Hadmut Danisch

Ansichten eines Informatikers

Malediven: Die Hauptstadt Male’

Hadmut
10.12.2015 22:53

Wie ein bunter Hund in einer fremden Stadt.

Montag, 30.11.2015

Die Malediven haben kein Festland im eigentlichen Sinne, sondern sind eine Art Sammelstaat aus vielen kleinen Inseln, und auch die Hauptstadt Male’ ist eine kleine Insel, wenn auch größer als die anderen Inseln, und damit naturgemäß in ihrer Ausdehnung begrenzt. Einiges scheint künstlich aufgeschüttet, aber auch das hat einfach Grenzen. Deshalb ist sie bis in den letzten Quadratmeter vollgepackt und bis an die Wasserkante ausgenutzt.

Hinweise auf Unruhen

Die von 2012 waren mir bekannt. Die aktuellen habe ich nicht mitbekommen, war mir aber auch egal.

Normalerweise kommen Touristen deshalb inzwischen gar nicht oder nur im Rahmen eines Tagesausflugs zum Shopping nach Male’ (natürlich nur, wenn es da gerade sicher ist), nicht aber für die An- und Abreise. Der Flughafen ist nämlich auf einer anderen, direkt benachbarten Insel. Bucht man eine Pauschalreise eines Veranstalters, wird man in aller Regel vom Hotel-/Resort-Personal direkt von der Flughafeninsel abgeholt. Und das merkt man auch, denn bei der Ankunft stehen dort jede Menge Leute, die Touristen einsammeln, während die “öffentlichen Verkehrsmittel” nicht ausgeschildert sind und ich dort auch keine Touristen gesehen habe. Auch das Hotel, ich dem ich gewohnt habe, hat da mehrmals Gästegruppen abgeholt, aber erstens wusste ich vorher nicht, dass die das machen, zweitens hatte ich ihnen nicht gesagt, wann ich komme, und drittens weiß ich nicht, ob die das für eine Einzelperson gemacht hätten, was ich ohnehin als übertrieben abgelehnt hätte. Also setzte ich auf öffentliche Verkehrsmittel. Und da gibt es vom Flughafen nur genau eines: Die Fähre nach Male’. Für irgendeinen Kleingeldbetrag (habe nicht mehr im Kopf, wieviel ich gezahlt habe, aber ich glaube, es war umgerechnet unter einem Euro, irgendwas im Cent-Bereich) bin ich also rüber zur Hauptinsel Male’ gefahren, und stand dann dort am Pier, von dem aus ich in die Fähre nach Süden zur Insel, auf der ich mein Hotel gebucht hatte, nehmen wollte. Weil ich dachte, dass alle Fähren dort an diesem Hafen abfahren.

Wie ich da also an der Hafenstraße stand und mich umschaute, wo wohl die Fähren nach Süden abfahren, hielt ein Taxifahrer und fragte mich, was ich suche. Die Fähre nach Gulhi, sagte ich. Oh, da wäre ich hier ganz falsch, meinte der, die wäre ganz, ganz weit weg. Aber für nur 5 US$ würde er mich dahin fahren.

Jo, klar, ganz, ganz, ganz weit weg auf einer Insel mit 2 km Durchmesser an der längsten Diagonale. Schieß in den Wind, Touristennepper, verkohlen kann ich mich selbst. Ich fand dann heraus, dass ich eigentlich schon direkt vor dem Fährenterminal stand, man sah das dem Ding von außen nur nicht so direkt an, wenn man die Landessprache und -schrift nicht kann. Als ich aber drinnen am Schalter eine Karte nach Gulhi kaufen wollte, sagte mir die Dame dort, da sei ich hier falsch, hier führen nur die Fähren nach Norden. Die anderen führen von der anderen Seite der Inseln. Na gut, dann gehe ich da jetzt hin, meinte ich. Entsetztes Gesicht bei der Dame. Nein, das sei nicht möglich, das wäre viel zu weit weg. Das könne man nicht laufen, dahin müsse man fahren. Irgendwie musste ich an die Zelte von Harry Potter denken, die innen viel größer sind als außen. Aber gut, wenn’s denn sein soll. Also das nächstbeste Taxi angehalten. Was es denn kosten solle. 5 US$. Es koste immer und bei jedem 5 US$. Also gut, von mir aus.

