Hadmut Danisch

Ansichten eines Informatikers

Anleitung zu kritischem Denken

Hadmut
27.7.2012 11:46

Ein Kommentator zu einem Blogartikel hat mich auf etwas gebracht:

Unter http://www.criticalthinking.org/pages/hilfsmittel-auf-deutsch-resources-in-german/651 gibt es eine Anleitung zu kritischem Denken (PDF Direkt). Nun weiß ich nicht, was man von dieser „The Critical Thinking Community” halten soll, das sieht doch sehr danach aus, als ob da irgendeine Lobby oder sowas dahintersteckt, etwas aufgesetzt und künstlich. Auch diese Anleitung ist sicherlich nicht der Weisheit letzter Schluss, aber auf jeden Fall mal eine sehr beachtliche Kurzanleitung, die so mancher hitzigen Debatte mehr als gut getan hätte.

Es ist nämlich durchaus häufig (auch an vielen Blog-Kommentaren) zu beobachten, dass die Leute kritisches Denken ver- bzw. nie erlernt haben. Große Teile der Gesellschaft glauben inzwischen, einfach anderer Meinung zu sein sei bereits eine kritische Meinung, ohne dabei auch nur für 20 Pfennig nachgedacht zu haben. Eine Andermeinung ist aber noch keine kritische Meinung. Eine kritische Meinung ist eine, die sich analytisch und fehleraufzeigend und nicht nur abweichend mit der gegnerischen Meinung auseinandersetzt.

Gerade wegen der hier eingesetzten Blog-Software, bei der Kommentare für den Kommentator selbst kurz erscheinen, um deren Erscheinungsbild zu überprüfen, dann aber gesperrt sind, bis ich sie dann freigegeben habe (und ich sitze eben nicht immer am Rechner), unterliegen viele Leute dem Irrtum, sie hätten hier im Blog Schreibrechte und ich käme dann und würde ihre Kommentare „wegzensieren”. Und viele beschweren sich dann erbost und immer mit demselben Dummspruch, wie hier mit „kritischen Meinungen” umgegangen würde bzw. dass „Kritische Meinungen unerwünscht” seien. Was dreifach falsch ist, eben erstens in technischer Hinsicht, dass der Kommentar eben nur noch nicht freigegeben wurde, und zweitens in rechtlicher Hinsicht, weil es keine Zensur ist, wenn ich selbst entscheide, was auf meiner Webseite auftaucht und wofür ich verantwortlich bin.

Aber drittens eben auch, weil noch nie einer derer, die sich bei mir darüber beschwerten, dass hier „kritische Meinungen” zensiert würden, tatsächlich eine kritische Meinung zustandegebracht hätte. Jeder Depp glaubt heute, dass wenn ihm irgendwas nicht passt und er mal eben irgendeinen Mist zusammenrülpst, das schon mit dem Begriff der „kritischen Meinung” adeln und damit political-correctness-Immunität gegen den Wurf seines Mülls in die Mülltonne erzwingen zu können. Wir sind eine Gesellschaft, in der die Pseudo-Intellektualität dazu führt, dass ein signifikanter Teil der Gesellschaft immer dümmer wird, sich selbst aber für immer intelligenter hält. Weil das Auswerfen von Phrasen und primitiven Denkreflexen von immer mehr Leuten für „Denken” gehalten wird.

Besonders interessant finde ich in der Broschüre diesen Abschnitt über ein Phänomen, das ich so schon häufig in der Realität beobachtet habe:

Das Problem des egozentrischen Denkens

Egozentrisches Denken gründet in der unglücklichen Tatsache, dass Menschen von Natur aus weder die Rechte und Bedürfnisse ihrer Mitmenschen beachten noch deren Standpunkte bzw. die Grenzen des eigenen Standpunkts richtig zu würdigen wissen. Wir werden erst durch Training auf unser egoistisches Denken aufmerksam. Von Natur aus vermögen wir weder unsere egozentrischen Annahmen noch die egozentrische Verwendung und Interpretation von Information, weder die Quelle egozentrischer Konzepte und Ideen noch die Folgen egozentrischer Denkansätze zu erkennen. Von Natur aus sind wir uns der eigennützigen Perspektive nicht bewusst.

