Ansichten eines Informatikers

Die spinnen, die Architekten…

Hadmut
10.4.2009 11:17

Daß ich an verschiedenen Berufsgruppen so meine Zweifel habe, daraus mache ich kein Geheimnis. Inzwischen gehören die Architekten auch dazu.

Ich trage mich gerade, eigentlich schon länger, mit dem Gedanken umzuziehen und bin auf Wohnungssuche. Und treibe mich – weil es naheliegt – vor allem in einem Neubaugebiet herum, in dem die Häuse nahezu alle jünger als 10 Jahre sind, teils sogar ganz neu. Aber die Wohnungen haben da solche Design-Fehler, daß man sich die Haare ausraufen könnte. Das ist echt Murks, was die Architekten heutzutage so bauen. Irgendwie scheinen die eine Liste aller möglichen Mängel zu haben und sich für jede Wohnung zwei oder drei aus der Liste zu nehmen, die sie da einbauen. Irgendwie produzieren unsere Universitäten da auch überwiegend Leute, die ihren Beruf nicht beherrschen, weshalb wir für alle wichtigen Bauten wohl Stararchitekten aus dem Ausland beauftragen müssen.

Nur mal so zur Übersicht:

  • Schon allein die Form und Größe der Zimmer ist ein Graus. Irgendwie ist das inzwischen chic und in Mode gekommen, die Zimmer nicht mehr rechteckig zu machen. (OK, hatten wir in den siebziger Jahren schon mal, mir hat mal jemand erzählt, daß es im Collini-Center in Mannheim dreieckige Zimmer gibt, in die man keinen Schrank stellen kann. Hätte man eigentlich was draus lernen können.) Wenn man sich alleine schon in den Angebotsseiten im Internet die Grundrisse anguckt, bekommen man Sodbrennen. Irgendwie meinen die Architekten heute, daß etwas nur modern und frisch wirken kann, wenn es da irgendwelche Wände im anderen Winkel als 90 Grad oder irgendwelche in Abstufungen und Winkeln geformten Zimmer geben muß. Hausgewordene Einfallslosigkeit. Leute, versucht mal in ein so schiefes oder verformtes Zimmer Schränke oder Regale zu stellen. Da geht unheimlich viel Fläche verloren, und das ist echt übel, weil die Quadratmeterpreise hier enorm und die meisten Wohnungen nur so 70 bis 80 qm groß sind. Man zahlt für die Spinnereien der Architekten monatliche Quadratmetermiete.

    Irgendwie habe ich überhaupt den Eindruck, daß es heute keine Architekten mehr gibt, die schon mal eine Wohnung eingerichtet haben. Ich messe gerne Wohnungen aus, wenn ich sie besichtige. Und habe ein Ultraschallentfernungsmeßgerät, das immer verdammt viel Eindruck macht (obwohl es nur 5 Euro gekostet hat) und das ich schon mehrere Male durch Nachmessen verifiziert habe, daß es wirklich zentimetergenau arbeitet. Unglaublich viele Zimmer haben dann eine Seitenlänge von 1,98 oder 2,98 oder 3,48 oder sowas. Immer so, daß man Standardregale oder Schränke wegen fehlender 1 oder 2 Zentimeter oder auch mal 5 nicht mehr hineinbekommt. Weil die Architekten wohl selbst immer in vollen Metern denken und dabei ignorieren, daß davon dann Toleranzen, Putz, Tapete, Fußleisten, Heizungen, Fensterbänke, Türrahmen, Steckdosen usw. usw. abgehen. Die Zimmer sind nicht effizient (und auch nicht schön) einzurichten. Es sieht einfach beknackt aus, wenn man neben dem Regal noch irgendwie so 98 oder 78 Zentimeter hat, die man nicht homogen nutzen konnte.

