Hadmut Danisch

Ansichten eines Informatikers

Sharjah: Eine Reise wert?

Hadmut
15.12.2015 17:23

Mein Eindruck nach drei Tagen.

Ich bin ja nach Sharjah gekommen, weil ich mir noch was von den Emiraten anschauen wollte, Dubai aber vor 5 Jahren schon gesehen habe. Inzwischen geistern durch manche Foren, Reise-Webseiten und so diverse „Geheimtipps“, dass man auch Sharjah mal besuchen sollte, beispielswiese auf dieser Seite – wobei ein Leser schon mutmaßt, dass der Autor das schreibt, weil er dazu eingeladen wurde.

Muss man also Sharjah unbedingt gesehen haben?

Man kann – aber man muss nicht. (Um die Lieblingsredewendung eines alten Kumpels zu zitieren.)

Sagen wir’s mal so: Dubai hat eindeutig mehr zu bieten, ist moderner, auf Tourismus ausgerichtet, hat eine schöne Altstadt, weit bessere Verkehrsmittel, mehr Touristen-relevante Infrastruktur. Und doch: Mir ist Dubai damals nicht als Urlaubsort in Erinnerung geblieben, sondern als ein Ort, den man auf einer Fernreise (Australien, Neuseeland und sowas) mal als Zwischenstopp einlegt um nicht zu lange im Flugzeug zu sitzen und das mal gesehen zu haben. Dubai wirkt auf mich nicht echt, nicht authemtisch, künstlich, überdreht. Wie eine Mischung aus planlos, Protz und Scheich-Disneyland. Selbst die eigentlich echte Altstadt ließ mich immer wieder nachdenken, ob die alten Holzboote da nun echt sind oder doch wie bei den Unterhaltungsparkausstattungen aus Glasfaser-Epoxyd und mit Darstellern besetzt. Sie sind echt, aber man glaubt es irgendwie nicht so richtig, weil da sonst nichts echt ist. Und wenn man – wie ich damals – die Touristen-Variante der Hafenrundfahrt im Amphibien-Omnibus bucht, der im Wasser weiterfährt, kommt man sich sowieso irgendwie wie im Zoo vor. Und Dubai ist teuer.

Den Effekt gibt es in Sharjah nicht.

Sharjah ist echt und authentisch. Allzuviel hat man davon nun aber auch nicht.

Sharjah hat zwar diverse Hotels, gut und günstig. Aber man sieht fast nie irgendwo in der Stadt Touristen. Was mir jetzt entgegenkommt, denn ich meide Touristenburgen, mag es also, bin mir aber dessen bewusst, dass viele das so nicht mögen. Hier kommt man sich oft so vor, als sei man der erste Tourist, der vorbeikommt (und blogge später noch über etwas, wo ich wirklich der allererste Tourist war, der vorbeikam).

Bemerkenswerterweise macht das nichts, den nicht nur sind die Leute sehr freundlich, liebenswürdig und hilfsbereit, es ist auch alles doppelt beschriftet, arabisch und englisch. Man kommt also völlig problemlos durch, auch wenn man die Landessprache nicht spricht. Viele – leider nicht alle – sprechen auch mehr oder weniger Englisch, manchmal radebrechend, aber reicht, um sich zu verständigen .

Der Punkt ist eher:

Sharjah – entstanden in wenigen Jahrzehnten aus einem kleinen Fischerdorf, das es im 19. Jahrhundert noch war und dem es bis in die fünfziger, sechziger Jahre noch ähnelte – ist eher eine nüchterne Industrie- und Funktionsstadt. Ordentlich, sauber, aufgeräumt, in vielen Aspekten durchorganisiert, eigentlich auch moderne Großstadt. Aber eben nicht viel mehr. Sharjah ist quasi eine Art Trabantenstadt von Dubai. Das typische Modell lautet hier, in Dubai zu arbeiten, wo die Löhne hoch sind, und in Sharjah zu wohnen, wo man die Wohnung noch bezahlen kann. Dazu ganze Stadtbereiche, die im Stadtplan als Industriebereiche ausgezeichnet sind. Und das merkt man. Eine zentrale Funktion von Sharjah ist eben Wohnstadt. Stadtplanung und Visionen sind nicht so ihr Ding.

In der Innenstadt ist ein Hochhaus an das andere geklotzt. Wo Platz ist, wird so ein Ding hingestellt, sie Bauen wie bekloppt. Büro-, Bank- und Wohngebäude. Zwar versuchen sie, dass jedes Hochhaus in ein paar Details anders aussieht, letztlich aber sind sie – von ein paar Schörkeln, kleineren Formvarianten und der Beleuchtung abgesehen – alles einfach quaderförmige Klötze. Jede Menge davon. So ne Art Hochauswald.

