Hadmut Danisch

Ansichten eines Informatikers

Stille Nacht, kaputtgesungen

Hadmut
24.12.2018 20:33

Öffentlich-rechtlicher Rundfunk und Weihnachten passen einfach nicht zusammen.

Ich habe ja für Weihnachten (trotzdem herzlichen Dank an die Leser für die vielen Weihnachtswünsche! 🙂 ) generell nicht viel übrig. Eine Mischung in wechselnden Anteilen aus Kirche und Kommerz, und ich kann beide nicht leiden.

Besonders übel finde ich manche Weihnachtsmusik, wobei ich sagen muss, dass es da schon auch einige schöne Lieder gibt, aber eigentlich nie im deutschen Fernsehen. Helene Fischer – die Angela Merkel des Gesangs, man wird sie nicht mehr los, man kann ihr keine spezifischen einzelnen Fehler nachweisen, sie schreckt vor nichts zurück, kann nichts wirklich gut und hat keinen Stil, ihr ist alles egal, sie nimmt alles, die Hausfrauen stehen auf sie – wird ja über Weihnachten auch wieder antreten, die Palette der Weihnachtslieder rauf- und runterzuschänden und sich an jedem Lied einzeln zu verheben. Man könnte sich auch für den Chuck Norris des Gesangs halten: Nicht sie lernt, das Lied zu singen, sondern das Lied lernt, nach Helene Fischer zu klingen.

Vorhin hatte ich die heute nachrichten im ZDF laufen und danach versäumt, die Kiste wieder auszuschalten. Weihnachten in Bethlehem, mit Markus Lanz. (Mediathek) Der schreckt auch vor nichts zurück, macht auch alles, hört sich alles gleich an, verhebt sich dann dran. Und dann kam Stille Nacht. Gesungen von Rolando Villazón, Tenor.

Welcher Armleuchter lässt denen einen Tenor Stille Nacht singen?

Und dann noch so einen?

Abgesehen davon, dass mir klassischer Gesang generell auf die Nerven geht und ich nicht der Meinung bin, dass diese Leute dann auch singen können (ich glaube sofort, dass es sehr schwer zu erlernen ist, auf diese Weise Geräusch zu machen, aber ich mag es trotzdem nicht und finde es in aller Regel überaus unmusikalisch, im Ton unangenehm und insgesamt nervend), geht es mir auf den Wecker, wenn Tenöre die Töne so irgendwo hinten im Hals um den Kehlkopf herum knödeln, weil sie für ihre Art von Gesang den Hals anspannen. Irgendwie kommt das bei mir immer an wie die LKW-Version von Kermit, dem Frosch. Ich kann subjektiv nicht nachvollziehen, was die Leute daran finden. Und das Opern-Gehabe der Tenöre geht mir dann obendrein auf die Nüsse.

Dabei könnte man, wenn man wollte. Youtube hat stapelweise Aufnahmen von Stille Nacht/Silent Night, von Leuten, die das singen können. Die das richtig und richtig gut singen können.

Ich habe mir mal vor vielen Jahren eine Musik-CD gekauft. Stille Nacht. 20 Versionen desselben Lieds. Gut, nicht alle der Brüller. Aber: Auch da waren Versionen drauf von Leuten, die zeigen, wie man das richtig gut singt.

Judy Collins, zum Beispiel. Glasklare Frauenstimme, so im Stil wie es ein Engel singen würde. Ich habe generell den Eindruck, dass Stille Nacht einfach für Frauenstimmen gemacht ist, das passt da einfach.

Männerstimmen scheitern im Allgemeinen an diesem Lied. Ausnahme: Tom Waits. Nicht die Live-Version, die Studio-Version. Live hört er sich an, als wäre er besoffen. In der Studio-Version hört er sich an, als würde es der besoffene Weihnachtsmann nach getaner Arbeit mit seinen Rentieren grölen. Oder ein Penner auf der Straße mit der Schnapsflasche, dem einer ein abgelegtes Weihnachtsmannkostüm geschenkt hat. Grandios. Nur das dumme Instrumentalgedudel hört sich an, als wäre die Band besoffen.

Und generell ist das ideales Material für Leute, die in den amerikanischen Gospelchors oder generell amerikanischen Chors Singen gelernt haben,

Aber eine Opern-Tenor-Version von Stille Nacht? Ist für mich wie die Techno-Version oder die Version mit der singenden Säge. Hört sich alles gleich an.