    Ich frage mich auch, was manche Architekten und Schlaf- und Kinderzimmern verstehen. Auch wenn die Wohnung insgesamt groß genug ist, ist es oft so, daß ein großes Wohnzimmer existiert und die anderen beiden Zimmer zu winzigen Kämmerchen verkommen. Wenn da wirklich eine Familie drin wohnen soll, wie der Bauplan es suggeriert, bekommt man nicht mal die Schranktüren auf, und für jeden gibt es nur einen Spind.

  • Überhaupt, die Türen:
    Wer kommt denn auf die dusselige Idee, eine Tür in ein Zimmer ganz an die Seite an die Kante zur Wand zu machen? Da kann man auch keinen Schrank mehr hinstellen, es geht viel mehr Platz verloren als bei einer Tür in der Mitte der Wand. Manchmal glaube ich, Architekten denken überhaupt nicht über Türen nach. Oft gehen sie in die falsche Richtung auf oder sind einfach auf der falschen Seite angeschlagen. Wo ich gerade noch wohne, gibt es eine Tür zum Treppenhaus, die so dämlich falsch herum angeschlagen ist, daß man mit längeren Gegenständen nicht durchkommt. Andersherum wäre alles so einfach. Ich habe mal in einem Haus gewohnt, wo der Weg zum Fahrradkeller an Schwachsinn nicht zu überbieten war: Durch eine Brandschutztür, dann direkt dahinter eine Treppe hoch und oben die nächste Brandschutztür. Kein Möglichkeit ein Fahrrad zwischen den Türen abzustellen. Das führte dazu, daß man die Fahrräder eigentlich nicht mehr unfallfrei herausbekam, weil man keine Möglichkeit hatte, Treppab das Fahrrad festzuhalten und gleichzeitig vorne die Tür nach innen aufzumachen. Man hätte zwei Meter lange Arme gebraucht. Loslassen ging auch nicht, weil das Fahrrad dann runtergefallen ist. Die bleiben auf Treppen nicht stehen. Hatte man die Türklinke dann in der Hand, mußte man das Fahrrad mit der anderen Hand rückwärts wieder die Treppe hochschieben um die Tür überhaupt aufzubekommen. Was bei manchen Fahrrädern nicht ging, weil einem beim Öffnen der äußeren Tür die inner Tür hinter einem zugefallen war und man das Fahrrad nicht mehr zurückbekam. Man konnte sich so darin verkeilen, daß man ohne fremde Hilfe nicht mehr rauskam. War aber nicht so schlimm, denn auch das Reinfahren war so schwierig, daß eigentlich niemand den Fahrradkeller nutzte. Wäre uns der Architekt damals in die Hände gefallen, hätten wir ihn sofort erwürgt. Und die Leiche einfach in den Fahrradkeller gelegt, dort hätte ihn nie wieder jemand gefunden.

    Jedenfalls sind Türen und Wände offenbar die natürlichen Feinde des Architekten. Ausnahmen bestätigen die Regel. Inzwischen war ich in zwei Wohnungen, wo man deutlich merkte, daß der Architekt mal nachgedacht hat und an die Küchen, wo normale Türen nicht hingepaßt hätte, tatsächlich Schiebetüren gemacht hat. Wirklich gut. Muß ihn aber geistig so erschöpft haben, daß er beim Rest der Wohnung auf so etwas nicht mehr achtete.