Dazwischen finden sich ein paar schöne Ecken und Sehenswürdigkeiten, auf die man Wert legt und die man versucht zu pflegen, etwa Altstadtelemente in „Heart of Sharjah” versucht, zu erhalten, oder schon abgerissene als Replik wieder aufgebaut hat. Dazu gibt es ein paar schöne Bereiche am Wasser, außerdem ein paar sehr schöne Parks, die perfekt gepflegt sind, und einige sehr schöne Museen. Und noch einige Strände. Das scheint’s dann aber auch schon gewesen zu sein. Es gibt nicht so wirklich viele Sehenswürdigkeiten, und die, die es gibt, sind nicht so sehenswürdig.

So war ich beispielsweise im zentralen Fisch-, Fleisch- und Obstmarkt. Man erwartet da so eine alte arabische Souq-Atmosphäre. Im Gegenteil: Neubau, zwar im orientalischen Stil, aber eben Neubau. Glas und Edelstahl, hohe, moderne Hygienestandards, alles klinisch rein und ganz modern und neu gemacht. Gefliester Boden. Sauber und rein bis zum Anschlag. Und gekühlt. Naja, schön, appetitlich, sehr vertrauensweckend – aber vielleicht nicht für jeden sehenswert. Mich hat’s interessiert, aber man hat da eben Großmarkt- und nicht Urlaubsatmosphäre. Nix mehr Tausend-und-eine-Nacht. Moderne Industriestandards. Obwohl: In den kleineren Ladenstraßen, da wo die einfacheren Leute einkaufen, da findet man das noch. Aber die stehen in keiner Sehenswürdigkeitsliste, die muss man suchen, finden und sich „erlaufen”.

Und ansonsten flächendeckend Wohn-Infrastruktur und unzählige, zehntausende Läden des täglichen Bedarfs. Vor allem Supermärkte und Mobilfunkläden. Unvorstellbar viele Mobilfunkläden. Leben kann man hier preisgünstig. Alles da, was man braucht.

Allerdings auch austauschbar. Es fällt mir seit Jahren schon auf, dass es heute eigentlich egal ist, wo man eigentlich ist, die Einkaufszentren sind immer gleich und unterscheiden sich nur in der angeschlagenen Währung. Den Effekt hat man auch hier. Zwar haben sie aus sentimentalen Gründen noch ein paar alte, historische Souqs in Betrieb, in denen man Tand, Tünnef und Gewürze bekommt, aber da ist fast nichts los. Der Bär tanzt in modernen Shopping-Malls westlichen Zuschnitts mit all den Standardmarken, die exakt so aussehen wie jede andere Shopping-Mall an jedem beliebigen Ort der Erde. Völlig austauschbar, alle gleich. Sogar einen Laster von IKEA habe ich hier irgendwo vorbeifahren gesehen. Nichts entgeht dem Griff der weltweiten Marken. Victoria’s Secret ist hier (und verkauft hier eben keine Dessous, sondern wie in muslimischen Ländern üblich nur Parfüm und Handtaschen), und auch Paris Hilton hat hier ihre Handtaschen-Läden. Und Kosmetik-Läden in unbegrenztem Umfang. Wird gekauft wie bekloppt.

Es hieß, Sharjah sei extrem-islamisch veranlagt.

Kann ich so jetzt nicht bestätigen.

Freilich ist die einheimische Bevölkerung ausnahmslos muslimisch, und es gibt hier unglaublich viele Moscheen. Egal, wo man geht und steht, man sieht und hört immer mindestens eine, oft zwei, manchmal sogar drei Moscheen. Die einen ständig an die Gebete erinneren und ranholen, deshalb mört man auch oft zwei oder drei Muezzine durcheinanderrufen. (Was einer der Gründe ist, warum ich den Islam nicht für eine Religion sondern ein totalitäres Erziehungssystem halte, eine Art mittelalterliche Version von Orwells Big Brother.) Man entkommt der ständigen Religionserinnerung nicht, sogar in moderneren Einkaufszentrum ruft der Muezzin über die Lautsprecheranlage.

Allein: Es passiert nicht viel. Die meisten Leute reagieren darauf überhaupt nicht, überhören das längst. An den Moscheen kommen verblüffend wenig Leute.

Frauen tragen meist Burka, wesentlich mehr als in Dubai. Aber nur wenige verhüllen auch das Gesicht und die Hände. Die meisten tragen den schwarzen Kittel und das Kopftuch um das Gesicht herum, benehmen sich ansonsten aber ziemlich normal (was auch immer »normal« sein mag). Gibt auch welche, die ohne das rumlaufen. Eine habe ich sogar im Minirock gesehen, habe aber doch Zweifel, ob die damit weit kommt.

