Hadmut Danisch

Ansichten eines Informatikers

Über Mathematik und die, die daran scheitern

Hadmut
16.6.2018 19:18

Über den Verlust einer Kultur- und Industrietechnik.

An der Uni Hohenheim gibt es gerade Zoff zwischen der Uni und einigen Studenten. Die Stuttgarter Zeitung schreibt, warum.

Was war da los? Mitten in der Prüfung über Finanzwirtschaft verließen 37 Wirtschaftsstudenten der Uni Hohenheim den Saal – und legten noch am selben Tag ein Attest vor. Dumm nur, dass die Atteste nahezu gleichlautend waren und alle vom selben Arzt stammen. Der lieferte laut Uni genau zwei Diagnosen: Schwindel und Sehstörungen sowie Übelkeit und Erbrechen. „Diese Diagnosen reichen dem Prüfungsamt nicht aus“, so Unisprecher Florian Klebs.

Bereits zwei Tage später, am 25. Mai, erhielten die 37 Prüfungsabbrecher Post vom Prüfungsamt: „Es bestehen sachlich begründete Zweifel an der Richtigkeit dieses vorgelegten ärztlichen Attests. Wir beabsichtigen daher, Ihren Rücktritt abzulehnen.“ Das Prüfungsamt begründet dies mit der „außergewöhnlich hohen Zahl an Rücktritten in dieser Prüfung“ sowie damit, dass alle Atteste vom selben Arzt stammen.

37 Wirtschaftsstudenten erkennen in der Prüfung erst, dass sie all krank sind – und alle das gleiche haben.

Nachdem ich mich ja früher mal ausgiebig mit Prüfungsrecht befasst habe, dazu eine Anmerkung: Es ist ein prüfungsrechtlicher Grundsatz, dass der Prüfling sich durch Ausnutzen des Prüfungsrechts keinen Vorteil gegenüber anderen Prüflingen verschaffen darf. Als der wichtigste unlautere Vorteil wird dabei angesehen, wenn der Prüfling sich dadurch effektiv aussuchen kann, ob er an der Prüfung teilnimmt oder eine neue durchführt, sich quasi eine zusätzliche Prüfungschance verschafft. Das gilt als eine rote Linie, die nicht überschritten werden darf. Deshalb gibt es auch den Grundsatz, dass ein Prüfling Beeinträchtigungen bei der Prüfung (z. B. Lärm) sofort melden muss, damit es nicht mehr in seiner, sondern in der Entscheidung der Prüfungsbehörde liegt, wie weiter verfahren wird, und die Beeinträchtigung gegebenenfalls abgestellt oder durch längere Prüfungszeit ausgeglichen werden kann. Es geht nicht, dass man hinterher, wenn man merkt, dass man nicht gut abgeschnitten hat, ankommt und meckert, es sei zu laut gewesen.

Aus demselben Grund wird es prüfungsrechtlich auch als äußert kritisch gesehen, wenn jemand erst nach Kenntnis der Prüfungsaufgaben (oder auch schon nach Tagesform am Prüfungstag) spontan krank wird. Denn dann müsste er erklären, warum er 10 oder 20 Minuten vorher noch nicht gemerkt haben will, dass er krank ist. Der Prüfling kann sich zwar wegen Krankheit abmelden, muss das aber so rechtzeitig vor der Prüfung tun, dass er sich keinen Vorteil gegenüber anderen Prüflingen verschafft, namentlich keine zusätzliche Prüfungsmöglichkeit, indem er sich erst mal die Aufgaben ansieht und sich dann für krank erklärt. Deshalb ist das prüfungsrechtlich generell so, dass wenn die Erkrankung nicht nachweislich erst während der Prüfung aufgetreten ist (sich beispielsweise jemand verletzt hat oder in ein Zuckerkoma gefallen ist oder sowas), es das Problem des Prüflings selbst ist. Denn es ist auch niemandem verboten, krank an einer Prüfung teilzunehmen. Wenn jemand an einer Prüfung teilnehmen will, obwohl er krank ist, dann darf er das, solange er andere nicht gefährdet. Und wenn er meint, dass er deshalb eine Verlängerung der Prüfungszeit bräuchte, muss er das vorher mit der Prüfungsbehörde klären. In dem Moment, in dem er die Prüfung antritt oder unentschuldigt fehlt, ist das seine Verantwortung, und er kann dann keine Jokerkarte mehr ziehen.