Einmal die Ringstraße außen um die Insel herum auf die andere Seite, grob und stark vereinfachend geschätzt 3,141592654 km, ein paar Minuten später also auf der diagonal entgegengesetzte Inselseite im Südwesten. Da gibt es ein weiteres Fährenterminal der öffentlichen Fähren. Ich dachte, die Schlange an der Kasse wäre kurz, weil vor mir nur so sieben oder acht Leute standen. Es ging aber eine ganze Weile überhaupt nicht voran, denn die Verhandlungen des Vordersten unter Führen diverser Handy-Telefonate zogen sich dahin, während die anderen in aller Seelenruhe warteten und das für völlig normal hielten. Irgendwann war ich dann dran. Fähre nach Gulhi. Kosten umgerechnet ca. 1,50 Euro für anderthalb Stunden Fahrt. Schön. Und wann geht die? Es gab nämlich keine Fahrpläne, jedenfalls keine für der Landessprache Unkundige lesbare. Um 15:00. Es fährt nur eine am Tag. Toll. Es war gerade 9:10. Da nutze ich das doch, um mir Male’ anzusehen. Ob ich mein Gepäck dalassen könnte, fragte ich. Schallendes Gelächter. Nee, das ginge nun wirklich nicht.

Nun stand ich also da am Pier. Mit einem Ticket. Und in der Kleidung, mit der ich von Deutschland aus abgefahren war. Lange Hose. Langes Hemd. Ein Rucksack. Ein großer Reisekoffer. Eine Jacke und einen Pullover über dem Arm. Bei tropischen gefühlten 33 Grad schon morgens um 9 Uhr, gefühlten 95% Luftfeuchtigkeit und in der prallen Sonne in Äquatornähe und wusste nicht, wohin mit dem Gepäck und was machen.

Kommt einer von einem der Boote an und quatscht mich an. Wo ich hinwolle. Nach Gulhi. Ja, sie hätten da ein Speedboat, mit dem man in 20 Minuten in Gulhi wäre. Eigentlich führen sie da ja nicht hin, sondern nur Touristeninsel Mafushi etwas weiter, aber da sie dabei an Gulhi vorbeikämen, könnten sie mich da absetzen. Kostet nur 25US$. Fährt wann? Um 12:00. Naja, ich merk’s mir mal. Fand ich jetzt nicht so attraktiv. Denn eigentlich fand ich das viel interessanter, eineinhalb Stunden lang von Insel zu Insel zu schippern um die alle mal zu sehen, als mit Hochgeschwindigkeit direkt dorthin zu fahren. Ich bin im Urlaub und nicht auf der Flucht. Und selbst dann müsste ich jetzt noch fast 3 Stunden totschlagen. Also sagte ich höflich, dass das interessant sei, ich es mir merken würde und gegebenenfalls pünktlich um 12:00 hier erscheinen würde, was ich aber nicht ernstlich vorhatte. Ich beschloss, das dann gegen 11:45 zu entscheiden. Und dachte, da gäb’s doch sicherlich ein Hotel oder sowas, wo ich für Geld meinen Krempel abstellen könnte.

Gab’s nicht.

Ich ging da also durch die Straßen und gab das absolut lächerlichste Bild der Insel ab. Inmitten vieler leichtbekleideter, dunkelheutiger Menschen auf Mopeds lief ich da rum wie ein Yeti im Raumanzug. Natürlich war mir klar, dass da Hitze herrschte, und deshalb hatte ich erst gar nicht meine übliche Reisewanderschuhe angezogen, sondern war – trotz Schnee in Deutschland – mit meinen offenen Sommersneakers los, aber eben doch in langer Hose und langem Hemd mit Outdoor-High-Tech-Unterhemd. Die Hose hatte zwar abnehmbare Beine und das Hemd hätte man hochkrempeln können, aber da bestand akute Sonnenbrandgefahr. Und jetzt mitten auf der Straße den Koffer auseinanderzunehmen um die Sonnencreme rauszupulen und mich dann zu allem Überfluss auch noch klebrig einzuschmieren, nee, keinen Bock. Leider war im Koffer auch kein Platz mehr für Jacke und Pulli, die band ich also am Koffergriff fest. Und zockelte halt wohl oder übel so loß. Und dachte mir irgendwann, na wenn schon, dann könntest Du eigentlich fotografieren. Kamera raus.

