Hadmut Danisch

Ansichten eines Informatikers

Das wird jetzt aber ganz schwierig, das politisch korrekt zu erklären…

Hadmut
24.12.2017 14:06

Ich weiß (noch) nicht, was ich davon halten soll. Aber in einem bin ich mir sicher: Es würzt.

Ich habe gerade auf FOCUS eine Buchrezension gesehen, , in der etwas (also in dem besprochenen Buch, nicht erst in der Rezension) behauptet wird, wovon ich noch nie gehört habe. Was für mich völlig neu ist. Und wovon ich ad hoc überhaupt nicht einschätzen kann, ob das stimmen kann, insbesondere ohne das Buch gelesen zu haben. (Was schwierig ist, weil ich hier noch mindestens 20 Bücher habe, und mindestens ebensoviele Empfehlungen, die ich noch lesen muss oder soll).

Es geht um das Buch „Für Prophet und Führer: Die islamische Welt und das Dritte Reich” von David Motadel und Susanne Held (Ersterer Autor der englischen Originalausgabe, letztere Übersetzerin).

Es wird behauptet, dass Hitler für seine Armeen systematisch Moslems rekrutiert habe, weil die so engagiert gegen Juden kämpften.

Das ist happig.

Das ist ein Klotz.

Da muss man erst mal drüber nachdenken.

Was mich daran irritiert ist, dass ich davon noch nie gehört habe. Schaut man aber mal bei Amazon in die Bücherliste, dann scheint lediglich die deutsche Ausgabe jetzt neu erschienen zu sein, die englische Originalausgabe ist von November 2014, also schon 3 Jahre alt, und erschien gerade in der billigeren Taschenbuch-Variante. (Kennt man ja: Immer erst teuer und gebunden, und nach einiger Zeit noch mal billiger in Taschenbuch-Qualität.)

Warum kann so ein Buch 3 Jahre existieren, und man hat noch nie davon gehört?

FOCUS schreibt dazu:

Mit dem Christentum konnte Hitler nichts anfangen. Doch für den Islam hatte er viel übrig. Denn in Wehrmacht und SS ließ er Hunderttausende Moslems für Deutschland kämpften. Die Nazis umwarben den Islam sogar systematisch, zeigt das neue Buch des Historikers David Motadel. […]

Anfang 1944 war das Dritte Reich im Ringen mit den Alliierten schon auf der Verliererstraße. Der Führer brauchte unbedingt neue Soldaten, und er nahm, was er kriegen konnte. Zu dieser Zeit kämpften bereits Hunderttausende Moslems in den Reihen der Wehrmacht und der SS – und zwar mit Segen von ganz oben. […]

„Es war doch klar, was sollte denn die Muselmanen in Europa und der ganzen Welt von uns Deutschen trennen. Wir haben gemeinsame Ziele“, verkündete er [Heinrich Himmler] bei dieser Gelegenheit. Schließlich habe doch Gott – „ihr sagt Allah, das ist doch dasselbe“ – den Führer geschickt, um Europa und die ganze Welt von den Juden zu befreien. Deutsche und Moslems hätten die gleiche Feinde: „Bolschewiken, England, Amerika, alle immer wieder getrieben vom Juden.“

Himmler sprach nur aus, was auch sein Chef Adolf Hitler dachte. Der verglich gerne das Christentum, das er ablehnte, mit dem Islam, dem er viel Positives abgewinnen konnte. […] Den Islam sah er als aggressiv und stellte ihm den „verweichlichten“ Katholizismus gegenüber. Und während im Paradies der „Muselmanen“ Wein in Strömen fließe, freuten sich die Christen doch nur darauf, ein „Halleluja“ singen zu dürfen. „Der Mohammedanismus könnte mich noch für den Himmel begeistern“, so Hitler.

Hitler sei geradezu islamophil gewesen, glaubt der Historiker David Motadel.

Motadel, der an der renommierten London School of Economics internationale Geschichte lehrt, fördert erstaunliche Erkenntnisse zutage. Der gebürtige Detmolder forschte dafür in Archiven in 14 Ländern – bis in den Iran. Er musste Berge von Akten wälzen, denn nie war das, was er suchte, unter dem Stichwort „Islam“ abgelegt. Er musste sich, um sein Material zu finden, durch alle Akten kämpfen, die irgendetwas mit dem Zweiten Weltkrieg in den betreffenden Ländern zu tun haben.

