Hadmut Danisch

Ansichten eines Informatikers

Der SPIEGEL, das Volk und das Hirn

Hadmut
24.12.2018 12:53

Ich möchte mal zwei Zitate aus dem Müllpresseblatt SPIEGEL gegenüberstellen, die wohl sehr gut zeigen, was da schief läuft.

Auf das erste Zitat bin ich durch einen Tweet gekommen, in dem jemand fragte, wie der SPIEGEL auf so etwas überhaupt kommt. Über den grünen, gleichwohl migrationskritischen Tübinger Oberbürgermeister Boris Palmer schreibt der SPIEGEL:

Deutschland lacht über Oberbürgermeister Boris Palmer und seine Tiraden, seine Parteifreunde schimpfen. Seine Heimatstadt aber verteidigt ihn gegen jede Kritik.

Auch ich kenne niemanden, der über Palmer lacht.

Aber ich kenne Leute, die ihn für den einzigen Grünen mit Hirn halten. Ich kenne noch weitere, die ihn und Kretschmann für die einzigen zwei halten, aber da gibt es dann schon Gegenmeinungen.

Wie und auf welcher „Faktenlage” kommt also der SPIEGEL zu so einer Aussage? Woher wollen die wissen, dass „Deutschland über Palmer lacht”? Und wie will man das nachprüfen? Wer oder was ist da Deutschland? Soll ich auf die Straße gehen und die nächsten zwanzig Leute fragen „Entschuldigung, lachen Sie über Boris Palmer?” Ein gefühltes Viertel würde die Frage schon sprachlich nicht verstehen, und mindestens ein weiteres Viertel, eher die Hälfte, wüsste nicht, wer Boris Palmer ist. Ab wann wäre die Aussage denn gerechtfertigt?

Ist es nicht so, dass der SPIEGEL hier Hetze und Emotionaldünnsschiss schreibt, um Leute gegen Palmer emotional aufzuwiegeln, ohne konkret etwas zu sagen?

Diese Sprachfigur habe ich ja schon öfters mal kritisiert. Man kann ja durchaus sagen, der X hat das und das gemacht, und dann eine Wertung hinterherschieben, und deshalb ist der X doof. Es ist eine Frage der Reihenfolge. Gebe ich dem Leser zuerst die „Fakten” (und ich erinnere mal daran, was der Begriff „Fakten” eigentlich meint), kann er sich eine eigene Meinung bilden und dann seine mit meiner ver- und abgleichen. Fängt man aber mit „Der X ist so doof” an, und hier war es ja der erste Aufmachersatz, dann hat der Leser zu diesem Zeitpunkt noch keinerlei Informationen bekommen, auf denen eine Wertung beruhen könnte. Das gehört so in den Bereich Framing. Der Leser wird zuerst mal gesinnungssynchronisiert, der Palmer ist eine Witzfigur. Fakten kommen, wenn überhaupt, a) später und b) nur gegen Bezahlung, ist nämlich hinter Paywall.

Da geht es um reine Aufwiegelung und darum, eine „Volkesmeinung” zu verkünden, die keine reale Grundlage hat, sondern aus ihrem utopischen Weltbild gemolken wird. Es geht nicht darum, was Deutschland tatsächlich meint, sondern Deutschland muss als Platzhalter, als Fake-Zeuge für die Richtigkeit linker Utopien herhalten. Es wird einfach verkündet, Deutschland wäre so.

Inzwischen hat, wie die WELT schreibt, der SPIEGEL den ersten Text des Lügenbarons Relotius von der Webseite gelöscht, es ging um den Text „In einer kleinen Stadt” über die Kleinstadt Fergus Falls, der wohl weitgehend erstunken und erlogen war, sich nur an ein paar Namen entlanghangelte. Gesunden Leuten schwere Krankheiten nachsagte, Leuten ohne Wahlrecht unterstellte, Trump gewählt zu haben. Und so fort. Die Einwohner von Fergus Falls hatten sich beschwert, deshalb habe man den Text offline genommen. Und natürlich sofort einen Korrespondenten hingeschickt, der die Lügen aufdecken und das wahre Fergus Falls zeigen soll: „In einer fantastischen Stadt”, wobei das „fantastisch” wohl auch nicht viel näher an der Wahrheit ist, aber als Seelenbalsam gedacht war. Immerhin waren sie nun gezwungen, doch mal einen in echt dahinzuschicken. Und so heißt es im letzten Absatz:

