Hadmut Danisch

Ansichten eines Informatikers

Allet Jut

Hadmut
21.8.2015 20:39

Pack die Badehose ein, nimm dein kleines Schwesterlein, und dann nischt wie raus nach Wannsee…

Ich hab’s heute – zum ersten Mal, seit ich in Berlin wohne, und zum zweiten Mal überhaupt – endlich mal geschafft, zum Baden an den Wannsee zu fahren. Sonst kam immer was dazwischen, hatte was Besseres vor oder das Wetter hat nicht mitgespielt.

Das erste Mal war ich da, als wir – muss etwa 1983 oder 1984 gewesen sein – mit der Oberstufe auf Klassenfahrt in Berlin waren und abends auf dem Wannsee die Pink Floyd Laser Show (damals der letzte Schrei…) zu The Wall angesehen haben.

Heute also einfach mal zum Baden rausgefahren. Strandkorb gemietet. Schwimmen gegangen. Rutsche ausprobiert. Eis gegessen. Im Strandkorb gedöst. Salat gegessen.

Herrlich. Wunderbar. Einfach, preisgünstig und in einer Stunde mit der S-Bahn zu erreichen. Alles prima. Überhaupt nichts stört, nichts zu meckern, nichts auszusetzen. Haben sie gut hingekriegt. War der erholsamste und entspannendste Tag in den letzten 3 Wochen (mein Urlaub).

Irgendwie hat sich das Gebäude an meinem Auge festgeheftet. Das Gebäude schreit einen geradezu an, aus den 20er Jahren zu stammen, der Baustil ist so charakteristisch für die Zeit (ich kenne mich da nicht so gut aus, aber ich glaube, das fällt unter Bauhaus-Stil). Ich habe dann mal einen Bademeister gefragt, wann das Gebäude gebaut wurde. Der wusste das genau: 1928 mit dem Bau begonnen, 1931 in Betrieb gegangen (falls ich mir das jetzt richtig gemerkt habe). Naja, mit dem Baustil assoziiert man auch eine andere Phase ein paar Jahre später, da werden da wohl andere Flaggen gehangen haben.

Aber irgendwie bekommt man da einen Eindruck davon, wie sich die 20er und frühen 30er Jahre in Berlin angefühlt haben müssen, und wenn man mal alte Fotos aus dieser Zeit googelt, dann sieht das – von der Bademode mal abgesehen – verblüffend gleich wie heute aus. Da hat sich nichts verändert. Badespaß wie vor (knapp) hundert Jahren, nur heute anscheinend weniger Besucher, weil mehr Freibäder in der Stadt und andere Freizeitangebote und Abkühlungsmöglichkeiten. Auf alten Fotos war es da gerammelt voll. Schon erstaunlich, wenn man bedenkt, dass die Leute vor fast 100 Jahren ganz genau so mit dem Zug rausgefahren und zum Strandbad gelaufen sind, das auf alten Bildern ganz genau so ausgesehen hat.

Berlin in den 20er und frühen 30er Jahren muss wohl der Brüller gewesen sein. Mir fällt da auch immer auf alten Stadtfotos auf, wie sauber die Innenstadt damals war. Nicht so eine Müllhalde wie heute. Und Berichte über das frivole Berlin in den 20ern gibt es ja auch mehr als genug.

18 Kommentare (RSS-Feed)

Jan Lul
21.8.2015 21:19
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“Berlin in den 20er und frühen 30er Jahren muss wohl der Brüller gewesen sein.”

Das lag wohl daran, dass wenn jemand Zugang zu neuem Wissen haben wollte er vor 1994 am besten in einer möglichst große, möglichst weltoffene Stadt ging, und sich dann dort viele austauschwillige, leistungsbereite Leute vom gleichen Schlag getroffen haben.

“frivol”@Berlin@1920 ist nach heutigen Maßstäben wohl *gähn*…
Es war wohl eher “nicht religiös-zwangsfrigidisiert”.