  • Zeigt mir mal ein Badezimmer, in dem das Klo so angebracht ist, daß man sich darauf wohlfühlen könnte. Gibts nicht viele. Die meisten Architekten haben anscheinend ein gestörtes Verhältnis zu ihrer Verdauung und gönnen den Bewohnern auch nichts besseres.
  • Waschmaschine. Sowas hat man. Die meisten Architekten scheinen Männer zu sein, die das Wäschewaschen aber ihrer Frau überlassen. Man sollte meinen, daß bei einer Wohnung von 70 bis 100 Quadratmeter der – mehr oder weniger – halbe bis dreiviertel Quadratmeter für eine Waschmaschine im Bad drin sein sollte. Weit gefehlt. Unglaublich viele Wohnungen haben keinen Platz für eine Waschmaschine, sondern einen Waschmaschinenkeller, wo man das dann alle nebeneinander hinstellen soll. Oder gar eine einzelne Münzwaschmaschine für alle Bewohner. Und erwarten dann, daß man wartet, bis sie irgendwann mal frei ist, um dann seine Wäsche in dem versifften Ding zu waschen, wo noch das klebrige Waschpulver des Vorgängers schwarze Kleidung versaut, die langen Haare der Nachbarin drinhängen, der Kettenraucher von oben seinen Mief hinterlassen hat, und die Familie von unten die zugekackte Kinderkleidung gerade drin hatte. Und selbst wenn man seine eigene Waschmaschine im Keller aufstellen kann, erwarten die, daß man seine Wäsche vorher drei Stockwerke in den Keller und anschließend feucht und schwer wieder drei Stockwerke heraufträgt, wenn man sie nicht in einem modrig-dreckigen Trockenkeller sondern auf dem Balkon in frischer Luft trocknen will?

    Schaut Euch an, wo ein Architekt die Waschmaschinen platziert und Ihr wißt, wie er es mit seiner Körperhygiene so hält (oder anderen zumutet).

  • Apropos sauber: Ich gehöre zum arbeitenden Teil der Bevölkerung und habe einfach nicht die Zeit, jeden Morgen das Badezimmer zu wienern und von Kalk und dem üblichen unvermeidlichen Badezimmerspeck, Haaren usw. zu reinigen. Is halt so. Und ich habe auch nicht jeden Tag ein frisches Handtuch da hängen. Deshalb biete ich Gästen gerne eine Gäste-Toilette an. Unglaublich viele Wohnungen hier haben keine Gästetoilette. Mir unverständlich. Architekten bekommen wohl nicht viel Besuch. Obwohl: Ich habe auch schon Wohnungen gesehen, in denen die Gästetoilette eine Dusche hatte. Eigentlich eine tolle Idee. Da ich aber selbst nur dusche und eigentlich nie bade, wäre mir die Dusche sowieso lieber. Statt einer Badewanne hielte ich eine Dusche und einen Waschmaschinenplatz (oder überhaupt mehr Platz) für viel besser. Man muß sich ja nicht immer fühlen wie im Flugzeugklo. (Ich war mal in einem Hotel, in dem das Badezimmer so klein war, daß man die Klotür nicht mehr zubekam, weil der Platz zwischen Kloschüssel und Tür für die Knie nicht gereicht hat…)
  • Viele Architekten scheinen auch noch nie gekocht zu haben. Für die ist eine Küche ein Raum, auf dem man irgendwelche Quadrate, die die Kücheneinrichtung symbolisieren, wie in einem Puzzle hin und herschiebt, bis alles mit dem gerinstmöglichen Platz eingezeichnet werden kann. Ob man dann nachher noch an den Backofen kommt, oder sich überhaupt in der Küche noch bewegen kann, interessiert die meisten nicht. Die Existenz von Dunstabzugshauben mit Außenanschluß hat sich auch noch nicht herumgesprochen.
  • Parkplätze. Sind heute ungemein wichtig. Gehört meines Erachtens zu einer Wohnung einfach dazu.

    Schön sind Tiefgaragen. Unschön sind die, wo man eigentlich den Architekten verflucht, weil etwas anderes als ein Kleistwagen nicht um die Ecken kommt. Und die Stützpfeiler immer so aufgestellt sind, daß sie ein Einparken oder anschließendes Türenöffnen verhindern. Nun gut, sehe ich noch irgendwo ein, man will ja möglichst viele Parkplätze schaffen. Aber dann diese Duplex-Parker. Schauderhaft. Zeigt mir mal ein Auto, dessen Heckklappe da nicht oben anschlägt. Mein Auto paßt in die meisten Duplex-Parker nicht mal rein. Und wenn, dann hat es jedenfalls beim Rausfahren keine Dachantenne mehr. Soll ich nach dem großen Samstagseinkauf für jede Einkaufstüte das Auto raus und wieder reinfahren um die Heckklappe beschädigungsfrei öffnen zu können?