Als Menschen leben wir mit dem unzutreffenden, aber beruhigenden Gefühl, das Wesen und den Lauf der Dinge objektiv erfasst zu haben. Wir glauben an unsere spontanen Eingebungen – wie unzutreffend sie auch sind. Anstelle intellektueller Normen verwenden wir häufig ichbezogene (eher psychologische denn intellektuelle) Normen um zu bestimmen, was glaubwürdig und was zu verwerfen ist. Hier folgen die häufigsten psychologischen Normen des menschlichen Denkens:

„Es ist wahr weil, ICH es glaube.“

Angeborener Egoismus: Ich unterstelle, dass alles, was ich
glaube, auch richtig sei, obwohl ich es noch nie hinterfragt habe.

„Es ist wahr, weil WIR es glauben.“

Angeborener Gruppenegoismus: Ich gehe davon aus, dass die vorherrschenden Ansichten meiner Gruppe richtig sind, obwohl ich die Grundlage dieser Ansichten noch nie zur Diskussion gestellt habe.

„Es ist wahr, weil ich es glauben WILL.“

Angeborenes Wunschdenken: Ich halte für richtig, was mir gut tut, was mich in meinen Ansichten bestärkt, was keine markante Änderung meines Denkens erfordert und was vermeidet, dass ich einen Fehler zugeben muss.

„Es ist wahr, weil ich es IMMER geglaubt habe.“

Angeborene Selbstrechtfertigung: Ich habe einen starken Hang, lang gehegte Ansichten aufrecht zu erhalten, ohne je sorgfältig abzuklären, inwiefern diese der Realität standhalten.

„Es ist wahr, weil es mir NÜTZT.“

Angeborene Selbstsucht: Ich klammere mich fest an Haltungen, die mein Machtstreben, meine Geldsucht, kurz: das Streben nach persönlichen Vorteilen rechtfertigen, obwohl sich dafür weder vernünftige Begründung und noch ein gültiger Beleg auftreiben lassen.

Nachdem wir Menschen von Natur aus geneigt sind, unser Denken auf die oben genannten „Kriterien“ auszurichten, ist es nicht verwunderlich, dass wir als Spezies kein grosses Interesse an der Schaffung und Verbreitung einwandfreier intellektueller Normen zeigen. Es kann daher nicht überraschen, dass unser Denken oft fehlerhaft ist; denn wir erliegen der Selbsttäuschung von Natur aus gerne.

Bemerkenswerterweise sind das ja exakt die Denkfehler, die ich auch gerade bei den Genderisten ausgemacht und beschrieben habe. Gender Studies sind nichts anderes, als sich nach genau diesen Denkfehlern eine Scheinwelt zu bauen und sich selbst und andere damit zu täuschen. Es sind genau die Gründe, warum der Genderismus so grausig unwissenschaftlich ist. Eine frei erfundene Ideologie wird einfach als wahr unterstellt, weil sie gefällt und nützt. Und auch das Interview mit Susanne Baer hat ja gezeigt, dass genau diese Denkweise spätestens mit ihr Einzug in das Bundesverfassungsgericht gehalten hat.

Gerade der letzte Denkfehler in der Liste trifft exakt die Denkweise der Genderisten. Sie können Profit daraus schlagen, also muss es wahr sein.

Die Frage ist freilich, wer eigentlich dümmer ist: Leute die so denken, oder Universitäten, die solchen Leuten gestatten, daraus Studiengänge zu machen und dafür bachelor, master und Doktorgrade zu vergeben.


7 Kommentare (RSS-Feed)

pufaxx
27.7.2012 13:19
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Hallo Hadmut, passt zwar nicht 100%ig zum Thema “Anleitung zu kritischem Denken” – aber im RatioBlog gibt’s eine schöne Serie mit den häufigsten Argumentationsfehlern, die man dauernd in Diskussionen über diverse Reizthemen (Alternativmedizin, Verschwörungsbla, Religion etc.) zu hören/lesen bekommt. Alles mit anschaulichen Beispielen, die einem in ihrer ärgerlichen Art nur allzu bekannt sind.

