Hadmut Danisch

Ansichten eines Informatikers

Bayrische Kultur-Beobachtungen: Die Danisch’sche Vermutung

Hadmut
31.8.2008 11:46

Nun treibe ich mich zur Abwechslung seit einigen Tagen im bayrischen herum. Grund genug, darüber etwas ins Blog zu schreiben. Über eine Seltsamkeit der bayrisch-münchnerischen Mentalität.

Von allen “Zugroasten” hört man, daß der hiesige Menschenschlag nicht so ganz einfach im Umgang sei. Andererseits hört man von der einheimischen Bevölkerung immer wieder, wie sie bei jeder Gelegenheit über die “Preisn” schimpfen. Ich hab das immer für einen Witz gehalten, aber das ist wirklich so. Deshalb reist man ja in andere Länder und Kulturen, um solches zu erfahren. Es besteht kein Zweifel, der Weißwurst-Äquator trennt die Völker und Kulturen, Welten prallen aufeinander.

Dennoch häufen sich Beobachtungen und Erlebnisse der seltsamen Art, die immer wieder Quelle für Mißverständnisse, Ärgernisse und gelegentlich auch Konflikte sein können.

Das fängt an bei Kleinigkeiten, wie etwa wenn man sich in einem Laden mit der Verkäuferin nicht verständigen kann, weil sie nicht einsieht, daß sie nicht durchsichtig ist und man deshalb als Kunde nicht sehen kann, was hinter ihr im Regal liegt. Oder daß man sogar in der Innenstadt von München vor Läden steht, die abends um 19.00 schließen. Fragt man, warum die schon um 7 und nicht erst wie üblich um 8 (oder wie manche Läden in Berlin sogar um 10) schließen, erntet man Unverständnis. Von morgens um 10 bis abends um 7 offen zu haben seien doch schon 9 Stunden, ob das nicht reichen würde. Wenn man aber berufstätig ist und/oder in einem der Vororte rings um München wohnt oder arbeitet, dann kommt man abends frühestens um 5 weg und ist mit öffentlichen Verkehrsmitteln kaum vor 6 in der Innenstadt. Eine Stunde ist verdammt knapp, wenn man noch zu Fuß in ein oder zwei Fachgeschäfte will bzw. danach suchen muß. Ein Einkauf im Fachgeschäft – Fotographie, Musikinstrumente und so Zeugs – muß hier generalstabsmäßig geplant werden. Versucht man aber in einem Geschäft zu erklären, daß es einem leichter fallen würde etwas bei ihnen zu kaufen, wenn sie bis 8 offen hätten, gucken die einen an als würde man altbabylonisch reden. Fassungslos fragen sich die Verkäufer dann gegenseitig, ob sie Lust und Bereitschaft hätten, noch länger zu bleiben. Komisch, daß es im Rest von Deutschland geht.

