Ansichten eines Informatikers

Schulerfolg hängt von Länge des Bücherregals ab?

Hadmut
29.5.2010 20:58

Ei verdammt.

Daß Männer nach der Länge ihres … bewertet werden, ist ja nichts neues. Aber nun heißt es, daß der Schul- und Bildungserfolg mit der Länge des Bücherregals wachse. (Was vermutlich wieder mal der Standard-Wissenschafts-Fehler, eine Korrelation mit einer Kausalität zu verwechseln). Je mehr Bücher, desto bessere Chancen eine lange Ausbildung hinter sich zu bringen. Ab 500 soll’s gut sein.

Mir kommt da eher der Verdacht, daß die Ausbildung mit der Ausbildung der Eltern zusammenhängt, und die Bücher nur ein Stoffwechselprodukt von deren Ausbildung sind.

Ich hatte auch mal ganz, ganz viele Bücher. Die waren mir auch mal heilig, niemals ein Buch wegschmeißen, egal wie überflüssig. Und viele Leute zeigen sich ja auch sehr beeindruckt, wenn man ins Wohnzimmer kommt und dort erstmal meterweise Bücher im Regal stehen. Der Große Brockhaus bei Papi im Regal macht auch ordentlich was her. Wenngleich auch seit mindestens 10 Jahren niemand mehr reingesehen hat, und das auch nicht wirklich was bringen würde, weil die ältestens Bände noch irgendwann aus den Sechzigern stammen. Aber damals war das eben so, daß man in der Schrankwand in Eiche Rustikal einige Bücher mit klassischem Buchrücken zu stehen hat. Gab’s übrigens auch als Attrappe zu kaufen, Pappkarton hohl mit zehn tollen Buchrücken dran.

Spätestens wenn einem der Platz ausgeht oder man beim Umzug an der schieren Menge, an Gewicht und Volumen verzweifelt, wird’s einem zuviel. Ich habe einiges ausgemistet. Das hängt auch damit zusammen, daß ich Informatiker bin, und viele Bücher über Software, Techniken usw. hoffnungslos veraltet und unnütz sind und man dazu neigt (insb. auch bei juristischen Büchern) mehrere Auflagen desselben Buches zu haben. Irgendwann habe ich diese emotionale Bindung an Bücher schlechthin aufgegeben.

Als vor ca. 3 Jahren mein Büro mal völlig überquoll, keine Regale mehr anzubauen waren und das Papier sich schon stapelte, habe ich mal ausgemistet. Gerade im Bildungsbereich, von der Universität, hatte ich den meisten nutzlosen Mist angehäuft. Journale, Zeitschriften, Konferenzbände. Völlig nutzlos. Staubfänger. Und Papier ist auch nicht unbedingt gesund. Wegen der Feinstaubbelastung. Und kann schimmeln. (Im Studentenwohnheim hatten wir DER SPIEGEL in der Besenkammer eingestapelt, die haben dort Schimmel angesetzt. Und die Ausdrucke auf Endlospapier aus dem Uni-RZ haben bei mir nach Jahren in der Ecke auch mal ein dezentes Schimmel-Aroma angesetzt.) Also raus damit.

Ich bin damals glaube ich ungefähr zehnmal mit meinem Transportwagen zum Altpapiercontainer gefahren. Dürften so an die 1,5-2 Kubikmeter gewesen sein. Würde nach der Bücherregal-Meß-Methode ausreichen, um die Bildungsaussichten einer ganzen Schulklasse zu vernichten.

Allerdings muß ich dieser Messmethode folgendes entgegenhalten:

  • Sie differenzieren nicht nach Inhalt. Mehr als 500 und gut ist. Ich habe allein mehr als 500 Bücher, die als grob bildungsgefährdend gelten müssen.
  • Ich kaufe inzwischen nur noch reduziert und im IT-Bereich fast gar keine Bücher mehr auf Papier, sondern als PDF. Kann man problemlos mitnehmen, wiegt nichts, stört nicht, schnelles Suchen. Wie würde man die jetzt messen? Gute Bildung wenn die Eltern mindestens 500 MB in Büchern haben?
  • Im übrigen hatte ich mal einen sehr guten Schulfreund, der ein ziemlich gebildeter und intelligenter Mensch war. Seine Eltern hatten im Wohnzimmer an der Wand so ein kleines einzelnes Brettchen mit zwei Winkeln an die Wand geschraubt, auf dem die zwei Familienbücher standen: Die Bibel und das örtliche Telefonbuch.

5 Kommentare (RSS-Feed)

nadar
29.5.2010 22:47
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Tipp: beim nächsten Entrümpeln das Altpapier zum Altpapieraufkäufer schaffen. Bei deinen Mengen dürfte das etliche Euro bringen.


Hadmut
29.5.2010 22:50
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Beim nächsten Entrümpeln bräuchte ich eher einen, der gebrauchte Nullen und Einsen aufkauft. Außerdem bezweifle ich, daß das die Fahrt- und Transportkosten wieder einspielt. Zumal ich dieser Papiertürmerei abgeschworen habe.


Stefan W.
29.5.2010 23:36
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Wenn ich alle Bücher, in die ich 5 Jahre nicht reingeschaut habe, und damit wohl auch 5 weitere Jahre nicht reinschauen werde, rauswürfe, dann bliebe wohl noch ein Regalboden voll, und der Rest: Adieu.

Teure Bildbände, Werke mit Sammelpotential und Werke der Weltliteratur fliegen aber nicht raus, ganz gewiß nicht. Aber die zweite Garde ist bei mir schonmal einer Ausmistung zum Opfer gefallen, wie auch meterweise Computermagazine.

