Hadmut Danisch

Ansichten eines Informatikers

Zeitungen und Kaufhäuser

Hadmut
25.12.2017 16:00

Ein Leser hat mich gerade auf einen Gedanken gebracht.

Die Twitterei mit den Chefredakteuren verläuft ja nun wenig erfreulich, beispielweise kommt da auch sowas:

Da sitze ich dann und überlege, was der da eigentlich treibt. Trollt der sich selbst? Es sind ja nun einige Leute an der Diskussion beteiligt (ich habe mich heute rausgehalten), und außer dem anderen Chefredakteur ist da niemand auf seiner Seite. Der kriegt da mächtig Feuer. Kann man machen, aber: Der will ja was verkaufen. Seine Zeitung. Glauben die Journalisten von heute wirklich, dass sie mehr Zeitungen verkaufen, indem sie einfach so lange alle, die sie nicht kaufen, beschimpfen, bis sie sie kaufen? Das wird nicht funktionieren.

Stellt Euch mal vor, ihr würdet so einem persönlich, auf der Straße begegnen, der Euch was andrehen will. Wer würde da etwas kaufen? Ich jedenfalls nicht.

Aufschlussreich ist die Situation allemal. Don’t feed the troll, schrieben mir einige. Aber warum nicht, wenn der sich dann selbst so entlarvt? Es ist doch ein aufschlussreiches Schauspiel. Zumal die Diskussion immer wieder wertvolle Leserhinweise bringt. Der nämlich hat mich gerade auf einen Gedanken gebracht:

Kann es sein, dass Zeitungen am gleichen Problem zugrundegehen wie Kaufhäuser?

Ein Generalist, der alles, aber nichts davon wirklich gut, anbieten will und dabei in alten Verkaufsschemen (Laden in der Stadt, Zeitung auf Papier) festhängt?

Schauen wir uns mal das Einkaufsumfeld an und überlegen, ob es Parallelen gibt.

  • Bis ich ungefähr Student war, sagen wir mal so bis in die Neunziger Jahre, hat man Zeitungen auf Papier gelesen, den SPIEGEL abonniert und bei Karstadt, Hertie, Horten, Kaufhof usw. eingekauft. Das war mal so üblich und normal, dass man alles dort gekauft hat. Egal ob Kleidung oder Kamera. Sogar zum Friseur bin ich da gegangen, als ich Kind war, war es noch völlig normal, dass wir die Lebensmittel bei Horten im Untergeschoss gekauft haben, und sogar eine Reise habe ich mal bei Karstadt gebucht.

    Und dann war das irgendwann futsch, weil muffig, altbacken und in nichts wirklich gut. Und durch die Quersubventionierungen und den hohen Aufwand auch nirgends wirklich preisgünstig. Alles so schwerfällig.

  • Dann kam Amazon. Man bekam wieder alles, aber nicht mit diesem Generalistenmuff, sondern als die große Handelsplattform. Man findet dort gar nicht mal alles im eigentlichen Sinne, sondern jeden, der etwas anbietet.

    Sind Google und Facebook die Entsprechungen zu Amazon im Informationsbereich?

  • Mit Hilfe dieser Marktplätze gibt es eine riesige Zahl kleiner, spezialisierter Läden, die sich auf ein kleine Gebiet beschränken, darin aber gut sind und sich deshalb auch nicht mit überhohem Aufwand über alles informieren müssen, dadurch effizienter und effektiver sind. Sie nutzen dabei die zentrale Verkaufsplattform von Amazon, oder eben ebay, Banggood, Ali usw. Inhaltliche Spezialisten nutzen eine übergreifende Infrastruktur eines Infrastrukturdienstleisters.

    Ist das nicht das gleiche wie bei zentral gehosteten Blogs, Facebook, Google-Feeds usw.?

  • Und generell können sich winzige Anbieter durch das Internet mit geringem Aufwand eine Distributionsinfrastruktur schaffen. Es gibt Leute, die haben einen Laden, den sie zuhause aus einem Zimmer ihrer Wohnung führen. Kein öffentlich zugänglicher Laden, nicht schön, aber da sie nur versenden, egal. Oder gleich von Amazon lagern und verpacken lassen.

    Ähnlich sieht es bei Bloggern aus. Ich muss hier auch keine Redaktion und keine Angestellten verwalten, brauche keine Druckerei und keine Autos, die Bedrucktes ausfahren. Ich mache das von einem Zimmer zuhause und ich muss mich um den ganzen Infrastrukturkram kaum kümmern, kann mich auf den Inhalt konzentrieren, und den wieder inhaltlich auf das einschränken, was ich effizient abhandeln kann, weil ich nicht jeden Tag drei neue Themen beackern muss.

Ist das möglich, dass Zeitungen in der gleichen Situation sind, wie Kaufhäuser?

Kürzlich hat hier am Ostbahnhof ein Kaufhof zugemacht. In dem Gebäude war früher mal ein DDR-Kaufhaus. Lief aber nicht mehr, keiner ging da noch hin. Wenn ich mich recht an irgendeine Meldung erinnere, geht da jetzt Zalando rein. Das wäre symptomatisch. Die verkaufen auch, beide verkaufen Schuhe und Klamotten. Aber Kaufhof hat versucht, alles zu verkaufen. Zalando ist spezialisiert und nutzt die Vertriebsstrukturen von Internet und Paketdiensten und ist damit viel effektiver und effizienter.

Noch ein anderer Effekt ist mir aufgefallen, besonders damals in Karlsruhe, aber ich habe auch oft aus anderen Gegenden davon gehört. Früher gab es rund um die großen Kaufhäuser noch eine funktionierende Fußgängerzone, mit Buch- und Fotofachgeschäften und so weiter. Ein Laden am anderen, die vom Verkehr zu den Kaufhäusern profitiert haben. Dann hat man ein paar hundert Meter weiter ein Einkaufszentrum (ohne Kaufhaus) gebaut, die sind dann alle dahin umgezogen, und die Innenstadt ist verödet und zur 1-Euro-Schundlädenansammlung geworden. Nicht mehr das Kaufhaus ist das Ziel, sondern die Konzentration vieler Fachgeschäfte auf engstem Raum. Man schaut auf dem Wegweiser, welche Schuhgeschäfte es gibt, und klappert die dann mit kürzesten Distanzen ab. Wenn einem eines nicht gefällt, geht man zum anderen. Generalisten gibt es nicht mehr.

Ist die Zeit der Zeitungen einfach abgelaufen wie die der Kaufhäuser?