Hadmut Danisch

Ansichten eines Informatikers

Genderisten zitieren Simone de Beauvoir falsch

Hadmut
5.1.2014 20:42

Im Gender-Feminismus wird die Auffassung, dass Geschlechter keine natürliche Grundlage haben, sondern alleine kulturell erzeugt wären, stets und nur damit begründet, dass Simone de Beauvoir das einfach so gesagt hätte. Sie wird immer und im Feminismus fast überall mit dem Ausspruch zitiert „Als Frau wird man nicht geboren, zur Frau wird man gemacht.” Das soll die ganze Grundlage des Genderismus sein. Weil das jemand einfach so gesagt habe.

Wer mich kennt, weiß, dass ich ja leidenschaftlich gerne solche Zitate nachprüfe. Im Buch „Frauenquote” habe ich ja schon beschrieben, dass eine andere Ikone des Genderismus, Judith Butler, von Feministinnen mehrere Tausend Male mit einem Ausspruch zitiert wird, den sie nie gesagt hat. Ich konnte den Ausspruch (auch mit der elektronischen Suche per Kindle im E-Book) in keinem ihrer Texte finden. Im Gegensatz zu Beauvoir lebt Butler aber noch, und so habe ich sie einfach angemailt und gefragt. Sie hat mir sofort geantwortet, dass sie das so nie gesagt habe und eines der Worte im angeblichen Zitat ganz sicher noch nie verwendet habe. Das hängt halt alles damit zusammen, dass Feministinnen ja so gerne behaupten zu „forschen”, es tatsächlich aber nie tun, sondern immer nur zirkulär voneinander abschreiben und sich durch ständiges Wiederholen und Abkupfern gegenseitig bestätigten und hochpumpen. Ob das dann tatsächlich noch stimmt, was man behauptet, interessiert niemanden mehr. Es geht nur noch darum, dass alle, denen man Relevanz zugesteht, das behaupten, es also als anerkannt und wahr angesehen wird.

Freilich wollte ich auch dieses Zitat überprüfen, und habe schon seit über einem Jahr zwei Bücher von Beauvoir im Regal. Das Problem ist aber (wie sollte es anders sein?), dass Feministinnen stets de Beauvoir mit diesem Satz zitieren, aber niemals eine Quellenangabe machen. Wie sollten sie auch, wenn sie ja immer nur voneinander abschreiben und nie die Quellen selbst lesen? Das Buch „Das andere Geschlecht” ist über 700 Seiten lang, und ich weiß nicht mal, in welchem ihrer Bücher der Satz stehen soll. Oder ob er überhaupt in einem ihrer Bücher oder anderswo getätigt wurde. Ich habe bisher nicht die Zeit gehabt, alle ihrer Bücher zu lesen, nur um nach einem einzelnen Satz zu suchen. Dazu kommt, dass ich kein Französisch kann und das auf deutsch oder englisch lesen müsste, wo man nicht weiß, wie der Satz durch die Übersetzung verunstaltet würde und ob man ihn wiedererkennt.

Außerdem wäre die Suche fruchtlos. Denn selbst, wenn sie das genau so gesagt hat, was heißt das schon? Welche Substanz liegt einem so einzelnen, behaupteten Satz inne? Woher und auf welcher Grundlage will sie das überhaupt beurteilen können? Solange das Zitat nicht aus einem Buch, einem Aufsatz, Forschungsergebnissen oder ähnlichem, sondern nur aus einem einzelnen, isolierten, willkürlichen Satz ohne jede Herleitung oder Begründung besteht, ist das völlig wertlos, egal ob sie das nun gesagt hat oder nicht. Warum sollte es überhaupt mehr Gewicht haben, wenn eine Simone de Beauvoir das sagt, als wenn irgendwer anderes das sagt? Irgendwelche Kompetenz oder wissenschaftliche Untersuchung wäre ihr ja nicht zuzuschreiben. Sie war Philosophin und Feministin. Darin liegt kein Hinweis, dass sie irgendwie mehr in der Birne gehabt hätte als all die anderen Philosophinnen und Feministinnen. Die schreiben ja auch nur hirnlos ab. Warum also sollte ausgerechnet Beauvoir da besser oder schlauer gewesen sein, so dass es etwas grundsätzlich anderes wäre, wenn sie diesen Ausspruch getan hätte?

Ausgerechnet die TAZ, die ja nun wirklich nicht in den Verdacht kommt, etwas anderes als stramm links-feministisch zu sein, ist auf die Suche nach dem Zitat gegangen und hat dabei verblüfft festgestellt, dass auch sie das so nicht gesagt hat und falsch zitiert wird.

