Hadmut Danisch

Ansichten eines Informatikers

Willmmaaaaaa!

Hadmut
26.1.2016 0:24

Neues aus der Geschlechterarchäologie. Oder: Gab’s in der Steinzeit eigentlich Frauen?

Also, die ist die: Die Frage ist nicht einfach. Denn wie immer im Feminismus behaupten sie alles, in jede Richtung.

Da gibt es Feministen, die behaupten, dass die Frau erst im 18. Jahrhundert von finsteren Ärzten und Biologen erschaffen wurde, weil sie einfach einen Teil der bis dahin homogenen und gleichberechtigten Menschheit versklaven wollten. Deshalb hätten sie einfach definiert, dass man die Menschheit fürderhin in freie, unbeeinträchtigte Männer und unterdrückte Frauen einteile, und dass die fiesen Hebammen gleich nach der Geburt festlegen und verkünden, wer Herrenmensch und wer Sklave sein möge. Als Folge der aufkommenden »Wissenschaften« wie Medizin und Biologie, die es vorher ja so nicht gegeben habe. Also so ähnlich wie Frankensteins Monster. Kommt nicht von ungefähr, dass Mary Shelley den Roman 1818 geschrieben hat. Geht mal auf eine feministische Veranstaltungen, da laufen noch ein paar davon rum.

Seltsamerweise behaupten dieselben Feministinnen, die schon behaupten, dass nur der Mann natürlich frei und die Frau nur ein künstliches Unterdrückungsartefakt sei, dass nur lesbische Sexualität die einzig natürliche, legitime Sexualität sei. Wie das zusammenpassen soll? Ungeklärt. Sie behaupten auch, dass die Forderung nach Widerspruchsfreiheit ein Instrument patriarchalischer Unterdrückung sei, hingegen es Freiheitsrecht der Frau sei, sich selbst zu widersprechen.

Dann gibt es andere, die behaupten, dass die Frau schon seit Anbeginn der Menschheit, ach was, noch viel länger, unterdrückt sei und es immer nur Patriarchate gegeben hat, womit sich eine riesige Erblast aufgebaut habe, die heute abzutragen sei. Wieder andere behaupten, dass die damals natürliche Form das Matriarchat nach Amazonenart gewesen sei.

Oder anders gesagt: Sie behaupten eigentlich alles. Es ist immer so. Wenn man einfach alles behauptet, kann man dann irgendwann, wenn mal was rauskommt, immer behaupten „haben wir ja gleich gesagt…”.

Gerne wird ja (auch von evolutionär orientierten Feminismusgegnern wie mir) behauptet, dass Mann und Frau auf unterschiedliche Tätigkeiten ausgelegt sind, er draußen, Jagd, sie drinnen, Kinder.

Ein Leser hat mich gerade auf diesen Artikel bei Deutschlandradio Kultur hingewiesen.

Nun gibt’s da Forscher(innen), die da gar nicht so sicher sind und das in Frage stellen.

Brigitte Röder ist Professorin für Ur- und Frühgeschichte an der Universität Basel. Einer ihrer wissenschaftlichen Schwerpunkte ist die prähistorische Geschlechterforschung. Die versucht, Erkenntnisse über das urzeitliche Verhältnis von Männern und Frauen zu gewinnen, über soziale Ordnungen, Geschlechterrollen, Machtstrukturen. In der Archäologie werden diese Fragen erst seit ungefähr 30 Jahren gestellt.

“Offensichtlich gibt es eine verbreitete Gewissheit, dass man die sozialen Verhältnisse in der Urgeschichte kennt, nämlich dass die übliche Beziehungsform die heterosexuelle Zweierbeziehung war, die dann in biologische Kleinfamilien mündete. Dass also biologische Kernfamilien die Basis und Grundstruktur der Gesellschaft bildeten usw. und dass es auch eine bestimmte Rollenteilung gab, dass nämlich der Mann der Ernährer, Versorger war, während die Frauen Hausfrauen, Mütter und Gattinnen waren.”

Hört sich schwer genderistisch an. Ist es wohl auch. Trotzdem interessant, wenn sie es ordentlich angehen. Denn die Frage stellt sich ja durchaus, und eben auch, wie man eigentlich darauf kommt (man könnte natürlich mal Menschenaffen betrachten, aber das wäre wohl zu naheliegend…).

“Das kann man ja auch in diversen Bestsellern, in denen es um Geschlechterdifferenz geht, nachlesen, dass Männer und Frauen damals noch wussten, was ihre natürlichen Rollen sind und sich auch daran hielten. Ich glaube, das macht auch einen großen Teil der Attraktivität dieser fiktiven Steinzeit aus, die gerade in populären Medien sehr breitgetreten wird.”

