Hadmut Danisch

Ansichten eines Informatikers

Heute vor 200 Jahren

Hadmut
23.3.2019 22:40

Ein enorm wichtiges Datum.

Heute vor 200 Jahren, also am 23.3.1819, hat der Jenaer Burschenschafter und Theologiestudent Karl Ludwig Sand den Schriftsteller und russischen Generalkonsul August von Kotzebue mit den Worten „Hier, du Verräter des Vaterlandes!“ in Mannheim ermordet.

An sich wäre es nicht von Belang und kaum einer Erwähnung wert. Sand war ein Spinner und Kotzebue ein zwar erfolgreicher, aber niveauloser (und vielleicht deshalb erfolgreicher) Bühnenautor. Selbst Goethe erkannte an, dass er die Kassen der Theater füllte und darin ein Vorteil lag. So schreibt Goethe über Kotzebue (gesammelte Werke):

Betrachtet man die Geschichte der Literatur genau, so findet man, daß diejenigen, die durch Schriften zu Belehrung und Vergnügen wirksam zu sein sich vornehmen, sich durchaus in einer üblen Lage befinden; denn es fehlt ihnen niemals an Gegnern, welche das Vergangene, was sie getan, auszulöschen, den Effekt des Augenblicks zu schwächen oder abzulenken und die Wirkung in die Zukunft zu verkümmern suchen. Daß dawider kein Gegenmittel sei, davon überzeugen uns ältere und neuere Kontroversen aller Art; denn es fehlt einem solchen Kampfe gerade an allem: an richterlichem Schrankenraum, an Kreiswärterln und Kampfrichtern, und in jedem Schaukreise wirft sich, wie vor alters im Zirkus, die ungestüme Menge parteiisch auf die Seite der Grünen oder Blauen, die größte Waffe beherrscht den Augenblick, und ein kunstreicher Wettkampf erregt Aufstand, Erbitterung und endigt gewaltsam.

Bei so gestalteten Sachen kann jedoch der sittliche Mensch niemals ohne ein Hülfsmittel bleiben, wenn er es nur nicht zu weit sucht, da es ihm unmittelbar zur Seite liegt, ja sich ihm öfters ungestüm aufdrängt.

Mich meines biographischen Rechtes bedienend, erwähne ich hier zum Beispiel, daß nebst gar manchen andern, die meiner Wirksamkeit widerstrebten, sich einer besonders zum Geschäft macht, auf jede Art und Weise meinem Talent, meiner Fähigkeit, meinem Glück entgegenzutreten; dagegen würde ich mich nach meiner Sinnesart ganz wehrlos und in einem unangenehmen Zustand finden, wenn ich nicht jedes eben gerühmte Hausmittel seit geraumer Zeit gegen diese Zudringlichkeit angewendet und mich gewöhnt hätte, die Existenz desjenigen, der mich mit Abneigung und Haß verfolgt, als ein notwendiges und zwar günstiges Ingrediens zu der meinigen zu betrachten.

Liest sich, als schriebe Goethe über das Internet. Als sei er ein Blogger oder sonstwie Autor, der sich mit Hate Speech getrollt sieht, aber dann einsieht, dass mit Hass überschüttet zu werden letztlich die eigene Existenz vertieft.

Was nebenbei das Politikergeschwätz, dass Hate Speech und Getrolle ein Produkt des Internet wäre, deutlich widerlegt.

Kotzebue war wohl einer der Sorte, der für das einfache Volk schrieb und konservative Bildung mit Hass überschüttete. Heute wäre er zweifellos Journalist bei einer der (noch) großen Tageszeitungen.

Alles in allem wären damit weder Mörder noch Ermordeter heute noch jeglicher Erwähnung wert, wenn nicht dieser Mord den Vorwand zu den Karlsbader Beschlüssen geliefert hätte, aus denen sich eine überaus bemerkenswerte Verkettung von weiteren Umständen ergeben hätte. Ohne diesen Initialanlass – Temporalmechaniker mögen einwenden, dass es dann einen anderen Anlass gegeben hätte und sich Geschichte durch Temporalstörungen höchstens unwesentlich verändern lasse – hätte es den Kommunismus, Hitler, die Bundesrepublik, das, was wir heute sind, nie, oder jedenfalls nicht so gegeben, sähe Europa heute völlig anders aus.

Eigentlich wollte ich dazu passend zum Datum des heutigen Tages etwas für dieses Blog erstellen. Ich bin damit leider nicht fertig geworden, obwohl ich mit wesentlichen Teilen eigentlich schon vor 2 Jahren angefangen habe.

Es wird noch ein paar Tage dauern. Und es wird lang werden, nichts für die tl;dr-Fraktion. Aber ich denke, ich kann ein paar beachtliche Perspektiven liefern, die so – meines Wissens – noch nicht dargestellt wurden.