Drei Tage im echten Fergus Falls, nicht im erfundenen, sind eine Lektion in Demut. Natürlich hat auch diese Stadt ihre Probleme, aber die Leute strengen sich an, sie sind freundlich, sie arbeiten hart. Die Mehrheit hat für Donald Trump gestimmt, ja, und die Menschen sind wesentlich interessanter, vielschichtiger als die Karikaturen, die Relotius aus ihnen gemacht hat.

Man hält es für eine Lektion in Demut, dass diese Trump-Wähler nicht die tumben, primitiven Deppen sind, als die man sie dargestellt hat.

Auf mich wirkt das nicht, als hätte da (nur) Relotius gelogen. Auf mich wirkt das, als habe die SPIEGEL-Redakation nach all ihren Trump-Hetz-Titelbildern zum allerersten Mal überhaupt mit Trump-Wählern gesprochen, und erstaunt festgestellt, dass sie nicht alle die Höhlenorks aus Herr der Ringe sind. Relotius wäre damit nicht durchgekommen, wenn man im SPIEGEL auch nur irgendwo ein realistisches Bild von Trump-Wählern gehabt und diese als Menschen anerkannt hätte. Sowas funktioniert nur, wenn eine ganze Redaktion in ihrem Ideologiewahn abgerutscht ist und den Trump-Wähler als das imaginäre Böse ansieht, ohne Bezug zur Realität. Sie sonnen sich zwar immer in der subjektiven Gewissheit, durch (auch nur symbolische) Teilnahme an der Weltrettung einfach zu den Bessermenschen und den moralischen Siegermächten zu gehören (ungefähr so wie mir neulich ein Psychologe schrieb), und natürlich sind sie alle gegen „Rechts”, faktisch aber arbeiten sie wie die Hetzer der Nationalsozialisten. Man macht irgendeine Menschengruppe aus, die man als das Böse und für alles Übel Verantwortliche skizziert, und dazu gehört natürlich die übliche Abwertungsrhetorik. Auf dem Schulhof heißt es „Iiih, riech mal, wie die stinken”, und in der NS-Rhetorik hatten dann Juden eben alle verschlagene Gesichter und riesige krumme Nasen. Und Trump-Wähler sind eben Höhlenorks, es ist immer das gleiche Prinzip. Letztlich geht es dabei immer darum, über die Tribalismus-Schiene zu fahren, abweichende Körpermerkmale überzubetonen oder zu phantasieren, damit das Hirn der Zuhörer diese Leute dann unwillkürlich und unterbewusst als Stammesfremde, als zum Konkurrenzstamm gehörige einzuordnen, auszusondern, abzuschieben, und dann letzlich in Tribalismus zu verfallen, also genau das zu tun, was man so gerne als „Rassismus” bezeichnet. Es zieht sich nicht nur durch die heutige Presse, sondern durch die Geschichte Europas vor hundert Jahren, dass es immer darum geht, alles, was der eigenen Utopie nicht passt, als Leute vom anderen Stamm zu stilisieren, die man durch äußere Merkmale unterscheidbar macht (blond, blauäugig, oder eben nicht), weil das eben den archaischen Mechanismen im Hirn zur Freund-Feind-Identifikation dient. Und in diesen Müll haben sich die Redaktionen tief vertrickt. Man baut sich Bevölkerungsgruppen als Feindbilder auf und steigert sich dann in die Tribalismus-Mechanismen, die ich mal mit „Guck mal, wie die stinken!” kategorisieren würde. Wir sind die Guten und die sind die Bösen vom Feindstamm.

Ein einzelner Relotius hätte das gar nicht gekonnt, weil eine seriöse Redaktion so einen „Das Höhlenork-Dorf der Trump-Wähler”-Artikel gar nicht angenommen hätte. Schaut man sich aber die Titelblätter des SPIEGELs zu Trump/USA an, dann funktionierten die genau so.

