Hadmut Danisch

Ansichten eines Informatikers

Sharjah: Das Polizeimuseum

Hadmut
15.12.2015 19:30

Ich hab so nen Tick: [Nachtrag]

Es gibt fast in jedem Land ein Polizei- und ein Feuerwehrmuseum. Und wenn ich dran vorbeikomme und mir die Zeit reicht, gehe ich rein.

Wobei ich zugeben muss, dass das für die Zeiten so ab den sechziger Jahren nicht sehr ergiebig ist, denn faktisch sieht man da in wirklich jedem Polizeimuseum der Welt das Gleiche: Uniformen, Waffen der Polizei, Waffen der Kriminellen, Funkgeräte, Radarfallen, Handschellen, Spurensicherungszeugs, Schriftstücke, Bilder von ehemaligen Polizeichefs. Ab und zu auch mal einen aufgebrochenen Tresor, ein von Kugeln durchlöchertes Irgendwas, das Messer des Mörders mit den Blutspuren dran. Zeitungsartikel spektakulärer Fälle. Und natürlich die unvermeidlichen Polizeimützen, die man mit anderen Polizeien austauscht (Gruß an die deutsche Polizei: Schickt mal ne neue nach Sharjah, die hier aus Deutschland hat schon üble Risse im Schild und ist offenbar viel weniger haltbar als die aus England oder Frankfreich, macht keinen guten Eindruck.)

Wenn man sich die Sehenswürdigkeiten von Sharjah in den diversen Foren auflistet, taucht in manchen der Listen das Polizeimuseum auf. Und da ich mir gestern und vorgestern Blasen gelaufen habe, dachte ich mir, lässt es heute mal ruhiger angehen und legst einen Museumstag ein. Zuerst zum Polizeimuseum.

Es stellte sich heraus, dass es mittem im Polizeihauptquartier liegt. Ich wusste gar nicht, dass die hier ein großes Hauptquartier unterhalten, denn man sieht die Polizei hier kaum. Einmal habe ich ein Polizeiauto vorbeifahren sehen und mich noch gewundert, wie sie das eigentlich meinen: Keine Sirene, auch die Lichter auf dem Dach ausgeschaltet, dafür aber so eine Einsatzbeleuchtung in den Blinkern, die rot und blau flackerten. Ist das nun ein Einsatzsignal oder nicht? Sowas wie „wir haben’s ein wenig eilig”? Oder mehr so ein dekoratives Element das sagt „wir sind immer wichtig”? Ich hab’s nicht verstanden. Ansonsten aber fällt auf, dass einem keine Polizei auffällt. Einmal habe ich irgendwo einen gesehen, der Falschparker aufschrieb, der schien aber auch eher von der Stadtverwaltung als von der Polizei zu sein. Ansonsten: Keine Polizei zu sehen. Oder jedenfalls keine, die ich erkennen würde. Ein Polizeistaat sind sie definitiv nicht. Scheint alles ohne sichtbare Polizeipräsenz zu laufen. Übrigens habe ich auch keine Feuerwehr gesehen, nur gelegentlich Rettungswägen im Einsatz.

Dummerweise war nirgends herauszufinden, welche Öffnungszeiten die haben. Stand nirgends dran.

Aber sie haben ein Hauptquartier. Also rein zur Anmeldung und höflich gefragt, wo es zum Polizeimuseum ginge.

Zum Polizeimuseum? … Ja … also … mmmmh … ja, das stimmt. Wir haben eines. Was wollen Sie denn da? Wollen Sie das anschauen?

Ich: Ja, gerne, wenn das möglich wäre. (In Gedanken: Was sollte ich sonst da wollen?)

Ja, dann setzen sie sich mal dahin. Da müssen sie jetzt warten. Haben Sie einen Ausweis dabei?

Ja, hab ich. Zwar nur meinen Personalausweis, den Reisepass hab ich im Hotel gelassen.

Macht nichts, reicht, wir verwenden hier generell nur die Personalausweise im Kartenformat. Geben Sie den mal her.

Sie sind etwas ratlos und telefonieren. Auf arabisch. Ich verstehe zwar kein Wort arabisch, aber so ein paar Namen und Bezeichnungen hört man ja schon raus. Hörte sich an wie „Du, Ahmed, hör mal, da ist einer aus Deutschland gekommen, ja, wenn ich Dir’s doch sage, aus Deutschland, der will unser Museum sehen. Könnt Ihr das mal aufmachen?”

Einige Zeit später wurde mir beschieden, ich möge eintreten. Und mich innerhalb des Hauptquartiers (großes, von Mauer umgebenes Areal) zum Hauptgebäude begeben. Dort würde ich weiter sehen.

Auf dem Weg zum Hauptgebäude fängt mich ein Polizist ab und bedeutet mir, ich möge folgen. Wir gehen zu einem anderen Gebäude und steigen mit eingezogenem Kopf durch eine winzige, historische Holztür. Und da stehe ich: Im Polizeimuseum. Drinnen warten noch zwei weitere Polizisten und mustern mich erstaunt. Woher ich käme, was ich hier mache, Tourist, aha, ach so. Ob ich mich ausweisen könne. Und wo ich herkäme. Und was genau ich hier mache? Tourist? Urlaub? Ich geben auch ihm meinen Personalausweis, er verschwindet damit.