  • Kürzlich habe ich eine Wohnung gesehen, die zwar eigentlich ganz toll gewesen wäre. Aber ohne Fahrstuhl und ohne Anfahrmöglichkeit im Erdgeschoss. Und mit einem ziemlich verwinkelten und durch dämlich angebrachte Brandschutztüren zum Hindernisparcour ausgestalteten Gang zur Tiefgarage. Das heißt, daß man alles, was man in die Wohnung bringt (Getränkekisten, Möbel, Fernseher, Gepäck, sich selbst) man immer durch diesen Hindernislauf und über 3 Stockwerke in die Wohnung schleppen muß. Aus dem Alter bin ich raus. Ulkigerweise war ein Fahrstuhl vorgesehen, der Schacht war da, man hat sich aber wieder anders entschieden, hat in den Schacht Böden eingezogen und Abstellkammern draus gemacht. In Berlin baut man an alte Häuser ohne Aufzug nachträglich Aufzüge außen dran. In München mauert man in neuen Häusern die Fahrstuhlschächte wieder zu.
  • Ernsthaft dubios finde ich dann solche Kunstgriffe, wenn eine Wohnung künstlich – ohne eine Kostenersparnis zu bringen – verkleinert wird um deren Miet- oder Verkaufspreis zu senken, weil man an einem festen Quadratmeterpreis festhalten will. Da wird aus Prinzip lieber die Wohnung verschlechtert, als zum gleichen Preis und zu gleichen Selbstkosten die Wohnung besser und größer zu machen/lassen.
  • Daß eine Wohnung heutzutage ganz anderes verkabelt sein muß und bitteschön hinreichend viele Steckdosen und in jedem Zimmer Kabelanschluß haben sollte, haben immerhin schon viele mitbekommen. Aber nicht alle. Kat.5-Kabel sind nicht einmal in als Büro oder Geschäftsraum ausgewiesenen Wohnungen zu finden.

Ich habe mehr und mehr den Eindruck, daß unsere Universitäten nicht viel mehr beibringen als zu verhindern, daß das Haus zusammenfällt oder das Dach undicht wird. Ordentliche Wohnungen können die wenigsten bauen.

Wer jetzt meint, ich stellte zu hohe Ansprüche, die nicht zu erfüllen wären: Ich habe eine Wohnung, bei der alles richtig und in Ordnung ist. Nur leider in der falschen Stadt.

2 Kommentare (RSS-Feed)

Jens
10.4.2009 11:50
Kommentarlink

“Parkplätze. Sind heute ungemein wichtig. Gehört meines Erachtens zu einer Wohnung einfach dazu.”

Es gibt Leute, die brauchen sowas nicht unbedingt. Dann sollte allerdings wenigstens der Fahrradkeller zugänglich sein 😉


Stefan
10.4.2009 23:46
Kommentarlink

Sehr schön beschrieben, die Fahrradkellerfalle.

Der Abschied vom rechten Winkel ist ein symptomatischer Fall. Weil lange Zeit nichts anderes vorstellbar war ist etwas anderes erst ein Sakrileg, dann ein Beweis für Kreativität. Wem jede Kreativität abgeht, der meint mit einem spiitzen oder stumpfen Winkel den Nachweis von Kreativität liefern zu können. Tatsächlich besteht Kreativität aber darin eine neue Lösung für ein altes Problem zu finden – nicht ein neues Muster ohne Verstand irgendwo einzubauen. Das Verhaltensmuster heißt “MeToo”. Wer dann wirklich mit Verstand zu einem 70°-Eck greift, der wird von der später aufgeklärten Masse, die meint man dürfe jetzt wieder alle Nicht-90°-Winkel verspottten, mitverspottet.