Hadmut Danisch

Ansichten eines Informatikers

Denkfäule

Hadmut
14.10.2018 12:45

Über permanente Selbstwidersprüchlichkeit.

Zugegeben: Eigentlich hätte es Denkfaulheit heißen müssen, aber as hat mir als Überschrift nicht so gefallen.

Bei mir rappelt’s gerade wieder heftig in der Mailbox, und viele der Zuschriften drehen sich um Selbstwiedersprüche der linken political-correctness-Front.

In Berlin demonstrieren ganz viele Leute für #unteilbar und fordern, dass wir alles, was wir haben, mit anderen teilen.

Wehe dem, der sagt, sein Einkommen sei unteilbar.

Katharina Schulze, die grüne Kreischboje aus Bayern, findet man auf Youtube in einem Video, in dem sie gegen die Demonstrationen in Chemnitz sagt, dass sie lieber in einem sicheren Land leben wolle, in dem man unbehelligt auf der Straße gehen kann. Dass die Demonstrationen aber enstanden sind, weil eben einer auf der Straße erstochen wurde, also gerade diese Demonstrationen darauf ausgerichtet waren, sicher auf der Straße gehen zu können, übergeht sie.

Wir sind eine „tolerante, weltoffene, vielfältige Gesellschaft” – und wir wissen zwar nicht, was das eigentlich ist, aber schlagen jedem aufs Maul, der nicht exakt im Einheitschor mitsingt.

Seit Jahren fallen mir diese Selbstwidersprüchlichkeiten auf. Ich habe irgendwann mal angefangen, mir für Blog-/Buch-/Vortragszwecke solche Selbstwidersprüchlichkeiten zu notieren. Die Liste ist längst unübersichtlich lang. Es sind keine Einzelfälle, es ist ein Dauerzustand. Und zwar einer, der nicht nur mir auffällt. George Orwell hatte in seinem (von 1946 bis 1948 geschriebenen) kommunismuskritischen Roman 1984 doublethink, also das ständige Aufrechterhalten und Führen widersprüchlicher und sich gegenseitig ausschließender Aussagen zum zentralen Thema gemacht. Man setzt die Logik außer Kraft, indem man zwei Aussagen, Standpunkte, Überzeugungen akzeptiert und für wahr hält, die sich gegenseitig ausschließen.

Schaut man in die feministischen Schriften (es schmerzt zu sehr, es als Literatur zu bezeichnen) von vor etwa 5 Jahren, findet man darin gelegentlich Auseinandersetzungen mit dem Vorwurf, sich ständig selbst zu widersprechen. Der Vorwurf wurde also schon oft erhoben. Die feministische Antwort dazu war aber, dass Widerspruchsfreiheit nur ein patriarchalisches Konstrukt zur Ausgrenzung von Frauen sei, dass es nur ein künstlich geschaffenes Diskursmittel sei, und es sowas gar nicht gäbe, und dass Feminismus bedeute, eben solchen patriarchalischen Diktatur- und Unterdrückungsmethoden wie dem Zwang zur Widerspruchsfreiheit nicht mehr zu unterliegen. Viele, auch die Verfassungsrichterin Baer, verbreiteten, Qualität sei generell nur ein Mythos, nur geschaffen, um Frauen und Minderheiten auszugrenzen, und müsse deshalb einfach weg. Widerspruchsfreiheit wird als so eine frauenunterdrückende Qualität angesehen.

Deshalb auch das schon oft beschriebende Phänomen, dass die Leute zwar sprachlich verblöden und für viele Kategorien nur noch einen Begriff kennen, sich dann aber doch wieder auf zwei Begriffe einlassen, um etwas mal gut und mal schlecht zu betrachten. (Beispiel: ist es gut, nennt man es Diversität, ist es schlecht, nennt man es Heterogenität, um dieselbe Eigenschaft sowohl uneingeschränkt gut, als auch schlecht finden zu können und sich gefühlt nicht zu widersprechen.)

Das lässt sich etwas weiter, etwas abstrakter fassen. Denn grundsätzlich wird wissenschaftliches Denken abgelehnt, und Widerspruchsfreiheit ist ja ein zentrales Element wissenschaftlichen Denkens. Man theoretisiert und erfaselt sich das dann, indem man von verschiedenen „Epistemologien” redet, als gebe es eben einfach verschiedene parallele Wissenschaftsuniversen, und sie hätten sich eben die Freiheit genommen, das männlich besetzte zu verlassen und sich ihr eigenes zu suchen. Bei Licht betrachtet bleibt da aber nur das Komplement zur Wissenschaftlichkeit: Etwa deren Standpunktmethode, die etwa der Ich-will-aber-ich-will-aber-ich-will-aber-Methode eines kleinen Kindes verbunden mit heftigem Aufstampfen entspricht. Oder eben das Berufen auf deren Episoden- und Anekdotengedächtnis, von dem man längst weiß, dass es höchst unzuverlässig ist und sich das Gehirn Erinnerungen so formt, wie es sie haben will, nicht wie sie korrekt sind. Neulich las ich irgendwo, dass man herausgefunden haben wolle, dass das Gehirn solche episodisch-anekdotischen Erinnerungen jedesmal dann, wenn wir uns daran erinnern und drüber nachdenken, abruft, überarbeitet und neu abspeichert, und sie jedesmal etwas verändert. Das, was Feministinnen wie Baer von Richtern als „subversiv veränderte Wiederholungen der Rechtsprechung” fordern, findet eben auch im Gehirn statt. Daher wohl auch das Angler- und Jägerlatein. Jedesmal, wenn man davon erzählt, wird der Fisch 2 cm länger.

