Hadmut Danisch

Ansichten eines Informatikers

Free Speech

Hadmut
9.7.2016 0:25

Eigentlich kann ich für mich in Anspruch nehmen, dass ich mich selten verschätze und häufig schon früh erkenne, worauf etwas hinausläuft.

Heute lag ich aber mal komplett falsch. Aber sowas von daneben.

Mehrere Leser hatten mich die Tage auf diese Veranstaltung hingewiesen, sie hätten da irgendwo Veranstaltungszettel bekommen. Ob ich da nicht mal hingehen könnte, sie würden gerne selbst, aber können nicht gut genug englisch oder keine Zeit oder…

Also bin ich hin.

Und habe das völlig falsch eingeschätzt. Denn nach der Beschreibung und dem Umstand, dass sie von der EU gefördert werden, und ich von dem Institut noch nie was gehört habe, und der Text durchaus nach kontra Free Speech klingt, habe ich da wieder so einen linksextremistischen Kampflesben-Fördergeld-Bunker erwartet und den Verdacht, dass die EU, die ja nun wirklich massiv in Richtung Einschränkung der Meinungsfreiheit galoppiert, da nun sowas organisiert und finanziert, was ich jetzt mal als „Ideologieimpfungen” bezeichnen würde. Das hörte sich für mich so an, als solle das jetzt in die linksfeministische Szene gedrückt werden. Das Bild auf der Webseite läuft zwar in die andere Richtung, aber weil sich Feministinen ja immer so gerne beschweren, von „Hate Speech” „gesilenced” zu werden, würde selbst das noch passen.

War aber genau das Gegenteil. Leute, die sich sorgen, dass Free Speech immer weiter eingeschränkt wird, und mehr oder weniger stark für die Redefreiheit plädieren. Das hatte ich anders eingeschätzt. Insofern bin ich – nachträglich – eigentlich sehr froh darüber, dass das Problem der Einschränkung der Redefreiheit bekannt wird und sich herumspricht.

Besonders interessant fand ich, dass sich zwei Gäste als jüdisch vorstellten, einer lebt in England und USA, die andere anscheinend in London und Berlin, wenn ich das richtig interpretiert habe. Beide traten für Free Spech ein, und insbesondere bei der Frau ist mir aufgefallen, dass das, was sie sagte, eigentlich deckungsgleich mit meinen Ansichten ist und hier im Blog als Artikel auftauchen könnte, ohne dass dabei sofort auffiele, dass er nicht von mir stammt. Sie hält nicht viel von Feminismus und LGBTI, und rügte, dass es in London inzwischen Arabisierungseffekte gäbe, etwa wenn in Werbung keine schlanken Frauenkörper mehr gezeigt werden dürften. Vordergründig wird body shaming angeprangt, tatsächlich aber die Verhüllung der Frau propagiert.

Sowas wirklich wichtiges hätte ich jetzt aber nicht zu berichten, und weiß nicht, ob ich überhaupt darüber geschrieben hätte, wenn nicht manche Leser von mir einen Bericht erwarteten und mir nicht noch was anderes aufgefallen wäre.

Englisch

Es war wieder mal eine Veranstaltung auf englisch. Gibt’s in Berlin in letzter Zeit öfters.

Heute jedoch ist mir das irgendwie negativ aufgefallen.

Ein Punkt war, dass mir manche der Leser, die mich auf die Veranstaltung hingewiesen hatten, schrieben, dass sie da selbst leider nicht hingehen können, weil sie nicht gut genug Englisch könnten. Ich bin davon jetzt nicht so begeistert, wenn man selbst lokale Anwohner durch sowas ausschließt.

Manchmal habe ich den Eindruck, dass man quasi so etwas ähnliches wie das Latein der mittelalterlichen Kirche zu etablieren versucht (oder auch ungewollt etabliert), nämlich eine Art Gelehrtensprache nutzt, bei der der Normalbürger nicht mitreden kann.

Natürlich hat das auch seine Vorteile, weil eben Leute aus anderen Gegenden der Welt dazukommen können und Englisch eben schon die Universalsprache ist. Und mir fällt ja auch auf, dass auf den Straße, in den U-Bahnen usw. immer mehr Leute unterwegs sind, die englisch reden. Es hängt aber auch ein paar Leute einfach ab.

