Hadmut Danisch

Ansichten eines Informatikers

Leser fragen – Danisch antwortet

Hadmut
16.6.2018 15:28

Anscheinend mutiere ich gerade zur Auskunftstante für alle Lebenslagen. [Nachtrag]

Also eigentlich wäre das eine Frage an die nutzlosen Kulturwissenschaftler. Die wissen sowas in der Regel aber auch nicht. Der geringe Nutzen von Kulturwissenschaftlern wäre gewesen, die Bundesregierung vor den Folgen von Migration aus archaischen Gesellschaftsstrukturen zu warnen, aber kaum gibt es mal eine Situation, in der sie tatsächlich mal einen Nutzen gehabt hätten, werden sie zum Totalausfall.

Also soll ich als Informatiker nun an deren Stelle Auskunft über Bestattungsmodalitäten geben?

Nun denn.

Also der erste Punkt dazu wäre, dass es – wie ich schon so oft schrieb – „Die Schwarzen” außer in der Kampfrabulistik linker Gerechtigkeitsspinner nicht gibt. Das ist eine unzulässige Verallgemeinerung, ein Zusammenschluss als rhetorisches Stilmittel.

Die Welt ist groß, wir haben fünf (je nachdem, ob man die nicht natürlich bewohnte Antarktis mitzählt, sechs) Kontinente, und davon liegen vier Kontinente (außer Europa) so, dass sie Gebiete zwischen den beiden Wendekreisen abdecken und damit Gebiete hoher, senkrechter und ganzjähriger Sonneneinstrahlung. Deshalb gibt es dort viele Menschen mit sehr dunkler Hautpigmentierung, die sie vor dem Sonnenlicht schützt. In Europa gibt es das nicht, dafür haben wir – vor allem im Norden – eher Sonnenmangel, wo eine Pigmentierung nicht nur nicht erforderlich, sondern sogar schädlich ist, weil irgendein Vitamin (war es A? bin mir gerade nicht ganz sicher. Update: Nein. Leser schreiben, es sei D.) in der Haut nur mit etwas Sonnenlicht gebildet werden kann. Was heute keine Rolle mehr spielt, weil wir das über verbesserte Ernährung aufnehmen können. Der Grund, warum es in Europa „Weiße” und keine „Schwarzen” gibt, ist deshalb nicht kultureller, rassistischer oder sonstwie politischer Art, sondern geographisch-biologischer. Wir bilden hier die Ausnahme. Möglicherweise hat uns das auch erfindungsreicher und beweglicher gemacht, denn durch die stärker schwankenden Jahreszeiten müssen wir anpassungsfähiger sein. Das heißt aber, dass es „Die Schwarzen” nicht gibt, sondern dass es eine sehr große Fülle von Völkern, Stämmen, Kulturen gibt, die alle mit dunkler bis schwarzer Hautfarbe herumlaufen, ansonsten aber nichts gemeinsam und auch nichts miteinander zu tun haben. Als ich 2011 in Namibia war, erklärte man mir, dass die dort gerade alle Englisch büffeln, damit sie endlich mal alle miteinander reden können. Da gibt es benachbarte Stämme, die bis heute nicht miteinander sprechen können, weil ihre Sprachen überhaupt nichts miteinander zu tun haben. Und so unterschiedlich sind deren Kulturen und damit auch Bestattungsrituale. Man kann also nicht von „aufwendigen Beerdigungen der Schwarzen” sprechen. Sowas gibt es nicht. (Zumal es auch inhaltlich nicht passt, denn die Beerdigung ist ja noch der Akt zum Abschied, das Kundtun des Todes, das sagt nicht viel über anschließende Grabpflege. Die Ägypter haben ganze Pyramiden gebaut und ihre Könige einbalsamiert. Danach haben sie mit denen dann aber auch nichts mehr gemacht. Deckel drauf und zu.

Generell findet man es in verschiedenen Kulturen, die sich ein Leben nach dem Tod in einem Jenseits vorstellen, dass man dem Toten mitgibt, was er dort braucht, aber sich damit dann auch endgültig von ihm verabschiedet hat und ihn begraben oder begruftet hat. Manchen hat man Terracotta-Armeen mitgegeben, und ich glaube, es waren die Griechen, die den Leichen zur Bestattung Münzen auf die Augen legten – damit sie den Fährmann ins Totenreich für die Überfahrt bezahlen und dort dann Ruhe finden konnten.

