Hadmut Danisch

Ansichten eines Informatikers

Ein dummer politischer Kommentar zum Tage

Hadmut
18.12.2018 20:54

Einige Tweets sind mir heute aufgefallen. Einer davon:

Das gängige Schema: Wir sind hier zu doof, moderne Unternehmensformen aufzubauen und digital mitzuhalten, aber beschweren uns über die Amerikaner.

Müsste die Frage nicht heißen: Warum haben wir kein deutsches Amazon?

Wenn doch Bezos damit der reichste Mann der Welt wurde, dann müsste es doch problemlos möglich sein, Waren zu geringeren Preisen zu verkaufen und trotzdem höhere Gehälter zu zahlen, wenn man einfach darauf verzichtet, hintenraus einen Supermilliardär zu erzeugen.

Nur: Hier in Europa ist ja alles so mit Hinternissen und politischem Blödsinn gepflastert, dass wir nicht mehr marktfähig sind. Die Frage ist nicht, warum Amazon kein Weihnachtsgeld zahlt. Zumal der Vorwurf, dass Amazon schlechter zahlt als andere ja auch nur heißt, dass wir ein Überangebot von Arbeitssuchenden haben, sonst würden die ja da arbeiten, wo es Weihnachtsgeld gibt (vielleicht zahlen die ja aber den Rest des Jahres weniger?).

Die Frage ist: Wie konnte sich einer, der – angeblich – unterdurchschnittlich zahlt und sich dabei selbst dicken Profit einstreicht, trotzdem hier so breit machen, dass er alle Konkurrenz und den Einzelhandel abhängen konnte. Das kann doch nur heißen, dass wir hier einfach schlechter waren. Da hat einfach einer erkannt, was Kunden wünschen, und wie man es effizient bereitstellt. Und er hat es gemacht, weil er in Amerika ansässig war und das dort einfach ging.

Hier dagegen geht schon lange nicht mehr viel, weil wir hier einen monströsen Verhau aus kontraproduktiven Vorschriften und jede Menge politische Reinschwätzerei haben.

Man kann über all die Amazons, Facebooks, Googles viel Schlechtes sagen. Aber in jedem Fall muss man sagen, dass wir hier nicht konkurrenzfähig sind und wir hier – Stichwort Berliner Flughafen – nicht in der Lage sind, solche Firmen noch hochzuziehen.

Mich ärgert so ein Geschwätz vor allem deshalb, weil ich die Gründungsphasen von Amazon und Google damals zu einer Zeit mitbekommen habe, als ich selbst Mitarbeiter an der Uni war (Stichwort: Promotion). Ich habe mir damals beim neu entstandenen Amazon gleich selbst die ersten Bücher bestellt, weil es der einzige Weg war, überhaupt an manche amerikanische Fachbücher zu kommen, wenn man nicht selbst rüberfliegen und sie persönlich mitbringen will. Vorher war es ein verzweifeltes und aussichtsarmes Unterfangen, im Uni-Buchladen ein amerikanisches Buch zu bestellen, die auch nur auf Verdacht und ohne Kontrollmöglichkeit mal so eine Bestellung losschicken konnten, und damit auch nicht zufrieden waren, weil nicht kostendeckend. Und plötzlich ging es einfach so über eine Webseite. Die Lieferung hat zwar damals noch 6 Wochen gedauert (surface), weil mit irgendwelchen Frachtschiffen als Büchersack, aber immerhin: Es ging. Hier: Gab’s nichts. Irgendwann gab es einen ABC-Bücherdienst, der aber von Amazon aufgekauft wurde.

Google ähnlich. Damals war Altavista die Suchmaschine der Wahl, und dann kamen da welche mit einer alternativen Suche daher, die bessere Ergebnisse lieferte. Auch da kam aus Deutschland nichts.

