Hadmut Danisch

Ansichten eines Informatikers

Claus Kleber mault…

Hadmut
23.7.2016 18:16

Irgendwie scheint bei den Fernsehleuten angekommen zu sein, dass der Zuschauer sie nicht mehr mag. Sie haben nur noch nicht verstanden, dass sie das selbst verbockt haben.

Gestern Abend erschien in der Süddeutschen ein Artikel von Claus Kleber (der vom ZDF heute journal), den er laut einer Fußnote der SZ vor der Schießerei geschrieben hatte, der aber gerade deshalb gut erläutert, was gestern im Fernsehen (allerdings nach meinem Eindruck noch mehr bei der ARD) so schief gelaufen ist. Er bezieht sich dabei auf 9/11 und den Putsch in der Türkei.

Was mich vor allem an diesem Artikel stört: Schuld sind immer die anderen. Der glaubt, sie machten wunderbares Fernsehen, und alle Unzufriedenheit läge nur an den Zuschauern, denen man es nicht mehr recht machen könnte und an der Konkurrenz der Social Media. Auf die Idee, dass sie das selbst was falsch machen und vielleicht einfach keine guten Journalisten sind, keine gute Arbeit machen, kommt der nicht.

Und ob man die Berichterstaatung zu 9/11, immer schon vor 15 Jahren, den Social Media anlasten kann, wage ich zu bezweifeln. Die gab es damals nämlich so noch nicht.

Unser Sender war tatsächlich aus der 15-Uhr-Tagesschau – in der wir nicht mehr tun konnten, als erste Eindrücke zu schildern – zurückgefallen in das Regelprogramm. Wir wurden erst mal stumm geschaltet, aber der Ton dieser Sprecherstimme klingt noch jetzt, 15 Jahre später, in meinem Kopf. Bitte glauben Sie mir: Ich weiß, wie wichtig es ist, schnell auf Sendung zu gehen und dann zu bleiben.

Wieso ist das eigentlich wichtig?

Ich fand das gestern – allerdings eben vor allem bei der ARD – gerade einen ganz wesentlichen Grund für die miserable Qualität. Schlampig, chaotisch, unvorbereitet, inhaltslos, wild spekulativ.

Ich persönlich – ich weiß nicht, wie die Leser das so sehen – hätte es besser gefunden, wenn sie das normale Programm vielleicht nur alle halbe Stunde für 10 Minuten unterbrochen hätten, dafür aber vernünftiges und halbwegs vorgekochtes Material gebracht hätten. Es geht mir fürchtlich auf den Wecker, wenn sie da die 99. Liveschalte machen, Hansi Meier in München, können Sie mich hören? – Herr Meier, hören Sie uns? – Offensichtlich hört uns Herr Meier nicht.

Was soll der Scheiß?

Ich fände es sehr viel sinnvoller, wenn sie das Interview – meinetwegen vor Ort mit dem Handy, das reicht ja qualitativ schon – erst aufnehmen und übertragen, oder meinetwegen auch Live in die Regie oder die Nachrichtenzentrale spielen, das „Verstehen Sie mich” wegschneiden und den Beitrag dann senden, wenn sie einen haben. Das muss ja alles nicht top-Qualität und vergoldet sein, aber eben erst dann, wenn sie was haben. Und die Rechenleistung und manpower, um sowas mal schnell durchzusehen und zumindest ganz grob zurechtzuschneiden, die muss heute einfach da sein. Aus meiner Sicht als Informatiker haben die einfach ihre Informationswege nicht im Griff.

Zurück zu 9/11:

Der Tag des Terrors wurde in Deutschland zu einem Tag, an dem RTL die öffentlich-rechtlichen Sender im Kernbereich ihres Auftrags überflügelte: in den Nachrichten. Vor allem, weil in Peter Kloeppel ein souveräner, New York-erfahrener Moderator mit einer exzellenten Mannschaft sofort im Studio war und dann 24 Stunden auf Sendung blieb.

Chefs von ARD und ZDF – Fritz Pleitgen und Nikolaus Brender – machten den RTL-Kollegen später heftige Vorwürfe, dass sie mit einer Berichterstattung, die auf Quote ziele, das Geschäft der Terroristen besorgten. Wenn man das im strikten Kontext von Ursache und Wirkung sieht, hatten sie damit nicht unrecht. Der Angriff auf das World Trade Center und das Pentagon war auf optische Effekte hin inszeniert. ARD und ZDF lieferten bald die profundere Berichterstattung. Dennoch blieb zu Recht der Eindruck, dass RTL an dem Tag, an dem es wie nie zuvor darauf ankam, den Zuschauern das Geschehen am schnellsten nahebrachte.

