Ansichten eines Informatikers

Kommt die Selbstjustiz wieder in Mode?

Hadmut
17.6.2010 0:30

Führt der Umweg über brennende Autos zu einer Zersetzung des Staates?

Telepolis greift gerade mal wieder ein Reizthema auf: Die große Zahl brennender Autos in Berlin, Hamburg und anderswo.

Die unglaublich dämliche Begründung linker Brandstifter: Sie wollen Investoren aus den Stadtvierteln heraushalten, die dort Gebäude aufmöbeln und dann zu normalem Miet-/Kaufniveau anbieten. Sie meinen bestimmen zu können, daß ganze Stadtteile schmuddelige Gammelghettos bleiben müssen – und benehmen sich dabei paradoxerweise einnehmender und diktatorischer als jeder Großkapitalist. Schlimmer als ein Kapitalist ist der, der gewaltsam über etwas bestimmt, was ihm nicht einmal gehört.

Unglaublich dämlich ist es deshalb, weil es den vorgeblichen Zweck konterkarriert. Man wird durch brennende Autos nicht dauerhaft den Kapitalismus raushalten können. Man wird im Gegenteil eher den Nachweis erbringen, daß gewisse Bevölkerungsschichten nicht sozialfähig sind und einfach nicht mit anderen zusammenleben können. Man wird so viele Teile der Bevölkerung gegen sich aufbringen, daß eigentlich niemand mehr Partei für sie ergreift und sich diese Niedrigpreis-Bereiche im Empfinden der Bevölkerung als Kriminalitätsschwerpunkt darstellen. Irgendwann wird man zu dem Punkt kommen, wo man Kreuzberg nicht mehr nur teilweise, sondern komplett entrümpeln wird und dann ganz bewußt die Preise hochtreiben wird, um gerade die Bevölkerungsteile, in denen man die Brandstifter sieht, herauszutreiben. Denn schließlich und letztendlich kann man Brandstifter in Städten nicht dulden. Wer Feuer legt, kann in einem Zusammenleben nicht hingenommen werden. Man wird notwendigerweise die Bevölkerungkreise, aus denen sich linksradikale, „linksautonome”, „antifaschistische” Gruppen bevorzugt rekrutieren, aus den Städten drängen müssen, weil man es nicht schafft, nur die schwarzen Schafe zu erfassen.

Kritisch ist dabei, daß die (unfähige oder unwillige?) Berliner Regierung der Sache nicht Herr wird. Und die Wut steigt.

Ich habe mich schon lange gewundert, warum das nicht schon längst zu offenen Handgreiflichkeiten geführt hat und die nicht schon längst von oben runter irgendwelche (echten oder vermeintlichen) Brandstifter einfach erschossen haben. Und wenn die da (besonders in Hamburg) mal die Karre von irgendeinem Luden, einem Unterweltboss, der russischen Mafia oder einer türkischen Straßengang abfackeln, dürfte doch mal der Punkt erreicht sein, in dem einer – wie früher im Mittelalter – aufgeschlitzt und zur Abschreckung an der Straßenlaterne aufgehängt wird. Gibt ja in Berlin genug Leute aus Kulturkreisen, die solche Probleme grundsätzlich anders und pragmatischer angehen als der deutsche Beamte. Ich könnte mir auch gut vorstellen, daß selbst normale Autobesitzer den so richtig und dauerhaft zu Brei schlagen, wenn sie mal einen erwischen. Wäre vermutlich auch das einzige, was wirkt. Und würde vermutlich von den meisten Leuten als angemessen und gerecht angesehen.

Auch nicht schlampig wäre mal ein Kopfgeld. Wenn ein Investor auf Brandstifter mal so zum Spaß eine Million aussetzt, dead or alive, das wäre doch mal was. Oder die KFZ-Versicherungen. (Warum machen die das eigentlich nicht?)

Problematisch ist vor allem, daß dieses Ansteigen permanenter Kriminalität und die (gewollte oder ungewollte) Ohnmacht des Staates im Ergebnis dazu führen muß, daß irgendwann die Selbstjustiz durchbricht. Der Staat demonstriert Schwäche und Ohnmacht, zeigt den Bürgern, daß er sie nicht mehr schützen kann (und will).

Bin mal gespannt, wann es den ersten Toten gibt – und ob es jemand ist, der durch ein übergreifendes Feuer stirbt, oder ob es ein Brandstifter ist, den sie erwischen.

Oder ob sich vielleicht mal irgendein Investor gedrängt fühlt, mit den gleichen Waffen zu kämpfen und Häuser, die anders nicht zu räumen sind, „heiß entmietet”. Ein Ansatz wäre auch mal, Leute in so einem Fall nicht für vorher bestimmte Zeit ins Gefängnis zu stecken, sondern so lange, bis sie da drin den angerichteten Schaden abgearbeitet haben.