De Beauvoir hat gesagt, dass man nicht als Frau zur Welt kommt, sondern man es wird.

Eine Binsenwahrheit. Das hätte ich Euch auch sagen können. Heißt aber gar nichts. Schon gar nicht, dass es um Kultur geht. Denn dass sich die Geschlechtsmerkmale und das Geschlechtsverhalten mit der Pubertät ausbilden, ist ja hinlänglich bekannt und damit keine Aussage, dass es kulturell wäre.

Besonders kurios an dem TAZ-Artikel ist dabei aber, dass er nicht von einem feminismus-kritischen Mann geschrieben wurde, sondern von einer Feministin, die ihre Master-Arbeit über de Beauvoirs Buch geschrieben und des dabei auf deutsch und französisch mehrfach gelesen hat. Wenn selbst eine Feministin beim Lesen de Beauvoirs merkt, dass das da so nicht drin steht, was ist dann mit all den anderen Feministinnen? Haben die das Buch selbst nie gelesen oder lügen die?

Zwar beschreibt die Autorin, dass de Beauvoir die These geäußert habe, dass die biologischen Unterschiede nichts bedeuteten und der Mensch sich selbst zu dem macht, was er ist, also eine Entwicklung erst nach der Geburt eintrete. Worauf das aber begründet sein soll, steht da nicht.

Es zeigt aber wieder einmal, auf wie dünnem Eis sich der Feminismus bewegt und dass da eigentlich gar nichts einer Nachprüfung standhält. Dass vieles, was Inhalt des Feminismus ist, eigentlich nur durch Schlampigkeit und voneinander-abschreiben entstanden ist. Es zeigt, wo man bohren muss.


17 Kommentare (RSS-Feed)

knallfrosch
5.1.2014 21:31
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“dass eine andere Ikone des Genderismus, Judith Butler, von Feministinnen mehrere Tausend Male mit einem Ausspruch zitiert wird, den sie nie gesagt hat.”

welcher ist das?


Hadmut
5.1.2014 21:33
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> welcher ist das?

„I am not permitted to construct my gender and sex willy-nilly.”


Lesen&Verstehen
5.1.2014 21:31
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Wichtig beim Studium historischer Quellen ist auch immer der historische Kontext, den viele bei der Deutung von verwendeten Quellen meist vergessen bzw. in ihrem Sinne umdeuten. So ist es z.B. etwas grundverschiedenes, wenn Liberale 1847/48 von einer deutschen Nation, einem Volk, sprechen, und wenn 1933 das die Nationalsozialisten tun.

Ebenso ist es hier bei de Beauvoir. Zum Einen ist sie, wie Sie richtig bemerkt haben, tot und man kann ihr daher alles mögliche in den Mund legen und nach Belieben hineindeuten. Zum Anderen vergessen heutige Feministen gern, was zur damaligen Zeit mit dem Frausein einherging und damit am Begriff Frau hing. Wenn sie also in ihrem vielfach (falsch) zitierten Satz meinte, dass Menschen weiblichen Geschlechts durch kulturelle Gegebenheiten zu Menschen werden, die weniger Rechte haben, dann mag das für die Zeit gestimmt haben (und heute sicherlich noch an vielen Orten der Welt stimmen). Feministen gehen aber automatisch davon aus, dass dies immer und überall so ist und nennen das Patriarchat. Praktisch, dass mangels definierter Kennzahlen niemals verifiziert werden kann, wann denn diese Ungleichberechtigung überwunden sei. So lässt sich bei Studienabgängeranteilen von 10% weiblich in entsprechenden Fachrichtungen eine Aufsichtsratsquote von 40% fordern und behaupten, dass eigentlich 50%+x nur wirklich fair wären, Unkenntnis von Statistik sei Dank.


michael
5.1.2014 22:51
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> „I am not permitted to construct my gender and sex willy-nilly.”