Link: http://www.ratioblog.de/

(Leider gibt’s dort keine Kategorien, am besten man sucht nach “Fehlschluss” oder klappt die Archive für die Monate Juli und August 2011 auf)


Phil
27.7.2012 15:58
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@pufaxx doch gibt es: http://www.ratioblog.de/archive/Fehlschl%FCsse

Danke für den Link übrigens <3


Hadron
27.7.2012 20:22
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Ganz nettes Büchlein.

Von Natur aus…
o … beachten wir weder Rechte noch Bedürfnisse unserer Mitmenschen
o … erkennen wir unser egozentrisches Denken nicht
o … ist uns unsere eigennützige Perspektive unbewusst
o … ist unser Denken nicht intellektuell
o … erliegen wir gerne der Selbsttäuschung

Von Natur aus erscheint mir hier zu oft “Von Natur aus …”. Das stützt die darauf aufbauende Thesen nicht besonders gut, ist eher Ausdruck eines bestimmten subjektiven Menschenbildes.

Ich sage nicht, dass es diese egozentrische Denkmuster nicht gibt. Ganz im Gegenteil, viele beobachte ich selber oft, auch bei mir selbst. Aber ob diese darauf beruhen, dass der Mensch von Natur aus so ist, darüber kann man geteilter Meinung sein.


Heinz
29.7.2012 14:51
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,,„Es ist wahr, weil ich es IMMER geglaubt habe.“
„Es ist wahr, weil es mir NÜTZT.“”

So kann man die Argumente der Beschneidungsbefürworter in der aktuellen Debatte gut zusammenfassen.


Thomas
29.7.2012 18:39
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Habe mir in etwa dasselbe gedacht wie Hadron. Das “von Natur aus”-Argument scheint in dem Text fast der ganze Beleg und Boden zu sein.

Die Frage ist: welcher Mensch sollte aufzeigen können, was “der” Mensch “von Natur aus” sei? Welcher sprechende Mensch ist überhaupt als noch natürlich zu bezeichnen und welcher schreibende Mensch ist noch natürlich?
Höchstens die sogenannten Wolfskinder waren vielleicht “der Mensch, wie er von Natur aus ist” (keines Wegs ein erstrebenswerter Zustand, finde ich).

Mit Sicherheit gibt es die oben beschriebenen Menschen mit dem als unkritisch gebrandmarkten Denkmuster und infolge dessen Argumentationsmuster, aber mit irgend einer zwangsweisen Natürlichkeit haben diese Menschen wohl kaum was zu tun. Wer sich die Geschichte des Denkens mit “die Natur will das so” erklärt, macht aus “der Natur” schon wieder ein metaphysisches Konstrukt, welches ein Ziel verfolgt (“angeborener Egoismus”, “angeborener Selbstrechfertigung”). Ob die Natur ein Ziel und Zweck verfolgt oder nicht, gehört aber wohl eher in den Bereich des Glaubens, nicht in den des Wissens. Die Frage dürfte so alt sein wie das Denken selbst.

Was man daher bei den Genders kritisieren muss ist, finde ich, nicht wie gewaltig dumm oder falsch oder niederträchtig sie wären, sondern ganz im Gegenteil, dass die Masche so perfekt funktioniert und sie so viele Leute unter ihre Büttel kriegen. Das ist ein wenig wie mit der Aussage des Obersten des Zentralrats der Juden, der meinte, das Beschneidungsurteil sei schlimmer als der Holocaust. Was man daran kritiseren muss ist ebenfalls nicht, wie dumm oder unverschämt oder relativierend die Aussage ist, sondern wie perfekt sie bestimmte (kulturelle) Reflexe triggert (Antisemitismusvorwurfangst). Genauso ist das bei den Genders, nur eben mit der Sexismuskeule, die quasi die Androhung einer nahezu vollständigen sozialen Isolation ist (wie bei dem Antisemitismusvorwurf), besonders für Personen des öffentlichen Lebens. Weil die Genders vor allem diese Personen des öffentlichen Lebens extrem effektiv moralisch delegitimieren können, sobald jener gegen deren Ziele, Wahrheiten oder behaupteten Problemursachen (Patriarchat) spricht bzw. sich nicht eindeutig mit “ja, ich bin für alles, was ihr sagt” bekennt. Das machen die Genders aber weder blöd noch unkritisch, sondern offenbar nahezu perfekt (wie die “Goldröcke” in Schweden) und dabei mit Sicherheit auch reflektierend über die Fehler und Schwächen der anderen, ja diese gar konsequent ausnutzend, d.h. offenbar also analytisch diese Fehler bedenkend . Von Unfähigkeit sehe ich da leider nichts, dafür ist da zuviel Systematik hinter.

