Hadmut Danisch

Ansichten eines Informatikers

Die innere Uhr und der Jetlag

Hadmut
8.12.2018 12:16

Weil mich jetzt mehrere Leute danach fragten, wie es ist, über so viele Zeitzonen zu reisen:

Ich habe nicht nur eine innere Uhr, ich habe an mir selbst mindestens drei innere Uhren beobachtet, die auf den Zeitunterschied unterschiedlich reagieren.

Die erste innere Uhr, und das ist die, die sich bei mir am schnellsten adaptiert, ist das Gefühl für die Uhrzeit. Das bekomme ich normaler ziemlich schnell wieder hin, weil ich beim Flug schon direkt nach dem Start die Armbanduhr auf die Zeitzone des Zielflughafens einstelle und auch bei den Anzeigen auf den Displays immer nur noch auf die Zieluhrzeit achte. Damit hat man dann schon ein paar Stunden, um sich auf das Ziel einzurenken. Ich achte auch immer darauf, Kontakt zum Tageslicht zu haben, weil das das Zeitgefühl stark steuert, mich also auf keinen Fall in einen völlig abgedunkelten Raum zu legen oder nicht gleich am ersten Tag ins Kino zu gehen. Außerdem schaue ich häufiger auf die Uhr. Trotzdem passiert es dann, vor allem wenn ich vom Schlaf in Dunkelheit aufwache, dass mir die erste oder zweite Nacht die Zeitorientierung völlig abhanden kommt und ich nicht sagen kann, ob es 22:00 oder 04:00 ist. Blick auf die Uhr, und das ist meist am nächsten oder spätestens übernächsten Tag wieder vorbei und auch nicht wirklich störend oder unangenehm, man muss eben ein, zwei Tage verstärkt auf die Uhr schauen.

Meine zweite Uhr, und die braucht nicht nur etwas länger, sondern schlägt auch unerbittlich zu, ist der Schlafrhythmus. Habe ich hier einen geregelten Tag-Nacht-Ablauf, wache ich zwar nicht immer, aber oft pünktlich in den 2-5 Minuten auf, bevor der Wecker angeht. Daran merkt man, wie genau diese innere Uhr ablaufen kann. Manchmal (leider nicht immer und nur in Sonderfällen) funktioniert es sogar, dass ich bei wichtigen Terminen, zu denen ich deutlich früher aufstehen muss, pünktlich vor dem Wecker wach werde. So stark steuert da eine innere Uhr den Schlaf. Kommt dann noch dazu, dass man zum Zeitzonenwechsel auch noch eine Nacht im Flieger schlecht oder gar nicht geschlafen hat, dann kann das wie eine Keule zuschlagen.

Ich habe auf dem Rückflug von Neuseeland nach Dubai (17 Stunden Flug, 9 Stunden Zeitunterschied) zwar ein paarmal im Sitzen geschlafen, einmal sogar mehrstündig, aber es war einfach lausig. Das ist kein echter Schlaf, und hinterher tun einem die Gräten weh und die Füße sind dick und so weiter. In Dubai bin ich dann frühmorgens um kurz nach 5 angekommen, mit dem Shuttle ins Hotel gefahren und habe dort aufgrund eines überfreundlichen und sehr liebenswürdigen Hotelpersonals mein Zimmer schon morgens um 7 bekommen statt auf die normale Check-In-Zeit 16:00 warten zu müssen. Erst mal Bad, frisch machen, duschen, frische Klamotten. Und dann fühlte ich mich fit und bin erst mal losgezockelt, die Gegend erkunden, und in einer großen Shopping-Mall um die Ecke (Dubai Mall) gelandet. Bis ca. 16.00 habe ich mich total frisch und gut gefühlt, und dann war’s, als hätte ich eine Keule überbekommen, schlagartig schlapp, fertig, hundemüde, wie erschlagen. Ich bin zurück ins Hotel, stand um 16.20 im Zimmer, und da lächelte mich dieses wunderbare große Bett so an. Ich dachte mir, ein halbes Stündchen könnte ja nicht schaden, dann könnte ich um 5 wieder los und mal sehen, was abends so abgeht. Nur ein halbes Stündchen, ich war so wirklich todmüde.