Letztlich hat der heutige Schmierenjournalismus mit Realität nichts mehr zu tun. Es geht um sektenartiges Brain-Engineering, ähnlich Social Engineering, und es kommt nicht von ungefähr, dass die Geistes- und Sozialwissenschaften tief darin stecken und den Mist produzieren. Der einzige greifbare Inhalt von Gender-Studies, den ich je feststellen (aber nicht besuchen konnte, weil meist nur für Frauen zugänglich), sind Rhetorik-Übungen. Ständiges Wiederholen von „Ich-bin-Opfer und der-ist-vom-bösen-anderen-Stamm”-Arien. Das Grundschema „Unser Stamm leidet unter diesem bösen Stamm, also lasst sie uns vernichten”. So funktionierten der Kommunismus, die Oktoberrevolution, die chinesische Kulturrevolution, der Nationalsozialismus. Alles gleich. Das ist auch der Grund, warum mich die heutigen Linken in ihrer Methodik und Taktik so sehr an die Nazis erinnern. Es sind dieselben Mechanismen im Hirn, die sie ausnutzen. Ich habe das ja schon oft geschrieben, dass ich fast die gesamte Geschichtsschreibung und den ganzen Austtellungs- und Erinnerungszirkus für grob verfälschend und irreführend halte. Man reduziert, man konzentriert die Nazis immer auf ihre Symbolik, auf das Oberflächliche, auf Hakenkreuze, Uniformen, Armbinden, Aufmärsche, natürlich den extrem-symbolischen Hitlerbart, von denen ich ja schon geschrieben hatte, dass das eigentlich Bullshit ist, weil nichts davon echt oder charakteristisch war. Diese ganze Nazi-Symbolik der NS-Zeit war von vorne bis hinten zusammengeklaut und plagiiert, an denen war gar nichts echt. Die haben sich wie aus einem Baukasten aus der ganzen Welt zusammengeklaut, was ihnen gerade passte, einschließlich des Nazi-Grußes und „Heil Hitler”, selbst das Hakenkreuz.

Man tut heute so, als gäbe es eine 1:1-Beziehung zwischen Nazis und Hakenkreuzen, als wäre alles Nazi, wo ein Hakenkreuz prangt (was ja oft genug von Linken hingeschmiert wurde) und als würde jeder Nazi mit Hakenkreuzen rumrennen (was die längst nicht mehr tun, irgendwo kam mal raus, dass 80-90% der Hakenkreuze von ganz anderen Leuten geschmiert werden, und das auch noch meistens falsch.

Tatsächlich aber führt man die Nazi-Methode einfach weiter.

Die Nazis hatten das zwar zusammengeklaut, aber doch sehr gut erkannt, dass man die Leute über die Tribalismusmechanismen steuern kann. Deshalb arbeiteten die so stark mit Symbolik und Eigenschaften. Deshalb waren die so scharf auf Gleichschritt und Massenaufmärsche, auf Uniformen, Armbinden, Flaggen, Symbole, Körpermerkmale (blond, blauäugig, kühner Blick, kantiges Kinn und so weiter) einheitliche Grußformeln, Bindung an die Autoritätsperson, weil man damit signalisiert hat, ein zusammengehöriger Stamm zu sein. Und dann gibt’s den fremden Stamm, den mit den kleinen krummen Typen mit großen Nasen, verschlagenem Blick, die kleine Kinder fressen und uns allen schaden. Und los geht’s.

Die moderne Presse heutiger Tage arbeitet genauso so einfach weiter. Nur aus der Sicht des anderen Stammes. Dieselben Symbole – Hakenkreuze und so weiter – werden immer noch verwendet, um die Stammeszugehörigkeit zu markieren, nur heute aus der Sicht eines anderen Stammes, diesmal nämlich um den Gegner zu markieren und als Feind zu brandmarken.

Natürlich nun mit Anpassungen und Ergänzungen, weil halt doch nicht mehr alle mit der Hakenkreuzbinde am Arm rumlaufen.

