Hadmut Danisch

Ansichten eines Informatikers

Die Unlogik in der doppelten Buchführung

Hadmut
25.5.2008 1:41

Es geht mal wieder auf den den Abgabetermin für die Steuererklärung zu. Wieder mal Zeit, sich über Buchführungspraxis aufzuregen.

Um es vorweg zu schicken: Ich habe nichts gegen die doppelte Buchführung an sich, im Gegenteil. Die Grundüberlegung ist genial, weil auf diese Weise Buchungen nicht verloren gehen oder übersehen werden und Fehler schnell entdeckt werden. Die Idee gefällt mir sehr gut.

Richtig übel ist aber das, was die Wirtschafts-Heinis draus machen.

Liest man die üblichen Bücher über die Buchführung, dann merkt man sehr deutlich, daß an vielen Stellen nicht die Logik zugrundeliegt, sondern tradiertes und über Generationen gepauktes Verhalten, das aus kuriosen Merkregeln besteht und seinen Ursprung deutlich erkennbar in Zeiten vor Einführung von Computern hat.

Vielleicht liegt es auch daran, daß man als Informatiker anders an die Sache herangeht als wenn man Bücher von Hand führt. Wer Bücher wie vor 150 Jahren von Hand führt, hat sowieso keinen Überblick über die Buchungen und muß sich an solchen Merkregeln orientieren. Wer als Informatiker von heute rangeht, sieht in Buchhaltung im wesentlichen eine Datenbankapplikation, deren Regeln eher einer Programmstruktur als auswendig gelernten Verhaltensregeln entsprechen sollen.

So gesehen wäre es logisch und konsistent, wenn man Soll und Haben als Aufteilung in zwei Spalten grundsätzlich nur als “eye candy” ansieht und generell davon ausgeht, daß jede Buchung aus Teilbuchungen besteht, die beliebige Konten mit positiven und negativen Werten verändert, deren Summe pro Buchung gleich Null ist. Schreibt man für jedes Konto die positiven links (ins “Soll”) und die negativen rechts (ins “Haben”) hin, hätte man eine der üblichen Buchhaltung entsprechende Darstellung. Dazu gibt man noch an, welches Konto beim Abschluß auf welches übertragen wird, und fertig und konsistent wäre das Ding. Das Leben könnte so einfach sein.

Aber ach.

Die Bücher über Buchhaltung, die ich bisher gesehen/gelesen habe, sind so kirre und verwirrend, daß man eigentlich nicht glaubt, daß die Autoren verstanden haben, was sie da schreiben. Sie rezitieren in wenig systematischer und nachvollziehbarer Weise auswendig gelerntes und erwarten vom Leser das gleiche: Nicht denken, nicht verstehen, auswendig lernen. Anstatt erst einmal mit dem Zusammehang anzufangen und zu erklären, wie die Zielstruktur aussieht, fängt man mit irgendwelchen Beispielbuchungen an. Wir lernen: Weil auf dem Kapitalkonto der Anfangsbestand auf der Habenseite steht, müssen Kapitalzugänge daher auch auf der Habenseite stehen, Minderungen somit auf der Sollseite. Deshalb müssen Entnahmen im Soll gebucht werden. Alles klar?

Dazu kommt, daß die beiden Soll- und Haben-Spalten (eigentlich Plus und Minus) dann auch noch unterschiedlich heißen und manchmal umgepolt sind. Da gibt es dann solche Seltsamkeiten wie die vier verschiedenen Buchungsfälle Aktivtausch, Passivtausch, Bilanzverlängerung und Bilanzverkürzung. Was eigentlich unsinnig ist und nur künstlich entsteht, weil man verschieden “gepolte” Konten führt. Wenn etwa eine Bilanzverlängerung darin bestehen soll, daß ein Aktiv und ein Passiv-Konto gleichzeitig zunehmen, dann ist das verwirrend und fehlerträchtig. Tatsächlich sind alle vier Buchungstypen das gleiche, nämlich immer Plus- und Minus-Buchungen in gleicher Höhe, die künstlich unterschiedlich betrachtet werden. Schaurig.

Ich ging davon aus, daß ich vielleicht bisher nur einfach kein brauchbares Buch erwischt habe. Alle, die ich bisher habe, sind grausam und nicht in der Lage, die Sache logisch und systematisch zu erklären. Es wird nur gepaukt, komme was wolle. Daß das nicht funktioniert, merken die Autoren zwar schon irgendwo, aber sie machen nichts daraus. So wird immer wieder der blöde Witz des alten Oberbuchhalters in verschiedenen Varianten erzählt, der jeden Morgen in seinem Schreibtisch einen Zettel nachlas und ihn dann sorgsam verschloß. Nach seinem Tod wollten die anderen wissen, was er da unbedingt jeden Morgen nachlesen mußte. Es stand auf dem Zettel “Soll links, Haben rechts”. Ich halte das nicht für witzig, sondern für ein logisch-didaktisches Armutszeugnis. Eine Buchhaltung müßte eigentlich ohne solche Merkzettel und sonstige Krücken auskommen.

Nun dachte ich schon länger, daß meine Geringschätzung dieser Praxis an mir liegen müßte. Ich meinte, ich hätte da vielleicht wohl irgendeinen tieferen Sinn nicht verstanden. So vermessen, daß ich mir einbilde, daß nur ich es richtig mache und der Rest der Welt es falsch macht, bin ich nun nicht.