Und das haben sie bis heute nicht verkraftet?

Die Zeitläufte sind leider so, dass öffentlich-rechtliche Sender mittlerweile fast im Monatsrhythmus an den Pranger gestellt werden, wenn sie nicht ohne Zögern und ohne Zeitbegrenzung “drauf gehen”. Dass die Informationssendungen von ARD und ZDF auch an solchen Tagen mindestens im Stundentakt ein vielfach größeres Publikum erreichen als die ritualhaft immer wieder gepriesenen Nachrichtenkanäle, bringt da keine Beruhigung.

Ist das so?

Gestern haben sich, so weit ich sehen kann, die Zuschauer beschwert, dass sie mit voreiligem Informationsmüll zugeschüttet werden.

Am Engagement der Nachrichtenredaktionen fehlt es mit Sicherheit nicht. Wir Journalisten reden nicht gern über die eigene Befindlichkeit. Wen interessiert die schon, wenn es um Krieg, Terror und Unglücke geht. Ehrlich gesagt sind das besondere Augenblicke, wenn die Alarmtöne der Agenturcomputer durch die Räume gellen, wenn sich eine professionelle Redaktion solchen Herausforderungen stellt.

Das ist vielleicht genau das Problem. Mir sagte mal jemand, dass man bei Rettungswagen keine stärkeren, sondern gedrosselte Motoren einbaut, damit die sich im Blaulicht-Rausch nicht zu Tode fahren. Ein Kommilitone, der Zivildienst geleistet hat, sagte mir, dass sie beim Rettungswagenfahren immer eingebleut bekamen, erst loszufahren, wenn das Rolltor ganz oben ist und die kleine Ampel auf grün geht. Trotzdem rasten immer wieder welche vorzeitig los, rissen sich die Blaulichter am Rolltor ab und mussten die dann aus ihrem knappen Zivi-Einkommen auch noch bezahlen. Die Feuerwehr erzählte mir, dass sie dann, wenn die Löschzüge mit Blaulicht ausrücken, das Ausfahrttor gar nicht erst aufmachen, bevor nicht alle Fahrzeuge aus den Hallen und abfahrbereit sind, weil die in den vordersten Fahrzeugen sonst alleine losrasen.

Kann es sein, dass Journalisten unter demselben Phänomen leiden und vor allem mit ihrem eigenen Adrenalin zu kämpfen haben?

Vergleicht mal die Fernsehdeppen von gestern abend mit dem wunderbar ruhigen, logischen, hektikfreien und souveränen Pressesprecher der Münchner Polizei. Den sollte man in das heute Journal oder die Tagesthemen stellen, nicht Leute wie Kleber oder Roth.

Und liegt es nicht auch, wie ich immer wieder feststelle, ganz wesentlich am massiv gefallenen Niveau journalistischer Arbeit? Wie oft habe ich auf Journalistenkonferenzen schon den jungen Typ von Journalist gesehen, der unter Recherche nur noch versteht, die Social Media abzugrasen, und unter Journalismus, das möglichst schnell und ungeprüft abzuschreiben. Sehen wir hier nicht eben diesen Effekt, dass sich die Nachrichtensendungen zu Twitter-Lesungen reduzieren? Ich habe mal Ulrich Wickert gefragt, ob sie heute mehr oder weniger arbeiten müssten als früher, als er über die enormen Veränderungen in der Fernseharbeit durch die Digitalisierung berichtete. Er antwortete mir, dass sie eigentlich genausoviel arbeiteten wie früher, dabei aber mehr Sendungen parallel produziert würden. Früher hätten sie eine Sendung gemacht und das war’s. Heute müssten sie viele Kanäle gleichzeitig bedienen. Es bleibt doch gar nicht aus, dass darunter die Qualität leidet.

Jeder weiß, dass er jetzt gebraucht wird. Kollegen und Kolleginnen rufen von außerhalb an oder kommen gleich ins Haus, weil jede weitere Hand wertvoll ist. Studierende, Praktikanten in der Redaktion erkennen die Chance, sich zu beweisen, und übernehmen Aufgaben, die sie erst noch lernen müssen. Es sind – pardon – begeisternde Tage. Wir beherrschen dieses Geschäft, wir leben es. Deshalb gibt es jedes Mal einen Stich, wenn dann aus Twitter und Facebook die Wut auf den Bildschirm poppt: “Habt Ihr sie noch alle?”, “Was soll das – Uralt-Tatort und Klassikkonzert?” Nachrichtenleute wollen in so einer Situation vor allem eines: auf den Sender.