Heute kann sich wohl fast jeder der will sexuell nach Lust und Laune betätigen. Seine Ruhe haben ist schwerer geworden 😉

Das Versammeln an einem Ort zwecks Balz/Anbahnung ist nur noch für nicht predominant/nicht durchschnittliche sexuelle Spielarten nötig, oder?

“Auf alten Fotos war es da gerammelt voll.”
Das ist es jetzt doch auch noch – nur dass ich das was ich sehe, nicht sehen will (ich hab eine ganz schlimme Aversion gegen Piercings, Tattoos, Schlauchbootlippen, Silikon, Botoxmaskenfratzen, Permanentmakeup, Kurzhaarfrisuren, … und bei >30°C sieht man zu viel). An einem der letzten heissen Tage bin ich mit den Augen an einer gutgelaunten, ziemlich dicken Frau hängen geblieben, weil das die einzige in Sichtweite war, die sich nicht künstlich optisch abwerten liess.


Andy
21.8.2015 22:30
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Pink Floyds bzw jetzt Roger Waters The Wall Touren aus den Jahren 2012/2013 sind auch jetzt wieder der letzte Schrei. Wenn der Alte damit nochmal auf Tour geht nicht verpassen…


Andy
21.8.2015 22:36
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Ach, und wenn du ein Buchtip über das Berlin der frühen 30er magst… Blutsbrüder von E. Haffner. Scheinbar gab es alles was man mit Berlin heute assoziiert bereits damals… Obdachlose Stricherjungs, Kleinkriminalität usw. Ist aber aber interessant zu lesen, ist eine Neuauflage, Ersterscheinung 1932 und ein kurzweilige, nicht zu langes Buch das ungeschminkt daherkommt…


Emil
22.8.2015 0:34
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> Badespaß wie vor (knapp) hundert Jahren, nur heute anscheinend weniger Besucher,
> weil mehr Freibäder in der Stadt und andere Freizeitangebote und Abkühlungsmöglichkeiten.

So’n Gesocks wie im Columbiabad treibt sich da nicht rum?

Massenschlägerei in Berlin: Rund 60 Jugendliche prügeln sich in Neuköllner Freibad

http://www.spiegel.de/panorama/justiz/columbiabad-in-neukoelln-massenschlaegerei-in-berliner-freibad-a-1042269.html

Der SpOn-Artikel sagt wieder mal nichts über die Nationalität. Waren wahrscheinlich alles Schweden.


Hadmut
22.8.2015 0:39
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> So’n Gesocks wie im Columbiabad treibt sich da nicht rum?

Ich war noch nicht im Columbiabad (und hab’s auch nicht vor), kenne das nur aus der Presse.

Nee, am Wannsee habe ich heute nichts dergleichen bemerkt, alles friedliche, angenehme Leute (abgesehen von den Rauchern, die den Sand mit ekligen Zigarettenkippen anreichern). Dabei waren heute auch jede Menge Leute aus allen möglichen Ländern, alle Hautfarben, auch ein paar Araber, viele Leute, die englisch sprechen. Alles total friedlich, freundlich, angenehm, nett, gesittet, wohlerzogen. Überhaupt niemand, der irgendwie gestört hätte oder irgendwie negativ aufgefallen wäre.

Wie ich schon sagte: Überhaupt nichts zu mäkeln oder meckern, alles ganz prima.


Hermann
22.8.2015 3:21
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Bitteschön, Hadmut!
So wars in Berlin an einem Sonntag im Sommer 1930.
Robert Siodmak, Billy Wilder, Edgar Schüftan und Fred Zinneman, die kurz darauf leider, leider auswandern mußten.
https://www.youtube.com/watch?v=7ooNxs68vk4


Hadmut
22.8.2015 9:49
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> So wars in Berlin an einem Sonntag im Sommer 1930.