Insofern liegt die Prüfungsbehörde da schon aus ihrer Fairness-Pflicht gegenüber anderen Prüflingen richtig, das nicht als Rücktritt, sondern als durchgefallen zu werten.

Doch was ist der Grund für die massenhaften Prüfungsabsagen? „Die Prüfungsangst hat zugenommen“, meint Klebs. Und die Zahl der Rücktritte sei in den Wirtschaftswissenschaften höher als in den anderen Fakultäten. „Wir hätten gern einen besseren Betreuungsschlüssel“, so Klebs.

Viele Studierende scheitern an Mathe

Jörg Schiller, Studiendekan der Fakultät Wirtschafts- und Sozialwissenschaften und Leiter des Fachgebiets Versicherungswirtschaft und Sozialsysteme, formuliert das ­etwas anders: „Es hat damit zu tun, dass es Leute gibt, die dem Studiengang nicht gewachsen sind – viele Studierende tun sich schwer mit Mathe.“ Diesbezügliche Grundkenntnisse seien in der Prüfung in Finanzwirtschaft allerdings erforderlich. „Viele studieren Wirtschaftswissenschaften, ohne sich vorher groß Gedanken darüber zu ­machen“, sagt Schiller. „Es ist ja gerade so gedacht, dass die Leute früh feststellen können, ob das Fach etwas für sie ist oder nicht.“ Die Grundlagenprüfung wird meist im dritten Semester abgelegt.

Tja.

Eigentlich sollte man nach dem Abitur soviel Mathematik gesehen haben, dass man weiß, ob man das kann oder nicht. Warum jemand Wirtschaft studiert, der mit Mathematik überfordert ist – der Akademisierungswahn schreitet voran. Hat sicherlich auch damit zu tun, dass es eine „Fakultät Wirtschafts- und Sozialwissenschaften” (komische Kombination) ist, ich würde wetten, die glaubten, sie würden da marxistische Kapitalismuskritik studieren.

Zu meiner Studienzeit hatten wir zwar auch hohe Durchfallquoten in Mathematik, aber irgendwie hatten wir in den Studiengängen Mathe, Informatik usw. keine Leute, die der Auffassung waren, da um die Mathematik herumzukommen. In einem anderen Artikel schreibt die Stuttgarter:

Als Gründe für das vorzeitige Beenden eines Studienfachs geben mehr als 20 Prozent an, sie hätten mit falschen Erwartungen begonnen. Manchen sei auch nur der Status als Student wichtig. Den höchsten Schwund haben zulassungsfreie Fächer wie Englisch, Deutsch oder Mathematik. Dafür gebe es unterschiedliche Gründe. Viele Studienanfänger gingen offenbar davon aus, es gehe an der Uni weiter wie an der Schule – „aber das ist nicht so“, sagt Klöpping. Beim Studium einer Sprache gehe es nicht darum, die Sprache zu lernen. „Sondern man muss die Sprache schon können, um sie studieren zu können.“ Es gehe um wissenschaftliche Themenstellungen.

Das gelte auch für Mathematik. So täten sich selbst manche Studienanfänger mit guten Mathe-Schulnoten schwer, in die komplexen Gebilde des Studienfachs einzusteigen, berichtet Marlene Scherfer, die die Studie betreut hat. Dies sei allerdings kein spezifisches Stuttgarter Problem.

