Hadmut Danisch

Ansichten eines Informatikers

Die wunderbare Zeitdehnung

Hadmut
18.12.2015 22:19

Wisst Ihr, was so schön an Urlaub ist?

Kennt Ihr das Gefühl, dass sich einem im normalen Alltragstrott einstellt, dass man nicht weiß, wo seine Zeit geblieben ist? Dass ein Termin, der einem wie „gerade eben” erschien, schon wieder 4 oder 6 Wochen zurückliegt, dass schon wieder Weihnachten oder Silvester ist, das war doch gestern erst, oder dass irgendwelche öffentlichen Ereignisse oder Katastrophen plötzlich schon wieder 10 oder 20 Jahre her sind?

Mir jedenfalls geht es so. Ich habe Zeitschwund. (Und richtige SF-Freaks wissen sofort, aus welchem B-Movie ich das geklaut habe.)

Hier ist es andersherum. Vorhin auf dem Weg zurück ins Hotel, es war schon dunkel, dachte ich, ich bin schon so lange in Abu Dhabi, was habe ich hier jetzt eigentlich alles gemacht. Klar, ich habe … nee, das war heute. Und ich habe … ach nee, das war auch heute. Und ich habe… das war heute morgen. Was habe ich denn die letzten Tage hier gemacht? Ich habe… ich habe … ach, verdammt, ich bin ja erst gestern nachmittag hier angekommen, es gab ja noch gar keine anderen Tage.

Auf einmal kommt mir wenig Zeit sehr lang vor. Nicht aus Langeweile (das ist, wenn sie einem lang vorkommt, während sie passiert), sondern im Gegenteil, weil ich viel erlebt habe (wenn sie einem im Rückblick gedeht vorkommt).

Der Grund ist einfach: Das Zeitgefühl für die Vergangenheit orientiert sich nicht an der objektiv abgelaufenen Zeit, sondern am Erlebten, am Maß neuer Information. Macht man aber jeden Tag das Gleiche, rationalisiert, komprimiert das Hirn das weg. Das kennen wir schon auswendig, das müssen wir nicht nochmal speichern. Und wenn nichts neues dazukam, weil man jeden Tag den gleichen Weg zur Arbeit ging, hat man auch kein Gefühl für die vergangene Zeit. Die Zeit ist »weg«. Verloren.

Füllt man sich den Kopf aber auf Reisen mit neuen Eindrücken, hat man plötzlich ein sehr gedehntes Zeitgefühl, da hat man ganz viel Neues erlebt, das Hirn nimmt die Zeit intesiver wahr, weil mehr Inhalt hängen bleibt.

Das finde ich so wunderbar am Reisen. Es bildet nicht nur. Die Wahrnehmung der Lebenszeit ist viel intensiver, sie wird wertvoller.