Und was mir auf den vielen feministischen Veranstaltungen eben auch aufgefallen ist: Viele der politisch aktiven Feministinnen sind dämlich wie Stroh, wirklich unbeschreiblich dumm, ungebildet, sprachlich kaputt, in ihrem Wortschatz und ihrer Ausdrucksweise stark behindert – aber sprechen sehr fließend, sehr flüssig, sehr eloquent und schnell englisch. Ich frage mich oft, wie sowas zusammenpasst. Bildungskrüppel, aber englisch wie jemand, der häufig und oft englisch gesprochen hat. Das ist für mich immer ein Hinweis darauf, das die Leute signifikant viel Zeit in England oder den USA verbracht oder sich zumindest sehr intensiv mit Leuten aus diesen Ländern unterhalten haben. Es ist komisch, wenn Leute, die sonst so universaldoof und bildungsverachten sind, in einem einzigen Bereich hervorstechen. Und Feministinnen sind ja nun ganz sicher keine Sprachtalente. Ich kann mir nicht vorstellen, dass jemand gleichzeitig in Deutsch schon mit elementarer Grammatik und Wortbedeutungen hoffnungslos überfordert und gleichzeitig in Englisch ein Sprachtalent sein kann, dem das von selbst zufliegt. Viele Feministinnen müssen meines Erachtens erhebliche Zeit im Ausland verbracht haben. Es fällt mir immer wieder auf, dass Leute, die wirklich gut sprechen, einige Zeit im Ausland gelebt oder gearbeitet haben.

Mir fällt aber auch auf, dass es mir selbst inzwischen nicht leichter, sondern schwerer fällt. Das kann vielleicht altersbedingt sein, auch mit meinem Tinnitus zusammenhängen, außerdem hatte ich heute etwas Kopfschmerzen, weil seit gestern eine neue Brille, aber heute konnte ich nicht durchgehend zuhören. (Gut, ich habe eine Aufnahme gemacht, aber eigentlich keine Zeit, mir das nochmal anzuhören.)

Das hatte damit zu tun, dass die Akkustik heute schräg war. Das ganze fand in einem winzigen Cafe statt (ein grotesker Kontrast dazu, dass sie das wohl groß angekündigt hatten), und ich saß am Eingang, der anfangs offenstand, während von draußen Verkehrslärm reinkam und sich draußen Leute stritten. Auch haben manche der Leute recht leise gesprochen, denn es wurde ein Mikrofon gereicht, das aber nur dem Streaming diente, Lautsprecher gab’s nicht. Manche Leute sprechen dann in Mikro-Lautsstärke und nicht in Rednerlautstärke.

Ich merke aber leider auch, dass mein Englisch eher schlechter als besser wird.

Vor 15 Jahren, als ich noch viel in Englisch gerarbeitet und mich in den USA auf IETF-Konferenzen herumgestritten habe, war mein Englisch sehr gut. Ich habe es aber nicht geschafft, das Niveau zu halten. Ich fahre zwar alle 2, 3 Jahre mal in englischsprachige Länder in Urlaub, und achte darauf, dass ich dort alleine unterwegs bin und deshalb mit niemandem deutsch rede, und ich kann mich etwa in Australien oder Neuseeland völlig normal bewegen und ganz normal mit den Leuten reden.

Aber ich merke eben auch, dass ich nicht spontan englisch reden oder verstehen kann. Wenn mich beispielsweise jemand spontan auf der Straße auf englisch anspricht und nach dem Weg fragt, ist mein Englisch manchmal ziemlich lausig. Ich merke, dass das Hirn bei mir in mehreren Stufen das Englisch wieder aktiviert, wenn es gebraucht wird. Für die erste Stufe brauche ich etwa 2 Stunden. Die zweite kommt nach etwas 2 Tagen. Und nach etwa 2 Wochen bin ich dann wieder voll drin. Den Effekt wie zu meinen Sprachreisen als Schüler nach England, bei denen ich nach nur 3 Wochen englisch geträumt und deutsche Worte vergessen habe, habe ich so nie wieder erlebt.