Da kann man dann auch gleich erraten, bei welchem Wort sie sich sicher sein konnte, daß sie es nie selbst verwendet hatte 😀


knallfrosch
5.1.2014 23:18
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danke


Leonard
6.1.2014 0:55
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Simone de Beauvoir war als Partnerin von Jean Paul Sartre Existenzialistin. Das heißt, wenn sie zitiert wird, dann geht es um die existenzialistische Freiheit, sich selbst als offenes Projekt in die Zukunft hinein zu entwerfen und zu verwirklichen, im Sinne eines radikalen Individualismus. So wie Sartre und de Beauvoir das tatsächlich vorgelebt haben, und zwar unter selbstverständlicher Akzeptanz der Konsequenzen – nämlich Kinderlosigkeit. –
Mein Eindruck ist, dass die Feministinnen, die lächerlicherweise diesen einen angeblichen Satz von de Beauvoir herausgreifen, den existenzialistischen Kontext weder kennen noch sich je darum gekümmert haben. Wenn mich nicht alles täuscht, dann ist das, was man dazu zu lesen bekommt, nichts als Geschwätz. Nur weil ihnen bisher nie widersprochen worden ist, konnte das durchgehen. Abgesehen davon, dass die (in der mittelalterlichen Theologie übliche) Berufung auf eine sogenannte Autorität bekanntlich das schwächste aller möglichen Argumente ist. Denn: irren ist menschlich. –
Literatur: Annie Cohen-Solal: Sartre 1905 – 1980, Rowohlt: Reinbek bei Hamburg 1988.


Hadmut
6.1.2014 1:17
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> dass die (in der mittelalterlichen Theologie übliche) Berufung auf eine sogenannte Autorität

Schöne Formulierung, die muss ich mir gleich notieren.


Claus
6.1.2014 1:49
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So schwer ist es jetzt nicht zu finden gewesen, hier als Original-Ausspruch (“On ne naît pas femme : on le devient”) mit Quellenangabe:

http://www.philo5.com/Les%20philosophes%20Textes/Beauvoir_OnNeNaitPasFemme.htm#_ftn2

Mangels Wille, mir das Zeuch zu kaufen, kann ich es natürlich nicht prüfen.

In der Rowohlt-Übersetzung von 1951 steht es, so liest man, auf Seite 334.


ein anderer Stefan
6.1.2014 1:57
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der Verweis auf die mittelalterliche Theologie ist gut. Feminismus ist ja eine Art Ersatzreligion. Allerdings: wenn die das im Mittelalter gemacht haben, hatten sie die Autorität normalerweise wenigstens vorher gelesen (von verstanden rede ich mal nicht).


Stuff
6.1.2014 4:06
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“…Berufung auf eine sogenannte Autorität”

http://www.amazon.de/Origin-Consciousness-Breakdown-Bicameral-Mind/dp/0618057072/ref=sr_1_2/277-7346595-2642905?ie=UTF8&qid=1388973761&sr=8-2&keywords=julian+jaynes

Unbedingt die Originalversion lesen – die meisten Übersetzungen sind etwas krude.

Link ist für die genauen Daten gedacht, man kann das Buch auch beim Buchhändler seines Vertrauens bestellen 😉


Niko L.
6.1.2014 11:58
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Naaaja. Da widersprichst du dir aber irgendwie selbst. Erst stellst du die These auf, dass Feministinnen nie forschen und dann sagst du, dass eine es doch getan hat. Manchmal bist du dann doch nicht so ganz genau.


Hadmut
6.1.2014 20:03
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@Niko L. : Ein blindes Huhn findet auch mal ein Korn.

Ich würde es an dieser Stelle auch nicht für Forschung, sondern einen Zufallsfund halten. Denn generell halte ich es nicht für Forschung, nur in dem Geschreibsel anderer herumzulesen (Genderismus stammt wesentlich auch aus der Literaturwissenschaft, und Literaturwissenschaft halte ich schon als Begriff für dubios.)

Forschung würde sie betreiben, wenn sie mal untersuchen würde, ob da in der Realität was dran ist und es nicht nur bei der Frage belassen würde, ob die »Autorität« de Beauvoir es geschrieben hat oder nicht, als ob die Verkünderin der Wahrheit wäre. Als ob man Bibelkenner für Wissenschaftler halten könnte.


Wolfgang T.
6.1.2014 14:48
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Akif Pirincci auch ein Freund des Genderismus schreibt über Simone de Beauvoir
https://www.facebook.com/akif.pirincci/posts/635078309866727
LIEBE UNIVERSITÄT HEIDELBERG,

speziell das Fach „Gender Studies“, das war aber nicht nett von euch, euch hinter die Klägerin zu stellen, um mich beim Prozeß fertigzumachen. Deshalb werde ich mich ab nun sehr intensiv mit euch beschäftigen, vor allem komödiantischer Manier.