Ich erinnere wieder an die Feuerwehr. Zwei Leute können die dort gar nicht gebrauchen: Unerfahrene Anfänger und Leute, die sich beweisen wollen. Die bringen sich und andere in Gefahr.

Und die Frage muss eben auch gestellt werden: Was ist eigentlich der Zweck einer Nachrichtensendung? Den Zuschauer zu informieren oder die Nachrichtenleute zu präsentieren? Erinnert das nicht an die Sorte Feuerwehrleute, die selbst Feuer legen, um sich beim Löschen beweisen zu können?

Wie wäre denn das, wenn man sowas einfach öfter übt, damit es dann sitzt, wenn man es braucht, und nicht erst im Brandfall?

An solchen Tagen tobt hinter den Kulissen die Auseinandersetzung mit den Verantwortlichen für das Gesamtprogramm. Von dort kommen stets kritische Fragen: Wie wichtig ist das Ereignis überhaupt? Was wissen wir sicher? Was habt ihr an Programm zu bieten? Besorgen wir so nicht das Geschäft der Terroristen? Wäre es nicht besser, wenn ihr euch erst mal sortiert und was mit Hand und Fuß liefert? Das sind alles berechtigte Fragen, während die Minuten verrinnen. Da fallen im Detail immer mal wieder Entscheidungen, die mir als Nachrichtenmann unbegreiflich bleiben. Aber im Prinzip ist so eine kritische Prüfung richtig.

Ich halte die Frage heute für verfehlt.

Denn die Sender haben doch inzwischen ohnehin ganz viele Programme/Kanäle, teils völlig überflüssig und ohne konkreten Nutzen, nur um Frequenzen zu belegen und auspolitischen Beweggründen.

Wie wäre es denn, wenn man in den Hauptprogrammen ARD/ZDF wirklich nur seriöse, vorgekostete Nachrichten bringt, mit einer Verzögerung von ein paar Minuten, ohne ein „Können Sie mich hören” oder „Da ist uns die Leitung zusammengebrochen”.

Und auf Kanälen wie ZDF Info usw., die ohnehin keiner guckt, die man problemlos ändern kann, macht man dann das heiße Krisenfernsehen. Und blendet auf ARD/ZDF nur per Laufschrift ein „Schießerei in München, nächste Nachrichtensendung in 20 Minuten, heiße ad hoc Info auf ZDF Info” ?

Dann ist man beiden Anforderungen gerecht geworden, jeder kann sich heraussuchen, was er sehen will, und die jungen Wilden können sich dort austoben und ausprobieren, während die erfahrenen Alten das alles etwas langsamer, aber sorgfältiger und überlegter angehen lassen.

Dann ist auch jedem klar, dass auf dem „heißen” Sender das Zeug ungeprüft und ungefiltert rausgeht, und da auch mal Mist passieren oder durchrutschen kann.

In ARD wie ZDF stehen die Entscheidungen unter demselben Grundsatz: Wir sind kein Nachrichtensender. Das ist unumstritten. Wären ARD und ZDF kein Vollprogramm, hätten unsere Nachrichtenangebote nicht jeden Tag zig Millionen Zuschauer.

Eben. Und deshalb sollten sie auch gar nicht erst versuchen, das zu sein.

In Deutschland habe ich den Eindruck – und die Zahlen belegen es -, dass viele zu schätzen wissen, was öffentlich-rechtliche Programme in dieser Hinsicht für die politische Kultur und die Entscheidungsfähigkeit der Bürger leisten.

Falsch.

Immer mehr Leute halten das Propaganda-Fernsehen – gerade von Leuten wie Kleber – für eine Katastrophe für die politische Kultur. Ich persönlich halte ARD und ZDF im Allgemeinen und Kleber im Besonderen für einen regelrechten Schaden in der politischen Kultur. Und ich habe hier oft genug gebloggt, wann und warum. Letztlich unterscheidet sich Kleber kaum noch von einem Regierungssprecher, und dass der Regierunssprecher aus der ZDF-Nachrichtenredaktion kam, ist kein Zufall.

Wenn Mörder oder Opfer einem jederzeit empfangsbereiten Publikum Verbrechen live in die Telefone senden, ist Geschwindigkeit als Qualitätskriterium überholt. Deshalb darf noch lange kein Journalist notfalls bis zum Wochenrückblick warten, bis sich das Chaos gelichtet hat. Das wäre auch nicht auszuhalten. Es liegt in den Genen von Nachrichtenleuten, schnellstens berichten zu wollen.