Wenn es gleich einleitend über Boris Palmer heißt, dass Deutschland über ihn lache, dann heißt es effektiv „Der gehört nicht zu unserem Stamm, der ist fremd”. So wie man damals schrieb, dass einer eine hässliche Hakennase habe. Es geht immer nur um diesen „der gehört zu uns” und „der gehört nicht zu uns”-Mechanismus.

Und deshalb fühlen die sich auch alle moralisch so erhaben oder als „Social Justice Warrior”. Denn was ist schon Moral? Soziale Gerechtigkeit? Objektiv-empirisch-physikalisch gibt es keine Moral. Chemisch auch nicht (oder doch, siehe unten). Es ist ein evolutionär erworbener und damit genetisch bedingter Satz von Verhaltensregeln, die dem sozialen Verhalten und Zusammenhalt im Stamm dienen, quasi die hartcodierte Version der zehn Gebote. Und für deren Einhaltung uns das Gehirn mit schönem Gefühl belohnt, und für deren Verletzung mit schlechtem Gewissen. (Womit wir wieder an meiner Hypothese über Drogen rauskommen, dass sich Raucher so sozial fühlen, obwohl sie es nicht sind, weil sie sich eben dieses Belohnungszentrum chemisch reizen, das sie für soziales Wohlverhalten lobt, obwohl es keines gab.)

Oder anders gesagt: Moral und Social Justice einerseits und Nazitum andererseits sind eigentlich das Gleiche oder zumindest eng verwandt, zwei Seiten derselben Medaille. Es geht immer nur um die Herden- und Stammes-Mechanismen im Hirn. Wir die Guten und dort die Bösen.

So entsteht dann dieser „Haltungs-Journalismus”, den viele gerade so propagieren.

Haltungs-Journalismus heißt nichts anderes, als dass der Tribalismus die Kontrolle über das Hirn und die Priorität gegenüber der Realität übernommen hat, nämlich dass die Loyalität zum eigenen Stamm und das gemeinsame Ablehnen anderer Stämme an erster Stelle steht. Und man sich deswegen auch in Freund-Feind-Propaganda reinsteigert und sich darin wohlfühlt. Wir, die Guten, und da drüben die Dumme, Bösen, Rechten. Gefällt dem Hirn so gut, weil es der Erhaltung des eigenen Stammes dient und deshalb als Verhaltensmuster festgelegt ist.

Und damit sind sie jetzt eben gegen die Wand gefahren. Eine Wand namens Fergus Falls.

Was belegt, dass diese Mechanismen griffen und wirkten. Nur: Diese Mechanismen funktionieren prinzipbedingt nicht mit einem einzigen. (Zumindest nicht im geistig noch funktionsfähigen Bereich. Mir ist ein Fall bekannt geworden, in dem jemand „wahnsinnig” im Wortsinne wurde. Man hat ihm nämlich inzwischen Verfolgungswahn attestiert und hält ihn nicht mehr für geschäftsfähig, weil er mit wirklich jedem in Streit verfällt und sich von wirklich allen verfolgt, hintergangen, bestohlen fühlt. Ich habe schon überlegt, ob das vielleicht eine krankhaft und noch weiter übersteigerte Form von Tribalismus sein könnte, nämlich der Ich-Stamm im Stammeskrieg mit allen anderen. Große Ähnlichkeit mit modernem Journalismus hat es schon. Auch bei Narzissmus und Egozentrik überlege ich noch, ob das in dieses Schema passen würde.)

Nach meiner Sicht der Dinge kann es einen einzelnen Relotius nicht, höchstens kurzzeitig geben, der wäre nicht stabil. Erst in Zusammenarbeit mit einem Stamm, einer Herde, einem Tribe, einer Redaktion könnte der funktionieren. Nicht als Einzelfall.

Deshalb halte ich es für Unfug, wenn der Chefredakteur der WELT am Sonntag, Peter Huth, von dem ich eh keine hohe Meinung habe, schreibt, dass Relotius ein extremer Einzelfall ist.

Das kann er nicht.

Relotius kann nicht mehr Einzelfall gewesen sein als ein Drogendealer. Der existiert auch nicht ohne seine Abnehmer. Zu einem Anbieter gehört auch ein Markt.