Da bleibt mir erst mal die Spucke weg. Und die Logik-Drüse ruft dazwischen, das könne doch gar nicht sein, die standen doch damals so auf nordisch, blond, blauäugig, „arisch”. Doch:

Trotz Hitlers lobender Worte für die Moslems hatte die Rekrutierung von Muslimen als Soldaten keine religiösen oder ideologischen Gründe. Himmler warf alle seine hohen rassischen Ansprüche von einem „germanischem Aussehen“ seiner SS-Leute gerne über Bord, wenn auf diese Weise neue Kämpfer rekrutiert werden konnten.

Denn genau das war das Ziel: Deutschland brauchte neue Soldaten, um die zunehmenden Verluste im Krieg ausgleichen zu können. Und der Bedarf wuchs umso mehr, je länger der Krieg dauerte. Die Wehrmacht begann nicht zufällig just in dem Augenblick muslimische Männer anzuwerben, als sich Ende 1941 erwiesen hatte, dass der Krieg gegen die Sowjetunion nicht binnen weniger Monate beendet sein würde. Sondern möglicherweise noch sehr lange dauern würde.

Das könnte allerdings möglich sein. Der Krieg hatte damals oberste Priorität, und wirklich alles musste dem Krieg untergeordnet werden. (Deshalb haben wir in Deutschland übrigens heute Kanal-Deckel, die innen ausbetoniert sind, eine Nebenwirkung des zweiten Weltkrieges, weil man damals Metall sparen musste, das für die Waffenproduktion gebraucht wurde.)

Zu dieser Zeit bleib die Wehrmacht zwar kurz vor Moskau im russischen Winter stecken, aber sie hatte gleichwohl gigantische Geländegewinne einfahren können. Darunter waren auch Gebiete, in denen der Islam die vorherrschende Religion war, zum Beispiel auf dem Balkan oder in Teilen der Sowjetunion.

Die Motive der muslimischen Glaubensanhänger, für Deutschland in den Krieg zu ziehen, waren zwar eher pragmatisch – viele vegetierten in den Kriegsgefangenenlagern unter unmenschlichen Bedingungen und erhofften sich an der Front bessere Überlebenschancen. Außerdem sahen tatsächlich viele in den Bolschewisten Feinde, andere in den Briten.

Hass auf Juden war dagegen kein Grund – mit einer Ausnahme. Die Moslems in Palästina sahen die Juden, angestachelt vom Großmufti von Jerusalem, sehr wohl als Feinde, die vertrieben oder vernichtet werden müssten.

Der Großmufti von Jerusalem. Da wären wir gerade aktuell voll im Thema.

Die Nazis machten den Moslems aber trotzdem in den besetzten Gebieten religiöse Zugeständnisse, um sie für sich zu gewinnen. Sie eröffneten beispielsweise Moscheen.

Das ist etwas, was ich mir noch vor 5 Minuten nicht hätte vorstellen können, was meinem gesamten Wissensbestand diametral entgegenläuft: Die Nazis eröffneten Moscheen.

Ich habe ja nun wirklich viel gehört, gesehen, gelesen, Holocaust-Museen, -Ausstellungen und -Gedenkstätten auf drei Kontinenten und hier in Berlin rauf und runter besucht und betrachtet. Und noch nie hätte ich davon gehört oder gelesen.

Heißt das, dass es nicht stimmt?

Oder heißt es, dass man es nicht wusste, weil es vielleicht nur ein kleiner Nebenaspekt so janz weit draußen war? Moschee kann schließlich viel heißen, das kann auch ein Zimmer gewesen sein, das von außen als solche nicht erkennbar war. Dass das einfach verloren gegangen ist?

Oder hat man es bewusst und aus politischen Gründen unter den Tisch fallen lassen?

Ich weiß nicht, was ich davon halten soll.

Wehrmacht und SS waren ziemlich erfolgreich bei ihrem Bemühen, muslimische Soldaten zu gewinnen. Mitte 1943, so schätzt der Autor David Motadel, hätten in den Truppen etwa 300.000 Moslems gekämpft. Ein Jahr später waren es dann 600.000. Sie setzten sich vorwiegend aus Aserbaidschanern, Turkestanern, Kalmücken, Ukrainern, Georgiern und Armeniern zusammen, weniger aus Arabern. Die muslimischen Soldaten galten als effektive und brutale Kämpfer; nur die Araber wurden als illoyal und unzuverlässig angesehen.

Der führende Kopf hinter der Rekrutierung war übrigens Claus von Stauffenberg, der später, als der Krieg sichtbar verloren war, am 20. Juli 1944 ein Attentat auf Hitler verübte.