Ich wurde schon häufiger gefragt, was ich unter Wissenschaft verstehe.

Das ist schwierig, weil es keine allgemein verbindliche übergreifende Definition gibt, das Bundesverfassungsgericht sprach aber zu einer Zeit, als es seine Latten noch mehrheitlich am Zaun hatte, davon, dass es alles sei, was nach Inhalt und Form als ernsthafter planmäßiger Versuch zur Ermittlung der Wahrheit anzusehen ist. Forschung sei die geistige Tätigkeit mit dem Ziele, in methodischer, systematischer und nachprüfbarer Weise neue Erkenntnisse zu gewinnen. Das kann natürlich mit einem auf Gerüchten, Erzählungen und Anekdotengedächtnis beruhenden Weltbild nicht funktionieren.

Meine Definition von Wissenschaft ist, dass es die Kenntnis und Beherrschung aller bekannten und das Finden neuer Unzulänglichkeiten des menschlichen Gehirns ist, und dessen Fehler beim Finden von Wissen zu vermeiden oder kompensieren. Deshalb halte ich die Alchimisten und Astrologen des Mittelalters durchaus noch für Wissenschaftler, weil sie eben auf dem Wissensstand ihrer Zeit gearbeitet und experimentiert haben. Auch wenn es heute noch so kurios erscheint, aus Lurchgalle Gold machen zu wollen, die Leute sind das Thema eben angegangen, haben experimentiert, ihre Ergebnisse untersucht und dokumentiert.

Deshalb habe ich auch grundsätzlich kein Problem damit, dass sich Wissenschaft auch mal irrt oder revidiert, denn gerade das halte ich für das zentrale Element der Wissenschaft, Fehler zu erkennen und künftig zu vermeiden. Das Hirn da oben im Kopf ist eben keine perfekte Denkmaschine, sondern ein Schwamm von wild verklebten Neuronen, dessen Struktur sich im Laufe der Evolution eben so seltsam gebildet hat, und das eben seine Grenzen und Fehler hat. Deshalb ist für mich zentraler Bestandteil wissenschaftlichen Denkens und Arbeitens, den Katalog aller gemachten, bekannten, erkannten Denkfehler und der Gegenmethoden zu kennen. Eben die wissenschaftliche Methodik.

Kurz gesagt: Die Kunst und Technik, die Wiederholung bekannter Denkfehler zu vermeiden und neue zu entdecken.

Im Prinzip nichts anderes als Auto fahren oder fliegen, man bekommt ein Gerät und muss lernen, damit umzugehen um nicht gegen die Wand zu fahren oder zu fliegen.

In unserer Gesellschaft breitet sich gerade das Gegenteil aus. Nämlich das große Anfreunden mit Denkfehlern. Weil man Weltbilder aufbaut, die sich nur mit Denkfehlern noch halten lassen. Man macht sich die Denkfehler in großer Breite zu Nutze, weil einem das Ergebnis besser schmeckt, denn mit fehlerhaftem Denken kann man eben alles herleiten.

Während Wissenschaft versucht, Fehler des Gehirns zu vermeiden, rutschen wir in ein Gesellschaftsdenken (eben auch group think), das im Gegenteil versucht, die Warnfunktionen des Gehirns zugunsten der Denkfehler kaltzustellen. Alles, was dem entgegensteht, wird als böse, masku, nazi, sonstwas weggeschoben und die Selbstwidersprüchlichkeit zum Grundrecht erklärt.

Letztlich ist linkes Denken nicht viel anderes als eine meditative Technik zur Betäubung des eigenen Gehirns, wozu eben diese permanente Selbstwidersprüchlichkeit gehört. Als wollte man sich jede Vernuft abtrainieren.

Und das macht es – wie es schon Orwell beschrieb – Diktaturen auch gleich viel leichter, wenn die Leute sich über diese Techniken die Warnfunktionen des Gehirns abtrainieren und es aushalten, etwa wie ein indischer Fakir, der über Kohlen läuft.