Hadmut Danisch

Ansichten eines Informatikers

Einkauf bei Metro

Ich geb ja zu, ich kaufe Klamotten bei Metro. Der Markt mit den besonderen Sicherheitsmaßnahmen.

Heute gab es passable Sakkos aus Schurwolle mit zwei Anzughosen zum günstigen Preis. Nichts, was einen qualitativ oder vom Design vom Hocker haut, aber es geht, für Forschung und Technik reicht’s allemal, günstig sind sie auch und – das ist das wichtigste – es gibt sie in meiner Größe. Damit hab ich nämlich immer ein Problem. Also zwei mitgenommen.

An der Kasse hält der Verkäufer seinen Scanner an das Preisschild, BEEEP, und fertig. Wäre dies eine heile Welt ohne böse Menschen, dann wäre der Einkauf hier erledigt und die Geschichte zu Ende. Aber es kam anders. Weil da viel geklaut wird, werden die Klamotten mit gleich einer ganzen Sammlung von Sicherheits-Gadgets ausgestattet.

Das fängt damit an, daß an jedem Teil ein großer Plastikanhänger angenagelt ist, der sich nur mit einem speziellen Werkzeug entfernen läßt. Der Verkäufer versuchte nun, diese Anhänger zu entfernen ohne das Zeug vom Bügel zu nehmen. Dummerweise ist das Werkzeug nicht beweglich, sodern fest an einem kleinen Tisch hinter ihm an der unpraktischsten Stelle festgemacht. Also zieht er hemmungslos an der Sakkotasche und den Hosenbeinen so lange, bis der Stoff so weit ausgebeult ist, daß die Anhänger an das Werkzeug zur Entfernung reichen. Ich seh mich schon im Anzug mit Beulenpest und Nagellöchern herumlaufen.

Nun ist das kein normaler Kleiderbügel, sondern die Luxusvariante für zwei Hosen. Also die Normalversion, an der unten eine zweite Querstange angehängt ist. Und die löste sich. Also fiel eine der Hosen gleich schon mal auf den dreckigen Boden. Beim Versuch, sie aufzuheben, rutschte dem Verkäufer gleich noch das Sakko hinterher. Er hob es hektisch auf, krumpelte dabei aber die Hose zu einem Knäuel zusammen. Schade, die war vorher so schön glatt und sauber. Er versucht umständlich, die Hose wieder auf den Bügel zu bugsieren, was natürlich nicht geht, solange man die Querstange nicht wieder eingehängt hat. Ich sehe die Hose schon ruiniert und weise darauf hin, daß ich die Hose gerne ohne verknotete Hosenbeine hätte. Er scheitert daran, das wieder zusammenzubringen, weil er einfach zu wenige Hände hat, um des Bügels mit der Hose, der Querstange, der zweiten Hose und des Sakkos Herr zu werden. Man merkt ihm an, daß er sowas nicht trägt. Ich nehme ihm entschieden den Bügel und die zwei Hosen ab, montiere die Querstange wieder, Hosen drauf, Sakko drauf, triumphierend gelächelt und zu früh gefreut.

Jedes Stück hat nämlich außerdem noch diese kleinen Diebstahlschutzstreifen, teils sichtbar zum Abschneiden, teils unsichtbar eingenäht. Und die müssen auch noch entschärft werden. Irgendein Idiot ist auf die glorreiche Idee gekommen, das Gerät zum Entschärfen (zum Verstimmen des Schwingkreises, den die Metallstreifen bilden) nur unter dem zweiten Transportband zu befestigen, das vom Kassenscanner in die Auffangbucht führt. Die Idee ist gut für Unterhosen, die in der Packung neben Nudeln und Joghurt über das Band laufen, aber nicht für unverpackte Kleidung auf dem Bügel. Zum Entschärfen muß der Verkäufer die Kleidungsstücke flach auf das Band legen, und zwar so, daß jeder Teil der Kleidung einmal an dem Gerät vorbeikommt. Also muß man das Sakko und die Hosen zusammenknäulen und fest auf das Band legen, das natürlich läuft und so nicht nur die Fettflecken, Soßenreste und Gemüseablagerungen in die Kleidung drückt, die gerade drunter liegen, sondern alle so richtig schön reinreibt. Praktischerweise piept das Gerät solange, bis der Erfolg eingetreten ist. Dummerweise dauert es sehr lange und braucht verschiedene Stellungswechsel, bis es aufhört zu piepen. Muß am Wetter liegen. Die Haltung des Verkäufers ist exakt die gleiche wie wenn er das Band mit einem Putzlappen reinigt. Das Ergebnis auch: Das Band ist jetzt sauber. Sakko und Hosen sind zu einem handlichen Knäuel zusammengedrückt, rutschen wieder vom Bügel, aber dafür quietschen die Sakkotaschen nicht mehr – sind ja nun gut gefettet. Der Verkäufer guckt ebenso zerknittert wie meine Hosen. Ich sortiere sie ein zweites Mal auf den Bügel und rette sie an den Kleiderhaken am Einkaufswagen.