Anfangen möchte ich mit eurem Projektseminar ‘Genderforschung in Literaturwissenschaft und Linguistik’, in dem ihr die Studentenschaft a) bewußt anlügt und b) Tatsachen verdreht, damit sie in eure Hokuspokus-Wissenschaft passen. Unter anderem zitiert ihr darin

Simone de Beauvoirs mit den Worten: „Man kommt nicht als Frau zur Welt, man wird es.“

Ihr wißt aber schon, daß diese Frau ihrem Lebensgefährten und wirklich extrem häßlichen, nichtsdestoweniger immer geilen alten Bock Jean-Paul Sartre nachweislich nonstop junge Frauen besorgen mußte, die er sogar in ihrer Gegenwart vernaschte?

Heißt das also, daß die euch so heilige Simone de Beauvoir und ihre so wichtigen Erkenntnisse so zu verstehen sind, daß eine schlaue und voll emanzipierte Frau ihrem Lebenspartner oder Ehemann ständig mit Fick-Nachschub zu versorgen hat? Gut, ich persönlich hätte nix dagegen. Aber die Frage ist: Werdet ihr diese Erkenntnis auch euren Studentinnen erzählen, damit sie wissen, wie ihre geschlechtliche Zukunft auszusehen hat?

An einer anderen Stelle lügt ihr bewußt: „… warum wird Frauenliteratur in der literarischen Tradition und der Literaturgeschichtsschreibung zumeist marginalisiert?“ Häh, marginalisiert? Paßt mal auf, ich nenne euch mal ein paar Namen:

Joanne K. Rowling
Agatha Christie
Helen Fielding
Daphne du Maurier
Die Brontë-Schwestern

Allein diese wenigen Schriftstellerinnen haben nachweislich mehr Bücher verkauft als die komplette deutsche Nachkriegsliteratur. Die meist verkauften Bücher sind heutzutage von Frauen geschrieben.

Ihr denkt, weil die meisten Menschen das Klischee von der armen unterdrückten Frau im Kopf haben, könnt ihr weiterlügen. Aber nicht mit mir. Ich werde ab jetzt jedes einzelne Projekt von euch verfolgen und auf meine Art kommentieren. Viel Spaß bei der Lektüre!


rjb
6.1.2014 20:35
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Das Buch wird offenbar immer noch in der deutschen Übersetzung von 1951 verkauft. Die hatte in der gebundenen Erstauflage
http://www.amazon.de/Das-andere-Geschlecht-Sitte-Sexus/dp/B0023SS9R8/ref=sr_1_31?s=books&ie=UTF8&qid=1389030665&sr=1-31&keywords=de+beauvoir
anscheined ca. 750 Seiten, in der aktuell vertriebenen Taschenbuchausgabe 944 Seiten, in der mir vorliegenden älteren Taschenbuchausgabe 715 Seiten. Das heißt, es wurde mehrmals anders gesetzt, und Seitenangaben für Zitate sind von zweifelhaftem Wert. Die von Claus angegebene französische Stelle finde ich auf S. 265, als ersten Satz des ersten Kapitels “Kindheit” des ersten Teils “Formierung” des Zweiten Buches “Gelebte Erfahrung”. Das heißt, was der Satz bedeuten soll, ist der Inhalt des folgenden Kapitels, selbsterklärend ist er nicht und war er wahrscheinlich auch von der Autorin nicht gemeint. Ihn aus dem Zusammenhang zu reißen, ihm die eigene Wunschbedeutung zu geben und sich dann für diese wiederum auf die Autorin zu berufen, ist unredlich bzw. in einem wissenschaftlich sein wollenden Kontext eine Form des Wissenschaftsbetrugs.

Ein in dieser Hinsicht verwandter Klassiker des blöden Geschwurbels ist jenes Nietzsche-Zitat mit der Peitsche, das aber immerhin leicht lokalisierbar ist. Als Zarathustra von dem Berg herabsteigt, auf dem er 10 Jahre nachgedacht hat, trifft er auf eine alte Frau, und die sagt diesen Satz. Ihn als originale Ansicht des Autors des Buches, in dem sich das abspielt, auszulegen, ist dämlich. Und, für Feministinnen vielleicht überrraschend, ist Nietzsche während seiner Zeit als Professor in Basel ausweislich der Sitzungsprotokolle der Fakultät für die Zulassung von Frauen zum Studium eingetreten, befand sich damit aber in der Minderheitsfraktion (cf. Nietzsche-Biographie von Janz)


Bernd Kraut
6.1.2014 20:53
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Im Manndat-Forum hat sich auch jemand damit beschaeftigt:
http://www.forum-maennerrechte.de/index.php?id=12135


Niko L.
9.1.2014 1:13
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Google sagt heute: 106 Geburtstag von Simone de Beauvoir.


Hadmut
9.1.2014 1:21
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Das auch noch…