Hadmut Danisch

Ansichten eines Informatikers

Staatsgehacke

Hadmut
17.10.2018 21:48

Dass dieser Staat Kryptoforschung unterbindet und auch mit dreckigen und verfassungswidrigen Methoden sabotiert, habe ich beschrieben.

Dass die gerade (für deutsche Verhältnisse) viel Geld in das Brechen von Kryptographie und Staatstrojaner stecken, wird hier beschrieben.

Und dass wer soviel Geld in das Brechen von Verschlüsselungen steckt, es nicht duldet, dass jemand in staatsabwehrender Kryptographie forscht, dürfte – auch wenn 20 Jahre dazwischen liegen – auf der Hand liegen.

Außer der damaligen Staatssauerei geht mir aber auch die aktuelle durch den Kopf. Ich bin wieder mal an dem Punkt, an dem ich meine Wertungen und meine Meinung revidieren muss.

Als ich damals in Sachen Krypto an der Uni unterwegs war (und kurz danach), habe ich mich natürlich nicht nur im Fach, sondern auch in allerlei Foren herumgetrieben und war auf der ein oder anderen Konferenz. Beispielsweise 1994 auf einer IETF-Konferenz in San Jose, auf der ich (naja, von manchen, nicht von allen) wie ein Hexenmeister angesehen wurde, weil ich mich auf den zur Verfügung gestellten Konferenz-Suns (Notebook mit auf Reisen schleppen gab’s damals noch nicht) mittels eines mitgebrachten Kartenlesers und der am Institut selbst entwickelten Kryptokarten verschlüsselt nach Deutschland verbunden habe, um da meine Mail zu lesen. Was nicht ohne war, denn so irgendwann in dieser Zeit berichtete Matt Blaze, dass er wegen seines Kryptotelefons an der Grenze ziemlich Ärger bekam (und mir ist die Entwicklung eines verschlüsselnden Telefons ja auch nicht gut bekommen).

Damals war das so üblich und brandneu, dass man einem Abend dieser IETF-Konferenzen eine Key-Signing-Party veranstaltet, um das PGP-Netz aufzubauen. Und da war man über Ausländer wie mich sehr froh, weil man damit das Netz in andere Länder ausdehen konnte. Es wurde also aufgerufen, dass jeder, der teilnehmen will, vorher seinen Public Key einreiche. Deren Fingerprints hat man ausgedruckt und dann bekam jeder auf Papier die Liste der Public Keys aller Teilnehmer. Dann hat der Reihe nach jeder gesagt, wer er ist, und (aus sicherer Quelle) den Fingerprint seines eigenen Schlüssels vorgelesen, und die anderen haben auf ihrer Papierversion einen Haken dran gemacht, das dann mit nach Hause genommen und die anderen Schlüssel damit signiert.

Nun kannten die sich alle, und wenn da einer aufstand und sagte, er sei der X, dann wussten die anderen (mehr oder weniger, was in Amerika damals eine Identität so wert war), wer er war (und zumindest, wie er hieß) und bestätigten seinen Schlüssel.

Bei mir ging das so nicht, denn sie kannten mich ja nicht.

Also stand ich (alle saßen in einem dieser Hotel-Säle im Kreis) auf, zog meinen Personalausweis raus und sagte, ich lasse den jetzt einmal im Kreis herum gehen, damit sich jeder überzeugen kann, wer ich bin.

Ich dachte, das wäre eine gute Idee.

Die Leute dort fanden das aber gar nicht gut, sofort ging eine Diskussion los (die sich später auf der Kryptoliste von Perry Metzger, der da auch dabei war, noch etwas schlimmer wiederholte). Man war nicht nur sehr erschrocken und fassungslos über die schiere Existenz dieses Personalausweises (man hatte es für einen Führerschein gehalten, aber ich habe es dann erklärt, dass es etwas anderes ist), und sah ihn als Beweis dafür an, dass Deutschland noch Nazideutschland sei und ich direkt aus der Hölle zu ihnen kam. Nun, man sah auch den Umstand, dass man auf deutschen Autobahnen unbegrenzt schnell fahren dürfe, als Beweis für das Fortleben von Nazideutschland an, war sich da aber über die Vorteile eines schmerzlosen Todes einig, weil man den Tod auf der Autobahn bei solchen Geschwindigkeiten für unausweichlich hielt, aber durch Nachrechnen zu der Überzeugung gelangte, dass bei deutschen Geschwingkeiten sich die Zerstörung des Körpers durch den Aufprall schneller ausbreite als die Leitungsgeschwindigkeit der Nerven ist. Dass es dann aber noch Personalausweise gäbe, und ich auf Rückfrage erläuterte, dass bei uns der Staat wisse, wo man wohne, weil man sich da eben anzumelden habe, hielt man für den unbestreitbaren Beweis, dass der zweite Weltkrieg aus US-Sicht wohl doch ein Fehlschlag gewesen sein müsse.