Das sieht doch mal schuckelig aus. 🙂

Gut, das mit der Sauberkeit relativiert sich in ein paar Szenen, aber sie machen ja sauber. Mich würde allerdings sehr interessieren, welche Szenen da fehlen.


quarc
22.8.2015 4:23
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Jaja, so fängt es an. Erst ist es nur etwas harmloses berlinern, dann gefällt ihm die Stadt und ehe man sich versieht, sitzt er in Trainingshose und Unterhemd mit der Bierflasche in der Hand auf einem Klappstuhl auf dem Bürgersteig.


Andy
22.8.2015 4:36
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Im SpOn Artikel steht doch das die Täter sich verteilt haben und nicht gefasst werden konnten. Willst Du die Lügenpresse jetzt etwa auch noch ermutigen sich Details aus den Fingern zu saugen?


Hadmut
22.8.2015 9:47
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> Im SpOn Artikel steht doch das die Täter sich verteilt haben und nicht gefasst werden konnten.

Sie wurden aber gesehen.


Robert
22.8.2015 13:44
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Berlin, die Symphonie einer Großstadt: https://www.youtube.com/watch?v=j76FNxsJlt8


Gästle
22.8.2015 16:11
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> Im SpOn Artikel steht doch das die Täter sich verteilt haben und nicht gefasst werden konnten.

Es würde mich doch sehr wundern wenn es im Zeitalter omnipräsenter Smartphones keine Bilder oder Videos von der Schlägerei geben sollte. Mit etwas Glück sind regelmäßige Gäste zu sehen, die man als Zeugen oder Beschuldigte vernehmen könnte.


Andy
22.8.2015 23:25
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>>Jaja, so fängt es an. Erst ist es nur etwas harmloses berlinern, dann gefällt ihm die Stadt und ehe man sich versieht, sitzt er in Trainingshose und Unterhemd mit der Bierflasche in der Hand auf einem Klappstuhl auf dem Bürgersteig.

QfT. Berlin ist klassisch so eine Stadt aus der Leute sich schnell wieder verkrümeln oder von ihr assimiliert werden. Vollständig. Amsterdam ist da ähnlich gestrickt…


Andy
22.8.2015 23:32
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>>Sie wurden aber gesehen.

Zeugenaussagen sind notorisch ungenau und subjektiv gefärbt. Ist immer wieder Thema in Strafprozessen. Ausnahme natürlich Polizeibeamte. Die haben (auch mit Helm) Augen im Hinterkopf und sehen alles und werden aussagebewertungstechnisch ganz hoch gehängt. Aber die kamen ja erst später dazu.

Länger Rede, kurzer Sinn: in diesem Sommer dürfte es schwer fallen bleiche Südeuropäer von gut braun gebrannten deutschen Bürgern mit dunklen Haaren zu unterscheiden. Und man will doch nicht die Lügenpresse auffordern sich in irgendwelche voreiligen Schlüsse zu stürzen, oder?

Smartphone Videos waren natürlich hilfreich und interessant, aber vermutlich sinkt die Rate im Freibad doch etwas. Nicht jedes Gerät ist wasserdicht…


Zäld
23.8.2015 2:07
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“Badespaß wie vor (knapp) hundert Jahren, nur heute anscheinend weniger Besucher, weil mehr Freibäder in der Stadt und andere Freizeitangebote und Abkühlungsmöglichkeiten.”

Hm, ich wollte gerade schreiben, woher das auch noch kommen kann, und dabei fällt mir auf: Die Zeiten sind kaum miteinander vergleichbar.

In den 20ern kam überhaupt erst die S-Bahn auf. Vorher fuhr man mit der damaligen Regionalbahn, also Dampfzügen, raus aus der Stadt zum Wannsee, damals gehörte Wannsee ja noch gar nicht zu Berlin. So lange wie die Leute wahrscheinlich damals zum Strandbad unterwegs waren, braucht man heute nach Mallorca – und dort sind dann heutzutage die Leute zu finden, die im Strandbad “fehlen”.