Ich schaue mich um. Eigentlich richtig schön und sorgfältig gemacht, Vitrinen mit allem, was man in Polizeimuseen so findet: Uniformen, Waffen, Handschellen, Mützen, Funkgeräte, Tatortsicherung,…

Der Polizist, der mich unterwegs da eingesammelt hat, fängt an, mir jede Vitrine und jedes Bild einzeln zu erläutern. Ich bin da alleine und bekomme Einzelcoaching. Dass ich nur ja nichts übersehe oder an irgendetwas vorbeigehe, ohne es verstanden zu haben, aber ich merke auch, dass ich mit einem gewissen Misstrauen überwacht werde (seltsamerweise wollte aber niemand wissen, was ich in meiner Fototasche rumschleppe, und obwohl ich mit dem ganzen Krempel durch den Metalldetektor gehen musste, weil das der einzige Weg war, haben sie ihn nicht mal eingeschaltet). Irgendwann kam einer von den anderen mit meinem Ausweis zurück und meinte, da wäre alles in Ordnung. Die anderen sind dann gegangen und ich war nur noch mit dem einen Polizisten allein, gleich wurde auch merklich die Stimmung besser und man merkte, dass da etwas Anspannung weg war. Der war überaus nett und man merkte auch, dass er sich dann irgendwo auch darüber freute, dass ich ihr Museum betrachte.

Ich hab mich dann so mit ihm über dies und das unterhalten. Er erzählte mir, dass die Polizei in Sharjah in den sechziger Jahren praktisch von Null auf neu aufgebaut und organisiert wurde, moderne Polizei (deshalb dasselbe, wie in allen Polizeimuseen dieser Welt, weil die seit ca. 50 Jahren im Prinzip alle das Gleiche machen und ähnliche Ausrüstung haben). Vorher seien sie im wesentlichen unorganisiert in einer Art Beduinenkleidung und mit alten Karabinern herumgerannt oder auf dem Pferd geritten. Mehr als zwei alte Karabiner und eine Beduinen-ähnliche Uniform ist davon leider nicht übrig. Und dann haben sie eben alles komplett neu gemacht und eine moderne Polizei aufgebaut.

Mir fiel dazu auf, dass die Uniformen (Form der Taschen und so) einen britischen Touch haben. Ja klar, lacht er, der, den sie sich damals als Berater und Chef zum Neuaufbau rangeholt haben, war Brite.

Ich frage, warum die Damenuniformen diesen typisch britischen Damenuniformhut und keine Burka hätten. Ob Polizistinnen keine Burka trügen. Doch, selbstverständlich, unter dem Hut. Die wird aber als persönliche Kleidung und nicht als Teil der Uniform angesehen, deshalb haben die Ausstellungspuppen keine Burka an.

Sie haben auch ältere Kampfuniformen in militär-notorischem olivgrün, was mich amüsiert. Weil das doch für Wald wäre, und sie hätten doch Wüste, müssten also sandfarbene Uniformen tragen. Ja, lacht er, das sei ihnen auch irgendwann aufgefallen. Sie hatten auch mal sandfarbene (sind sogar ausgestellt), aber weil ihre Polizeieinsätze fast nur in der Stadt stattfänden, haben sie inzwischen graue. Passend zur Betonwüste.

Weiter zu Waffen. Ich bin verblüfft. Waffen aus vielen Ländern, aber auch zwei, die mir ins Auge fallen, weil ich damit Grundwehrdienst hatte: Das G3 und das alte Bundeswehr-Maschinengewehr. Beide aber als aus Belgien gekennzeichnet. Irrtum oder belgischer Lizenzbau? Egal. Ich erzähl’s ihm jedenfalls und amüsiere mich, dass sie Waffen aus der ganzen Welt zusammengekauft habe, er erklärt aber stolz, dass die Emirate ihre Polizeipistolen inzwischen selbst herstellen.

Und dann: eine pakistanische Panzerfaust.

Heieiei, sag ich, Maschinengewehre seien schon heftig, aber eine Panzerfaust als Polizeiausstattung hab ich noch nie gesehen. Er lacht. Nee, sie würden natürlich nicht mit der Panzerfaust in der Stadt rumballern. Das bräuchten die Kollegen von der Wasserpolizei um Boote zu stoppen, wenn’s gar nicht anders geht. Die spielen damit Schiffe versenken. Wer ihnen dumm kommt, dem machen sie ein Loch ins Boot, um die Verhandlungspositionen und Machtverhältnisse zu klären.

Sie jagen Drogendealer. Auf einem Tisch ist sowas wie eine Seeschlacht nachgestellt, wie sie ihren größten Drogenschmuggler dingfest machten. (Oder versenkten?) Es würden halt in ihrer Nachbarschaft, Pakistan und so, sehr viele Drogen hergestellt und mit Booten, auch iranischen, eingeschleust. Da bräuchten sie schon kräftigere Waffen.