Und bot so die absolut lächerliche Figur. Weißer Tourist in seltsamen ungeeigneten Klamotten und mit Pullover und Jacke bei 35 Grad schiebt Koffer durch die Stadt, schwitzt wie Sau und fotografiert auch noch. Die Leute feixten. Und man sah ihnen sogar ihre Gedanken an: Schon wieder so ein irrer Urlaubsberserker. Teure Klamotten, teure Kamera, teurer Flug, aber zu geizig, sich ein Taxi zu leisten. Irgendwann traf ich sogar den Taxifahrer wieder, der mich hingefahren hatte. Ob ich nicht mitfahren wolle. Nee, ich will mir ja was angucken.

Aber was?

Da gab’s nichts zum angucken. Jedenfalls nicht da, wo ich war.

Stinklangweilig. Kennt man eine Straße, kennt man alle. Nichts sehens-, nichts berichtens-, nichts fotografierenswertes. Typisch asiatische Wellblech-Hinterhof-Stadt mit dem üblichen Durcheinander. Zwischendurch mal was in einem winzigen Krämerladen zu Trinken gekauft, die guckte mich an, als käme ich vom Mars. Ich habe dort übrigens außer mir selbst keinen einzigen Touristen gesehen. Dafür immer wieder Leute, die sich über mich amüsierten, wie ich versuchte, den schweren Koffer über die engen, krummen und unebenen Wege zu wuchten. Der hat zwar gute Rollen, das nutzt aber nicht allzuviel, wenn die Bodenplatten krumm und schief sind.

Irgendwann gab ich das auf. Ein Blick auf mein Navi zeigte, dass ich ohnehin schon fast in der Mitte der Insel angekommen war, also mit dem Rückweg zum Terminal nahezu den Durchmesser der Insel als Wegstrecke erreicht hatte, also das, was mir vorher als „sehr weit weg” und „unmöglich zu gehen” beschrieben worden war, wohlgemerkt mit Pullover und Koffer.

Ich kam dann gegen 11:00 wieder in Bereich des Hafens an, und dann merkte ich doch, dass mir gleich die Sicherung rausfliegt. Mir ist der Umzug nach Berlin gesundheitlich nicht bekommen. Seither bin ich nicht nur viel öfters erkältet, sondern ich bin auch fett, träge, alt geworden, Kondition und Muskulatur gibt’s nur noch in meiner Vergangenheit. Früher war ich da unkaputtbar und wüstentauglich, aber inzwischen machen mir zwei Stunden in sengender Hitze wohl doch was aus (wobei ich allerdings auf Australientouren vor 15 Jahren schon drauf achtete, alle 15 Minuten zu trinken, was ich hier nicht tat). Ich kam in eben jenen Zustand, den die Amerikaner so treffend „Dehydration“ nennen. Ich dachte plötzlich, ich schaff’s kaum noch über die Straße. Bei einem Straßenrestaurant sagte ich, dass ich gerne etwas zu trinken bestellen würde. Nöh, abgelehnt. Anscheinend nur mit Essen. Der nächste wollte mir auch nichts verkaufen, anscheinend ein Großhandel für Gebinde. Endlich ein ein einfaches Straßenrestaurant, der mir da einfach für Kleingeld eine 1-Liter-Flasche Wasser verkauft hat. Boah, endlich Schatten. Hinsetzen, Kühler nachfüllen, warten, bis es wieder geht. Das war dann schon an der Grenze zum Umkippen. Wahrscheinlich meinten die das mit „Zu weit, kann man nicht gehen”.

Blick auf die Uhr: 11:30. Was mache ich hier jetzt noch dreieinhalb Stunden bis zur Fähre?

Nichts.

Ich habe die 25US$ gezahlt und bin mit dem Speedboat nach Gulhi gefahren.

Von Unruhen, Ausnahmezständen usw. habe ich jedenfalls nichts bemerkt. Erschien mir alles friedlich, einige Leute in Militäruniform waren unterwegs. Allerdings war mir an dem Tag auch noch nicht klar, dass es nicht nur 2012, sondern auch ganz aktuell im November nochmal zu Unruhen gekommen sein soll (wobei ja viele sagten, das stimme gar nicht und war nur ein politischer Vorwand), und dass man in Male (zumindest da, wo ich war) eigentlich gar keine Touristen gesehen hat. Ich war da der einzige. Und noch dazu war ich wegen meines Aussehen, Hautfarbe, Kleidung, Verhalten, Kamera, meinem großen knallgelben Reisekoffer und einfach meinem in jeder Hinsicht lächerlichen Auftretens dort nicht einfach ein Tourist, ich war der Tourist, haben ja auch viele über mich gegrinst. Hätte irgendwer dort vorgehabt, westliche Touristen zu entführen, dann wäre ich der auf dem Präsentierteller gewesen.