Oder wollte man die Heldenfigur von Stauffenberg nicht in Frage stellen?

Motadels Buch ist ein schlagendes Beispiel dafür, dass neue Herangehens- und Sichtweisen noch immer spannende und lehrreiche Erkenntnisse über das Denken und Handeln des Nationalsozialismus bringen. Der Doyen der Hitler-Forschung, der britische Historiker Ian Kershaw, hat das Buch nicht umsonst als „herausragend“ bezeichnet.

So sehr es mir widerstrebt, noch mehr Zeit mit dem Thema Nazis zu verbraten, könnte das Buch interessant sein.

Denn argumentativ käme das dem Atomschlag gleich.

Bei uns gilt doch die politische Gleichung, dass die Welt bipartit ist, dass es eine Dichotomie zwischen den Guten und den Bösen gibt, und die guten sind Links und migrationsfreundlich und weltoffen, bringen gerne Muslime ins Land und sind für Kopftücher, und die bösen sind Rechts, ausländerfeindlich, antisemitisch und islamophob. Die political correctness gebiete, dass unbegrenzt Muslime immigrieren können, und dass Weihnachten und Bilder von nackten Frauen abgeschafft werden müssen, um sie nicht zu beleidigen.

Und wir hatten ja nun gerade einige Diskussionen darüber, wie man mit islamischem Antisemitismus umzugehen hat.

Und dann käme jetzt so ein Ding daher, das behauptet, dass Muslime gegen Juden zu rekrutieren Nazi-Style wäre.

Ich habe ja schon häufig beobachtet und beschrieben, dass sich Linke immer wieder der Methoden der Nazis bedienen. Dass die die nur in ihrer Symbolik und politischen Ausrichtung bekämpfen (Hakenkreuz, Uniform, Menschenideal), aber deren Methodik doch sehr gerne übernehmen und separieren. Das, was man für sich selbst brauchen kann, übernimmt man klammheimlich, alles andere stellt man als böse in die Ausstellung. Nicht wenige Leser weisen immer darauf hin, dass Sozialismus und Nationalsozialismus eng verwandt sind, wie schon die Bezeichnung zeige. Neulich gab’s irgendwo die Darstellung, dass Hitler nur deshalb bei der NSDAP (zunächst DAP) gelandet sei, weil er vorher in die Deutschsozialistische Partei DSP wollte und die ihn nicht reingelassen hätten, die aber so ähnlich drauf waren wie die DAP. Es fällt zumindest auf, dass der Begriff „Sozialismus” dabei immer eine zentrale Rolle spielt. Generell wird heute gerne behauptet, dass es nur eine Rabulistik von Holocaust-Leugnern sei, dass der Nationalsozialismus ein Sozialismus gewesen sei, und damit jeder ein Erznazi, der den Gedanken auch nur aufnimmt. Da scheint ein wunder Punkt zu sein. Ich habe mich damit nie näher beschäftigt, aber warum den Nazis der Begriff Sozialismus so wichtig war, wenn sie mit Sozialismus nichts zu tun hatten, konnte mir auch noch niemand schlüssig erklären. Das mögen Leute klären, die sich damit besser auskennen als ich.

Jedenfalls habe ich da immer so diesen Eindruck, dass da irgendwas in dieser Darstellung der Gut-Böse-Einteilung nicht stimmt. Dass man da irgendeinen Zusammenhang unter den Teppich kehren will.

Und es ist ja sehr auffällig, dass ausgerechnet die „Antifa”, die sich ja als die Nazi-Gegner schlechthin positionieren, aber auch links orientierte Parteien so engagiert für die Migration insbesondere aus dem Islam einsetzen, und alle „Nazi” schimpfen, die daran Kritik äußern.

Das würde aber sofort enorme Risse bekommen, wenn sich herausstellte, dass die Nazis Muslime rekrutierten, um sie als besondere erbarmungslose und brutale Kämpfer gegen Juden und für die Nazi-Kriegsführung einzusetzen. Gerade wenn es zu solchen antisemitischen Ausschreitungen wie neulich in Berlin durch Palästinenser kommt, hätte das eine Ähnlichkeit mit diesem Nazi-Schema, bei dem es einen frieren lässt.

Ist das der Grund, warum man von diesem Buch bisher nichts gehört hat?

Sollte man das nicht viel lauter sagen, dass besonders die „Antifa” hier Nazi-Politik kopiert?

Die Frage der Fragen ist dabei natürlich: Stimmt es überhaupt?