Hadmut Danisch

Ansichten eines Informatikers

Schoggi halal

Hadmut
16.12.2018 16:20

Man sollte mal über sich selbst nachdenken.

Der Schweizer Blick berichtet, dass die bekannte Schweizer Schokolade Toblerone jetzt „halal” ist. Weil man sie exportiere und auch an Muslime verkaufen wolle. Die Rezeptur habe man dabei nicht verändert, anscheinend ging es nur um Herstellungsprozesse und Zutaten, und eben um eine offizielle Zertifizierung.

Das Halal-Business brummt, denn die Nachfrage wächst so rasend schnell wie die muslimische Weltbevölkerung. In Frankreich mit rund sechs Millionen Muslimen hat die Sparte Halal bereits Biolebensmittel überholt. Nebst dem arabischen Raum sind auch asiatische Boomstaaten wie Indone­sien oder Malaysia der islamischen Welt zuzuordnen.

«Zehn von 25 der am schnellsten wachsenden Märkte haben grosse muslimische Populationen», sagt Khouzami. Managern rät er darum, weniger geografisch zu segmentieren und zu planen, sondern mehr nach Religionszugehörigkeit.

Mit fast zwei Milliarden muslimischen Konsumenten sind Halal-Produkte drauf und dran, den Weltmarkt zu verändern. Die ersten Schweizer Lebensmittelfirmen haben die Zeichen der Zeit offenbar erkannt.

Man wolle es aber nicht an die große Glocke hängen und schon gar nicht auf die Packung schreiben, weil man den Boykott fürchte:

Das Thema ist politisch aufgeladen. Auf Firmen, die mit dem Prädikat «halal» werben, wird in sozialen Medien mit Boykottaufrufen reagiert. Mondelez verzichtet deshalb darauf die neuste Errungenschaft anzupreisen: «Die Halal-Zertifizierung ist nicht auf der Packung angebracht.»

Man kann sich natürlich immer überlegen, ob durch die Beachtung solcher Anforderungen eine „Verbesserung” oder eine Einschränkung stattfindet:

Es gehe dabei auch um ethische Fragen, Kinderarbeit beispielsweise sei ebenso «haram» – also: verboten – wie Eier aus Legebatterien. Halal-Standards gelten nicht allein für Lebensmittel, sondern auch in der Medizin-, Pharma-, Kosmetik-, Mode- oder Bankenbranche: «Man ist bedacht auf Sauberkeit und Reinheit», so Khou­zami, auf Eigenschaften also, die auch mit der Schweiz assoziiert würden.

Solange es um Sauberkeit und Reinlichkeit geht, bin ich stets dabei, und man muss einfach auch anerkennen, dass islamische und auch jüdische Lebensmittelvorschriften (kosher) viel mit Hygiene zu tun haben. Im Islam geht es auch in anderer Hinsicht um Hygiene, dazu demnächst mehr dazu von mir. Manchmal fragt man sich schon, warum erst islamische oder jüdische Religionsvorschriften erforderlich sind. Im Supermarkt hier um die Ecke ist mir aufgefallen, dass die seit zwei oder drei Jahren auf ihre Wurst-Produkte ein Symbol aufdrucken, ob da Huhn, Schwein oder was auch immer drin ist. Da frage ich mich dann auch, warum das nicht schon vorher möglich war, warum es auf einmal geht, wenn genug Kundendruck da ist.

Kritisch wird’s natürlich, wenn daraus die Bevormundung entsteht, etwas nicht mehr essen zu dürfen oder es nicht mehr kaufen zu können. Mir ist ja neulich mal aufgefallen, dass man in Berlin nur noch schwierig Pizza Hawaii bekommt, weil Pizza inzwischen mehr und mehr von türkisch-arabischen Imbissküchen produziert wird und die Italiener verdrängt werden. Und die machen es halt nicht mit Schinken. Apropos Schinken: Auf einmal gibt es hier im Supermarkt auch Rinderschinken. Er schmeckt zwar nicht schlecht, aber auch nicht so gut wie Schweineschinken.

Bevor man sich aber zu spezifisch über halal oder kosher aufregt, sollte man bedenken, dass diese ideologische gut-schlecht-Einteilung ja auch bei uns längst grassiert. Es gibt ja bei uns auch immer mehr Leute, die es unbedingt vegan, glutenfrei, Bio-*, fair gehandelt haben wollen und alles Böse dann als Nazi* oder rechtspopulistisch bezeichnen, vergleiche haram. Die Denkweise unterscheidet sich nicht grundsätzlich von der unseren. Und auch außerhalb der Lebensmittel wird ja bei uns längst alles in reliöse Ge- und Verbote eingeteilt, sexistisch, rassistisch, nazi, Klima und sonst was alles. Ein falsches T-Shirt und man ist dran.

Mir geht da immer diese Begebenheit durch den Kopf, die ich in Karlsruhe mal erlebt habe. Samstags war ich immer bei Metro einkaufen, und oft hatten die da von den verschiedenen Herstellern so kleine Probierstände aufgebaut. Man bekam zwar immer nur kleine Pröbchen, aber nach drei oder vieren davon war man auch satt, zumindest vom kleinen Hunger. Eines Tages, als da gerade mal eine ganze Reihe von Ständen waren, hatten die an einem Stand irgendwas besonderes Leckeres. Ich weiß nicht mehr genau, was es war, es waren irgendwie so geschmälzte oder angebratene Maultaschen. Ich hatte da gerade welche bekommen und stand da und mampfte die gerade aus aus einen Pappschälchen mit einer Plastikgabel. Die waren wirklich lecker, das hat richtig gut geschmeckt. Da kam ein Vater mit zwei Kindern an, die Augen leuchteten, denen lief förmlich das Wasser im Munde zusammen, die wollten das unbedingt. Da ging so eine Kratzbürste dazwischen, die Mutter, und verkündete „Nein, das mögen wir nicht!” Die haben mir so leid getan. Als Richter hätten ich denen für einen Mord stark mildernde Umstände gegeben. Die war seelisch grausam. Aber bevor man sich zu sehr über halal und kosher aufregt, sollte man bedenken, dass diese zwanghafte Selbstoptimierung auch bei uns häufig vorkommt. Es gibt sogar eine psychische Erkrankung (naja, strittig, aber ich habe solche Leute schon erlebt), die daraus erwächst, Orthorexia nervosa. Ich habe mal eine erlebt, die schon richtig bösartig auf jeden losgegangen ist, der ihren Vorstellungen nicht entsprach. Sie meinte, man müsste jeden gleich schächten, der Fleisch auch nur ansieht. Der habe ich mal einen direkten Treffer versetzt. Sie liebte Gummibärchen. Bis ihr sagte, was da drin ist. Davon hat sie sich lange nicht erholt.

Apropos schächten: Kritisch wird die Sache natürlich auch dann, wenn sich die Anforderungen widersprechen. Wenn beispielsweise unsere Vorstellungen von Tierschutz damit nicht in Einklang zu bringen sind.