Die Genders sind nicht doof, genau das ist aber das Problem. Man muss sie doof machen. Oder wie Adorno das mal nannte: “madig reden”.


Hadmut
29.7.2012 20:33
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@Thomas: Wo hat Adorno das gesagt? Gibt’s da ne Quellenangabe?


Thomas
30.7.2012 14:59
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Raiovortrag: “Erziehung zur Mündigkeit 1969”. Der Vortrag ist in dem Sammelbändchen “Erziehung zur Mündigkeit” abgedruckt. Folgendes ist von den Seiten 145-146

Adorno: “Ich könnte mir etwa denken, daß man auf der Oberstufe von höheren Schulen, aber wahrscheinlich auch von Volksschulen gemeinsam kommerzielle Filme besucht und den Schülern ganz einfach zeigt, welcher Schwindel da vorliegt, wie verlogen das ist; daß man in einem ähnlichen Sinn sie immunisiert gegen gewisse Morgenprogramme, wie sie immer noch im Radio existieren, in denen ihnen sonntags früh frohgemute Musik vorgespielt wird, als ob wir, wie man so schön sagt, in einer ‘heilen Welt’ leben würden, eine wahre Angstvorstellung im übrigen; oder daß man mit ihnen einmal eine Illustrierte liest und ihnen zeigt, wie dabei mit ihnen unter Ausnutzung ihrer eigenen Triebbedürftigkeit Schlitten gefahren wird.[…] So daß man einfach versucht, zunächst einmal überhaupt das Bewusstsein davon zu erwecken, daß die Menschen immerzu betrogen werden, denn der Mechanismus der Unmündigkeit heute ist das zum Planetarischen erhobene mundus vult decipi, daß die Welt betrogen sein will. Daß diese Zusammenhänge allen bewußt werden, könnte man vielleicht doch im Sinne einer immanenten Kritik erreichen, weil es wohl keine normale Demokratie sich leisten kann, explizit gegen eine derartige Aufklärung zu sein. Wobei ich mir sehr gut die Lobby etwa der Filmindustrie vorstellen kann, die sogleich in Bonn vorstellig würde, wenn man etwas Derartiges versuchte, und erklären würde, man wolle auf diese Weise einerseits einseitige weltanschauliche Propaganda betreiben und auf der anderen Seite den für die deutsche Bilanz so überaus wichtigen ökonomischen Interessen der Filmindustrie schaden. Diese Dinge müßten alle in einen realen Prozeß zur Beförderung der Mündigkeit hineingenommen werden.”

Hellmut Becker: “Wobei man aber immer noch nicht weiß, ob die auf diese Weise entlarvten Filme nicht trotzdem, aufgrund Ihnen sehr wohl vertrauter unterirdischer Motive, eine recht erhebliche Anziehungskraft ausstrahlen, so daß die Filmindustrie vielleicht ihrerseits eher geneigt ist, den Entlarvungsprozess als eine Art von Reklame anzusehen, als ihn von vonherein beeitigen zu wollen.”

Adorno: “Man kann sie aber den jungen Menschen madig machen. Jede Epoche bringt die Ausdrücke hervor, die ihr angemessen sind. Und manche dieser Ausdrücke, etwa ‘Schnulze’ oder ‘madig machen’ sind sehr gut. Ich würde eine Erziehung des ‘Madigmachens’ außerordentlich advozieren.”

“Film” könnte man fast deckungsgleich gegen “Gender” austauschen, würde ich behaupten, auch wenn man dazu noch eine genauere Identifikation und Analyse von deren “Industrie” vorstellen müsste (zb. die Goldröcke in Norwegen (nicht Schweden übrigens, war eine Verwechslung) oder eben den Titelhandel innerhalb dieses “Wissenschafts”feldes, die “Gleichstellungs”beauftragtinnen, Gendermainstreaming, diverse Verfassungsrichterinnen etc. pp..)