Ich kam aber kürzlich zufällig über die Sache in ein Gespräch mit einem älteren, erfahrenen Diplom-Kaufmann, der das nicht nur studiert, sondern auch jahrzehntelang in einem großen Konzern gemacht hat. Oh, hat der geflucht. Und mir völlig Recht gegeben. Die Unterteilung in die vier Buchungstypen und die unterschiedlichen Kontentypen sei reiner Unfug, einfach schwachsinnig, und würde nichts als Buchungsfehler und Verwirrung hervorbringen. Man mache es so, weil man es einfach immer so gemacht hat. Ohne nachzudenken. Und bis heute habe er in rund 40 Berufsjahren kein einziges Buch gesehen, in dem das richtig und vernünftig erklärt würde. Ein Buch schlimmer als das andere, unsortiert, in der Vorgehensweise planlos, einfach eine willkürliche Aufzählung alter Zöpfe, die man längst hätte abschneiden sollen. Und daß er in seinem Berufsleben die Erfahrung machen mußte, daß es auch auf kaum einer Schule richtig gelehrt würde, es dem Nachwuchs jedesmal neu erklärt werden müßte.

Ach, schau an. Ein alter erfahrener Kaufmann mit rein kaufmännischer Sichtweise kam also zur gleichen Ansicht wie ich als Informatiker mit nur sehr begrenztem kaufmännischem Hintergrund und zunächst mal rein softwaretechnischer und modellbeschreibender Sichtweise. Wir sind also schon zwei.

Nachtrag 1:

Grrrr! Ich könnt mich über den Schwachsinn so aufregen, daß ein einzelner Blog-Eintrag nicht reicht.

Da steht ein Unfug in den Lehrbüchern, daß man es kaum aushalten kann. Ja, daß die linke Seite nun mal “Soll” heißt und die rechte “Haben” und daß man gar nicht erst fragen soll, warum das so ist, das hätte sowieso nichts mehr zu bedeuten. Warum schreibt man es dann dahin, wenn es nichts mehr zu bedeuten hat? Und dann wimmelt es in den Büchern von schrägen Eselsbrücken und mißglückten Versuchen, sich das zum Merken einprägen zu wollen, es heißt “Soll”, weil der andere zahlen soll und es heißt “haben”, weil wir zu “zahlen haben”. Und morgen sitzt man dann da und erinnert sich “weil ich zahlen soll” und die anderen “zu zahlen haben” – oder war’s umgekehrt? Und dann heißen die Spalten plötzlich mal “Aktiv” und “Passiv”, und um das Durcheinander komplett zu machen muß man solche Faustregeln pauken wie “Erträge im Haben buchen weil sie das Kapital vergrößern” oder weil die Bewegung die “Bilanz verlängert” und solcher Scheiß mehr. Und dann bringen die es fertig in ihren Lehrbüchern ständig Floskeln wie “Raucht Ihnen der Kopf?” oder “Das ist schwer zu verstehen” oder seitenweise FAQs mit “Warum wird das jetzt links oder rechts gebucht?” oder “Das ist doch unlogisch” zu bringen, als ginge es darum, die Unverständlichkeit zu kultivieren. Haben die noch alle Tassen im Schrank?

Diesen ganzen Blödsinn könnte man sich einfach sparen und die Sache viel verständlicher und weniger fehlerträchtig machen, wenn man über die Spalten endlich mal und einheitlich das schriebe, was sie eigentlich sind: Nämlich “Plus” und “Minus”, die Spaltenschreibweise ist nichts anderes als ein verkapptes Mitschleppen des Vorzeichens. Und jede Buchung muß gleichviel auf Plus- und Minus-Spalten buchen, in der Summe also Null ergeben, deshalb heißt es “doppelte Buchführung”. Damit hätte man das Ding und sämtliche dummen Eselsbrücken und Merkregeln erschlagen. Weil bei jedem Vorgang offensichtlich und intuitiv klar wäre, wo Plus und Minus hingehören. Wäre aber wohl zu einfach.

Apropos Unlogik: Auch die Regel, daß immer von Soll an Haben (bzw. umgekehrt) gebucht wird, können sie nicht durchhalten: Bei der Eröffnungsbilanz wird – laut Literatur – vom Eröffnungsbilanzkonto auf die Aktiv- und Passivkonten Soll an Soll und Haben an Haben gebucht, ohne daß irgendwer erklären konnte, warum eigentlich. Logisch müßte das Eröffnungsbilanzkonto gespiegelt sein, damit man ordentlich buchen kann. Der Hintergrund dessen dürfte eher sein, daß die Eröffnung mit dem Abschluß des Vorjahres übereinstimmen muß und man sich irgendwann mal angewöhnt hat, zugunsten des einfacheren Appinnens der Vorjahresabschlußbilanz das einheitliche “Soll an Haben” aufzugeben.

Warum räumt da nicht endlich mal jemand auf?


3 Kommentare (RSS-Feed)

[…] spricht mir aus der […]


katswiri
2.2.2009 18:48
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Oh Mann, was hatte ich gehofft, als ich diesen Blog zu lesen begann, hier auch einen Link zu einer Buchführungssoftware zu finden, die genau diese Grundsätze beherzigt und die vielleicht auch ich verstehe. Ich habe nämlich keine Lust, mir schon wieder teure Bücher zu kaufen, in denen ich doch wieder nur dasselbe lese, was ich eh nicht in meinen Kopf reinbekomme. Dabei halte ich mich keineswegs für ausgesprochen blond.
Unlogisch ist auch, dass man nicht mal gescheite Tutorials oder Beispielbuchungen online findet. Die Lobby der Buchhalter/Steuerberater scheint stark wie eine Bunkerwand – es ist wohl ein Riesengeschäft, die Unlogik in der doppelten Buchführung …


Jens
3.2.2009 0:13
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Lustig wird es erst, wenn die so tun, als ob diverse verschiedene Arten von Bilanzen zusammenpassen, und man alles irgendwie zusammenaddieren könnte und auf Null käme.

Ich meine da zB die Bilanz des ESZB.