Mich hatte vor einiger Zeit mal ein Informatik-Erstsemester um Hilfe bei den Übungsaufgaben gebeten, mit denen er nicht klarkam. Dabei war der Knabe eigentlich ein schlaues Kerlchen und intellektuell in der Lage, das selbst zu lösen. Ich musste dem aber bezüglich seiner Arbeitsweise mal gewaltig „in den Hintern treten”, weil ihm nicht klar war, dass das da anders läuft als an der Schule. Das ist nicht hinsetzen, belabern lassen und am Abend vorher ein paar Hausaufgaben darüber machen. Danach ging’s dann. 😀 Genau das fehlt aber vielen. Und viele andere sind einfach zu doof, ungeeignet.

Jetzt wollen sie Nachhilfe und Schnupperstudien anbieten. Kann man machen. Verfehlt aber das Problem. Denn eigentlich müsste man den Leuten klipp und klar sagen, dass sie da falsch sind und wenn sie das Studium nicht schaffen, auch den Beruf nicht werden ausüben können. Geht aber nicht, wegen Inklusion, Frauenquote und so weiter.

Apropos Mathematik und Feminismus: Man schaue mal in diesen Artikel. Oder eigentlich den Original-Artikel der New York Times. Sie haben untersucht, worin Schüler gut oder schlecht sind.

Mädchen sind in Englisch – unabhängig davon, ob die Eltern arm oder reich sind – drastisch besser als Jungen. In Mathematik sind Jungs aber kaum besser als Mädchen, und wenn, dann umso ausgeprägter, wenn die Eltern reich sind.

Das belegt, was ich früher schon mal irgendendwo im Blog beschrieben hatte: Es kommt gar nicht so drauf an, ob man in Mathematik gut ist, das kann man lernen. Es kommt darauf an, ob Mathematik das beste ist, was man kann. Viele Jungs gehen in die technischen Fächer, weil Mathe und Technik das beste ist, was sie können, und es sie deshalb prägt.

Viele Mädchen versagen in Mathematik, obwohl sie eigentlich nicht schlechter als Jungs sind oder sogar besser, weil es nicht ihre führende Eigenschaft ist. Fast jedes Mädchen, das gut in Mathematik ist, kann irgendetwas anderes noch deutlich besser, und deshalb orientiert es sich in andere Richtungen. Weil’s mehr Spaß macht oder leichter fällt. Mädchen sind nicht deshalb schlecht in Mathematik, weil sie es nicht könnten. Sondern, man muss es deutlich sagen, sie zu faul sind oder es sie nicht interessiert. Denn Mathematik muss man sich mühsam und langwierig erarbeiten. Englisch quasseln geht so nebenher, mit Freunden, im Urlaub, im Kino, oder eben gleich als Muttersprache.

Warum auch nicht? Wenn das so ist, ist es eben so. Pumpt man aber politisch trotzdem Mädchen in die MINT-Fächer, geht’s halt schief. Ich kenne genug Beispiele.

Die WELT berichtet, wie man in Schleswig-Holstein den Matheunterricht „unterhaltsamer” machen könne. Die Flensburger Universität versuche dies auf mehreren Wegen zu erreichen. (Komisch. Warum ging das bei uns damals auf die herkömmliche Weise? Warum muss heute alles gezuckert werden?)

Weniger reines Rechnen, dafür mehr Zeit zum Denken und Analysieren im Unterricht: Dafür plädiert der Flensburger Mathematik- und Didaktikprofessor Hinrich Lorenzen. Die Idee, mit interessanten Aufgaben Mathematik zu betreiben, müsste definitiv in den Schulunterricht einziehen“, sagte Lorenzen. „Das wäre sehr fruchtbar für den Unterricht.“

Vielleicht ist es auch einfach keine gute Idee, einen Geisteswissenschaftler Matheunterricht entwerfen zu lassen. Also wir fanden damals unsere Aufgaben „interessant”. Sind seither die Aufgaben oder die Schüler schlechter geworden?