(Erinnert an das groteske Machwerk „Als die Frauen noch Schwänze hatten”, eine Jugendsünde einer knackig-leckeren Senta Berger, quasi das deutsche Gegenstück zu Jane Fondas Barbarella, nur in die andere Richtung auf der Zeitachse. Schmackofatz!)

Archäologie studierte Brigitte Röder in den 80er-Jahren in Freiburg.

“Ich kam schon als Studentin auf Themen der Geschlechterforschung durch die Frage: Du bist doch Archäologin, gab es jetzt das Matriarchat in der Urgeschichte oder gab es das nicht? Ich wurde von außen, von Kommilitoninnen, die nicht in der Archäologie waren, mit dieser Frage konfrontiert. Und da wurde mir zum ersten Mal bewusst, dass geschlechtergeschichtliche Fragen in meinem eigenen Fach überhaupt keine Rolle spielen, dass aber offenbar in der Öffentlichkeit ein großes Interesse besteht.”

Ja.

“Ein Augenöffner war für mich beispielsweise ein Text aus einem Ausstellungskatalog über altsteinzeitliche Kunst. Da konnte man lesen, verfasst von einem Fachkollegen, mit einem ganz selbstverständlichen Duktus: Wie auch heute, so wurde auch damals Kunst von Männern gemacht. Das stand da einfach so. Aber mit diesem Beginn, Texte mal kritisch zu lesen, blieb ich daran hängen und habe mich dann massiv geärgert. Und ich habe mir überlegt, wie es kommt, dass jemand mit so einer Analogie von heute auf früher – die ja auch für heute absolut nicht stimmt –, auftritt, als ob es sich hier um eine wissenschaftliche Erkenntnis handeln würde.”

Naja. Die Sache ist halt die: Wenn man sich die Wandmalereien so ansieht, dann rennen da nackte Kerle mit Speeren hinter Mammuts her und sowas. Deutet darauf hin, dass zumindest solche Leute das gemalt haben, die dabei waren. Und da die auf den Bildern, also die, die dabei waren, irgendwie nach Männlein aussehen… lassen wird das.

Apropos Film: Die Steinzeitversion von „Miss Daisy und ihr Chauffeur” haben sie auch ausgebuddelt und feministisch behauptet:

Da gab es ein Kapitel zu einem archäologischen Befund, den ich kannte. Eine Doppelbestattung, wahrscheinlich von einem Mann und einer Frau, die in der Fachliteratur immer interpretiert wird als ‘Der Fürst, der mit seiner Gattin bestattet wurde’. In diesem Grab, das sehr reich ausgestattet war, gab es einen Wagen, reiche Beigaben. Und in dieser ‘Chronik der Frauen’ wurde der Befund dann unter der Überschrift präsentiert: ‘Keltische Fürstinnen gingen nicht allein in den Tod’. Und der ganze Befund wurde so erklärt, dass es sich hier um eine Fürstin handelt, der nicht nur der Wagen ins Jenseits mitgegeben wurde, sondern gleich noch der Chauffeur.”

Der erste Gedanke der Archäologin Brigitte Röder war damals: “So ein Quatsch.” Doch Skelette, die man hätte untersuchen können, sind nicht erhalten und so kam sie zu dem Schluss, dass ein Szenario tatsächlich so plausibel oder unplausibel wie das andere ist.

Zunächst mal zu prüfen, für welche Varianten man überhaupt Belege gefunden hat, ist eine Herangehensweise, die mir gefällt.

Mitte der 90er-Jahre landete Brigitte Röder, gerade frisch promoviert, zusammen mit ihrer Freiburger Studentinnengruppe einen Coup: Ohne professoralen Beistand stellten sie einen Antrag auf Drittmittelförderung von Matriarchatsforschungen beim Wissenschaftsministerium Baden-Württemberg – und erhielten die Förderung.

Denn:

“Wilma und Fred von den Flintstones, also von der Familie Feuerstein, bilden das Superklischee der Steinzeitfamilie. Wo er wie in einem Familienmodell der 60er-Jahre arbeiten geht, sie ist daheim und kocht”, sagt Christian John, Archäologe und Projektleiter der Freiburger Ausstellung.

Und den finde ich ulkig:

“Frauen haben keine guten räumlich-visuellen Fähigkeiten, weil sie von jeher kaum etwas anderes jagen mussten als Männer.”

Wieder schwer genderistische Verschwörungstheorie ist dann das:

“Die Urgeschichte dient schon seit Längerem, also mindestens seit dem 18., 19. Jahrhundert, als eine Art Projektionsfläche für all das, was in der Gesellschaft für ursprünglich und natürlich und biologisch vorgegeben gehalten wird. Das heißt, dass ganz wichtige kulturelle Konzepte in unserer Gesellschaft rund um Geschlecht, Paarbeziehungen, Familie auf die Urgeschichte zurückprojiziert werden und damit auch legitimiert werden.”
Ist das Steinzeit-Traumpaar erst 300 Jahre alt?