Wer jetzt glaubt, das wäre es gewesen, der hat nicht aufgepaßt. Ich hab ja zwei in verschiedenen Farben gekauft. Also die gleiche Prozedur noch einmal. Der Verkäufer versucht Haltung zu bewahren indem er stoische Ruhe vortäuscht, die Verkäuferin am Nachbarband, die schon zuguckt hat, schüttelt sich aber schon vor Schaudern und wendet sich mit Grausen ab. Details erspare ich jetzt dem Leser, es passierte einfach das gleiche noch einmal.

OK, endlich fertig. Er druckt die Rechnung und sagt den Betrag. Wie bitte!? Kann nicht sein, viel zu hoch. Hier bitte, die kosten viel weniger, steht hier im Prospekt! Er guckt peinlich berührt und bestätigt, daß ich Recht habe. Bei der Hantiererei mit dem Gerät zum Entschärfen der Anhänger ist unbemerkt das Preisschild ein paarmal dem Scanner zu nahe gekommen. Also Rechnung stornieren und neu drucken.

Puuh, endlich geschafft – dachte ich. Weit kam ich nicht. Am Ausgang gibt es nämlich die Antennen zur Ortung der Anhänger, und die sind keine Attrappen. Just als ich durchgehe tönt es laut. Macht aber nichts, denn es guckt nicht mal jemand. Man hat sich schon so dran gewöhnt, daß man es nicht mehr wahrnimmt. Nur mich stört es. Nicht auszudenken, wenn man mit dem Sakko oder der Hose mal in ein Kaufhaus ginge. Also zurück zum Verkäufer, auf dessen Gesichtsausdruck zu lesen ist, daß er sich eine Umschulung zum Landschaftsgärtner wünscht. Er meint, wir müßten die Prozedur mit dem Band und dem Entschärfungsgerät wiederholen. Sprach’s, nimmt mir die Sakkos auf den Bügeln ab und zieht sie mit je einer Hand nochmal großzügig durch die Butter – äh, über das Band. Hat aber die Alarmanlage nicht beeindruckt, die hupt wieder. Er startet noch einen Versuch, es hupt wieder. Vor seinem dritten Versuch interveniere ich, nehme die Sakkos wieder an mich und schlage ihm vor, aus der Tatsache, daß ihm die Hosen schon wieder vom Bügel gerutscht sind und als zusammengeballte Einzelteile gehandhabt werden, wenigstens den einen Nutzen zu ziehen, jedes Kleidungsstück einzeln gegen die Alarmanlage zu testen. Noch bevor er sich zwischen Zustimmung und Ablehnung entschieden hat, habe ich empirisch herausgefunden, daß es die graue Hose ist, die bei der Alarmanlage auf Ablehnung stößt.

Die Hose wird also nocheinmal besonders fest auf das Band gedrückt (damit auch das letzte Fettfleckchen und der Puderzucker von den Berlinern des nächsten Kunden fein aufgenommen sind) und schließlich gibt die Alarmanlage ihren Segen.

Das Ergebnis des ganzen ist, daß das Klauen sehr viel einfacher, schneller und nervenschonender ist als das Kaufen. Es stört ja auch niemanden, wenn die Alarmanlage hupt. Und an die Abschreckungsmaßnahme, daß die Kleidung beim Entfernen des angenagelten Anhängers zerstört würde, glaub ich auch nicht mehr. Das Band halte ich da für gefährlicher. Angesichts der Preise wird vielleicht gar nicht mehr wegen des Geldes geklaut, sondern um die Ware unbeschädigt aus dem Laden rauszukriegen…

Grausig.