Mir fällt auch auf, dass es mir sehr viel leichter fällt, Muttersprachlern zuzuhören als Deutschen, die englisch reden, selbst wenn sie gut sprechen. Irgendwas ist da anders. Ich habe viele Sendungen britischer, amerikanischer, australischer Sender gesehen, BBC, Star Trek usw., die ich völlig normal anhören kann (allerdings nicht nebenbei, ich muss schon bewusst hinhören), und höre in letzter Zeit auch immer wieder australisches oder amerikanisches Radio, wo ja immer wieder auch normale Leute sprechen. Eigentlich kein Problem. Sitze ich aber hier auf einer Konferenz, bei der Englisch gesprochen wird, besonders wenn von Deutschen, fällt mir das deutlich schwerer.

Ich habe mir dabei leider auch ein seltsames Problem eingehandelt: Es fällt mir seltsamerweise schwer, jemandem einfach nur so zuzuhören.

Ich merke, dass sich durch das Bloggen, durch das Befassen mit Feminismus und dem anderen Quatsch, aber auch durch meine berufliche Tätigkeit im Bereich IT-Sicherheit, meine Art zu hören komplett verändert hat. Ich kann nicht mehr einfach unbefangen zuhören, bei mir läuft da im Hirn immer die ganze Maschinerie mit an:

  • Zuhören
  • Verstehen
  • Plausiblitätsprüfung
  • Widersprüche und Fehler erkennen
  • Mitschreiben
  • Fragen vorbereiten
  • Blogartikel entwerfen
  • Folgeüberlegungen

Da läuft unwillkürlich die ganze Maschine an, und ich merke, wie das die „CPU-Last hochgeht” und der Lüfter schneller dreht. Wenn dann aber noch englisch mit hin- und rückübersetzen dazukommt, dann bin ich nahe an der 100%-Auslastung (Simultandolmetscher sind ja auch schnell ausgelaugt), und schon kleine Störungen lassen bei mir die Kette abreißen. Ich empfinde es dann als äußerst störend, wenn hinter einem die Leute quasseln, Gläser umfallen, oder wie heute ein Hund an mir herumschnüffelt oder mit den Kabeln spielt. Komischerweise führt das dazu, dass es mir nicht leichter, sondern eher schwerer fällt, solchen Veranstaltungen zu folgen und den Inhalt so lückenlos zu erfassen, dass man auch kritisch darüber schreiben kann und sich nicht der Gefahr aussetzt, dass man sich vorhalten lassen muss, etwas falsch verstanden oder eine Aussage überhört zu haben.

Wenn ich es aber genau betrachte, ist Englisch dabei nicht das Problem, sondern eher nur eine kleine, aber signifikante Verschärfung.

Das eigentliche Problem ist die Verschwafelung.

Die Leute schreiben nicht mehr, es wird alles irgendwie mündlich zerlabert. Journalismus-Einfluss: Hauptsache die Talkshow-Zeit abgespult.

Die Leute bereiten kaum noch was vor und arbeiten kaum noch was aus. Hinsetzen und irgendwas erzählen ist leicht.

Es ist auch nicht strukturiert. Die Leute kommen nicht auf den Punkt, sondern erzählen da irgendwie außenherum.

Oder um es mal anders zu sagen:

Mir gehen diese Rede-Events zunehmend auf den Wecker. Genauso wie die Talkshows im Fernsehen. Das ist irgendwie flüchtiges Tagesbusiness, das keine Spuren hinterlässt, um damit letztlich irgendwas zwischen Unterhaltung, Zeitvertreib und Zeitverschwendung.

Allerdings lautet der Befund, dass mein Englisch nicht (mehr) gut genug ist. Ab und zu verreisen reicht nicht (mehr). Australisches und amerikanisches Radio hören auch nicht. Die Sache mit dem geplatzen Doktor hat mir leider den Zugang zu Jobs verwehrt, bei denen man ständig auf Konferenzen im Ausland fahren kann.

Es zeigt aber leider auch, dass sich in Berlin eine Diskussionskultur entwickelt, die viele Leute von vornherein ausschließt. Es gibt viele Leute, die solche Veranstaltungen erst gar nicht besuchen können. Und das halte ich für sehr gefährlich.