Was heißt, es kam nichts – man wurde konkret behindert. Ich hatte damals einen der ersten Webserver weltweit und frühzeitig – da gab es sowas wie Suchmaschinen noch gar nicht – Webseiten mit diversen Verzeichnissen, Verlage und sowas. So etwa wie das, was dann Yahoo! wurde. Die waren ja auch mal Milliarden wert, bevor sie sich selbst zerlegten. Damals wurde ich an einer Universität, an einer Informatik-Fakultät, systematisch behindert, ausgebremst, mit Verboten belegt. Ob ich verrückt geworden wäre, Informationen einfach so in einem Netzwerk anzubieten. Wo kämen wir da hin? (Dahin, wo Google heute ist?) Wissenschaftliche Veröffentlichungen seien selbstverständlich nur auf Papier und nur auf schriftliche Anforderung und nach persönlicher, handverleser Gestattung und mit Vertrag herauszugeben. Die Hälfte der Informatik-Professoren war mit „Internet” überfordert, deshalb mussten alle Rundschreiben und ähnliches doppelt verteilt werden, elektronisch und auf Papier für die Informatikprofessoren, die für elektronisch zu doof waren. Ich war an einen geraten, der der Auffassung war, dass Informatik nur aus Tafelgeschreibsel und Analogtechniken bestehe, und dass das einzig wahre und zukunftssichere Kommunikationsmittel handgeschribbeltes Papier durch ein Fax gejagt sei. Denn damit sei man ja wirklich überall erreichbar, denn erstens habe er im Institut eine Sekretärin mit 18-Stunden-Arbeitstag, die ihm seine Korrespondenz von und nach Fax übersetzt, und zweitens gäbe es doch schließlich in jedem Hotel ein Faxgerät. Er sei der erste Professor, der solchen Unfug wie E-Mail wieder abschafft. Der avantgardistischere Teil der Fakultät lehnte Unix und Standard-Protokolle ab und meinte, die Zukunft läge allein im proprietären, geschlossenen Apple-Kram. Getrenntes Mailsystem, Informationsverwaltung nur über Hypercard. Dass Apple keine Server-, sondern nur Desktop-Systeme hatte, kapierten diese Informatikprofessoren nicht. Alle paar Tage brannte die Luft, weil das Mac-Mailsystem einfach stehen blieb. Es gab einen hochbezahlten Spezialisten, der als einziger in der Lage war, das System wieder in Gang zu setzen. Er verschwand im Keller, schloss sich da ein, und nach gewisser Zeit ging es auf magische Weise wieder. Als er die Universität verließ, weihte er mich heimlich und im Vertrauen ein, wie man das System wieder in Gang setzte. Der Mac war ein interaktives Desktop-System und damals nicht multitasking-fähig. Das dämliche Mailprogramm gab ab und zu irgendeine Meldung aus, zeigte die in einem Fensterchen an, und wie es beim Mac damals eben so war, blieb das gesamte System einfach stehen um auf die Benutzereingabe zu warten. Er ging dann in den Keller, schloss sich ein, hielt seine Vesper, las irgendwas, und wenn er meinte, dass es jetzt lange genug gedauert hat, klickte er einfach auf „OK” und weiter ging’s. Und keinem dieser Wunderprofessoren war klar zu machen, dass so ein Mailsystem einfach eine Scheiß-Idee war. Zugegeben, die Unix-Alternative sendmail war damals auch eine Katastrophe an Komplexität, aber immerhin stabil. Und meine Sendmail-Konfiguration war einfach virtuos. Ich habe damals ein Domain- und (mit Netzwerkmasken!) IP-Adressbasiertes Mail-Rechte-System implementiert, und zwar allein in der Sendmail-Substitutionssyntax. (Das allein war mehr als die meisten Doktorarbeiten dieser Fakultät.) Aber damit kam man da einfach nicht an. Die waren zu doof. Es war nicht in Mode.

Und das, wohlgemerkt, war nicht nur eine reine Männerfakultät, das war noch der beste Zustand, in dem ich diese Fakultät erlebt habe. Danach ging’s bergab. Dann kamen Leute, die zwar E-Mail, aber sonst nichts mehr konnten.

Linke Politik. Die damals schon schwachen Universitäten immer weiter verblödet.

Dann kam dazu, dass man damals extrem technikfeindlich war. Digital ist böse. Was heute kaum einer weiß: Die Grünen wollten damals ISDN verbieten lassen, weil Vernetzung böse sei.

Und heute kommen die daher und jammern darüber, dass Amazon den Markt beherrscht.

Wir kranken heute an den Fehlern, die wir vor 20, 30 Jahren gemacht haben. Und deshalb können wir die auch nicht mehr einholen. Und besonders schlimm wurde das damals mit dem Wechsel von Kohl/CDU zu Schröder/SPD. Da wurde dann einfach alles zerstört und auf Quote und Sozio-Geschwätz und Verzicht auf Qualifikation und so weiter gezogen.

Durch die lange Inkubationszeit merken die Leute aber nicht mehr, dass sie das selbst verschuldet haben.

Der Markt wird heute von Amazon beherrscht, und das Digitale von Google und Facebook, weil wir hier damals in der heißen Gründungsphase einfach zu dumm, zu korrupt, zu politisch gesteuert waren. Und heute jammern sie, dass Amazon-Mitarbeiter kein Weihnachtsgeld bekommen.

Es sind übrigens Leute desselben Milieus, die ständig fordern, Weihnachten abzuschaffen und nicht mehr so zu nennen, um weltoffen zu sein.

Obszön sind hier vor allem Dummheit und Verlogenheit der Politik.

Nur so am Rande: Dieser Pascal Meiser schreibt auf seiner Seite, dass er für „Löhne rauf, Mieten runter” kämpfe.

Nun denkt mal scharf drüber nach, wie sich die von der Linken so geförderte und geforderte Migration a) auf Löhne b) auf Mieten c) auf den Bevölkerungsbedarf an „Weihnachtsgeld” (!) auswirkt. Ich will’s mal so ausdrücken: Mindestens die Hälfte der Paketboten, die hier im Haus Pakete anliefert, sind a) Billiglöhner und b) ganz sicher nicht von dem Stamm, der Weihnachten feiert.

Denkt mal drüber nach.

Wer glaubt diesen Leuten noch etwas?