Etwas konsterniert fragte ich nach (und auch das wurde später auf der Liste wiederholt), was für ein Problem sie denn mit dem Personalausweis und dem Melderecht hätten. Ich fände es doch sehr angenehm, wenn man sich im Rechtsverkehr oder eben auf solchen Key-Signing-Parties vergewissen könne, mit wem man es zu tun habe. Ohne Personalausweis hätte ich hier ja gar nicht teilnehmen können, weil mich keiner kannte.

Nun, so wurde mir erzählt, viele hätten Familiengeschichten. Einer habe einen Verwandten, der das Warschauer Ghetto nur überlebt habe, weil er gefälschte Papiere mit falscher Identität gehabt habe. Wenn dann so ein Nazizeit-Argument kommt, ist die Diskussion zu Ende, dann geht gar nichts mehr. Dann sind sie sich unverrückbar sicher.

Ich fragte also nach, wie sie es denn machten, wenn sie sich irgendwo ausweisen müssten. Nun, so sagten sie, dafür hätten sie ja ihre Führerscheine. (Wir in Deutschland hätten Führerscheine zum Autofahren und würden die verwenden, um umbegrenzt schnell über die Autobahn zu brettern. Wir müssten die immer dabei haben, damit man dann die Leichen identifizieren kann.) Nein, in den USA fahre ja sowieso jeder Auto, da stelle sich die Frage nach einer Fahrerlaubnis gar nicht erst, dafür seien Führerscheine als Identitätsnachweis sehr gut.

Worin denn dann eigentlich der effektive Unterschied zwischen einem deutschen Personalausweis und einem amerikanischen Führerschein bestehe, wenn sie doch in gleicher Weise verwendet werden. Immerhin sei doch der Führerschein auch ein staatliches Dokument.

Nein, wurde ich belehrt, das sei etwas völlig anderes. Sie zückten ihre Führerscheine und zeigten sie mir. Erstens hatten sie (damals) keine Passbilder. Man könne also problemlos jederzeit die Identität leugnen oder eine andere annehmen. Was das dann als Identitätsnachweis tauge, fragte ich. Ja, das sei ja gerade der wichtige Aspekt daran, dass es eben nicht sicher, sondern fälschbar ist. Außerdem, und das war ihnen ganz wichtig, waren es eben keine Führerscheine der Vereinigten Staaten, sondern der Bundesstaaten. Aus irgendwelchen Gründen hielten sie die USA für böse, deren Bundesstaaten aber für nett und vertrauenswürdig. Alles prima, wenn das Ausweispapier vom Bundesstaat kommt.

Woher die denn beim Ausfüllen des Führerscheins wüssten, wer man ist und wie der Name richtig heißt, wollte ich wissen. Verständnislosigkeit allenthalben. Das müsse man denen natürlich sagen bzw. ein Formular ausfüllen, wenn man den Führerschein beantragt. Das heißt, man kann kann einfach hingehen, behaupten, man wäre der X und wolle einen Führerschein auf diesen Namen? Ganz so einfach sei es nicht, sagten sie, man müsse ja immerhin eine Fahrprüfung bestehen, aber im Prinzip: Ja. Ist ja ein toller Identitätsnachweis. Ja, das hätten sie eben gerne so, das sei ihnen wichtig, um sich gegen Nazis zu schützen. Man könne ja nie wissen, wohin sich der Staat bewegt.