Es fällt aber bei genauem Hinsehen auf, dass zumindest in Bezug auf traditionelle Kleidung Frauen eigentlich auch nicht viel stärker verschleiert sind als Männer. Leider habe ich die Bezeichnungen vergessen, aber Männer in traditioneller Kleidung (und die tragen hier viele) haben dieses lange, weiße Hemd bis zu den Füßen an (also eigentlich ein Kleid in unserer Nomenklatur), dazu das weiße Kopftuch um den Kopf gewickelt, und noch die dicke Kordel um den Kopf.

Frauen haben einen langen schwarzen Kittel an und ein schwarzes Kopftuch um den Kopf.

Letztlich unterscheidet sich das – außer eben darin, dass Männer fast immer weiß und Frauen fast immer schwarz tragen – gar nicht so sehr. Männer haben mehr Freiheit, das abzulegen, und die Halspartie offen, aber ansonsten: Beide tragen letztlich ein langes Kleid und ein großes Tuch um den Kopf. Was übrigens gar nicht mal religiöse, sondern praktische Ursprünge hat, nämlich den Schutz vor Hitze, Sonne und Sand. Allerdings tragen viele Männer inzwischen eben auch westliche Kleidung (Anzug, Uniform, kariertes Hemd zu Jeans,…), während Frauen weiterhin stur im schwarzen Kittel bleiben (darunter aber auch meist sehr modisch-westlich gekleidet sind und gerne knallenge Jeans und Leggins tragen, man sieht es nur nicht).

Hund und Schwein kommen hier nicht vor. Alkohol gibt es, aber nur an seltenen Stellen, interessiert mich aber überhaupt nicht, ich trinke nämlich keinen, und freue mich im Gegenteil eher über das größere Angebot an alkoholfreien Getränken.

Soll man das also besuchen?

Kommt drauf an.

Wer den typischen Urlaub sucht, ist hier falsch, und bucht besser irgendeine Pauschalreise.

Wer sich aber mal in einem nicht touristisch verseuchten Land einen der wenigen Fälle anschauen will, in denen eine islamische Gesellschaft funktioniert (ich bin mir sehr wohl bewusst, dass die allermeisten islamischen Gesellschaften eben nicht funktionieren und faktisch ein Versagen darstellen), und sich vor allem mal selbst informieren will, wie die Leute hier so leben und den Einheitssenf der Medien nicht mehr fressen will, der ist hier für ein paar Tage durchaus mal gut aufgehoben. Ich bin jetzt drei Tage da, morgen habe ich noch drei Museen und Austellungen auf der TODO-Liste, dann bin ich aber eigentlich auch durch. Es gibt noch ein Theater-Festival mit Fotowettbwerb, das mich interessiert hätte, aber das schaffe ich jetzt auch nicht mehr, zumal ich nicht herausgefunden habe, wann, wo und in welcher Sprache das stattfindet.

Als Abstecher bei einem Zwischenstopp eines Langstreckenfluges oder in einer Emirate-Tour durchaus nicht schlecht, kann man mal machen. Sollte man mal gesehen haben. Ich habe ein Sonderangebot von Emirates genutzt um herzufliegen (Preis weiß ich jetzt gerade nicht auswendig, ich glaub es waren ca. 400 Euro hin und zurück, aber mit 30 kg Gepäck und Zugfahrt zum Flughafen. Am Flughafen habe ich aber dann ein Schrei-Angebot von Eurowings gesehen, die Köln-Dubai ab 100 Euro oder sowas anbieten. Es war aber nicht klar, ob das Hin- und Rückflug meint, oder nur einen einzelnen Flug, vermutlich letzteres. Außerdem kostet Gepäckaufgabe extra und die Zugfahrt zum Flughafen ist da wohl auch nicht mit drin. Und ob da Essen und Bordunterhaltung mit drin ist, sollte man auch mal gucken. Letztlich kommt man da auch schnell in die Bereiche von 300 bis 400 Euro. Wer aber günstig nach Köln kommt und ein paar Tage mit Klamotten auskommt, die er in Bordgepäck unterbringt (oder sich einfach hier was kauft), und nicht zuviel Angst davor hat, über Türkei und Iran zu fliegen (die direkte Strecke führt über Syrien und Irak, zumindest Emirates fliegt aber seit ein paar Monaten außenrum), dem würde ich die Emirate durchaus mal empfehlen, allerdings mit Priorität auf Dubai. Über öftliche Gepflogenheiten sollte man sich vorab informieren. Ich würde mich etwa nicht allzusehr drauf verlassen, dass unverheiratete Paare zusammen in einem Hotelzimmer wohnen können, das könnte problematisch werden.