Hadmut Danisch

Ansichten eines Informatikers

Sharjah: “Ladies only”

Hadmut
17.12.2015 18:48

Frage an Radio Eriwan: Wie kommt man eigentlich von Sharjah nach Abu Dhabi?

Antwort: Im Prinzip trivial. Das Problem liegt darin, es herauszufinden.

Heute war Ortswechsel angesagt. Von Sharjah nach Abu Dhabi sind es so ca. 200 km, aber ich bin in Sharjah nicht so richtig schlau draus geworden, wie man denn nun mit dem Bus von da nach dort fährt.

Lösung: Man guckt weder beim Bus-Betreiber von Sharjah, noch bei dem von Abu Dhabi, sondern dem von Dubai. Die betreiben schöne schicke klimatisierte Fernbusse. Deren Webseite meinte, sie fahren alle 20 Minuten von Haltestelle 1 am zentralen Busbahnhof von Sharjah zum Busbahnhof von Dubai, wo man in einen anderen Bus nach Abu Dhabi umsteigen kann. Kostenpunkt: 35 Dirham (ca. 9 Euro), was sehr günstig ist, bedenkt man, dass die Taxi-Fahrten vom Hotel zum Busbahnhof (3 große Blocks) 12 Dirham und vom anderen Busbahnhof zum anderen Hotel (6 Blocks) 15 Dirham gekostet hat. Dauert etwas über 3 Stunden.

Wie ich aber an den Busbahnhof in Sharjah komme, steht da in der Haltestelle 1 ein Bus ohne lesbare Zielangabe, aber an der Haltestelle steht „Abu Dhabi”. Moment mal, ich dachte, die fahren nach Dubai und dort muss man umsteigen? Draußen steht ein Sicherheitsbeamter mit verblüffender Ähnlichkeit zu Michael Jackson. Der meinte zu mir, Tickets müsste ich drinnen im Kiosk kaufen. Ich erkläre denen was ich will und bin etwas überrascht, dass ich sofort ein Ticket nach Abu Dhabi bekomme, ohne Erwähnung von Dubai, aber dafür „Express”, und auch noch billiger: 30 Dirham. Fährt ohne Stopp direkt durch und braucht nur 2 Stunden. Sie haben tolle Sachen, aber verraten es nicht. Nirgends steht etwas von diesem Expressbus, nicht mal im Hotel wussten sie davon, die dachten nämlich auch, man müsste in Dubai umsteigen. Allerdings dauerte es mit dem Expressbus noch eine halbe Stunde, bis der losfuhr. Mir kam so der Eindruck, dass die keine feste Uhrzeit haben, sondern einfach losfahren, wenn alle Plätze belegt sind.

Ich steige also relativ früh ein, und schnappe mir so einen bustypischen Doppelsitz gleich vorne links, dachte, da kann ich schön nach vorne rausgucken. Da weist mich einer hinter mir höflich, aber streng und bestimmt und unter Anstupsen mit dem Zeigefinger darauf hin „That’s Ladies only!”

Äh, was!?

Oh, tatsächlich. Oben an den Gepäckfächern hängen Aufkleber, wonach die ersten vier Sitzenreihen „Ladies only” seien.

Hinten war zwar auch noch was frei, aber gute Aussicht hatte man da eben nicht, und man sah sehr deutlich, dass die Frauensitze noch sehr neu und sauber aussahen, die Männer-Sitze jedoch schon gebraucht und abgewetzt, das Kunstleder an den Koptstützen schon voller Risse.

Hauptsächlich arbeitende Leute fahren mit dem Express, und das sind vorwiegend Männer. Obwohl der Bus also offensichtlich von Männern viel intensiver genutzt wird, sind die „schönen” Plätze für Frauen reserviert.

Bei dieser Fahrt waren die Männer-Plätze alle belegt, von Männern, während bei den Frauenplätzen dann noch zwei oder drei frei waren. Draußen mussten Männer auf den nächsten Bus warten. Ein Mann allerdings saß auf einem Frauenplatz, aber wohl auch nur, weil der mit seiner Frau da war und die zusammen dort saßen. Paare dürfen das dann wohl.

Pffff. Frauenquote bei Bus-Sitzen. Die guten Plätze für Frauen reserviert, auch wenn die die gar nicht alle nutzen, die schlechten und abgenutzten Sitze für die Männer.

Irgendwie musste ich an Rosa Barks in den USA, die Rassentrennung dort im Bus (vorne dürfen nur Weiße sitzen) und Apartheid in Afrika mit den getrennten Sitzbänken denken. Wobei das hier wohl weniger feministische, als religiöse Gründe hat. Aber wo ist eigentlich der Unterschied zwischen Feminismus und einer Religion?

In Abu Dhabi standen wir mit dem Taxi zum Hotel erst mal im Stau. Der Fahrer sagt, sonst sei hier nur wenig Verkehr, aber der Donnerstag immer eine Katastrophe. Warum? Was ist donnerstags? Der letzte Tag vor dem Wochenende (im Islam ist der Freitag der Feiertag, nicht der Sonntag, weil sie aber auch ein zweitätiges Wochenende haben wollen, nehmen sie den Samstag noch mit dazu), da machen die alle mittags schon Feierabend.

Der Fahrer will Smalltalk. Worüber redet man mit Fremden, nachdem geklärt ist, dass ich aus Deutschland komme und das (seit Merkel nur noch fast) unausweichliche Thema Fußball durch ist? Übers Wetter.