Oder auch beim Autofahren fällt mir das immer wieder auf: Die fahren hier richtig rücksichtslos, lassen niemanden rein und so. Blinken gibt’s nur bei einer Minderheit. Gut, nun hat SWR3 kürzlich berichtet, daß das Blinken in der Bevölkerung generell aus der Mode kommt. Aber hier ist es inzwischen schon so weit, daß die es auch nicht mehr verstehen und sich überhaupt nichts dabei denken, wenn jemand anderes blinkt. Daß man an der Kreuzung vielleicht würde links abbiegen wollen, wenn man die lustigen kleinen gelben Blinklichter am Auto links einschaltet, scheinen viele nicht mehr zu erkennen. Es ist mir schon mehrfach passiert: Typische Situation, am Straßenrand ein freier Parkplatz, Parken parallel zur Fahrbahn. Wie in der Fahrschule gelernt, blinkt man rechts, fährt langsam am Parkplatz vorbei und parkt dann rückwärts ein. Kapieren viele hier nicht. Da kann man stehen, blinken, die Lichter vom Rückwärtsgang eingeschaltet haben (ja, ich habe mich davon überzeugt, daß die Beleuchtung meines Fahrzeuges völlig in Ordnung und gut sichtbar ist) und dann steht irgendein Idiot mit dem Auto direkt hinter einem und regt sich fürchterlich darüber auf, daß man stehenbleibt. Fährt nicht zurück um den Parkplatz freizugeben. Aber schimpfen, Hupen, Lichthupe. Kürzlich bin ich sogar mal ausgestiegen um dem Menschen persönlich zu erläutern, daß ich gerne in den Parkplatz da wollte und das eine längere Angelegenheit würde, wenn er darauf beharre, ihn zu versperren. Oh, ging’s da los, das könnte er ja nicht riechen, woher er das wissen sollte und blablabla. Ich habe ihn höflich darauf aufmerksam gemacht, daß am Blinker und dem Rückfahrlicht meines Autos sehen und sich aus der Situation und dem leeren Parkplatz auch denken könnte. Und daß er eigentlich sowieso nicht so nah auffahren dürfte und ich mich außerdem von ihm genötigt fühlte. Grenzenlose Fassungslosigkeit. Als hätte er gerade erstmals gehört, daß die Erde eine Kugel ist. Immer wieder solche Beobachtungen und Fälle. Zu viele um sie sich alle zu notieren und zu merken.
Und immer wieder die typisch grantelnden Müncher und Bayern, und die Preis’n sind ja so schlimm, und überhaupt.

Aus allen diesen Beobachtungen schält sich bei mir inzwischen ein Verdacht heraus, eine Vermutung. Ein einzelnes zentrales Element, das alle Beobachtungen erklären würde. Ein wissenschaftliches Modell, sozusagen.

Ich habe nämlich den Eindruck, daß hier – wohl kulturell bedingt – eine ganz bestimmte intellektuelle Fähigkeit unterentwickelt ist. Nämlich die, sich in den anderen hineinzuversetzen. Etwas mit den Augen des anderen zu sehen. Vom eigenen subjektiven Standpunkt zu abstrahieren. Den Umstand zu berücksichtigen, daß ein anderer von einem anderen Wissensstand ausgehen kann und muß. Ich habe inzwischen den starken Verdacht, daß das rein egozentrische Weltbild tief drinnen in der bayrischen (oder Münchner) Lebensart verwurzelt ist. Daß die Haltung gegenüber anderen Ansichten und Blickwinkeln eine Folge des Umstandes ist, daß diese nicht als solche sondern nur als fehlerbehaftete Abweichung wahrgenommen werden. Und daß das oft derb-krachlederne Auftreten letztlich eine Konsequenz dessen ist. Und daß ausgerechnet dieses Phänomen als Kulturgut aufgefasst und als “Bayrische Art” verbrämt wird.

2 Kommentare (RSS-Feed)

yasar
31.8.2008 12:28
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Ich frage mich sowieso, warum den Bayern Ihre “Unabhängigkeit” nicht schon längst zurückgegeben wurde. Aber da sind dann vermutlich die dortigen Minderheiten (Schwaben und Franken) nicht damit einverstanden, bzw. wollen dann vermutlich Ihrerseits wieder unabhängig von Bayern sein.

🙂


Sprechsucht
31.8.2008 18:17
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Dazu muss man allerdings anmerken, dass solches Verhalten hauptsächlich auf München (bzw. den Teil von München, der sich für eine Stadt hält) zutrifft. Ein paar Kilometer weiter draußen geht’s dann wieder. Provinz eben. Da wohnen dann auch richtige Bayern und keine Münchner. Die sind ja eh ein eigener Schlag und eher keine Bayern, sondern Münchner, Bussi-Bussi-Tussis Künstler, Neureiche, Wannabe-Elite und so weiter. Wie kann man sich zum Beispiel sonst erklären, dass im tiefstschwarzen Bayern das Landeshauptdorf seit -gefühlt- schon immer rot regiert ist?