Hadmut Danisch

Ansichten eines Informatikers

Wenn Meinungen in Dezibel gemessen werden

Hadmut
1.2.2018 21:46

Und wieder lässt sich das Phänomen beobachten, dass aus der rechten Spielfeldseite die Methoden des linken Teams nachgeamt, imitiert werden.

Das Thema gab es hier im Blog schon oft, und ich kann nicht verhehlen, dass es mir imponiert und ich es aus experimentellen Gründen immer für hochinteressant halte, zur Bewertung einer Kampftaktik deren Richtung mal umzudrehen, also übliche Methoden der Linken mal gegen Linke einzusetzen (oder umgekehrt). Ich halte es nämlich immer für erforderlich, solche Methoden mal des politischen Moral-Bias zu entkleiden, und die Methoden politisch neutral zu bewerten, und nicht das übliche „Der Zweck heiligt die Mittel”-Schema anzuwenden, dass eine Methode schon allein deshalb gut ist, weil sie von den „Guten” gegen die „Bösen” eingesetzt wird.

Ich habe die Begrifflichkeit mit den Spielfeldseiten nicht einfach so gewählt. Denn in den Feldsportarten ist es üblich, nach der Halbzeit die Seiten zu wechseln, um platzbedingte Vor- und Nachteile einer Spielrichtung auszugleichen.

Ich muss aber zugeben, dass ich erst im zweiten Gedanken an Feldsport gedacht habe. Mein erster Gedanke galt der Torsionsdrehwaage, die wir im Physikunterricht zur Messung der Massenanziehung und der Anziehungs- und Abstoßungkraft elektrischer Ladungen verwendet haben. Ich kann mich jetzt zwar auch nicht mehr so detailliert erinnern, dass ich jeden Versuch sofort nachstellen könnte, aber ein Grundprinzip war, den Aufbau, das heißt das, was anzog oder abstieß, umzudrehen und den Mittelwert beider Messungen zu bestimmen, um die Messfehler, die aus der Waage, falscher Justierung und ähnlichen Aufbaufehlern entstehen, zu kompensieren. Man misst dasselbe Phänomen doppelt, in zwei Richtungen, und subtrahiert die Ergebnisse voneinander. Dann hat man das Phänomen doppelt gemessen und verstärkt, die Messfehler dagegen auch doppelt gemessen und gegeneinander kompensiert. Noch wichtiger als die Ausmessung des Newtonschen Gravitationsgesetzes oder der elektrischen Anziehung nach Coulomb war für mich diese Methode, Messfehler mit sich selbst zu kompensieren und dadurch zu eliminieren. Ähnlich wie die Methode, dass man nicht ein Exemplar misst, sondern viele und das Ergebnis dividiert.

Diese intensive Befassung mit Experimenten, die ich dank guter Schulen und guter Physiklehrer im doppelten Wortsinn genossen habe, hat mich geschult, erzogen, geprägt. Und sie ist die Grundlage meiner heutigen tiefen Verachtung gegenüber Geisteswissenschaftlern, besonders den Politologen und Soziologen, und deren Weltsicht. Denn diese rennen nicht nur selbst blind und gläubig ihren Autoritäten hinterher, sie sind auch fest davon überzeugt, dass das Wissenschaft wäre und alle Wissenschaftler das so machten. Ich habe so viele Geisteswissenschaftler erlebt, die fest überzeugt sind, dass die Physik bedeutet, den Dogmen irgendwelcher Leute wie Newton, Coulomb, Bohr zu folgen, weil Physiker diese Leute würdigen, indem sie Gesetze, Einheiten, Konstanten, Modelle nach ihnen benennen. Als wären physikalische Phänomene oder die Werte von Naturkonstanten willkürlich festgelegte Dogmen, die man dann „glaubt”, denen man „folgt”. Als ob Physiker deshalb an Gravitation, ihre Stärke, ihr Verhalten glauben würden, weil Newton ihnen gesagt habe, dass sie das so tun sollten. Böse Physik, weil wieder mal weißer, alter Mann. So wie die Genderasten glauben, dass Geschlechter künstlich seien, weil Simone de Beauvoir das eben so gesagt habe. So nach dem Motto, dass was bei Newton billig ist, bei de Beauvoir nur recht sein könne. Dass Physiker aber gar nichts glauben, sondern wirklich alles experimentell immer wieder überprüfen, alles nachmessen, die physikalische Methode eben kein Auswendiglernen ist, sondern das Erlernen unzähliger Mess- und Experimentalmethoden, verstehen diese Leute nicht, es liegt außerhalb ihres Horizontes. Auch im Studium hatte ich als Nebenfach Physik, und auch da gehörten qualitative und quantitative Experimente zur Ausbildung (wobei sie sich da von mir als inzwischen ausgebildetem Informatiker diverse qualitative und numerische Tadel einfingen).

