Hadmut Danisch

Ansichten eines Informatikers

Gesichtsform: weiblich

Hadmut
26.12.2017 22:21

Ich bin verblüfft.

Ich habe etwas getan, was gegen meine fotografischen Grundsätze verstößt (naja, photographisch mit f zu schreiben vestößt auch schon dagegen). Ich habe mir Portrait-Retusche-Software gekauft. Eigentlich pansche ich nicht gern in Bildern herum, und solches vollautomatische Zeug, bei dem das Wissen in der Software und nicht beim Fotografen liegt, hinterlässt bei mir nicht das Gefühl, dass ich das Foto gemacht hätte.

Andererseits: Da geht’s hin. Ich find es schon seltsam, was moderne Kameras intern alles an Bildverarbeitung und Gesichtserkennung treiben könne. Früher sagte man „Kamera mit Motivklingel”, aber die müssen ja nicht mehr klingeln, die fotografieren gleich selbst. Neulich stritt man ja schon darum, wem die Urheberrechte an einem von einem Affen gemachtes Bild gehören. Wem gehören die Urheberrechte an einem Foto, das die Kamera automatisch gemacht hat? (Wem gebührt das Lob für ein Abendessen aus dem Thermomix?)

Ich wollte es halt mal wissen, wie das Zeug so funktioniert. Auf der Webseite haben sie schöne Beispiele (nicht immer finde ich „nachher” besser als „vorher”) und ich war der Überzeugung, dass das doch relativ lange braucht, bis man sowas hinbekommt. Weil die Software aber gerade billig im Angebot war, habe ich mir das gekauft und eben mal ausprobiert.

Potztausend!

Das Ding erkennt Gesichter im Bild, legt sofort eine Geometriemaske darüber und rät, ob es weiblich, männlich oder kindlich ist. Das kann man noch korrigieren und verändern, und dann geht’s los. Aber nicht irgendwie so mit Maus oder Griffel korrigieren, sondern für wirklich jeden Aspekt gibt es idiotensichere Schieberegler. Linkes Grübchen, rechtes Grübchen, Augen kleiner größer, Pupillen, Kontaktlinsen einsetzen, Krähenfüße weg und so weiter und so weiter, und dazu noch den gesamten Schminkkasten rauf und runter. Smokey Eyes, Mascara, Augenbrauen zupfen, Lippenstift, Schmollmund und so weiter, für alles gibt es einen Schieberegler. Das Ding analysiert die Gesichtsgeometrie und passt dann den ganzen geschlechtstypischen Kram an.

Ich hab mal mutig losgelegt – viel hilft viel – und wenig Gnade walten lassen. Das Ergebnis – ich hab schon dolle aufgedreht – sieht künstlich puppenhaft aus (ich kann’s nicht zeigen, weil das Bild nicht von mir war und ich die Rechte daran nicht habe, ich habe einfach irgendeines von einer Webseite genommen), aber aus gewissem Abstand erstens weiblicher, zweitens attraktiver, drittens auffälliger, herausstechender. Würde ich jetzt beispielsweise irgendein Veranstaltungsplakat machen wollen, fände ich das manipulierte wirksamer als das unbearbeitete. Jeder sieht zwar, dass es nicht echt ist, aber dafür guckt man hin.

Bemerkenswert ist, dass das auf der Grundauswahl männlich-weiblich-kindlich beruht. Diese drei Gesichtstypen kennen die und haben deren Charakteristika so erfasst und analysiert, dass sie das in automatische Software gießen konnten. Offenbar gibt es Charakteristika, die man sogar in Software gießen kann. War mir eigentlich klar, aber es so zum rumspielen zu haben, ist schon interessant.

Nebenbei: Mir waren in verschiedenen Fotogalerien schon Fotos aufgefallen, die einfach zu gut attraktiv aussehen, und manchmal haben Frauen in Portraits Augen, die Mangas in den Schatten stellen, das Blau so blau. Mir war nicht immer ganz klar, ob das nachträglich manipuliert oder mit Kontaktlinsen gemacht ist, denn live am lebenden Menschen habe ich sowas auch schon gesehen. Wenn man aber mal gesehen hat, dass man sowas nicht mehr in Photoshop handschnitzt, sondern vollautomatisch am Schieberegler.

Worauf ich jetzt noch warte: Dass das erstens mit KI ganzautomatisch erfolgt, und zweitens so schnell, dass man es in Videos in Echtzeit macht.

Würde mich interessieren, was die Gender-Tassen dazu sagen, dass es funktioniert.