Die Aborigines in Australien, also die machen… ich habe keine Ahnung. Ich war zwar dort und habe mit denen gesprochen, mir vieles erklären lassen, aber von Toten war bei denen nie die Rede. An Friedhöfe kann ich mich auch nicht erinnern. Ich habe nicht den Eindruck, dass die sich irgendwie darum kümmern.

Die Maori in Neuseeland, ja die machen was. Die schnitzen Totenmasken, die den Toten möglichst ähnlich sehen sollen, und die sie dann im Haus aufbewahren, um die Geister der Toten quasi im Haus zu halten, auch als Bewacher und Berater. Das ist denen wichtig. Ich weiß zwar nicht, was die mit ihren Leichen machen, aber Leichenkult würde nicht dazu passen, dass sie die Geister der Verstorbenen verehren und so tun, als würden die in anderer Form im Haus weiterleben.

Darin aber läge, so erklärten die mir, der Grund dafür, dass die Holzmasken, die man dort als Souvenir kaufen kann, nie richtig gut und echt aussehen. Das können sie nämlich viel besser. Eigentlich nämlich dürften sie diese Masken gar nicht verkaufen oder Fremden mitgeben, aber erstens sind sie auf die Einnahmen angewiesen und zweitens wollen sie ihre Kultur ja auch mitteilen und bekannt machen. Der Haken an der Sache sei nämlich, dass es auf gar keinen Fall passieren darf (ich weiß aber nicht mehr, warum), dass so eine Totenmaske eines verstorbenen Angehörigen in der Küche hängt. Das wäre ein großes Unglück, dann passiert da irgendwas Schreckliches. Küche und Geister geht gar nicht. Deshalb wird man in manchen Souvenirläden auch darauf hingewiesen, dass man die Masken nicht in eine Küche bringen oder gar dort aufhängen dürfe. Weil sie aber wissen, dass es sich nicht vermeiden lässt, dass ignorante oder unwissende Touristen sich das Ding zuhause in die Küche hängen, achten sie sorgsam darauf, dass die Maske keinem Verstorbenen des Dorfes änhlich sehen, also für ihn stehen kann. Und weil das mit der Zeit unübersichtlich wird, machen sie die Masken generell absichtlich schlecht, so dass sie keinem Menschen ähnlich sehen können. Die echten Totenmasken haben dann irgendwelche Merkmale, etwa Narben oder Tattoos, anhand derer Angehörige sofort sehen, für wen sie stehen.

Die prunkvollsten zeitgenössischen Beerdingungen Schwarzer kenne ich aus New Orleans (da bin ich 1999 während einer Busreise von NY nach LA durchgekommen), und das sind wohl die, die die Leserin meint, aber auch da dienen sie eher der Show und der Mitteilung (aus Zeiten vor dem Internet und vor der Zeitung, weil viele Schwarze ja auch nicht lesen konnten und arm waren), dass der X verstorben ist, und nicht irgendwelchen Trauerritualen. Außerdem nutzen sie jede Gelegenheit, um einen Musikzug durch die Stadt zu machen, was zu dem makabren Umstand führt, dass die Musik des Leichenzugs nur manchmal so traurig und getragen ist, die aber auch ziemlich lustig aufdrehen können. Der Musikstil von New Orleans eben. Da kennen die nichts, da geben die Gas. Vollgas. Mardi Gras. In New Orleans ist alles Musik. Jeder Pflasterstein, jede Straßenecke. Zumindest war es vor der großen Überschwemmung so.

Als wir dort waren, haben wir auch einen der berühmten Friedhöfe im French Quarter besichtigt. Ich bin mir nicht mehr hundertprozentig sicher, damals hatte ich den GPS-Tracker noch nicht, aber nach Ort, Aussehen und Fußweg vom Hotel aus war es wohl dieser. Einer der bekanntesten Friedhöfe der Welt, weil nicht nur von vielen Bildern bekannt, sondern auch, weil dort viele bekannte Filmszenen spielen. Ich bin mir nicht sicher, ob sie damit genau den meinten, den wir besichtigt haben, oder nur die Gattung, denn sie haben noch mehr davon. James Bond, Live and Let Die, war es glaube ich. Da gibt es nicht nur die Szene auf dem Friedhof, sondern auch einen der typischen Beerdigungszüge, die die Leserin wohl meint:

Es gibt aber auch Quellen, die eben diesen Lafayette Friedhof für den halten, der in den vielen Filmszenen – wie etwa Double Jeopardy – vorkommt, ist aber egal, sie sehen gleich aus.