Ach, so schlimm?

Ja, meint er, zwischenzeitlich sei’s richtig schlimm gewesen. Ein richtiges Problem. Dann haben sie sich mal drum gekümmert und aufgeräumt, seither haben sie es unter Kontrolle. Die Panzerfaust steht jetzt im Museum, aber vermutlich haben sie noch mehr davon.

Und ein Auto steht drin. Das erste Polizeiauto von Sharjah. Ein militärischer Geländewagen, Austin, irgendwas mit Mini. Mmmh. Hat der Mini-Cooper als Militärfahrzeug angefangen? Ist jedenfalls gut gepflegt und sie sind stolz darauf, dass das Fahrzeug noch anspringt und noch fährt. (Draußen haben sie sogar noch einen gepanzerten Rover Defender aufgebaut.)

Sie haben auch noch ein Modell von Sharjah im 19. Jahrhundert. Winziges Fischerkaff, ein paar Häuser und eine Stadtmauer mit Wachtürmen drumherum, nachts geschlossen zum Schutz vor Räubern. Außenherum nur platte Wüste. Oh, erzähle ich, das haben sie in Europa genauso gemacht, da haben wir auch noch alte Stadtmauern und Tore. Er erklärt mir, wie das alles historisch so entstanden ist. Ursprünglich nämlich gab’s da eigentlich nur drei Arten von Händlern, nämlich die Fischer und Fischhändler, die Obsthändler und die Wasserhändler. Denn Frischerwasser gab es nicht, das musste mühsam aus Quellen in der Wüste herbeigeschafft werden. Und das Leben bestand mehr oder weniger darin, Fisch, Obst und Wasser gegeneinander zu handeln. Und so in den fünziger, sechziger Jahren ist das aufeinmal rapide expandiert, deshalb auch die neue Polizei, das fällt zusammen. Er zeigt mir das alles noch auf meinem Stadtplan, wo die alte Stadtmauer war und so. Winzist, gschätzt nicht mal 1% der heutigen Stadtfläche.

Ich bekomme da auch so ein bisschen ein Gefühl dafür, warum manche Araber so extremistisch werden. Das, was ich schon an Mobiltelefonen und Shopping-Malls gesehen habe: Der alte arabische Lebensstil wird seit etwa 50 Jahren gewaltig von einem westlichen Lebensstil überrollt und plattgewalzt. Viele sehen das als Fortschritt und Bequemlichkeit, aber manchen anderen passt das einfach nicht. Die fühlen sich überrollt. Könnte eine Komponente zum Verständnis islamistischen Terrors sein. Die Neugestaltung der Polizei, dargestellt in einem kleinen Museum, als Beispiel für die gewaltigen gesellschaftlichen Umwälzungen hin zu einem westlichen Lebensstil. So wie die Pferde durch Autos, die Beduinenuniformen durch britische, die alten Karabiner durch Maschinengewehre und Panzerfäuste ersetzt wurden. So wurde auch alles andere ersetzt. Reisen bildet.

Eigentlich hatte ich mir fest vorgenommen, neben den Detailfotos noch mit dem Weitwinkel ein paar Totalen aufzunehmen und den freundlichen Polizisten samt Auto und Vitrinen aufzunehmen, mich mit dem aber so intensiv verquasselt, dass ich das dann vergessen habe (und mich deshalb hinterher tierisch über mich selbst geärgert, denn das wäre ein Brüller-Foto gewesen).

Beim Rausgehen bedanke ich mich sehr, vor allem dafür, dass er sich für mich jetzt soviel Zeit genommen und extra geöffnet habe. Das sei überaus freundlich gewesen. Und entschuldige mich dafür, dass ich nicht zu Öffnungszeiten gekommen wäre, aber ich hätte einfach nirgends Öffnungszeiten gefunden.

Das, erklärte er mir, läge daran, dass sie keine Öffnungszeiten haben.

Sie seien auf so einen Besuch gar nicht eingestellt gewesen. Bisher sei das Museum immer nur von Schulklassen örtlichen Schulen im Rahmen des Unterrichts besucht worden, die das vorher terminlich absprechen.

Mit Touristen hätten sie bisher gar nicht gerechnet, ich sei nämlich der erste, wer wirklich allererste Tourist, der ihr Museum angesehen hätte. Das gab’s noch nie. Deshalb waren die auch so verblüfft darüber.

Wenn ich aber der erste war, woher kommen denn dann die Empfehlungen in den Sehenswürdigkeitenseiten? Schreiben die alle voneinander ab?

Immerhin: Ich habe noch nie zuvor ein Museum als allererster Tourist besichtigt.

Nachtrag: Ein fachkundiger Leser hat aus meiner Beschreibung geschlussfolgert, dass es sich bei besagtem Vehikel um einen Austin Mini Moke handeln müsse, einen von Austin aus dem Mini abgeleitetes Militärfahrzeug, das vom britischen Militär aber wegen kleiner Räder und geringer Bodenfreiheit nicht angenommen und deshalb zivil vermarktet worden sei. Und in der Tat: So ein Ding war das.