut die Nutzungsdauern meiner letzten drei Hauptkameras der letzten 15 Jahre trifft, die ich je etwa 4-5 Jahre in Gebrauch hatte, Objektive allerdings viel länger). Das passe auch ganz gut, denn erstens treffe das ziemlich auf die technisch-materielle Lebensdauer einer elektronischen Kamera zu, bis die verbraucht/abgenutzt ist, und zweitens auf die technologische, bis die Kamera durch die Entwicklung technisch so überholt ist, dass man sie als veraltet wahrnimmt und es keinen Spaß mehr macht.

Deshalb könnte man im Prinzip auf dem Europäischen Markt richtig Gas geben und in die Kamera alles einbauen, weil sie sowieso nicht in Konkurrenz zum nächsten Modell des Kunden in 4-5 Jahren steht.

In Asien sei das ganz anders. Da behalten die Leute die Kamera maximal 2 Jahre und schmeißen sie dann weg, weil sie einfach immer das Neueste haben und nicht mit etwas gefühlt Altem unterwegs sein wollen. Dann muss das nächste Gadget her. Deshalb muss der Markt künstlich mit Pseudo-Neuerungen am Laufen gehalten werden, weil man mehr Neuerungen vorstellen muss, als die technische Entwicklung tatsächlich hergibt. Also kastriert man sie künstlich, um sie dann in der Mitte des Entwicklungszyklus ohne den Mangel als pseudo-neues Modell anbieten kann. (Erinnert mich an die Autohersteller, die auch immer nach der halben Lebensdauer des Modells ein kosmestisches Ubdate mit anderen Zierleisten und nur Kleinkramänderungen rausbringen.)

Das wird ergänzt durch eine künstlich vergrößerte Produktpalette, in der man abgestuft verschiedene Modelle für verschiedene Geldbeutel anbieten will, obwohl die Technik die Modell- und vor allem die Preis-Vielfalt auch nicht hergibt.

Deshalb ist es im wesentlichen der asiatische Kameramarkt, der dazu führt, dass die Hersteller solchen Firlefanz anbieten.

Aus Europa kommt dabei immer – auch firmenintern – Kritik an dieser Masche, hier würde man viel lieber ordentliche Kameras anbieten, ohne solche künstlichen Kastrationen, die dann was wert sind, vier Jahre halten, und adäquat auch etwas kosten können. So, wie man das hier früher gemacht hat.

Das interessiert die Hersteller aber nicht, weil der europäische Kameramarkt im Vergleich zu Asien viel zu klein und unbedeutend ist, als dass die das groß interessieren würde, was sich hier verkauft und wie. Der ganze Krampf wird derzeit darauf ausgerichtet, den doofen Asiaten alle ein bis zwei Jahre eine Neuerung anzudrehen.