Das nächste, woran ich mich erinnern konnte, war, dass ich mich plötzlich und aus mir nicht erklärbaren Gründen total frisch und ausgeruht fühlte, es ging mir wieder völlig gut. Und aus irgendeinem Grund, den ich mir ebenfalls nicht erklären konnte, war es stockfinster. Alles dunkel. Nur die Uhr zeigte 0:42. 8 Stunden geschlafen wie ein Stein. Es war einfach erforderlich. Die Nacht drauf war’s dann schon wieder fast im normalen Zyklus, aber für den Rest der Nacht konnte ich dann auch nicht mehr schlafen.

Dafür hat sich dann meine dritte Uhr gemeldet, der Verdauungstrakt. Der braucht immer am längsten. Nachts um 3 nämlich bekam ich dann einen Mörderhunger, weil der Magen meinte, nachdem es schon kein Frühstück gab, wär’s jetzt an der Zeit für ein ordentliches Mittagessen. Im Hotel gab’s unten so einen kleinen, wohlsortierten 24-Stunden-Supermarkt, ich könnte doch jetzt dahingehen und das Regal leerfressen. (Da sprach die Faulheit zum Hunger: „Du glaubst doch nicht im Ernst, dass ich wegen Dir Fresssack nachts um 3 aufstehe und einkaufen gehe…). Der Magen musste sich bis zum Frühstück um 8 gedulden. Und auch bis sich die Entsorgungswerke an den neuen Tag-Nacht-Rhythmus gewöhnt haben, dauert das bei mir seine Zeit, das ist bei mir sehr ausgeprägt.

Generell finde ich es nicht so schlimm, aber es äußert sich in verschiedenen Aspekten unterschiedlich, und bei solchen Maximalfernreisen (mehr als die 12 Stunden Unterschied zwischen Deutschland und Neuseeland geht ja kaum, irgendwo gibt es zwar 13, aber das sind dann eher 11 in die andere Richtung) nehme ich mir, wenn es sich irgendwie einrichten lässt, immer mindestens erst mal 2 oder 3 Tage Schonzeit und Akklimatisierung. Das heißt, dass ich bei Reisen nach Australien und Neuseeland immer mindestens 1 bis 2 Wochen allein für die Hin- und Rückreise und das „Ankommen” in der anderen Welt einrechne. Erst mal gedrosselt vom Hotel aus, bevor die Tour losgeht. Was natürlich auch heißt, dass ich solche Reisen nur unternehme (so alle Jubeljahre mal), wenn ich mal meinen Jahresurlaub passend bekomme. Was manche anbieten, so 16 Tage Australienrundreise, gerechnet jeweils von Deutschland aus, halte ich für absoluten Unfug. Das ist übrigens auch eine der Haupttodesursachen für Touristen, dass sie dort ankommen und sofort losbrettern wollen. Hitzschlag, Herzinfarkt, Tod im Linksverkehr und sowas alles. In manchen Ländern bekommt man nach solchen Fernflügen nicht mal einen Mietwagen, und muss nachweisen, dass man mindestens eine Nacht geschlafen hat bzw. nicht am selben Tag angereist ist.

Ich habe allerdings auch festgestellt, dass nicht alles, was man für Jetlag hält, auch tatsächlich und nur auf den Zeitunterschied zurückzuführen ist.