Noch einmal:

Sind Nachrichtenleute und das Fernsehen für das Publikum da, oder sind Publikum und Fersehen für die Nachrichtenleute da? Wer ist da Lieferant und Empfänger?

Bei Netzwerk Recherche hatten sie übrigens mal den Sloagen „Be First. But first be sure.”

Und man sollte auch nicht versuchen, schneller zu laufen als man rennen kann.

Am 11. September 2001 gab es keine vernünftige Alternative zur Live-Sendung mit offenem Ende – senden und dabei weitersehen. Auch wenn nicht gleich klar war, wer hinter diesem beispiellosen Anschlag stand, wussten wir doch sofort, dass dieser Tag die Zeit teilen würde in ein Davor und ein Danach. Das Bild der brennenden, einstürzenden Türme, die fliehenden Menschen, die hilflosen Helfer, die ratlose Politik – all das war Nachricht pur. Sie abzubilden, ohne in Hysterie zu verfallen, die Zuschauer teilhaben zu lassen am Prozess des eigenen, fassungslosen Verstehens, war eine dem Tag angemessene journalistische Leistung.

Das war ja auch eine völlig andere Situation.

Einstürzende Türme kann und soll man live übertragen, weil das objektive Tatsachen, durch die Kamera übertragene Bilder sind. Das wird ja nicht in Echtzeit interpretiert, da steht ja keiner, der dem Zuschauer noch erklärt, dass die Türme jetzt eingestürzt sind.

Aber beim Putsch in der Türkei oder gestern in München gab’s ja gar nichts zu sehen. Da ging’s ja nur um Informationen, die nicht Live-Tauglich sind, und die nicht unmittelbar sinnesorganfähig sind (sehen/hören), sondern aufbereitet werden mussten. Bei 9/11 gab’s was zu sehen, in München und beim Putsch in der Türkei nicht. Nichts, was man nicht auch 20 Minuten später noch hätte zur Kenntnis nehmen können.

Davon abgesehen waren wir 2001 technisch noch nicht so weit, heute sind wir es. Damals haben wir noch auf Magnetband aufgenommen und mussten umspulen.

Die Ereignisse in der Türkei am späten Abend des vergangenen Freitags schufen eine völlig andere Entscheidungssituation. Sicher hätte man nach den ersten Informationen immer weitersenden können. Unsere Korrespondenten standen bereit und wurden schon in die regulären Tagesthemen und ins heute-journal geschaltet. Wir hatten Bilder, meist Bruchstücke, mit Handy-Kameras aufgenommen. Oft aus einer Deckung heraus. Fetzen von Information. Es war erst einmal nicht viel, aber es hätte gereicht, eine Sendung voranzutreiben, notfalls mit zigfacher Wiederholung des immer wieder selben Materials. Doch was wäre das für eine Sendung geworden?

So eine wie die von gestern abend?

Warum muss das denn heute überhaupt noch in Form permanenter Sendung erfolgen? Warum nicht die Ergänzung durch einen endlos-Schleifensender ZDF info, der bei Bedarf eben zum Notfallsender umgeschaltet wird und den ganzen Schrott in der Endlosschleife oder live zeigt, dazu noch Webseiten mit den Informationsschnipseln, die man ja mit heutiger Cloud-Technik bei Bedarf kurzfristig massiv an serverleistung aufblasen kann. Und dann ne seriöse Nachrichtensendung.

Anders als am 11. September hätten die Bilder nicht erklärt, worum es ging. Was nützt mir ein Panzer, wenn ich nicht weiß, wohin und für wen er rollt?

Eben. Was nützt mir dann eine Nachrichtensendung, wenn die es dann auch nicht wissen?

Aus Klebers Artikel leuchtet das eigentliche Problem heraus, auch wenn er selbst es nicht erkannt hat: Dass nämlich die Nachrichtenleute die Nachrichtensendungen für sich selbst und nicht für den Zuschauer machen. Und das geht höllisch schief.

Vielleicht sind Leute mit dem Beruf Nachrichtensprecher, mit dem Nachrichten-Gen, von dem Kleber hier spricht, gerade deshalb von vornherein für Nachrichten ungeeignet.

Und wer so politisiert wie Kleber ist, der schafft sowieso keine ordentlichen Sendungen zu allgemeinen Themen mehr.