Gerade schlechte Bücher wegzuwerfen ist ein gutes Gefühl – verbrennen wär auch nicht schlecht, aber dann ist der Weg nicht weit zu ‘übergebe ich die Werke von … den Flammen’ – dann doch lieber Papiercontainer.

Bei 2m³ könnte es aber schon lohnen, das Zeug zu verhökern.


yasar
30.5.2010 10:09
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(gute) Bücher – kann man nie genug haben – zumindest, solange man noch Platz hat.

Klar, elektronische Bücher sind (manchmal) praktischer, aber die Lesegeräte sind imho noch nicht so weit, daß sie echte Bücher ersetzen können. Meine Kinder bevorzugen jedenfalls “echte” Bücher.

Apropos Bücher “entsorgen”: Manche Stadtbüchereien haben so geringe Budgets, daß die sich über “Neuzugänge” freuen, natürlich nur dann, wenn sie nicht gerade nur den Müll abbekommen.

Zum Thema Bücher und Schulerfolg:

Der Grundstein wird imho schon in der Grundschule oder gar im Kindergarten gelegt, wenn man die Kinder dazu anleitet viel zu lesen, und zwar nicht am Computer/Lesegerät, sondern richtige Bücher (oder Comics). Im Kindergartenalter hilft es schon ihnen vorzulesen.


Anekdote am Rande:
Ausspruch Junior mit 5 Jahren: Er möchte endlich selbst lesen können. Es stinkt ihm, daß er immer erst jemanden suchen muß, der ihm vorliest, wenn er wissen will, was in einem Buch steht. Immer hatte er den Vorteil, daß er noch zwei ältere Geschwister hat, die ihm immer wieder vorgelesen haben, wenn wir keine zeit hatten.

Dabei ist es unerheblich ob vorher Bücher vorhanden waren oder nicht. Man muß auch nicht viel Geld für Bücher ausgeben. Es reicht, wenn eine gut sortierte Stadt- oder Schulbücherei vorhanden ist und die Kinder lernen, wie man an neuen Lesestoff kommt.

In Gesprächen mit anderen Eltern habe ich auch festgestellt, daß viele der Kinder, die schulisch nicht so erfolgreich sind, nur ungern lesen, obwohl daheim genug Bücher vorhanden sind.


Hadmut
30.5.2010 10:33
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@yasar: Zum Thema Lesen lernen:

Bei meinem jüngsten Bruder war’s umgekehrt. Der hat – teils im Kindergarten, teils bei mir – vor der Einschulung anfängermäßig lesen gelernt, war noch so beim ganz langsamen einzelbuchstabenmäßigen lesen und akkustisch zusammenfügen. Er hat das zwar hingekriegt, aber nichts davon gehalten. Das sei doch nutzlose Zeitverschwendung, zu nichts zu gebrauchen.

Dann kam der Aha-Effekt: Wir waren im Restaurant und er mußte mal für kleine Jungs. Also bin ich mit ihm los und man ging durch eine Tür. Dahinter war ein Raum mit mehreren Türen, auf denen drauf stand, was dahinter ist. Ich sage zu ihm, er soll sich eine raussuchen. Er wählt eine aus und will da reingehen (die Beine schon gekreuzt), da rufe ich “Halt!” und frage, was auf der Tür steht. Etwas mühsam aber selbstständig entziffert er, daß da “Küche” steht. Oh, frage ich, willst Du in die Küche pinkeln? So hoch der Druck auch war, er hat noch rechtzeitig herausgefunden, wo die Herrentoilette war.

Und da hat es bei ihm Klick gemacht. Er hat eingesehen, daß Lesen erstens nützlich ist und man zweitens üben sollte, es auch schnell zu können und auf Beschriftungen zu achten, und sie nicht erst bei Bedarf zu lesen. Dann fing der an, wie ein Wahnsinniger lesen zu üben. Als der dann etwas fortgeschritten war (weiß nicht mehr so genau wann, auch schon in der Schule etwas weiter) habe ich ihm dann die Harry-Potter-Bücher gekauft, die der sich reingezogen hat wie nix.

Ich habe das damals aber etwas anders erlebt. Ich habe auch vor der Einschulung etwas lesen gelernt und war dann in einer Grundschule, wo man früh, schnell und effektiv lesen geübt hat, mußte aber schon nach ca. einem halben Jahr erster Klasse die Schule wechseln, weil wir umgezogen sind, und war dann erstaunt, daß ich in der neuen Schule noch der einzige war, der flüssig lesen konnte. Ich kann mich noch erinnern, wie die Lehrerin mir am ersten Tag an der neuen Schule ein Lesebuch hinhielt und fragte, welche der Buchstaben ich schon kenne, und ich ihr stattdessen mal eben schnell die ganze Seite normal vorgelesen habe. Das war ein Wechsel von Rheinland-Pfalz nach Hessen.

Nach der Grundschule bin ich mit dem Wechsel aufs Gymnasium wieder von Hessen nach Rheinland-Pfalz zurück und stand nun selbst blöd da, weil die anderen (die in RP die Grundschule gemacht hatten) sich alle mit Grammatik auskannten und wußten, was ein Prädikat, ein Objekt, ein Perfekt ist. Davon hatte ich noch nie was gehört und mußte das erst über den Umweg Latein nachholen. Dafür war ich als einziger Hessen-Grundschüler auch der einzige, der schon Englisch (naja, so primitiv eben wie nach zwei Jahren Grundschul-Englisch, aber immerhin) gelernt hatte.

Hängt also auch irgendwo davon ab, in welchem Bundesland man landet.