Die Leute waren fast nur am Arbeiten, so viel Freizeit wie heute gab es ja gar nicht.

Die Stadt hatte in den 20ern 4 Millionen Einwohner, also einen ganz erheblichen Haufen mehr als heute.

Heutzutage kann in den Ferien fast jeder irgendwo in die Ferne fahren, früher blieb man zuhause und fuhr dann eben an den Wannsee.

“Mir fällt da auch immer auf alten Stadtfotos auf, wie sauber die Innenstadt damals war. Nicht so eine Müllhalde wie heute.”

Es gab ja auch noch keine Getränkedosen und Plastikverpackungen.

Und ich kann mir vorstellen, daß es vielleicht gar nicht mal so angenehm war. Überall Kohlefeuerung, sowohl für die Wohnungsheizungen als auch für die Industrie… man merkt doch heute noch im Winter von den paar verbliebenen Ofenheizungen, was die für einen Geruch verbreiten. Und da gab es bestimmt noch andere Dreckmacher.

“Und Berichte über das frivole Berlin in den 20ern gibt es ja auch mehr als genug.”

Oh wie gerne würde ich eine Reise in die Welt so zwischen 1880 und 1920 machen. Nunja, ist wohl leider nicht möglich.


steffen
23.8.2015 12:35
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“Und da gab es bestimmt noch andere Dreckmacher.”

Der allergrößte Dreckmacher noch bis weit in die 20er: Pferdemist. War schließlich das Transportmittel schlechthin.

Ich erinnere mich da an eine Analyse, daß der Straßendreck in viktorianischer Zeit in den Großstädten zu 75% aus Pferdedreck bestand.

Entsprechend wird es gerochen haben.


Hadmut
23.8.2015 12:44
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> Der allergrößte Dreckmacher noch bis weit in die 20er: Pferdemist. War schließlich das Transportmittel schlechthin.

Ja, sicherlich, insbesondere auf dem Land. Der erste Weltkrieg wurde ja auch noch wesentlich mit Pferdekraft-Logistik betrieben.

Aber auf alten Bildern aus Berlin ab etwa 1920 sieht man fast keine Pferde und ich könnte mich jetzt auch nicht an erkennbaren Pferdemist erinnern.

Das wird auf dem Land sicherlich ganz anders ausgesehen haben, aber in Berlin – obwohl ja eng mit dem Begriff der „Pferdedroschke” verbunden – scheint das ziemlich schnell vorbei gewesen zu sein. Denk mal an den berühmten „eisernen Gustav”:

Gustav Hartmann startete am 2. April 1928 mit seiner Droschke und dem Wallach Grasmus, begleitet von dem Zeitungsreporter Hans Hermann Theobald, zu einer Reise nach Paris, wo er am 4. Juni 1928 ankam. Diese Fahrt sollte eine Aktion gegen den Niedergang des Droschkengewerbes und die steigende Zahl von Autos darstellen.[1] Die Fahrtstrecke betrug über 1000 Kilometer.

Durch seine Reise berühmt geworden, gründete der „Eiserne Gustav“ nach seiner Rückkehr eine Stiftung für die Hinterbliebenen von – bei der Ausübung ihres Berufes – zu Tode gekommenen Taxifahrern (Gustav-Hartmann-Stiftung).


Benutzername
23.8.2015 22:26
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“Ja, sicherlich, insbesondere auf dem Land. Der erste Weltkrieg wurde ja auch noch wesentlich mit
Pferdekraft-Logistik betrieben.”

Der zweite auch. Nur die Westalliierten hatten ausreichend Motorkraftwagen aller Art um darüber ihre Logistik abzuwickeln. Der sogenannte Blitzkrieg wurde tatsächlich auf Schusters Rappen und echten Pferden geführt. Schätzungen gehen von etwa 10 Millionen Pferden aus, die umkamen.