Brandstifter sind in einer Gesellschaft nicht duldungsfähig. Und wer sie duldet, ist nicht gesellschaftsfähig.

3 Kommentare (RSS-Feed)

Steffen
17.6.2010 10:05
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Die Begründung, daß man angeblich böse-kapitalistische Investoren aus den Vierteln raushalten will, dürfte eine vorgeschobene Rationalisierung sein. Andere Begründung fürs Autoabfackeln die ich mal aus linken Kreisen gehört habe, war (ernsthaft, ich lüge nicht!) … Umweltschutz.

Die eigentliche Begründung dürfte viel primitiver sein. Wir haben kein Neidgesellschaft, in Wirklichkeit haben wir eine Mißgunstgesellschaft.

Neid heisst ja “Der hat was, was ich nicht habe. Ich will das aber auch haben!” Kann sogar positiv sein, wenn derjenige dann motiviert ist sich das selbst zu erwirtschaften, kann aber negativ werden, wenn die ‘Lösung’ drauf rausläuft, es einfach wegzunehmen.

Mißgunst heisst “Der hat was, was ich nicht habe. Das ist ungerecht! Also darf er das nicht haben!” Und das ist immer negativ. Denn das läuft darauf raus, daß man demjenigen seines zerstört.

Davon abgesehen, sind sehr viele spinnerte Radikal-Linke eben keine Leute, die aus der verarmten chancenlosen Unterschicht kommen (ja, ich habe schon etliche kennengelernt). Ich glaube, die fackeln die Autos deshalb ab, weil der Anblick für sie eine persönliche Qual bedeutet; weil es sie daran erinnert daß sie nichts aus ihrem Leben gemacht haben, und deshalb darf kein anderer was aus seinem Leben machen. Denn das wäre ja ‘ungerecht’…

Dürfte auch exakt die gleiche Motivation sein, die hinter Schulmobbing steht.


Stefan W.
18.6.2010 17:41
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An dem Artikel stimmt ja mehreres nicht.

Kreuzberg ist ein Stadtteil, in dem ein historisches Arbeitermilieu (noch) zu Hause ist, dazu viele Migranten und Studenten, die der niedrigen Mieten wegen dort siedeln – bei den Studenten freilich spielen wohl auch Imagegründe eine gewichtige Rolle.

Aus den 70er-80er-Jahren ist dort auch ein alternatives Milieu hängen geblieben die linke und ökologische Einstellungen mit sich tragen.

Die Brandstifter kennt man aber nicht. Ob die überhaupt dort wohnen ist nicht gesagt. Auch als Minderheit kann man sie kaum für kieztypische Figuren halten, die vielleicht nur etwas radikaler wären, als andere.

Vielleicht gibt es schadenfrohe Neider, die solche Anschläge begrüßen, ohne selbst welche zu verüben. Dass man damit irgendwas bewirken könnte ist aber lächerlich zu glauben. Ich weiß nicht wieviele PKW pro Jahr abgefackelt werden, aber für die Versicherungen sind es wohl Peanuts, und soviele, daß die Polizei mit einem Bonzenauto als Falle arbeiten könnte sind es wohl auch nicht. Ich halte das für symbolische Anschläge, weil man zu faul ist ernsthafte politische Arbeit zu leisten, wo man eben genau auf die Zustimmung aus der Bevölkerung angewiesen wäre, der man für solch spektakuläre Feuerchen ausweicht. Es ist destruktiv, kann eigentlich nur von einer kl. Grupe die sich von der Öffentlichkeit abschirmt verübt werden, und erreicht dennoch ein gewisses Mass an Aufmerksamkeit.

Dem Wesen nach – da stimme ich zu – ist das ein mafiaartiges, autoritäres Gehabe, das im schlimmsten Fall zu idiotischen Nachahmern führt, bei denen das Feuer auf bewohnte Gebäude übergreift und Tote zu beklagen sind.

Das die Polizei untätig ist glaube ich nicht – nur ist die Art des Vergehens so beschaffen, dass Polizeiarbeit schwierig ist. Es gibt keine Beziehung zw. Opfer und Täter, und die Täter können, wenn sie vorsichtig agieren, dies nahezu spurlos tun – womit dann auch fraglich ist, welchem Mob die Täter in die Arme laufen sollten.

Ich glaube Bekennerschreiben sind auch selten – also was soll die Polizei machen? Präparierte Limousinen abstellen, mit Kamera etc.?

Luden findet man übrigens eher in Tiergarten und Mitte (Kurfürstenstr., Oranienburgerstr.) – nicht so sehr in Kreuzberg.


[…] behaupten. Vor etwa einer Woche gab es in einem anderen Blog einen, für mein Empfinden, sehr reißerischen, polarisierenden Artikel, in dem die brennenden Autos in Berlin, Hamburg und noch einigen anderen Städten thematisiert […]