Auch Schleswig-Holsteins Wirtschafts- und Arbeitsminister Bernd Buchholz (FDP) hält es für erforderlich, den Mathematikunterricht an den Schulen attraktiver zu machen. Wenn das Land seinen Fachkräftemangel in den Griff bekommen wolle, müssten hier dringend Verbesserungen erreicht werden, sagte er. Hintergrund der Äußerungen ist die Tatsache, dass der Notendurchschnitt in Mathematik bei den diesjährigen Abschlussprüfungen deutlich gesunken ist.

Sie finden keinen Leute mehr, die Mathe können – also muss eben die Mathematik leichter werden.

„Die klassischen Formen des Mathematikunterrichts, in dem ich eine Formel habe und etwas einsetze und rechne, spiegelt nicht die Mathematik wider wie sie sein könnte“, sagte Lorenzen. Dabei hätten viele Kinder Spaß, die freien Seiten der Mathematik kennenzulernen und weniger zu rechnen und mehr zu knobeln.

Ich weiß nicht, was der gelernt hat und wo, aber Einsetzen in Formeln und losrechnen gab es bei uns eher nicht. Die binomischen Formeln und das invertieren von 2×2-Matrizen würde mir da vielleicht noch einfallen, aber Einsetzen in Formeln ist eher Physik.

„Wir versuchen, mit reduziertem Stoff exemplarisch mathematische Problemlösungskompetenz zu entwickeln und zu stärken“, sagte Lorenzen.

Da kriege ich jetzt Krämpfe. Wenn man mit „reduziertem Stoff” Mathematikfähigkeiten verbessern will. Wie soll das gehen? Wird man in Mathematik besser, indem man das, woran man scheitert, gar nicht erst zu lernen versucht? Und wenn ich dann schon „Problemlösungskompetenz” höre – Soziologengeschwätz in Mathe. Das kann nicht gutgehen. Und worin soll die Problemlösungskompetenz bestehen, wenn man die Mathematik dazu erst gar nicht mehr lernt? Ich habe zwar die Lösung nicht gefunden, aber einen tollen Powerpoint-Vortrag darüber gehalten? Oder ich hab’s gegoogelt? Oder soziologisch hergeleitet, warum man das Problem nicht lösen, sondern die männliche Gesellschaft, die solche Probleme stellt, überwinden muss?

Auch die Didaktik komme nicht zu kurz. Das Ziel sei, ein vertieftes Verständnis von Mathematik zu erzeugen und eine sowohl fachlich als auch fachdidaktisch souveräne Lehrkraft auszubilden. „Denn das ist das alles Entscheidende, dass die Lehrkraft in den wenigen, entscheidenden Gegenständen des Schulunterrichtes wirklich sicher ist, um didaktisch wirken zu können.“

Ach. „…in wenigen, entscheidenden Gegenständen…”? Heißt das, dass der Lehrer dann auch kaum noch Mathe kann, aber schöne Powerpoint-Vorträge?

Ein anderer Leser hatte mir einen Link auf diesen Artikel der Financial Times über Mathe-Unterricht geschickt, den ich aber nicht lesen kann. Da kommen nur Abo-Angebote. Es ging anscheinend darum, dass man die Mathe-Noten verbessern will, indem man für Schüler einfach zwei Mathe-Linien anbietet. Mathe Core und Mathe Master. Die einen können nichts und tun nur so als ob, bekommen dafür aber eine „Eins in Mathe”, damit sie zumindest denken, sie könnten Mathe. Die, die wirklich was lernen wollen (weiße Jungs oder so) und den schwereren Weg gehen, bekommen dann vielleicht nur eine Zwei oder Drei, und stehen dann im Ergebnis bei Bewerbungen und so weiter schlechter da als die, die nichts können und es gar nicht erst versuchen.

Als ich den Blog-Artikel gerade posten wollte, schreibt mir ein Leser, dass er in einem Cafe 6 Euro zahlen wollte und 22 hingelegt hat, und die Bedienung nicht in der Lage war 22-6 zu rechnen.

Aber dafür gibt’s ne App.