Demnach wäre das viel beschworene steinzeitliche Traumpaar nicht älter als dreihundert Jahre? Weshalb sind wir so felsenfest davon überzeugt, alles ganz genau zu wissen, wie das war mit den Männern und Frauen und Kindern in der Steinzeit – obwohl nichts davon wissenschaftlich bewiesen ist und wir eigentlich im Zeitalter der Wissenschaftsgläubigkeit allein der Forschung trauen?

Sagen wir das mal so: Wenn Fred mit dem Stein-Auto rumfährt, und Wilma mit dem Muscheltelefon telefoniert und den Sauriergeschirrspüler anwirft, nun ja, stimmt, das sind Rückprojektionen.

“Es gibt in der Altsteinzeit, das kennen die meisten Leute, diese wunderschönen Tierbilder aus den Höhlen in Südfrankreich und Nordspanien, Lascaux, Altamira und so weiter. Was weniger bekannt ist, dass häufig neben diesen Tierbildern auch Handnegative erscheinen. Die Menschen haben eine Hand auf die Felswand gelegt und dann mit einem Röhrchen Farbpigment draufgeblasen, und dann blieb der Umriss der Hand erhalten. Und die Biologie hat schon vor einiger Zeit eine Methode entwickelt, die es erlaubt, an den Händen, an den Größenverhältnissen der Finger, Männer- und Frauenhände zu unterscheiden.”

Tatsächlich kamen vor wenigen Jahren zwei unterschiedliche Forscherteams zu dem Ergebnis, dass gut drei Viertel dieser Hände von Frauen stammt.

“Es heißt ja immer, diese Tiere sind so wunderbar dargestellt, so naturalistisch, weil die Menschen damals auf der Jagd die Tiere beobachtet haben, und das konnten sie dann wiedergeben bei den Felsbildern. Wenn jetzt die Frauen die Bilder gemacht haben, dann ist natürlich die Wahrscheinlichkeit da, dass sie zumindest mit dabei waren auf der Jagd. Und darum geht es uns. Also, es ist keine Ausstellung, die fertige Antworten liefert, können wir nicht. Aber wir versuchen, den Fächer zu öffnen, damit man nicht Sachen übersieht, nur weil man nicht bereit ist, das zu sehen.”

Mmmh. Naja. Klassischer Fall von »Handarbeiten«.

So weit, so schön.

Also, sagen wir das mal so: Das tät mich schon sehr interessieren, was man da rausfinden kann. Aber… zum Erstaunen des Lesers fängt der feminismuskritische Teil dieses Blog-Artikels jetzt erst an. Denn das mit der Forschung, das wurde nichts:

Auf einem anderen Blatt steht, ob die Frühgeschichte der Menschheit neu geschrieben werden muss. Die Archäologieprofessorin Brigitte Röder hat die Erfahrung gemacht, dass es schwierig war, mit den Matriarchatsforscherinnen zu einer fruchtbaren Zusammenarbeit zu kommen.

“Wir hatten damals mit unserem Matriarchatsprojekt wirklich versucht, mit Frauen aus der außeruniversitären Matriarchatsforschung ins Gespräch zu kommen. Und das war sehr schwierig, weil uns sehr schnell, ich zitiere, ‘patriarchale Verbildung’ vorgeworfen wurde. Da war schon ganz klar die Haltung: Wenn wir jetzt nicht gewillt sind, die archäologischen Quellen so zu verstehen, wie sie halt nun mal sind, nämlich als Beweise für das Matriarchat, dann sind wir für die gute Sache verloren und patriarchal verbildet.”

Brigitte Röder und ihre universitäre Arbeitsgruppe kamen zum Schluss, dass man das Matriarchat mit archäologischen Quellen allein weder beweisen noch widerlegen kann – und dass dasselbe natürlich auch für das Patriarchat gilt. Ihre archäologischen Untersuchungsmethoden und die offene Befragung archäologischer Funde wurden von den Matriarchatsforscherinnen nicht akzeptiert.

“Insofern war der Dialog leider nicht möglich. Es war eher eine Art Konvertierung weg von kritischem wissenschaftlichen Arbeiten hin zur Übernahme von, ich würde mal sagen, Glaubensgrundsätzen. Die Welten sind nach wie vor getrennt, sind separate Diskussionskreise, die wenig miteinander Berührung haben.”

Tja, war wohl nix.

Womit meines Erachtens bewiesen wäre, dass Jagen Männersache war. Mit der Herangehensweise klappt das mit dem Jagen nämlich gar nicht. Hätten die so gejagt, wären Frauen schon in der Steinzeit ausgestorben. Also eher Höhlenmalerei.