Worauf ich hinauswill: Diese Bestattungshäusschen, die sie da bauen. Im Prinzip lauter kleine Gruften. Deshalb durften wir da damals auch nicht alleine, sondern nur in der großen Gruppe und alle zusammen hin, weil diese Friedhöfe extrem unübersichtlich sind und hinter vielen dieser Grüftchen Räuber auf Touristen lauern.

Der springende Punkt ist: Sie haben uns erklärt (wie Reiseleiter und Fremdenführer das eben so tun), warum die das machen, warum die diese seltsamen Minigrüfte bauen, die so typisch für New Orleans sind und die es so angeblich nirgendswo sonst auf der Welt gibt, weshalb die auch so gerne als Filmkulisse verwendet werden.

Ursprünglich nämlich hätten sie ihre Toten dort auch nur auf die gewöhnlichste und einfachste Weise verbuddelt, und fertig. Das geht in New Orleans aber nicht. Denn die Gegend ist heiß, feucht und sehr sumpfig. Sie haben deshalb dort nicht nur Krankheiten, die vor allem durch unsauberes Wasser übertragen werden, sondern auch viele Überschwemmungen. Und in einer frühen Zeit dieses New Orleans (schon länger her, ich weiß aber nicht mehr wann, irgendwas im 19. Jahrhundert oder so) hatten sie mal eine enorme Seuche, an der viele Menschen starben und frisch auf den Friedhöfen im Massenbetrieb vergraben worden waren, und das nicht sehr gründlich, weil das dort wegen des Bodens irgendwie nicht geht. Kurz darauf hatten sie eine große Überschwemmung, und die hat die Leichen rausgespült und dann sind ihnen die infektiösen Leichen in den Straßen herumgeschwommen. Daraufhin haben sie jahrelang herumexperimentiert, wie man Leichen hochwasserfest versenken könnte, war aber alles entweder zu teuer oder hat nicht funktioniert. (Ich bin mir nicht mehr sicher, aber ich glaube mich dumpf erinnern zu können, dass sie es auch mit durchlöcherten Särgen versucht haben, damit die nicht schwimmen können, hat aber auch nicht geholfen.) Bis sie schließlich auf diese Minigrüfte kamen, die das Problem lösten. Die Leichen werden dann zwar nass, aber sie bleiben drin. (Riecht halt n’bisschen…).

Das heißt, dass soweit ich das aus meinem knappen und fachfremden Wissenschatz überhaupt beantworten kann, die aus Filmen bekannten aufwendigen Beerdigungen von Schwarzen vor allem eine Spezialität aus New Orleans sind, die auf deren Musik und Hochwasserproblematik beruht, und eben in Filmen besonders herausgehoben wurde.

Das also wäre meine Antwort auf die Frage aus Informatiker-Sicht.

Frage beantwortet?

Nachtrag: Ein Leser klärt mich gerade auf, dass die helle Hautfarbe nicht an unserer geographischen Breite, sondern an der Nähe zum Golfstrom liegt. Deshalb hätten wir eine wesentlich stärkere Bewölkung (und wohl auch sonst mehr Feuchtigkeit in der Luft), was das UV-Licht abblockt und unsere Steinzeitvorfahren unter Vitamin-D-Mangel leiden ließ. Deshalb habe es einen Selektionsdruck in Richtung heller Haut gegeben. (Eigentlich ja transparente Haut, denn unsere Haut ist nicht weiß, sondern durchscheinend, was man sieht, ist das Unterhautfettgewebe.) Das sei der Grund, warum nur wir hier, nicht aber andere Völker auf gleiche Breiten wie Innuit, Indianer, Chinesen „weiß” wurden. Also eine Art Anpassung an die Waschküche Nordeuropa. Es muss aber wohl beides, Golfstrom und Breite sein, denn es gibt in den Tropen ja viele feuchte Gegenden mit täglichem Starkregen und hoher Luftfeuchtigkeit. Eine verminderte Sonneneinstrahlung gehört also wohl schon dazu.

Der Leser meinte dazu auch, dass das unsere Fähigkeit, auch als Erwachsene noch Milch zu trinken und zu verdauen, erklärt. Milch sei auch eine Vitamin-D-Quelle.