Einige Jahre später war ich mit meinem RMX auf den IETF-Konferenzen unterwegs, und wurde dabei auch eingeladen, vor der Federal Trade Commission in Washington einen Vortrag zu halten. (Ehrlicherweise muss ich sagen, dass sie mich als Deutschen wohl für sehr exotisch hielten und für ihr „international panel” brauchten, denn ich war dann der einzige Nichtamerikaner dieses international panels. Ich hatte dann gleich die Lacher, als ich mich als der international part of the international panel vorstellte.) Da jedenfalls kam man nur mit Identitätsnachweis rein. Sicherheitskontrolle am Eingang. Da war ich gut dran, weil ich einen Personalausweis vorlegen konnte, auch wenn sich dabei herausstellte, dass sie nicht wussten, was das ist, und es für einen Führerschein hielten. Ich fragte dann mal, was die Personenkontrolle eigentlich bringe, wenn er keine Liste der Personen hat, die teilnehmen. Man erklärte mir, dass sie natürlich keine Personenliste hätten, sie seien ein freies Land, und er nur wissen wollte, ob ich überhaupt irgendeinen Identitätsnachweis hätte (den er dann nicht mal verstand). Ja, sagte ich, dann könnte ich doch schlicht irgendwer sein. Nein, sagte er, sie wollten ausschließen, dass Terroristen reinkommen. Da helfe ihnen die Kontrolle aber nicht, meinte ich, denn bei uns in Deutschland herrsche Ordnung, selbstverständlich hätte auch jeder unserer Terroristen einen ordnungsgemäßen Personalausweis. Das brachte sie aus der Fassung, und sie meinten, ich möge nun weitergehen, die Schlange sei lang. Der Amerikaner hinter mir war schon sehr nervös und entschuldigte sich, dass er nicht mit einer Personenkontrolle gerechnet und deshalb seinen Führerschein nicht mitgebracht habe. Er wisse jetzt nicht, wie er sich ausweisen könne. Man akzeptierte aber seine Kundenkarte von Walmart als Identitätsnachweis.

Oder um es kurz zu sagen: Ich hielt sie alle für bekloppt.

Wie Obelix: Die spinnen, die Römer.

Mittlerweile neige ich dazu, meine Meinung zu revidieren. Vielleicht hatten sie doch Recht.

Denn wenn ich sehe, wohin sich die USA und Deutschland seither bewegt haben, kommt das dem totalitären Terrorstaat, den die damals als Bedrohung gesehen und das Wiederaufflammen eines Warschauer Ghettos skizziert hatten, inzwischen immer näher. Ich konnte mir das damals nicht vorstellen und hielt sie alle für weltfremde Spinner, aber nun ist es genau so gekommen.

Genau das war der Punkt, weshalb sie damals auf drei Grundrechte bestanden, nämlich

  • Waffen zu tragen
  • jederzeit ihre Identität zu wechseln
  • verschlüsselt zu kommunizieren

Und es kommt nicht von ungefähr, dass die amerikanische Regierung Kryptographie zu den (Kriegs-) Waffen zählt. Ich hatte ja gerade berichtet (oder genauer gesagt: zitiert), dass in Schweden einer verfolgt wurde, weil er verboten seine Meinung gesagt habe, und er nur deshalb frei kam, weil sie es ihm nicht nachweisen konnten.

Wenn man sieht, wie dieser Staat mit Kryptographie umgeht, und wenn man weiterhin sieht, wie dieser Staat mit Meinungsfreiheit umgeht, und wenn man dann drittens (etwa an meinem Fall) sieht, dass das eine mit dem anderen verbunden ist und ein Kreuzungspunkt im Bundesverfassungsgericht liegt, das eigentlich beides schützen sollte, dann kann es einem Angst und Bange werden.

Als ob das noch nicht reiche, fräst es mir schier Furchen in die Stirn, dass man das Land mit Leuten überflutet, denen ich auch keine Kryptographie zugestehen wollte, ich mir also momentan nicht mal sicher bin, was ich eigentlich für schlimmer halte: Einen Staat, der Kryptographie und Forschung sabotiert, oder die von diesem Staat importierten Terroristen, denen Kryptographie zu geben diesen Staat vernichten kann.

Aber mein allergrößtes Problem mit dieser Zeit und diesem Staat ist, dass ich nichts mehr finde, was ich gut, richtig und vertrauenswürdig finde.