Ich frage, ob es hier denn auch regnet. (Ich habe Sonntag einen Ausflug in einen Freizeitpark geplant, nachdem man mich warnte, das Wochenende, also Freitag und Samstag, zu meiden, weil es da voll ist.)

„Selbstverständlich!”, meint er etwas indigniert. Er könne sich noch sehr gut an den letzten Regen erinnern. Vor zwei Jahren. Gut, er gebe zu, dass das auch nur an einem einzigen Tag und ganz, ganz wenig Regen war, nur ein winziges bisschen, aber, und das ist im wichtig, das, was da runterkam, war ganz eindeutig und unzweifelhaft Regen. Niemand könne also behaupten, es gäbe bei ihnen keinen Regen. Nicht viel, aber es gibt ihn.

Gut.

Haben wir das auch geklärt.

Zur beiderseitigen Zufriedenheit. Er hat die Anerkennung, dass sie auch Regen haben, und ich die Gewissheit, dass meine Ausflugsplanung nur ein geringes Risiko birgt, ins Wasser zu fallen, und damit reziprok meine Wahrscheinlichkeit stützt, ins Wasser zu fallen. Ich will nämlich in den Wasserpark und lege größten Wert darauf, dort ins Wasser zu fallen.

Meine Wahl sei weise, bescheinigt er mir. Ich habe dennoch Zweifel. Nachdem schon mein Malediven-Urlaub fast völlig an Sturm und Starkregen gescheitert ist, müssten hier dann am Sonntag folgerichtig Schnee und Hagel einsetzen. Wir werden sehen.

Abu Dhabi ist anders.

Also anders als Sharjah. Irgendwie ist der arabische Flair hier weg, nur noch notorisch-asiatische Großstadt. Man sieht viel, viel mehr Frauen ohne Verschleierung oder Kopftuch, viel weniger Männer in traditioneller Kleidung, Die Geschäfte sind viel moderner, plötzlich sieht man dann auch Geschäfte deutscher Marken, Latschen von Birkenstock, Koffer von Rimowa. In Sharjah war das einzig Deutsche, was ich dort entdeckt habe, eine Mercedes-Niederlassung, einige Mercees und noch ein paar BMW, die rumfuhren.

Die kleinen Läden sehe ich hier nicht, und es ist nicht einfach, etwas zu essen zu bekommen, weil die vielen kleinen arabischen Futterbuden hier völlig fehlen.

Das Hotel ist klein und günstig, aber sie machen auf gut. Das Zimmer ist klein, aber sehr schön, mein erstes Hotelzimmer überhaupt mit einer Türklingel. Hatte ich noch nie in einem Hotelzimmer. Kaum bin ich drin, klingelt es. Der Kellner bringt mir einen Willkommensdrink. Wie schön. Dafür ist der Swimmingpool ein Witz. Große Badewanne. Keine zwei Züge und man ist am anderen Ende. Dafür haben sie Wellness-Massage und – obwohl es ein kleines Hotel ist – sage und schreibe vier Night Clubs. Ich bin mir nicht sicher, was sie damit genau meinen, aber ich muss beim Einchecken auf einem Formular durch Unterschrift bestätigen, dass ich darüber informiert wurde, welche Freizeitangebote das Hotel alle bietet und die im Preis mit drin sind. 15 Minuten Massage sind inklusive. Ich beschließe, Vorsicht walten zu lassen, was es mit diesen Night Clubs auf sich hat. Anscheinend lassen sie da auch externe Partygänger rein, denn die Etagen sind allgemein zugänglich, während man in die Etagen mit Hotelzimmer nur mit der Zimmerkarte fahren kann.

Ich sage aber nichts, weil ich mit blöden Fragen in Sharjah schon einen Lachanfall verursacht habe. In einem Restaurant, das von außen als Fruchtsaftbar daherkam, sich innen dann aber als arabisches Fastfood mit guten Fruchtsäften entpuppte, empfahl man mir den Fruchtsaft „Moulin Rouge”. Ich konnte es mir nicht verkneifen, die blöde Frage zu stellen, ob sie denn wüssten, was das Moulin Rouge in Paris denn so biete. Nein, was denn? Da tanzen nackte Frauen auf der Bühne. Das Ergebnis war, das das (durchgehend weibliche) Personal an den Kassen einen Lachanfall bekam und aus dem Kichern eine Weile nicht mehr rauskam. Ich werde wohl selbst herausfinden müssen, was die hier unter „night club” verstehen, aber wohl eher das, was man im englischsprachigen Raum darunter versteht.

Ansonsten hier die übliche Hochhauswüste. Mit einer Ausnahme. Ich habe ein Hotelzimmer mit Blick auf eine – na was wohl – Moschee. Überall Moscheen. Wohin man schaut, Moscheen. In Sharjah waren die noch schön illuminiert, in Dubai und hier aber total kitschig farbig beleuchtet. Die leuchten dann im Dunkeln grün wie das Kernkraftwerk der Simpsons. Nicht die vor meinem Fenster, die ist so sandfarben und von einer Architektur wie…wie… woher kenn ich die?

Ach ja, der Baustil hat was von Mos Eisley.

Was ja nun gar nicht so weit hergeholt ist, wie es klingt. Sondern sogar naheliegend. Naheliegend im wahrsten Sinne des Wortes. Na hoffentlich taugt der Film was.