Es kommt auch so etwas wie eine Reiseerschöpfung dazu. Die tritt beispielsweise auch abgeschwächt bei Reisen nach Südafrika auf, obwohl man in derselben Zeitzone bleibt, es also keine Jetlag gibt, und man nur etwa 10 Stunden fliegt. Wichtig ist, dass man a) immer genug trinkt und nicht dehydriert, b) genug isst, aber sich nicht überfrisst und Blähungen produziert, was vor allem deshalb kritisch ist, weil einem die Bewegung fehlt, c) sich ein Minimum an Bewegung verschafft und immer wieder mal aufsteht und nicht stundenlang auf seinem Stuhl hockt (ich habe Leute erlebt, die sich im Flugzeug ans Fenster setzen und da dann 10 Stunden sitzen bleiben ohne auch nur pinkeln zu gehen) und c) ja, ich sag’s mal ganz direkt, ausreichend oft kacken. Denn vom Sitzen wird der Bauch eingedrückt, und da kann einem das Gefühl dafür, wann man mal muss, etwas verloren gehen. Manche wollen auch nicht auf das enge Flugzeugklo. Es gibt kein dran vorbei: Der Bauch muss entlastet werden.

Was mir da immer hilft:

Natürlich ziehe ich bequeme Klamotten an. Ich hatte für diese Flugreisen eine Hose an, die eher eine Nummer zu groß war, aber dafür auch im Sitzen keinerlei Beengung darstellt. War peinlich, denn bei der Sicherheitskontrolle musste ich immer den Gürtel rausziehen, und dann mit zwei Händen die Hosen obenhalten. Aber dafür sehr bequem auf 17-Stunden-Flügen.

Und: Ich verschaffe mir immer selbst das Gefühl des Morgen-Rituals. Ich schaue vorher im Web, auf welchen Flughäfen man wie duschen kann (manchmal kostet es, dafür bekommt man Handtuch, Seife usw. dazu, manchmal kostet es nichts, aber es gibt auch nichts außer Wasser) und habe dann von den leichten, dünnen, synthetischen Reiseklamotten frische Unterwäsche, ein Minireisehandtuch und ein Stückchen Hotelseife mit dabei, und geh dann mal duschen. Oder frage im Flugzeug nach Zahnbürste und Rasierzeug, und wenn man freundlich fragt, bekommt man sowas aus der Business-Class, da gibt es die nämlich in den Toiletten (wichtig: Rechtzeitig vor der Landung fragen, weil irgendwann das Zeug alles verriegelt ist und die am Boden keine Zeit mehr für sowas haben). Wenn man nämlich den ganzen Reiseschweiß (Kofferschleppen, zuviel Klamotten an,..) und Bepp los ist und frische Unterwäsche anhat, komplett gewaschen und rasiert ist und sich die Zähne geputzt hat, dann fühlt man sich einfach wieder irgendwie morgendlicher. Und das hilft bei mir enorm. Und das muss dann eben auch mal auf dem Flughafen so klappen. Nicht selten auch vor dem Flug. Denn wenn man morgens im Hotel auscheckt und noch in der Stadt rumtigert, der Flug aber erst abends geht, man tagsüber noch geschwitzt und sich mit Sonnencreme eingekleistert hat, ist man nicht selten an dem Punkt, wo man sich abends schon selbst nicht mehr riechen kann (was man auch anderen nicht zumuten sollte), weshalb ich dann nach dem Einchecken erst mal duschen gehe, auch wenn das mitunter teuer ist und mal 20$ kosten kann. Ich habe mir dann meist einen Beutel mit Unter- und teils auch Oberkleidung vorbereitet, und tagsüber dann etwas von der „Opferwäsche” angehabt, die ich fast immer dabei habe. Hälfte der Reiseklamotten ist zuverlässiges, erprobtes Markenzeugs (mitunter teuer), die andere Hälfte besteht aus alten oder billigen Reiseklamotten, einmal weil es oft ratsam ist, nicht nach betuchtem Tourist, sondern gammelig auszusehen, und zum zweiten, um Ballast abzuwerfen und eben Klamotten opfern zu können. Die sind dann entweder klein zusammenzupacken oder landen dann halt am Flughafen im Müll (bloß keine feuchten Klamotten auf 15 Stunden Flug im Plastikbeutel, das stinkt dann widerlich), und der Flieger wird frisch gewaschen und in frischen Klamotten (zumindest Unterwäsche) bestiegen. Damit fühlt man sich von vornherein viel wohler und der Jetlag ist viel weniger schlimm.

Oder anders gesagt: Vorbereitung ist wichtig.