Das Prinzip, Messfehler durch Invertierung und Mittelung positiv-negativ mit sich selbst zu kompensieren, hatten wir auch neulich schon mal hier im Blog – als es um Fernsehnormen geht. Als man in den USA das Farbfernsehen einführte, entwickelte man das NTSC-Verfahren, bei dem Farben in einem Zusatzsignal kodiert wurden. Die Signalstärke war die Sättigung, die Phase gab den Farbton an. Das erwies sich als ziemlich schlecht, denn die Phase wird durch eine Vielzahl von Reflektionen und Überlagerungen des Signals massiv verfälscht. Deshalb der Spitzname „Never the same color”. Beim PAL-System hat man daraus gelernt, und wechselt die Phasenrichtung bei jeder Zeile (deshalb der Name PAL, Phase Alternating Line) und bildet immer aus zwei Zeilen den Mittelwert. Das ergibt zwar eine niedrigere Auflösung des ROT-Wertes, dafür aber stabile und eindeutige Farben, weil sich die Übertragungsfehler damit dann immer rauskompensieren.

Deshalb halte ich es immer für meinungsbildnerisch wertvoll, wenn Methoden mal von links nach rechts und dann von rechts nach links angewandt werden.

Ein Leser machte mich heute auf diese Seite der Tagesschau aufmerksam. Wieder mal der Faktenfinder der Tagesschau. Wieder mal Geisteswissenschaftler, die sich an Empirie versuchen.

Man ereifert sich darüber, dass „Identitäre” nun mit einer Kampagne namens „120 Dezibel” – benannt nach der Laustärke handelsüblicher Taschennotfallsirenen – #MeToo nachahmen und Frauen bringen, die sich über sexuelle Gewalt durch Migranten beklagen. Die schwarze Version von Weinstein und Wedel.

Da fiel mir ein, dass mir zwei Leser Hinweise auf 120-Dezibel-Videos geschickt hatten, mit denen ich mich noch nicht näher befasst hatte. Es ist wohl zweimal das gleiche Video, hier und hier.

Ich hatte mir noch keine Gedanken darüber gemacht, wer dahinter steckt.

Aber: Es hat tatsächlich verblüffende Passgenauigkeit auf #MeToo. Und es ist verblüffend, dass es auch hier einen erstaunlichen Messfehler gibt. Dieselben Leute, dieselben political correctness-Jünger der Medien, die jetzt Harvey Weinstein und Dieter Wedel als Monster zeichnen und auf alle schimpfen, die „es wussten und nichts gesagt haben”, die nun diese Art der Vergewaltigung und der Gewalt losgehen, unterdrücken die Wahrnehmung eben genau solche Gewalt bei Migranten aus islamischen Ländern. Man betreibt eine Hexenjagd auf Weinstein und Wedel, sorgt gleichzeitig aber für Schweigen bei Ali und Mohammed. Dasselbe Geschäft des geschäftsmäßigen Schweigens, das sie anprangern, betreiben sie selbst.

Deshalb ist es eine elementare Fähigkeit heutiger Meinungs- und Medienkompenz, all den Geisteswissenschaftlern der Medien nichts zu glauben und ihnen nicht auf den Leim zu gehen, sondern sich immer wieder an die Methoden der Physiker zu orientieren und solche Vorgänge immer in beiden Richtungen zu sehen und gegenläufig aufeinanderzuaddieren, um die Messfehler und die bevorzugende Spielplatzrichtung rauszukompensieren.

Deshalb sollte man sich die Kampagne der Identitären anschauen und sie – entgegen den törichten „Faktencheckern” der Tagesschau – sehr deutlich zur Kenntnis nehmen. Nicht, weil sie richtig wäre, Vielleicht ist sie das, vielleicht auch nicht. Sondern weil man sie gedanklich zur Weinstein-Wedel-MeToo-Affäre addieren kann und sich dadurch die Fehler durch die entgegengesetzte Richtung kompensieren.

Man sollte nicht nur Weinstein und Wedel sehen, wie es uns die Medien eintrichtern.

Man sollte auch Kandel und Lünen dazu sehen. Und draufaddieren.

Und sich dann auch mal die Frage stellen, warum man bei Weinstein und Wedel Fälle, die 20, 30, 40 Jahre zurückliegen, massiv aufkocht, verallgemeinert, zum grundsätzlichen Problem macht, die Fälle Kandel und Lünen, oder auch die vielen Ehrenmorde und die Frau an der Anhängerkupplung als „Einzelfälle” wegwischt, bei denen niemand fragt, warum keiner was gesagt hat. Und die sind erst zwei, drei Wochen her.

Und ich bin so froh, dass ich in der Schule guten Physikunterricht hatte und kein Geisteswissenschaftler bin. Weil ich da gelernt habe, wie man „Fakten checkt”.